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Der Fluch der Götter

Die Geschichte des Shimon Peres

12.12.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




IN DER vergangenen Woche ging ich in den Gassen Athens, am Fuße der Akropolis, spazieren, als ich auf ein Schild mit einem einzigen Wort in griechischen Buchstaben stieß: Sisyphus. Es war der Name einer Taverne.

Vielleicht wollten mich die Götter an einen Artikel erinnern, den ich vor 14 Jahren geschrieben habe, der den Titel "Die Rache der Götter" trug. Sein tragischer Held war der Mann, den ich "Shimon Sisyphus" nannte.

Der ursprüngliche Sisyphus war natürlich der König von Korinth, ein sündiger, lügender Mann der Intrige. Er verriet Zeus, den obersten Gott, der es gewohnt war, sich die Zeit mit menschlichen Schönheiten zu vertreiben.

Zur Strafe wurde Sisyphus in den Hades geschickt und dazu verurteilt, einen schweren Stein einen Hügel hoch zu rollen. Doch immer, wenn er nahe am Ziel war, rollte der Stein wieder hinunter. Und so geht es bis ans Ende der Zeit.

Das war das Schicksal von Shimon Peres, als ich den Artikel schrieb und das ist sein Schicksal bis heute. Ich weiß nicht, warum die griechischen Götter sich diese Strafe ausgedacht haben, aber während all der Jahre hat Peres bewiesen, daß er sie verdient.

Wenn es irgendeinen Zweifel darüber gab, so lieferten die letzten Tage eine Bestätigung. Peres beging einen Akt politischer Prostitution. Wenn er die Arbeiterpartei vor den Vorwahlen verlassen und sich der Konkurrenz angeschlossen hätte - nun gut. Schließlich hat Ariel Sharon dasselbe getan. Aber Peres kandidierte als Parteivorsitzender und erst als er völlig besiegt worden war ging er in Sharons neue Partei.

Kein Zweifel, Peres zog den Fluch selbst auf sich. Er wird weiter den Stein nach oben rollen, und der Stein wird jedes Mal wieder nach unten rollen, kurz bevor er oben ist.

SCHON 1953, als er kaum 30 war, wurde er zum Generaldirektor des mächtigen Verteidigungsministeriums ernannt. Das war eine erstaunliche Beförderung. Er war der Protégé des allmächtigen David Ben-Gurion, des Premierministers und Verteidigungsministers, der ihm die Kontrolle über den riesigen Verteidigungsbetrieb übergab. Er hatte damit rechnen können, daß der Alte Mann ihm im Lauf der Jahre das Büro des Premierministers übergeben würde. In der Zwischenzeit, 1959, wurde er in die Knesset gewählt und zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt.

Und dann wurde er vom Unglück getroffen: 1963 wurde Ben-Gurion aus dem Amt des Premierministers und - buchstäblich - in die Wüste getrieben. Peres blieb hängen. Er machte sich beim Nachfolger Levy Eshkol beliebt, der Premierminister und Verteidigungsminister wurde. Er war eifrig darum bemüht, seine Stellung zu halten, als der Stein wieder seinen Händen entglitt. Ben-Gurion kehrte plötzlich aus der Wüste zurück und gründete eine neue Partei, Rafi. Peres konnte sich nicht wirklich weigern, sich ihm anzuschließen. Offensichtlich widerwillig gab er seinen Posten auf und verließ die Arbeiterpartei (damals Mapai genannt). Aber er hoffte, daß er mit Ben-Gurions Sieg immer noch die Spitze erreichen würde.

Er stürzte sich in die Arbeit, um die neue Partei aufzubauen, errichtete lokale Filialen und führte die Wahlkampagne. Er war sich sicher, daß eine Partei, die von dem legendären Alten Mann angeführt wurde, unter Teilnahme des ruhmreichen Moshe Dayan und mehrerer anderer Generäle einen großartigen Sieg erringen werde. Wie könnte es anders sein? Aber der Wahltag im November 1965 brachte eine bittere Enttäuschung: Rafi gewann nur 10 (von 120) Knessetsitzen und ihre Plazierung auf der politischen Karte verurteilte sie zur Irrelevanz. (Dieses Beispiel versüßt die Träume von Funktionären der Arbeiterpartei, die hoffen, daß Sharon dasselbe passieren werde, der ein ähnliches Abenteuer begonnen hat.)

Nach zwei Jahren wurde Rafi ein Rettungsring zugeworfen. Der Retter war niemand anderes als der ägyptische Führer Gamal Abd-al-Nassar, der seine Armee in der Wüste Sinai aufmarschieren ließ und Israel bedrohte. Das Land wurde von Panik ergriffen, Rafi wurde darum angeboten, sich einer Notstandsregierung anzuschließen, und sein Vertreter wurde Verteidigungsminister. Aber es war nicht Peres, der sich so hart für Rafi eingesetzt hatte, sondern Moshe Dayan, der keinen Finger gerührt hatte. Der phantastische Sieg im Sechstagekrieg machte Dayan zum Idol der Massen, während Peres an den Rand gedrängt wurde. Der Stein war wieder zum Fuß des Hügels hinuntergerollt.

Peres wurde klar, daß er in einer kleinen Partei keine Chance hatte. Er führte Rafi wieder in die Arbeiterpartei zurück (jetzt Ma'arakh genannt) und er erhielt als Trostpreis das unwichtige Ministerium des Transportwesens. Ben-Gurion betrachtete dies als einen Akt des Verrats seines Protégés und gründete eine neue kleine Partei, die Staatsliste.

Die große Gelegenheit kam im Jahr 1974, ein paar Monate nach dem Yom-Kippur-Krieg. Der Krieg sah wie eine große nationale Schande aus, und die beiden dafür verantwortlichen Personen, Golda Meir und Moshe Dayan, bis dahin die beiden Nationalikonen, wurden verabschiedet. Der Weg war frei für einen neuen Premierminister, und es schien, als ob das Amt wie eine reife Frucht in Peres' Schoß fallen würde. Aber im letzten Augenblick tauchte aus dem Nirgendwo der politisch völlig unerfahrene Yitzhak Rabin auf und pflückte die Frucht. Er war von der Partei gewählt worden.

Peres, bis ins Innerste verletzt, war gezwungen, sich mit dem Verteidigungsministerium zufriedenzugeben. Er verbrachte die nächsten drei Jahre damit, Rabin unnachgiebig zu untergraben, der ihn später einen "unermüdlichen Verschwörer" nannte. Zu diesem Zweck und um die Sympathien derjenigen vom rechten Flügel zu gewinnen, gründete Peres Kedumim, die erste Siedlung im Herzen der arabischen Bevölkerung der West Bank.

Die grausamen Götter entschieden sich, sich erneut über ihn lustig zu machen. Rabin wurde in eine unbedeutende Affäre verwickelt - im Widerspruch zum bestehenden Gesetz hatte seine Frau vergessen, ein Bankkonto aufzulösen, das er besaß, während er als Botschafter in Washington war - und legte sein Amt nieder. Schlußendlich wurde Peres Parteivorsitzender. Zu Beginn der Wahlkampagne 1977 war sein Sieg so gut wie sicher und er war schon dabei, seine Minister auszusuchen, als das Unvorstellbare geschah: Menachem Begin, der ewige Oppositionsführer, der in einer Wahlkampagne nach der anderen besiegt wurde, gewann und wurde Premierminister. Peres mußte die Verantwortung tragen, Rabins Hände blieben sauber. Der Stein war wieder nach unten gerollt.

Bei den nächsten Wahlen, 1981, spielten die Götter ihm einen noch sadistischeren Streich. Als die Wahlurnen geschlossen waren, verkündeten die Meinungsforscher, daß die Arbeiterpartei gewonnen habe. Vor Glück strahlend, erklärte sich Peres als der nächste Premierminister. Und dann wurde klar, daß Begin doch gewonnen hatte.

Die Fortsetzung wurde bitter. Begin nahm den Rat seines neuen Verteidigungsministers Ariel Sharon an und drang in den Libanon ein. Am Tag bevor die Panzer rollten, verkündete Peres öffentlich seine Unterstützung. Dann folgten die Besetzung von Beirut, das Massaker von Sabra und Shatila, die Entlassung von Sharon, der psychische Zusammenbruch von Begin. Die Öffentlichkeit begann, den Krieg zu hassen. Peres war sich sicher, daß er dieses Mal gewinnen würde. Aber der Gewinner war Begins Nachfolger Yitzhak Shamir.

In den nächsten Jahren ging es auf und ab. Immer wieder erreichte Peres beinahe die Spitze. Einmal wurde er sogar für eine Zeitlang Premierminister, aber nur dank einer besonderen israelischen Erfindung, der Rotation des Amtes des Premierministers in einer "Regierung der nationalen Einheit", nach einem unentschiedenen Wahlergebnis mit Shamir. Als Premierminister hatte er einen wirklichen Erfolg: zusammen mit einem begabten Finanzminister, Ytzhak Moda'i, er brachte die Inflation von 400 Prozent auf normale Höhe hinunter.

Aber der Drang, aus eigener Anstrengung Premierminister zu werden, war zu stark: er organisierte einen Putsch in der Regierung der nationalen Einheit, um Shamir zu ersetzen und mit Hilfe der religiösen Minister die Macht zu ergreifen. Aber im letzten Augenblick verrieten sie ihn, so daß er die Regierung ganz verlassen mußte. Rabin nannte die Episode in seinem unnachahmbaren Stil "Peres' Stinkübung".

Am Abend der 1992-Wahlen sahen Peres' Aussichten gut aus. Die Öffentlichkeit hatte von der Likud die Nase voll. Der Arbeiterpartei winkte der Sieg. Wieder wurde ihm die Frucht weggeschnappt: die Partei nominierte Rabin. Peres mußte sich mit einem untergeordneten Posten zufrieden geben - als Außenminister, der in Israel weniger wichtig ist als der Verteidigungs- und der Finanzminister.

Leute, die damals mit Peres sprachen, hatten den Eindruck, daß er es schließlich aufgegeben hatte, jemals an die Spitze des Hügels zu gelangen. Es war das erste Mal, daß er wirklich mit Rabin zusammenarbeitete und beide schafften zusammen das Wunder von Oslo. Beide hatten lange Zeit die "Jordanische Option" (die Übergabe der besetzten Gebiete an den jordanischen König) verfolgt, aber die Intifada brachte sie schließlich zur Anerkennung des palästinensischen Volkes und zu einem Übereinkommen mit der PLO. Als entschieden worden war, daß Yitzhak Rabin und Yasser Arafat den Friedensnobelpreis erhalten sollten, setztte Peres Himmel und Hölle in Bewegung, um ebenfalls mit eingeschlossen zu werden. Da der Preis höchstens an drei Personen gegeben werden konnte, blieb der vierte Partner, Mahmoud Abbas, ungerechterweise ausgeschlossen.

ABER DIE Götter waren unbarmherzig. Im November 1995 wurde Rabin ermordet. Der Mörder wartete am Fuße der Treppe und ließ Peres, der in unmittelbarer Nähe war, an sich vorbeigehen. Er wurde von der Partei als Nachfolger Rabins zum Premierminister bestimmt.

Das war die Gelegenheit seines Lebens. Er konnte Neuwahlen ausrufen und auf der Woge der öffentlichen Wut über den Mord sicherlich einen überwältigenden Sieg erlangen. Aber Peres wollte nicht dank des Gedenkens an Rabin gewählt werden. Er schob die Wahl um einige Monate hinaus, während dieser er einen kleinen Krieg im Libanon anfing, der in einer Katastrophe endete - dem Massaker an Flüchtlingen durch ein Versehen. Dann genehmigte er den Mord an einem Hamaskämpfer, dem legendären Bombenbauer Yihyeh Ayash, und provozierte so eine Serie von Racheselbstmordangriffen, die Peres' Chancen ruinierten.

Am Wahltag wiederholten die Götter ihren sadistischen Streich: es sah aus, als ob Peres gewonnen hätte. Spät am Abend wurde klar, daß das Gegenteil eingetreten war: Ein neuer Spruch war entstanden: "Wir gingen mit Peres schlafen und wachten mit Netanyahu auf!"

Bei einem Parteitreffen stellte Peres eine nur rhetorisch gemeinte Frage: "Was, bin ich ein Verlierer?" und war entsetzt, als ihm ein Chor einstimmig antwortete: "Ja! Ja!"

Es sah so aus, als hätten die Götter das Interesse verloren. Binyamin Netanyahu kam an die Macht und wurde bald von der Öffentlichkeit verabscheut. Die Regierung fiel, und die Arbeiterpartei gewann die Wahlen. Aber der Held war nicht Peres, sondern Ehud Barak, ein früherer Generalstabschef, dessen Wahl große Begeisterung auslöste, die sich schnell in große Enttäuschung wandelte, in Hoffnungslosigkeit und den Kollaps der Linken. 2001 wurde Barak von Sharon mit einem überwältigenden Sieg geschlagen. Die Parteiführer konnten sich nicht über einen Nachfolger einig werden und baten Peres, die Parteiführung "vorübergehend" als Notlösung zu übernehmen. Wie gewöhnlich begann er sofort, das "vorübergehend" in ein "permanent" zu verwandeln.

Unterdessen geschah etwas anderes Unvorhergesehenes. Die Stelle des Staatspräsidenten wurde frei. Peres gierte nach dem Posten, der ohne praktischen Inhalt, aber voller Prestige ist. Der Präsident wird vom Parlament in einer geheimen Abstimmung gewählt. Die meisten Mitglieder sicherten Peres ihre Unterstützung zu. Der Gegenkandidat war einer aus der zweiten Reihe der Likudfunktionäre, Moshe Katzav. Aber als die Umschläge geöffnet wurden, zeigte sich, daß das Unmögliche erneut geschehen war: Peres hatte auch diesen Wettbewerb verloren.

Um seinen internationalen Stand zu halten, führte Peres seine Partei in die Sharon-Regierung, um im Gegenzug einen neu erfundenen Titel zu erhalten: "Vize-Premierminister". Für diese leere Ernennung verkaufte er die Seele der Partei. Er nutzte sein internationales Ansehen, um rund um die Welt den Mann - Sharon - salonfähig zu machen, den man als Mann von Sabra und Shatila in Erinnerung hatte. Für dies allein verdient Peres alles, was ihm geschah.

Die Minister der Arbeiterpartei unterstützten nicht nur den Abzug aus dem Gaza-Streifen - an sich eine gute Sache - sondern auch alle Unterdrückung in der West Bank: die Landenteignung, die Ausdehnung der Siedlungen, die Tatenlosigkeit bei der "Entfernung der Außenposten", den Bau der monströsen Mauer und die Kampagne der gezielten Tötungen, während die Palästinensische Behörde boykottiert wird. Peres selbst verurteilte die thatcheristische Wirtschaftspolitik der Regierung als "schweinischen Kapitalismus", während er sie praktisch weiter uneingeschränkt unterstützte.

Das Ende - bis jetzt - kam vor ein paar Wochen. In der Vergangenheit hatte Amir Peretz die Arbeiterpartei verlassen und seine eigene kleine Arbeiterpartei gegründet. Peres selbst hatte ihn überzeugte, in den Schoß der Partei zurückzukommen. Nun bewarb er sich um Peres' Posten des Parteivorsitzenden - und gewann. Um Rache an der Partei zu nehmen, verließ Peres sie zum zweiten Mal in seinem Leben und schloß sich Sharon an, so wie er sich damals Ben-Gurion angeschlossen hatte.

JETZT BENUTZT Sharon Peres als Köder, um Leute aus der Arbeiterpartei zu fischen, denkt aber nicht im Traum daran, ihn auf seine Liste der Parteikandidaten für die Knesset zu setzen. Das würde eine Menge Likudmitglieder daran hindern, sich ihm anzuschließen. Es ist zweifelhaft, ob er an seinem Versprechen gegenüber Peres festhalten wird, ihm einen respektablen Job zu geben, sollte er die Wahlen gewinnen - vielleicht den Posten des Präsidenten, wenn die Amtszeit von Katzav beendet ist.

In dieser Geschichte liegt etwas äußerst tragisches. Sein Leben lang hat Peres nach Anerkennung der Öffentlichkeit geschmachtet und jedes Mal wurde er verschmäht. Dieser Mann, der seit seinem 18. Lebensjahr ein professioneller und unglaublich fleißiger Politiker war, hat niemals eine Wahl gewonnen. Die Israelis wundern sich, warum er in aller Welt so viel Ansehen genießt. Der Rest der Welt fragt, warum er in Israel keine Wahl gewinnen kann.

War es, weil er ein Immigrant in einer Zeit der Sabras war, die hier im Land geboren wurden? War es sein polnischer Akzent, den er nie loswerden konnte? Irgendetwas in seinem Charakter? Mangel an Charisma? Die Tatsache, daß er nie bei der Armee diente? Vielleicht alles zusammen?

Die Götter wissen es sicherlich.



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