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"Mäusejournalismus" im Irak

Robert Fisk über die katastrophale Sicherheitslage

22.10.2005  






Bereits am Donnerstag der vergangenen Woche veröffentliche die britische press gazette einen Artikel über einen Auftritt des bekannten Journalisten Robert Fisk in einer Buchhandlung anläßlich seines neu erschienenen Buches "The Great War for Civilisation: The Conquest of the Middle East" ("Der Große Krieg um die Zivilisation: Die Eroberung des Mittleren Ostens").

Dort berichtete er, daß selbst er, der den anderen Journalisten im Irak in der Vergangenheit so häufig "Hoteljournalismus" vorwarf, weil sie die Sicherheit ihrer Hotels praktisch nie verlassen, sich nur noch in der Lage sieht, "Mäusejournalismus" zu praktizieren: das kurze Auftauchen am Ort des Geschehens, um gleich wieder zu verschwinden.

"Sie können sich nicht vorstellen, wie schlimm es im Irak ist", so Fisk. "Vor einigen Wochen besuchte ich einen Mann, dessen Sohn von den Amerikanern getötet worden ist und ich war fünf Minuten in seinem Haus, als bewaffnete Männer draußen auf der Straße auftauchten. Er mußte hinausgehen und mit ihnen diskutieren, damit sie mich nicht mitnahmen. Und das war ein gewöhnlicher Vorort von Baghdad, nicht das sunnitische Dreieck oder Fallujah. Es ist an dem Punkt angelangt, wo, als ich beispielsweise hinging, um einen Blick auf den Ort einer großen Bombe in einem Busbahnhof zu werfen, ich aus dem Auto sprang und zwei Photos machte, bevor ich von einer Menge aufgebrachter Iraker umringt wurde. Ich sprang zurück ins Auto und floh. Ich nenne das éMäusejournalismus' - und das ist alles, was wir jetzt tun können. Wenn ich jemanden an einem bestimmten Ort besuche gebe ich mir 12 Minuten, weil das die Zeit ist, die es meiner Annahme zufolge dauert, bis ein Mann mit einem Mobiltelephon bewaffnete Männer in einem Auto herbeigerufen hat. Also bin ich nach 10 Minuten weg. Man soll nicht gierig sein. So ist die Berichterstattung im Irak."

Er fuhr fort: "Dieses Land ist jetzt die Hölle - eine Katastrophe. Sie können sich nicht vorstellen, wie schlimm es ist. Keine der Berichte, die ich üblicherweise sehe außer dem Guardian und Patrick Cockburn im Independent vermitteln wirklich die absolute Qual und das Elend im Irak. Das Gesundheitsministerium, das zum Teil von den Amerikanern geleitet wird, gibt keinerlei Zahlen über zivile Opfer heraus; den Mitarbeitern ist es einfach nicht gestattet, uns diese Zahlen zu geben. Als ich einmal vor fast vier Wochen in das städtische Leichenschauhaus in Baghdad ging, kam ich morgens um 09:00 Uhr an und dort waren die Leichen von 9 Menschen, die gewaltsam ums Leben gekommen waren. Bis zum Mittag waren es 26 Leichen. Als ich es schaffte, Zugriff auf den Computer der Leichenhalle zu bekommen, entdeckte ich, daß im Juli allein in Baghdad 1.100 Iraker getötet worden sind. Wenn man das auf den ganzen Irak hochrechnet kommt man auf 3.000 oder mehr im Monat, also 36.000 im Jahr. Die Zahlen, die von 100.000 zivilen Opfern sprechen, sind also nicht gerade übertrieben. Aber niemand will darüber berichten."

"Eine der Freuden der Besatzungsmächte ist, daß die Journalisten sich nicht bewegen können. Wenn ich mit dem Auto außerhalb Baghdads reisen will, brauche ich zwei Wochen für die Planung, weil die Straßen mit Rebellen, Kontrollpunkten, maskierten Männern und Halsabschneidern überschwemmt sind. So sieht es aus. Es ist fast unmöglich, an unabhängige Informationen außerhalb von Baghdad oder Basra zu gelangen. Die meisten Journalisten, die reisen können, tun dies als Mitglieder von Militärkonvois mit Panzern zu ihrem Schutz. Das letzte Mal, als ich nach Najaf fuhr, war die Straße mit ausgebrannten amerikanischen Fahrzeugen, zerstörten Polizeifahrzeugen, verlassenen Kontrollpunkten und bewaffneten Männern überzogen. Das ist der heutige Irak --er ist in einem Zustand der Anarchie und viele Gegenden von Baghdad sind jetzt in Wirklichkeit in den Händen der Rebellen", so Fisk weiter.

"Dies ist ein Krieg, wie ich nie zuvor über einen berichtet habe", sagte er. "Wieder und wieder entkommen wir lebendig, weil wir Glück haben. Und es wird immer schlimmer, nicht besser - glauben Sie nicht, was Blair Ihnen sagt."

"Es ist sehr traurig, sagen zu müssen, daß ich nicht weiß, ob wir weiterhin aus dem Irak berichten können. Ich weiß nicht, ob ich persönlich weiterhin dorthin zurück gehen kann. Diese letzte Reise war derart gefährlich und angsteinflößend, daß ich tatsächlich zu einigen Leuten sagte, daß wir darüber sprechen müssen, ob die Risiken es wert sind", so Fisk.



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