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"...sollen wir uns nicht rächen?"

Gedanken zu zwei Filmen

06.02.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Wenn man verstehen will, was die Palästinenser am Wahltag taten, dann sollte man sich den Film "Paradise Now" ("Paradies jetzt") ansehen, der als bester ausländischer Film für einen Oscar nominiert wurde, nachdem er schon mehrere angesehene internationale Preise erhalten hatte. Dieser Film erklärt besser als eine Million Worte.

Seine Macher - der vom Drehbuchautor zum Regisseur gewordene Hani Abu-As’ad aus Nazareth und die Schauspieler - sind Palästinenser. (Amir Harel, einer der Produzenten, ist ein jüdischer Israeli).

Die beiden Hauptfiguren Sa'id und Khaled sind Selbstmordattentäter. Der Film stellt eine Frage, die jeden in Israel und vielleicht in der ganzen Welt beschäftigt: Warum tun sie das? Was bringt jemand dazu, am Morgen aufzustehen und zu beschließen, sich inmitten einer Menschenmenge in Jerusalem oder Tel Aviv in die Luft zu sprengen? Und einige der Leute fragen auch: Wer sind sie? Wie sieht ihr Hintergrund aus? Wie sind sie so geworden?

Heute, lange Zeit nach seiner Entstehung, beantwortet der Film auch eine andere Frage: Warum hat die große Mehrheit der Palästinenser genau die Gruppe gewählt, die diese Leute geschickt hat, um sich in die Luft zu sprengen?

Der Film beantwortet diese Fragen. Nicht mit Schlagworten, nicht mit Propagandareden oder mit einem akademischen Bericht. Er predigt nicht, lobt nicht und wird nicht wütend. Er erzählt eine Geschichte. Die Geschichte sagt alles. Und da ihn sich nicht viele Israelis ansehen werden, erlaube ich mir, was gewöhnlich nicht getan wird: ich erzähle die Geschichte des Films fast bis zum Ende.

Die Eröffnungsszene schafft die Atmosphäre: Suha, eine schöne, junge palästinensische Frau aus guter Familie, die in Frankreich aufgewachsen ist, nähert sich einem Kontrollpunkt, einer der unzähligen Straßensperren, die über die ganze West Bank-Landschaft verstreut sind. Sie steht einem einschüchternden Soldaten gegenüber, ein Gesicht mit Schnurrbart unter dem Stahlhelm, mit kugelsicherer Weste. Ihre Augen begegnen einander. Er redet nicht. Er mustert sie nur mit den Augen von oben bis unten - von unten bis oben. Er untersucht ihre Handtasche langsam, langsam. Seine Augen lassen die ihrigen nicht los.

Als er damit fertig ist, gibt er ihr ihre Papiere zurück – beinahe. Als sie versucht, nach ihnen zu greifen, reißt er seine Hand hoch. Soll sie sich anstrengen. Am Ende – ohne ein Wort zu sagen, befiehlt er ihr mit einer Kopfbewegung, weiterzugehen.

Nur ein paar Minuten – Minuten, in denen völlige Demütigung, gegenseitige Angst und Haß ineinanderfließen. Der Zuschauer hat das Gefühl, die Frau sei an dem Punkt, sich nun gleich in die Luft zu sprengen. Aber nichts geschieht. Sie geht weiter.

....Zwei junge Männer, etwa 22 Jahre alt, in Nablus, dem Zentrum der nördlichen West Bank. Praktisch arbeitslos, wie fast alle jungen Männer in Nablus. Sie haben keine Zukunft. Keine Hoffnung. Nicht einmal Träume. Sie können nichts tun, um ihren verarmten Familien zu helfen. Sie leben ganz unten, in einer Mischung von Langeweile, Frustration, Verzweiflung. Selbst die Tasse Tee, die ihnen ein unterwürfiger, aber hartnäckiger Junge für 20 Cent verkauft, ist kalt.

Sie sind zwar bärtig, aber nicht fanatisch. Religiös wie jeder, nicht mehr. Sie wurden unter der Besatzung geboren und leben unter der Besatzung. Nablus ist umgeben von Straßensperren. Es gibt keine Arbeit. Nichts. Nur Verwahrlosung und bedrückende Armut. Die Besatzung ist die zentrale Tatsache in ihrem Leben. Alles beginnt mit der Besatzung,, alles endet mit ihr.

...Einer von ihnen, Sa'id, trifft Suha. Zwischen ihnen funkt es. Genau in diesem Augenblick erhalten die beiden Jugendlichen die Botschaft: Ihr seid ausgewählt worden. Morgen werdet ihr in Tel Aviv einen Selbstmordanschlag ausführen.

...Ein verlassenes Gebäude dient als Hauptquartier des Untergrunds. Letzte Vorbereitungen: Die Bärte werden abrasiert. Ihre Haare werden geschnitten. Sie ziehen gute Anzüge an. Es werden Photos von ihnen gemacht. Ein paar ermunternde Worte, ohne Pathos, vom Chef, einer "gesuchten Person", die eine lebende Legende ist (noch lebende). Der Angriff ist ein Racheakt für die "gezielte Tötung" eines Kameraden.

Die zwei sehen ruhig zu, während ihnen die Gürtel mit Sprengstoff angelegt werden. Sie werden gewarnt, daß sie nicht entfernt werden können, ohne daß sie explodieren. Es ist ein Augenblick, bei dem einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft: die zwei sehen die Poster mit ihren Photos, die nach ihrer Tat an die Mauern geklebt werden.

...Auf dem Weg. Der Zaun ist zerschnitten. Auf der anderen Seite erscheint plötzlich ein Militärjeep. Khaled schlüpft wieder durch das Zaunloch zurück, Sa'id setzt seinen Weg nach Israel fort. Er erreicht eine Bushaltestelle, wartet, sieht eine Frau mit ihrem kleinen Kind spielen. Der Bus kommt. Die Frau und das kleine Kind steigen ein. Im letzten Augenblick zögert er und gibt dem Fahrer ein Zeichen, er solle losfahren – ohne ihn.

...Unter den Kameraden bricht Panik aus. Wo ist Sa'id? Ist er desertiert? Hat er sie betrogen? Ist weggerannt? Sie suchen ihn überall. Sa'id trägt noch immer den Sprengstoffgürtel und kehrt heimlich nach Nablus zurück, sucht Khaled. Er trifft auf Suha. Während sie sich umarmen sagt Suha, dies sei der falsche Weg: Zivilisten sollte kein Leid angetan werden, das würde nicht die Befreiung von der Besatzung erbringen. Aber Sa'id bittet den Chef, es noch mal mit ihm zu probieren, ihm eine zweite Chance zu geben. Hier wird ein wichtiges Detail deutlich: Sa'ids Vater war ein Kollaborateur und ist exekutiert worden. Sa'id will diesen schrecklichen Schandfleck tilgen, der ihn während seiner ganzen Kindheit verfolgte. "Er war ein guter, aber schwacher Mann", sagt er, "die Israelis haben seine Schwäche ausgenützt. Ihnen muß die Schuld gegeben werden."

...Schließlich erreichen die beiden Kameraden Tel Aviv. Für die Jugendlichen aus dem armen, heruntergekommenen Nablus erscheint Tel Aviv wie aus einer anderen Welt - leuchtend, reich, unerreichbar. Wolkenkratzer. Mädchen in Bikinis. Menschen, die an der Küste herumtollen.

Im letzten Augenblick zögert Khalid und versucht, Sa'id zu überzeugen, die Mission aufzugeben. Aber nur Khaled kehrt nach Nablus zurück. Sa'id geht weiter, um den Tod seines Vaters zu rächen.

...Letzte Szene: Sa'id sitzt in dem Bus, umgeben von Soldaten und Zivilisten. Die Kamera konzentriert sich auf seine Augen. Die Augen füllen die Leinwand. Wir sind wie erstarrt über das, was im nächsten Augenblick geschehen wird...

All dies wird in einer zurückhaltenden Filmsprache erzählt. Es gibt kaum verbale Erklärungen. Oberflächlich betrachtet, ist es eine banale Geschichte, sogar mit heiteren Augenblicken: Khaled sagt seine Abschiedsbotschaft vor der Videokamera auf, das Gerät funktioniert nicht richtig, er muss die bewegende Botschaft wieder und wieder aufsagen. Kameraden stehen herum und essen. Er schaut sie an, stoppt und muß wieder beginnen. Und wieder. Ein lustiges Zwischenspiel.

Beim Hinausgehen aus dem Tel Aviver Filmtheater studierte ich die Gesichter der Leute. Sie waren still und nachdenklich. Das erste Mal in ihrem Leben haben sie die Terroristen gesehen, die uns töten, die sich zwischen Kindern, Männern und Frauen in die Luft sprengen. Sie sehen gewöhnliche Jugendliche, die sich wie gewöhnliche Menschen benehmen und reagieren. Sie sehen die Besatzung von der anderen Seite, von der unteren Seite.

Ich saß im dunklen Filmtheater und fand mich selbst in einer Situation völliger Dissonanz: wir, die geplanten Opfer, die wir hätten leicht in diesem Bus sitzen können, sehen alles durch die Augen unseres Mörders. Ein Gedanke kommt uns: daß hier Gewalt nichts hilft. Wenn wir diese beiden töten, werden zwei andere ihren Platz einnehmen. Der Zaun wird einige von ihnen aufhalten, aber nicht alle. Der Sicherheitsdienst wird mit Hilfe von Kollaborateuren einige Angriffe verhindern, kann aber nicht alle verhindern – und die Kinder von Kollaborateuren werden kommen und sie rächen. Wenn es dort Menschen wie sie gibt, die unter solchen Bedingungen aufwachsen, werden immer einige ihre Ziele erreichen.

Der Film liefert keine Lösungen. Er gibt nicht einmal nicht vor, ausgewogen zu sein. Er konfrontiert uns mit einer Realität, die wir so nicht kennen, aus einem Winkel, den wir nicht gewöhnt sind und quält uns mit der Spannung widerstreitender Gefühle.

Und vielleicht treibt uns dies an, über eine Lösung nachzudenken, die Sa'id und Khaled in eine andere Richtung führen. Eine Lösung, die der Demütigung ein Ende setzt und der Verletzung von persönlicher und nationaler Würde, dem Elend und der Hoffnungslosigkeit.

Ein paar Tage später sah ich einen anderen Film, der auch für mehrere Oscar nominiert wurde, den viel gepriesenen Film von Steven Spielberg, "München". Und zufällig sah ich ihn in Deutschland, nicht allzuweit von München selbst entfernt.

Beim Verlassen des Kinos wollte mein deutscher Gastgeber wissen, was ich darüber denke. Spontan, ohne nachzudenken, sagte ich, was ich die ganze Zeit empfunden hatte: "Ekelhaft!"

Erst später hatte ich Zeit, meine Eindrücke zu sortieren, die sich bei mir beim Ansehen dieses sehr langen Filmes angesammelt hatten. Was hatte mich so angewidert?

Zunächst der Spielberg-Stil, eine Kombination der höchsten Filmtechnik und niedrigstem kulturellem Inhalt. Er gibt Tiefe vor mit neuen und enthüllenden Einsichten, aber im Grunde ist er nichts anderes als ein weiterer amerikanischer Western, wo die guten Jungs die bösen Jungs umbringen und das Blut wie Wasser fließt.

Einige jüdische Politiker protestierten gegen den Film, weil er die "Terroristen" und die "Rächer" auf dieselbe Stufe stelle. Und tatsächlich erlaubte der Film den "Terroristen" einige Sätze zu ihrer Verteidigung zu sagen, über die Ungerechtigkeit, die ihnen von den Juden angetan wurde, und von ihrem Recht auf ein Heimatland. Aber das ist nur ein Lippenbekenntnis, ein Vorwand, um den Eindruck von Ausgewogenheit zu erwecken. Aber bei der Beschreibung des Münchner Attentates – von dem Fragmente über den ganzen Film verteilt sind – erschienen die Araber als jämmerliche, häßliche, ungepflegte, feige Kreaturen, das genaue Gegenteil von Avner, dem israelischen Rächer, der hübsch und anständig, tapfer und wohl gepflegt ist - kurz gesagt, der jüngere Bruder von Ari Ben Cenaan, der Supermann aus "Exodus".

Die Araber haben keine Gewissensbisse, aber die Israelis haben in jeder Zeitspanne zwischen den Morden Skrupel. Sie zögern jedes Mal, wenn sie eines ihrer "Ziele" in die Luft sprengen / erschießen / niedermähen – was sie natürlich erst tun, nachdem sie Frau und Kinder des Opfers in Sicherheit gebracht haben. Sie sind nicht nur Killer, es sind jüdische Killer. Entsprechend einem israelisch satirischen Spruch: "Schießen und weinen!"

Die Darstellung der Affäre selbst ist in höchstem Maße manipulierend. Dem Zuschauer werden einige sehr wichtige Fakten vorenthalten. Zum Beispiel:
  • Daß die Obduktionen zeigten, daß neun der 11 israelischen Sportler von Kugeln der bejammernswert unausgebildeten deutschen Polizisten getötet wurden. (Die Obduktionsberichte werden bis zum heutigen Tag geheimgehalten, sowohl in Israel als auch in Deutschland. Aber eine mächtige Person wie Spielberg sollte von ihnen wissen.)
  • Daß es Golda Meir und ihre deutschen Kollegen waren – große Helden, alle von ihnen – die das Schicksal der Geiseln besiegelten, als sie die Forderung der Entführer zurückwiesen, sie in ein arabisches Land zu bringen, wo sie sicherlich gegen palästinensische Gefangene in Israel ausgetauscht worden wären.
  • Daß die Palästinenser, die aus Rache für München getötet wurden, nichts mit der Angelegenheit zu tun hatten. Der Mossad schaute nach leichten Zielen und wählte PLO-Diplomaten in europäischen Hauptstädten, die ziemlich ungeschützt waren.
Aber am meisten war ich von der Spielberg'schen Vulgarität abgestoßen, die sich durch den ganzen Film zieht, einschließlich eindeutiger Sexszenen, die unnötig und insbesondere unästhetisch sind.

Der Film trägt nichts zum Verständnis des Konfliktes bei. Er ist im Grunde ein Routine-Gangsterfilm, den Spielberg um den israelisch-palästinensischen Konflikt gedreht hat, um die seit langem erwarteten Oscars zu gewinnen, die ihm bis jetzt entgangen sind.





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