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Johas Nagel

Israelische Hintertüren

19.09.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Eines Tages verkaufte Joha, der Held des volkstümlichen arabischen Humors, sein Haus. Der Preis den er verlangte, war lächerlich niedrig, und er hatte nur eine Bedingung: "In einer der Wände steckt ein Nagel, mit dem ich sehr verbunden bin. Den will ich nicht verkaufen." Der Käufer willigte ein. Wer schert sich schon um einen Nagel?

Nach einigen Tagen kam Joha zu dem Haus und hängte seinen Mantel an diesen Nagel. Danach brachte er sein Bett und begann, dort zu schlafen. "Der Nagel ist mir so ans Herz gewachsen, daß ich nicht von ihm entfernt schlafen kann", erklärte er. Ein anderes Mal brachte er seine Familie mit, um den Nagel zu besuchen und veranstaltete dort eine Feier. Am Ende konnte der neue Besitzer dies nicht mehr ertragen und kaufte den Nagel für einen viel höheren Preis, als er vorher für das Haus selbst bezahlt hatte.

Vielleicht kennen die Führer Israels diese Geschichte nicht, ihr Verhalten ähnelt ihr aber eindeutig.

Es begann mit dem Friedensabkommen mit Ägypten. Israel war damit einverstanden, sich aus dem ganzen Sinai zurückzuziehen. Zwischen Menahem Begin und Anwar al-Sadat begannen sich freundschaftliche Gefühle zu entwickeln. Und dann tauchte der Nagel auf: Israel weigerte sich, Taba aufzugeben, ein winziges Stück Land am Golf von Akaba. Die Beziehungen kühlten ab; eine Runde bitterer Streitigkeiten folgte, und am Ende war ein internationaler Schiedsspruch notwendig, um zu entscheiden, was von Anfang an klar war: Taba gehört zu Ägypten und wurde ihm schließlich zurückgegeben. Heute machen sich Massen von israelischen Glücksspielern dorthin auf, um dort ihr Geld loszuwerden.

Die Geschichte wiederholte sich mit dem Libanon. Zuerst entschied die Regierung, einen sehr großen Nagel zu behalten: den "Sicherheitsstreifen", der einen langen und blutigen Guerillakrieg verursachte. Am Ende waren wir gezwungen, ihn zu verlassen - mit einem Schritt, der einer Flucht ähnelte - und behielten nur einen kleinen Nagel: die "Shebaa-Farmen". Dies gibt der Hizb Allah einen Grund, sich nicht zu entwaffnen und ab und zu die Grenze aufzuheizen, nach eigenem Belieben.

Wenn jemand eine polnische Geschichte einer arabischen vorzieht, kann man die Frau erwähnen, die zum Zahnarzt ging, der ihr alle verfaulten Zähne ziehen sollte, bis auf einen - nur um sie daran zu erinnern, wie schmerzhaft es war.

Nun haben wir uns aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen. Wir haben alles Land aufgegeben, alle Siedler vertrieben, alle Siedlungen zerstört. Wir haben nur einen Nagel in der Wand gelassen: die Synagogen.

Das waren, Gott behüte, keine heiligen Gebäude aus der Antike, kostbare Reste aus der Vergangenheit. Sie waren nichts anderes als Gebäude, die man vor kurzem zum Beten und für Zusammenkünfte errichtet hatte, aus denen bereits alle religiösen Gegenstände entfernt worden waren. Die Armee schlug vor, sie mit allen anderen Häusern zu zerstören, und so hatte dann auch die Regierung entschieden.

Aber nachdem die Farce der "Entwurzelung der Siedler" ihr Ende gefunden hatte, nachdem der letzte Weinende seine Tränen vor einer Fernsehkamera auf das Hemd eines Polizisten vergossen hatte, nachdem der letzte Armeeoffizier einen nationalistischen Schläger im Einklang mit den Befehlen umarmt hatte, erinnerten sich die Siedlungsrabbiner auf einmal, daß Synagogen geheiligte Gebäude sind. īSie benutzten Gott als politisches Werkzeug, wie sie es zuvor mit den Babys getan hatten.

Die Likud-Minister, die Gott nicht so fürchten, wie das Zentralkomitee ihrer Partei, änderten mit Lichtgeschwindigkeit ihre Meinung und entschieden, daß es verboten sei, die Synagogen zu zerstören. Die Regierung änderte im letzten Augenblick ihre Position, ohne die palästinensische Führung zu informieren und ohne sich mit ihr darüber zu beraten. Sie informierte nicht einmal den Obersten Gerichtshof, der bereits entschieden hatte, daß die Synagogen zerstört werden könnten.

Das war schlicht und einfach eine niederträchtige Tat. Er brachte die Palästinenser in eine Zwickmühle: entweder tausende Soldaten dem Schutz leerer Gebäude von jetzt an bis in alle Ewigkeit zu widmen oder die aufgeregten Massen diese gehaßten Symbole der Besatzung stürmen zu lassen, die ihr Leben zur Hölle gemachte hatte.

Soweit es Sharon betrifft, war diese Übung ein riesiger Erfolg: die Welt sah "den durchgedrehten palästinensischen Mob" die "Gottesdiensthäuser" verbrennen, in einer Art vorgefertigter Kristallnacht, made in Israel. Präsident Bush verurteilte das "Verbrennen der Synagogen", Moshe Katzav, der Präsident von Israel, regte sich über "die Schändung der heiligen jüdischen Stätten" auf, die israelische Öffentlichkeit wurde noch mehr in ihrem Glauben bestärkt, daß die Araber untermenschliche Barbaren seien, die damit wieder bewiesen, daß wir niemanden haben, mit dem wir reden könnten.

Das war nicht der einzige Nagel, den der israelische Joha in der Wand gelassen hat.

Ein anderer Nagel war die Zerstörung des Rafah-Grenzüberganges. Die kam auch als Überraschung ohne vorherige Gespräche mit den Palästinensern. Da die israelische Regierung behauptet, daß die Besetzung des Gaza-Streifens aufgehört habe und sie nun aus der Verantwortung für die eineinhalb Millionen Bewohner dort entlassen sei, heißt das, daß wir eine Grenze zwischen zwei fremden Territorien, dem Gaza-Streifen und Ägypten, geschlossen haben.

Dies war natürlich nicht einen Augenblick lang effektiv. Was dann geschah, ähnelte den Ereignissen nach dem Fall der Berliner Mauer, die die Stadt in zwei Teile geteilt hatte, wie die Mauer, die Israel in Rafa baute: Verwandte, die sich jahrzehntelang nicht gesehen hatten, liefen nun und umarmten sich und Menschenmassen strömten nun auf die andere Seite, um zu schauen und billig einzukaufen und ihren aufgeregten Gefühlen Luft zu machen. Israel hat wieder gewonnen: die Ägypter haben ihre Unfähigkeit bewiesen, die palästinensischen Behörden zeigten, daß man sich nicht auf sie verlassen kann und die Massen bewiesen, daß sie wild und ungezügelt sind.

Wenn die Ägypter mit Gewalt gewaltsam eingeschritten wären, hätten sie sich als Feinde des palästinensischen Volkes gezeigt. Wenn die palästinensischen Polizisten auf ihre eigenen Leute geschossen hätten, hätten sie jede moralische Autorität verloren. Es ist klar, daß keine israelische eiserne Mauer den Gazastreifen vom Sinai abschneiden kann. Die Angelegenheit kann nur durch vernünftige Verhandlungen geregelt werden.

Und es gibt weitere Nägel: den Hafen von Gaza, dessen Bau Israel zu verhindern, und den Flughafen von Gaza, dessen Benützung Israel zu blockieren versucht. All dies, um den "Waffenschmuggel in den Gaza-Streifen" zu verhindern - ein durchsichtiger Vorwand, um den Streifen von der Welt abzuschneiden und die Besatzung mit anderen Mitteln fortzusetzen.

Nun, nachdem der "Abzug" beendet zu sein scheint, kann man ein eindeutiges Urteil fällen: die ganze Operation war unglaublich dumm.

Sie war töricht, weil sie einseitig war. Sie ermöglichte keine Zusammenarbeit, abgesehen von der niedrigsten Ebene einer Waffenruhe während der Rückzug stattfand. Der Rückzug hätte genutzt werden können, um psychologisch und politisch Brücken zwischen beiden Völkern zu bauen. Es hätte die Bevölkerung von Gaza überzeugen können, daß es sich jetzt lohnt, mit uns in Frieden zu leben. Dies hätte die radikalen Organisationen isoliert, der palästinensischen Führung geholfen und die Sicherheit für die in der Nähe des Gaza-Streifens liegenden Städte und Dörfer vergrößert.

Wenn die ganze Operation von Anfang an im Geiste des Dialogs zwischen Partnern auf gleicher Augenhöhe stattgefunden hätte, hätte man bindende Abkommen erreichen können, was den Grenzübergang zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten betrifft, die internationale Überwachung, um Schwarzhandel mit Waffen zu verhindern, den Status der Synagogen, die Verbindungen zu Wasser und in der Luft und alles übrige. Aber Sharon wollte keinen Dialog mit den Palästinensern, der, Gott bewahre, zum Präzedenzfall für einen Dialog über die Zukunft der West Bank hätte werden können.

Stattdessen verlief alles in einer Atmosphäre des Mißtrauens und der Feindseligkeit. Die israelischen Offiziere und Politiker redeten und benahmen sich weiterhin - ohne Ausnahme - wie Militärgouverneure und gebrauchten die Sprache der Drohung und Arroganz. Ihr Verhalten bewies, daß die Besatzung in Wirklichkeit noch nicht beendet ist - nicht in Gaza und erst recht nicht in der West Bank.

Der palästinensische Joha ist ein schlauer Fuchs. Der israelische Joha ist nur plump.



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