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Retourkutschen

Doppeltes Unrecht ergibt noch kein Recht

05.02.2006  






Zwei Fälle der letzten Tage können als weitere Beispiele dafür angesehen werden, wie zutreffend das englische Sprichwort "two wrongs don't make a right" ("doppeltes Unrecht ergibt noch rein Recht") ist.

Am Donnerstag verglich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem "Nationalen Presseclub" den Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, mit Adolf Hitler.

"Ich meine, wir haben Chávez in Venezuela mit viel Ölgeld", so Rumsfeld. "Er ist eine Person, die rechtsgültig gewählt wurde genau wie Adolf Hitler rechtsgültig gewählt wurde und dann seine Macht vergrößerte und jetzt, natürlich, eng mit Fidel Castro und Herrn Morales und anderen zusammenarbeitet."

Chávez ließ es sich einer Reuters-Meldung zufolge nicht nehmen, hierauf bereits zwei Tage später bei einer Ansprache vor tausenden von Menschen mit einer Retourkutsche zu reagieren.

"Die imperialistische, völkermörderische, faschistische Haltung des US-Präsidenten kennt keine Grenzen. Ich glaube Hitler wäre neben George W. Bush nur ein Neugeborenes", so Chávez.

In einer Reaktion auf die anfangs von der dänischen Jyllands Posten veröffentlichten "Karikaturen" des islamischen Propheten Mohammed hat die "Arabisch-Europäische Liga" (AEL) ihrerseits am Freitag mit der Veröffentlichung einer Reihe von "Karikaturen" begonnen, mit der ganz bewußt "rote Linien" überschritten werden sollen.

"Nach den Belehrungen, die Araber und Muslime von Europäern über die freie Meinungsäußerung und Toleranz erhalten haben und nachdem zahlreiche europäische Zeitungen die dänischen Karikaturen über den Propheten Mohammed veröffentlicht haben hat sich AEL entschlossen, ebenfalls in das Karikaturen-Geschäft einzusteigen und unser Recht auf künstlerische Freiheit auszuüben. Genau wie die Zeitungen in Europa behaupten, nur die Redefreiheit verteidigen und Muslime nicht stigmatisieren zu wollen, betonen wir auch, daß unsere Karikaturen nicht als Beleidigung für irgendjemand gemeint sind und nicht als Erklärung gegen eine Gruppe, Gemeinschaft oder historische Tatsache aufgefaßt werden sollten. Wenn es an der Zeit ist, Tabus zu brechen und rote Linien zu überschreiten, wollen wir ganz bestimmt nicht zurückbleiben", so die AEL in einer einleitenden Erklärung zu den "Karikaturen".

Eine der "Karikaturen" zeigt einen unschwer als Adolf Hitler zu erkennenden Mann im Bett mit einem Mädchen namens "Anne" - offensichtlich die 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus gestorbene Anne Frank der zu ihr sagt: "Schreib das in dein Tagebuch, Anne!" Eine andere "Karikatur" zeigt, wie der Regisseur Steven Spielberg, der ein "Holocaust-Drehbuch" in Händen hält, den Regisseur Peter Jackson anruft und sagt: "Ich brauche deine Hilfe hierbei, Peter", woraufhin dieser antwortet: "Ich glaube nicht, daß ich so viel Vorstellungskraft besitze, Steven" - offenbar eine direkte Bezweiflung des Holocausts.

In einer Stellungnahme zu den Zeichnungen schrieb der Zeichner Nabucho: "Die Diskussion über freie Meinungsäußerung interessiert mich nicht. Auf der Ebene glaube ich, daß man alles veröffentlichen und sagen können muß. Ich glaube nicht an rote Linien und ich glaube auch nicht, daß irgendetwas über der freien Meinungsäußerung stehen sollte. Ich weiß, daß die meisten Araber uns Muslime mir in diesem Punkt widersprechen würden, aber was mich wirklich beunruhigt ist, daß den meisten Europäern nicht bewußt ist, daß sie ebenfalls anderer Ansicht sind." Anschließend warf er die Frage auf, wie die Reaktionen gewesen wären, hätte die Jyllands Posten beispielsweise Zeichnungen veröffentlicht, die einen jüdischen Rabbi "mit einer jüdischen Nase" und dem Davidsstern als einen "gierigen Bankier" dargestellt hätten.

Beide Fälle zeigen vor allem eines: ein von einem anderen begangenes Unrecht kann nicht dadurch ungeschehen gemacht werden, daß der Betroffene das gleiche Unrecht begeht. Auch wenn sowohl Chávez als auch die AEL vermutlich "der anderen Seite" nur einen Spiegel vorhalten wollten, so ist ein solches Vorhaben unter den gegenwärtigen Umständen doch zum scheitern verdammt und kann nur zur weiteren Eskalation beitragen. Sowohl der Hitler-Vergleich Chávez' als auch die von der AEL veröffentlichten Zeichnungen wurden von "westlichen" Medien zurecht- scharf kritisiert.

Wer sich in derart entscheidenden Konflikten, die eine weltpolitische Tragweite entwickeln können, wenn sie sie nicht schon haben, auf ein derart niedriges Niveau begibt, gleichgültig, ob "die anderen" dieses zuerst erreicht haben, kann kaum von sich behaupten, an einer Entspannung der Lage interessiert zu sein. Da die von Nabucho angestrebte vollständige Redefreiheit in näherer Zukunft sicherlich nicht zu erreichen wäre und dieses Ziel bei genauerer Betrachtung auch viel seines ersten Glanzes verliert kann ein friedliches Zusammenleben von Menschen, Völkern und Glaubensrichtungen nur auf der Grundlage eines wenigstens rudimentären gegenseitigen Respekts erreicht werden.





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