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Salaam oder Salami

Perspektiven für Israel

10.10.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Er ist ein bekannter Held in der Literatur: der zwanghafte Spieler, der eine Glückssträhne bekommt. Mit jeder Drehung des Rouletterades wird der Jetonhaufen vor ihm größer. Er könnte den Spieltisch verlassen, die Jetons in Geld umtauschen und davon glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende leben.

Aber er kann nicht aufhören. Er muß weitermachen. Langsam verläßt ihn sein Glück. Der Haufen vor ihm wird immer kleiner. Er kann immer noch gehen und eine Katastrophe vermeiden. Aber er ist ein zwanghafter Spieler. Er muß weitermachen, bis der letzte Jeton vom Croupier eingesammelt wird, zusammen mit all seinem irdischen Besitz.

Im Roman steht der Mann auf und schwankt hinaus. Im Garten des Casinos zieht er eine Pistole und bläst sich das Gehirn weg.

Vor Jahren schon verwendete ich diese Metapher in einem Artikel, als ich die Gefahr beschrieb, die in der Siedlungspolitik steckt. Vor kurzem erinnerte ich mich wieder daran, als ich den Kommentar eines Mannes vom rechten Flügel las, einer von jenen, die gegen den Abzug aus dem Gaza-Streifen waren. Er prophezeite, daß nach diesem weitere Rückzüge stattfinden würden. Wir werden uns zurückziehen und zurückziehen - und wenn wir die Grüne Linie erreichen, werden wir nicht mehr in der Lage sein, damit aufzuhören. Die reine Existenz des Staates wird in Gefahr sein.

Das hat sich in der Geschichte dieses Landes schon einmal zugetragen. Viele Jahre bevor Osama bin Laden den Slogan "Kreuzfahrer und Zionisten" prägte, schrieb ich eine Artikelserie mit diesem Titel. Ich wies auf die vielen Ähnlichkeiten zwischen den Kreuzzügen und dem zionistischen Unternehmen hin. Ich wollte - Gott bewahre -nicht sagen, daß unser Schicksal so sein würde wie das der Kreuzfahrer, aber ich wollte vor einer Wiederholung ihrer Fehler warnen.

Nachdem die Kreuzfahrer im Jahr 1099 Jerusalem erobert hatten, fuhren sie fort, ihren Herrschaftsbereich zu erweitern. Auf der Höhe ihrer Macht erstreckten sich ihre Königreiche von Rafah im Süden bis zur heutigen Türkei im Norden. Sie ließen sich auch östlich des Jordans nieder. Nach etwa 50 Jahren gelang es ihnen auch, den Gaza-Streifen einschließlich Ashkalon von den Muslimen zu erobern.

Und dann drehte sich das Rad ganz langsam andersherum. Statt sich immer weiter auszudehnen, begann das Königreich Jerusalem der Kreuzfahrer, sich zusammenzuziehen. Festung um Festung fiel in die Hände der Muslime, bis der legendäre kurdische Krieger Saladin (Salah ad-Din) die Kreuzfahrer in der Nähe von Tiberias entscheidend schlug. Das ganze Land fiel in seine Hände, außer Akko, das die Kreuzfahrer noch halten und von dem sie den größten Teil des Land wiedergewinnen konnten. Aber 1291 fiel auch Akko und die Letzten der Kreuzfahrer wurden - buchstäblich - ins Meer geworfen.

Natürlich gibt es einen riesigen Unterschied zwischen jener Periode und unserer. Aber jedes arabische Kind lernt diese Geschichte und vergleicht uns mit ihnen. Es war die Meinung eines der größten Experten der Geschichte der Kreuzfahrer, des verstorbenen Steven Runciman, daß die Kreuzfahrer die Gelegenheit versäumt hätten, sich mit der muslimischen Welt zu versöhnen und Frieden mit ihr zu machen, als sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren und sich so selbst zum Untergang verurteilten, als sich das Rad wendete.

In der vergangenen Woche hatte ich die Gelegenheit einer Diskussion mit einem der Siedlerführer vor 16- und 17-jährigen Oberschülern. Das war eine sehr seltene Gelegenheit, weil das nationalistische Bildungsministerium gewöhnlich seine Macht nutzt, um Leute wie mich daran zu hindern, zu Schuldiskussionen eingeladen zu werden. Nach einer Dusche demagogischer Siedlerphrasen - "jüdisches Blut", "alle Araber sind Tiere", "Mahmoud Abbas ist ein Bastard wie Arafat", "die Araber verstehen nur die Sprache der Gewalt" - überbrachte ich nur eine einfache Botschaft: Laßt uns Frieden machen, solange wir stark sind.

Stattdessen machen wir das Gegenteil. Der Rückzug aus Gaza, der ein größerer Schritt in Richtung Frieden hätte sein können, wurde durchgeführt, ohne mit den Palästinensern zu sprechen, ohne ein Abkommen, fast wie ein Kriegsakt. Ariel Sharon hat die "Einseitigkeit" zum Prinzip, ja, fast zu einer Ideologie, erhoben. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Nur zwei Wochen nach dem Rückzug hat eine neue Spirale der Gewalt begonnen - Verhaftungen, Mörsergranaten, gezielte Tötungen, Qassam-Raketen, Luftwaffen- und jetzt auch Artilleriebombardements.

Es gibt überhaupt keinen Zweifel, daß sich Israel weiter zurückziehen wird, egal, welche Partei oder welcher Führer an der Macht ist. Die historischen Umstände, die uns gezwungen haben, uns aus dem Gaza-Streifen zurückzuziehen, gelten auch für die West Bank. Die demographischen Erwägungen zwingen ein zionistisches Israel, aus den dicht bevölkerten palästinensischen Gebieten hinauszugehen. Amerikanische Interessen verlangen die Förderung einer palästinensischen Demokratie im Rahmen von "Zwei Staaten für zwei Völker". Die Internationale Gemeinschaft ist dieses endlosen Konfliktes überdrüssig und verlangt eine Lösung. Und nicht zuletzt ist das israelische Volk selbst kriegsmüde und sehnt sich nach einem normalen Leben in Frieden. Die Siedler sind unbeliebt, und ihr Einfluß auf die Öffentlichkeit wird schwächer. Das wurde in Gush Kativ genau so bewiesen wie im Zentralkomitee des Likud.

Sharon weiß das und er ist bereit, die Siedlungen zu räumen, die verstreut mitten in den palästinensischen Gebieten liegen und hofft, so die großen Siedlungsblöcke halten zu können. Aber er hat vor, Verhandlungen mit der palästinensischen Führung zu vermeiden. Er weiß, er würde in solch einem Dialog gezwungen sein, die meisten oder alle Siedlungsblöcke aufzugeben. Deshalb besteht er auf "einseitigen" Schritten.

Dies ist eine sehr gefährliche Politik für Israel. Der palästinensische Freudenausbruch, der sich nach dem Gaza-Rückzug ereignete, spiegelt die Überzeugung wider, dies sei ein Sieg des palästinensischen Widerstandes gewesen. Die Palästinenser sind davon überzeugt, Israel sei vor den palästinensischen Helden geflohen, die ihr Leben für ihr Volk geopfert haben, die Selbstmordbomber und die Kämpfer, die die Mörsergranaten und Qassam-Raketen abgefeuern - ziemlich genau wie sie vor fünf Jahren vor den schiitischen Guerillas im Süden des Libanon geflohen sind. "Israel versteht nur die Sprache der Gewalt."

Jeder weitere "einseitige" Rückzug Israels wird diesen Glauben bestärken. Auf diese Weise werden wir nicht die Grüne Linie im Rahmen von "Land gegen Frieden" erreichen, sondern in einer Kriegssituation. Israel selbst wird die dunkle Prophezeiung erfüllen, die seit Jahren wie ein Schatten über uns hängt: daß die Palästinenser sich an eine "Strategie der Phasen" halten. Das heißt, jeder Rückzug ist nur eine Phase, die zum nächsten führt. Israel wird einer Salamiwurst ähneln, von der ein Stück nach dem anderen abgeschnitten wird. Salami statt Salaam.

Der "einseitige" Prozeß ist ein Marsch der Torheit. Wir werden den vollen Preis für Frieden zahlen, ohne den Frieden zu erreichen. Aber es gibt eine einfache Alternative: jetzt mit der palästinensischen Führung in Verhandlungen zu treten, um die endgültigen Grenzen zwischen Israel und Palästina festzulegen, Frieden zu machen und es beiden Völkern zu ermöglichen, sich seiner Früchte gleich zu erfreuen, damit sie daran interessiert sind, ihn zu halten. Dies ist möglich, und alle Experten im Land und überall in der Welt wissen dies sehr wohl.

Die Zeit arbeitet nicht zu unsern Gunsten. Bei der Diskussion in der Schule erzählte ich den Schülerinnen und Schülern, daß wir jetzt auf der Höhe unserer Macht sind. Wir haben eine große technische, wirtschaftliche und militärische Überlegenheit. Die einzige Supermacht der Welt ist unser enger Verbündeter. Die arabische Welt ist zersplittert, ihre Länder werden von korrupten und ineffizienten Regimen regiert, denen die Palästinenser völlig egal sind. Der größte Teil der Palästinenser möchte Frieden, genau wie die meisten Israelis. Nach 120 Jahren Konflikt ist Versöhnung noch immer möglich.

Aber ich fügte hinzu, daß Macht nicht ewig anhält. Die arabischen Völker werden sich weiterentwickeln. Das Machtgleichgewicht wird sich verändern. Die Atombombe wird in unserer Region allgemeiner Besitz werden. Die USA werden aufhören, die einzige Supermacht zu sein, China und Indien beginnen, zur Konkurrenz zu werden.. In der arabischen Welt könnte eine fundamentalistische Revolution stattfinden, die die korrupten Regime eliminiert und die Region um uns herum einigt. Das palästinensische Volk könnte auch eine fundamentalistische islamisches Regierung einführen. Wird es dann einfacher sein, Frieden zu erreichen?

"Ich möchte euch keine Angst machen. Angst ist kein guter Ratgeber. Aber ich bitte euch, über die Bedeutung dieses Augenblickes nachzudenken: wir sind stark, wir können mit Selbstvertrauen und nüchterner Kalkulation handeln, wir haben dieser Region etwas zu bieten, das palästinensische Volk ist zum Frieden bereit. Bis jetzt hatten wir unglaubliches Glück. Hören wir endlich damit auf, mit der Zukunft unseres Staates zu spielen."

Der Gaza-Rückzug hat uns gelehrt, wie gefährlich der "einseitige" Ansatz ist. Wir haben Land geräumt, Siedlungen aufgelöst und sind dem Frieden nicht einen Schritt näher gekommen.

Selbst das größte Genie hat noch keinen einseitigen Frieden erfunden. Frieden ist wie Tango - es sind zwei dafür nötig. Zwei, die einander achten.

Genau darum handelt es sich.



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