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Der Rattenfänger

Was will Ariel Sharon?

20.12.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




VOR ETWA 721 JAHREN litt die Stadt Hameln in Deutschland unter einer Rattenplage. Ein Bürger mit Namen Bünting bot an, sie für eine ausgemachte Bezahlung loszuwerden. Als er auf seiner Flöte spielte, kamen die verzauberten Ratten aus ihren Löchern heraus, folgten ihm in den Fluß und ertranken. Aber als der Pfeifer den Stadtvätern von Hameln seine Rechnung vorlegte, wollten sie ihn nicht bezahlen.

Der Pfeifer dachte sich eine schreckliche Rache aus. Er spielte wieder auf seiner Flöte und dieses Mal kamen alle Kinder der Stadt heraus und folgten ihm. Er führte sie zu einer Höhle in einem Berg und keines von ihnen wurde je wieder gesehen.

ARIEL SHARON ist eine moderne Version des Pfeifenspielers. Nachdem sie eine schreckliche Wahlschlappe erlitten hatten, riefen ihn die Likudväter und baten ihn, zu ihrer Rettung zu kommen. Und tatsächlich blies er seine Flöte und die Wähler folgten ihm zur Wahlurne. Bei zwei Wahlkampagnen führte er sie von 19 zu 38 Knessetsitzen (bald schloß sich dann noch Nathan Sharansky mit 3 Sitzen an).

Zahlten die Likudväter ihm den Lohn? Nichts dergleichen. Sie machten ihm das Leben zur Hölle, behinderten ihn an jeder Ecke und am Ende wandte sich die Likud-Knesset-Fraktion selbst gegen ihren eigenen Premierminister.

Nun ist der Tag der Rache angebrochen. Sharon bläst wieder seine Zauberflöte, und die Likudwähler folgen ihm, von ein paar Likudvätern selbst begleitet, in hellen Scharen. Der restliche Likud könnte den Bach hinuntergehen, wenige würden um ihn trauern.

Nicht nur die Kinder der Rechten folgen dem Rattenfänger, sondern auch viele Kinder der Linken. Er ist dabei, sie zum Berg zu führen, der sie wie die armen Kinder von Hameln verschlingen wird.

ALS ICH GESTERN in Tel Aviv auf der Straße ging, rief jemand hinter mir her: "He, wann schließen Sie sich Sharon an?"
"Warum sollte ich das tun?" fragte ich zurück.
"Weil er Ihren Plan durchführen wird!" antwortete er triumphierend.

Diese Illusion gewinnt an Boden. Viele Linke, die die letzten Jahre in einer warmen und bequemen Verzweiflung schwelgten, die sie von jeder Pflicht befreite, aufzustehen und zu kämpfen, haben jetzt eine noch angenehmere Lösung gefunden: Sharon, der Mann des rechten Flügels, wird den Traum der Linken verwirklichen. Man muss nur für Sharon stimmen und dann wird der lang ersehnte Frieden kommen. Keine besonderen Bemühungen sind nötig, man braucht nicht zu kämpfen, nicht einmal einen Finger rühren.

"Haaretz" veröffentlichte in der letzten Woche den Artikel eines Linken, der erklärte, warum er Sharon wählen wird. Und das hörte sich so an: Sharon ist wie de Gaulle. De Gaulle hatte entgegen seinem Versprechen Frankreich aus Algerien herausgeholt und Frieden mit den Rebellen geschlossen. Um der guten Sache willen log und betrog er. Auch Sharon lügt und betrügt. Ergo wird Sharon Israel aus den palästinensischen Gebieten herausholen und Frieden schließen. Ist das nicht logisch?

Wenn jemand nach einem Beweis sucht, so könnte er ihn diese Woche in einer Erklärung von Kalman Gayer, einem Amerikaner, der Sharon hinsichtlich Meinungsumfragen berät, finden. Er enthüllte Sharons "wirklichen" Plan in Newsweek: den Palästinensern 90 Prozent der West Bank zurückzugeben und für Jerusalem einen Kompromiß zu schließen.

Der Likud gab einen herzzerreißenden Schrei von sich, die Linke war bestürzt. Was? Wirklich? Sharon ist bereit, mehr "aufzugeben" als Ehud Barak? Aber jemand, der mit der besonderen Redeweise Sharons vertraut ist, kann den Code leicht entschlüsseln: Gayer zufolge glaubt Sharon nicht, daß dies noch zu seinen Lebzeiten geschehen werde, weil es keinen palästinensischen Partner für Frieden gebe. Deshalb ist er bereit, in der Zwischenzeit nur die Hälfte der West Bank zurückzugeben.

So kommen wir - wie durch ein Wunder - wieder zurück zu Sharons ursprünglicher Formel: einseitig 58 Prozent der West Bank zu annektieren, keinerlei Friedensverhandlungen mit den Palästinensern zu führen und ganz Jerusalem zu behalten.

Inzwischen verteilt Sharon (durch seinen Verteidigungsminister, der ihm jetzt aus dem Likud folgte) hunderte, vielleicht tausende Baugenehmigungen in den Siedlungen, läßt die Mauer weiterbauen, läßt palästinensische Häuser in Jerusalem zerstören und die Blockade des Gaza-Streifens aufrechterhalten. Seine fortgesetzten stillen Bemühungen, die Position von Mahmoud Abbas zu unterminieren, tragen bereits Früchte. Doch wer kümmert sich darum, wenn die berauschenden Flötentöne die Sinne und Gehirne so vieler friedensliebender Linker betäuben?

WENN SHARON die Wahlen, in 98 Tagen ab heute, gewinnt und wieder Premierminister wird - was wird er tun?

Die einfache Wahrheit ist: keiner weiß es. Ganz sicher nicht der Haufen der "Vertrauten", "Strategen", "Berater" und der anderen Anhänger. Nur Sharon weiß es - und vielleicht nicht einmal er.

Vielleicht wird Druck auf ihn ausgeübt, dem er nicht widerstehen kann. Vielleicht geschieht das Gegenteil und er kann den Druck mit Leichtigkeit abwehren. Vielleicht übernimmt er den besiegten Likud. Vielleicht geht er eine Koalition mit der Arbeiterpartei ein. Die Möglichkeiten sind fast unendlich.

Die wirkliche Gefahr liegt im Wesen von Sharons Partei selbst. Sie hat keine Ideologie außer Sharon. Kein Programm außer Sharon. Keinen Plan außer Sharon.

Dies ist eine Partei mit einem einzigen Führer, zu nichts verpflichtet. Sein Wort ist ihr Befehl. Er allein wird die Kandidatenliste zusammenstellen. Er allein wird das Parteiprogramm entwerfen - das sowieso irrelevant sein wird, da Sharon jederzeit allein entscheiden wird.

Sharon ist niemals ein sonderlich großer Demokrat gewesen. Von Anfang an hatte er für Parteien und Politiker eine tiefe Verachtung. Er war und blieb ein Fremdkörper in der Knesset. Von früher Jugend an war er davon überzeugt, daß er der Führer des Volkes und des Staates werden müsse, da er - und nur er allein - in der Lage sei, sie vor dem Verderben zu retten. Er sah sich nicht als Führer, der an allen möglichen demokratischen Unsinn gebunden sei, wie Gulliver von den Liliputanern, sondern als frei Handelnder, von allen Fesseln befreit, fähig, seine historische Mission zu erfüllen: die Grenzen des Staates mit dem gößtmöglichen Gebiet festzulegen.

Er versteckt seine Absichten nicht, das politische System zu verändern und ein Präsidentenregime zu errichten. In Israel, einem Land, das weder eine Verfassung noch ein starkes Parlament wie den US-Kongreß hat, bedeutet solch ein System eine Einmann-Herrschaft. Wenn es ihm gelingt, einen genügend großen Sieg bei den kommenden Wahlen zu erringen, wird er mit der Hilfe von ein paar bestochenen Abgeordneten in der Lage sein, die Gesetze des Landes zu verändern und sich selbst zu einem allmächtigen Präsidenten zu machen - für vier Jahre, für sieben Jahre, auf Lebenszeit.

Diese Gefahr würde nicht so real sein, wenn die israelische Demokratie nicht ihre innere Stärke verloren hätte. Die Politiker werden von der Öffentlichkeit verachtet, die großen Parteien rufen Abscheu hervor, politische Korruption ist sprichwörtlich geworden. In solch einer Krise tendiert die Öffentlichkeit dazu, sich nach einem einen starken Führer zu sehnen. Der Mann von der Sycamore-Farm ist nur zu glücklich, ihnen diesen Gefallen zu tun.

SHARON ÄHNELT nicht den großen Diktatoren der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Wie es in der vergangenen Woche schon dargelegt wurde (ausgerechnet von einem Kommentator des rechten Flügels), hat er viel mehr mit Juan Peron gemeinsam, dem argentinischen Diktator der 40er und 50er Jahre - einem General der Rechten in der Verkleidung eines Linken, ein ungebundener Autokrat, der allen demokratischen Überbleibseln ein Ende setzte.

Für den, der den Mann kennt, ist nur eines sicher: er wird niemals sein historisches Ziel aufgeben: so viel Land wie möglich zu annektieren, mit so wenig Arabern wie möglich. Er hat den Abzugsplan mit äußerster Kraft durchgeführt - nicht um Frieden zu bringen, sondern um dieses Prinzip zu realisieren. Alles weitere ist "pragmatisch" - und man sollte nicht vergessen, dass dieses Wort seine Wurzeln im griechischen Wort "pragma" hat, was "Tat" bedeutet.

Nicht das Reden ist wichtig, sondern die Handlungen. Wenn man sich mit Sharon befaßt, sollte man nicht auf seine Worte achten, sondern seine Hände genau beobachten. Und was seine Hände tun, mag völlig anders sein, als das, was sich unschuldige Linke vorstellen, jene, die nun mit geschlossenen Augen hinter dem Mann mit der Zauberflöte herlaufen.





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