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Ein Krieg der Religionen? Gott bewahre!

Hindernisse im israelisch-palästinensischen Konflikt

20.02.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Einer unserer früheren Generalstabschefs, der verstorbene Rafael ("Raful") Eitan, der nicht der Hellste war, fragte einmal einen ausländischen Gast: "Sind Sie Jude oder Christ?"

"Ich bin Atheist!" antwortete der Mann.

"Ok, ok," reagierte Raful ungeduldig, "aber ein jüdischer Atheist oder ein christlicher Atheist?"

Nun, ich bin ein hundertprozentiger Atheist. Und ich mache mir zunehmend Sorgen, daß der israelisch-palästinensische Kampf, der unser ganzes Leben beherrscht, einen immer religiöseren Charakter annimmt.

Der historische Konflikt begann als Zusammenstoß zwischen zwei nationalen Bewegungen, die religiöse Motive nur als Dekoration verwandten.

Die zionistische Bewegung war von Anfang an nicht religiös, wenn nicht gar anti-religiös. Fast alle Gründungsväter waren selbsterklärte Atheisten. In seinem Buch "Der Judenstaat", der Gründungscharta des Zionismus, sagte Theodor Herzl: "Wir werden sie (unsere Geistlichen) in ihren Tempeln festzuhalten wissen". Chaim Weitzman war ein agnostischer Wissenschaftler. Vladimir Jabotinsky bat darum, seinen Leichnam zu verbrennen – im Judentum eine Sünde. David Ben-Gurion weigerte sich sogar bei Beerdigungen, seinen Kopf zu bedecken.

All die großen Rabbiner seiner Zeit, Chassidim und ihre Gegner, die Missnagdim, verurteilten Herzl und verfluchten ihn. Sie wiesen die Grundthese des Zionismus zurück, die Juden seien eine "Nation" im europäischen Sinne, und sahen die Juden stattdessen als ein heiliges Volk an, das durch die Erfüllung der göttlichen Gebote zusammengehalten werde.

Außerdem war die zionistische Idee in den Augen der Rabbiner eine Todsünde. Der Allmächtige verordnete den Juden als Strafe für ihre Sünden das Exil. Deshalb könne nur der Allmächtige selbst die Strafe widerrufen und den Messias senden, der die Juden zurück ins Heilige Land bringe. Bis dahin sei es streng verboten, "in Massen zurückzukehren". Indem man Masseneinwanderung in das Land organisiere, rebellierten die Zionisten gegen Gott und - was noch schlimmer ist - sie verzögerten das Kommen des Messias. Einige Chassidim, wie die Satmar-Sekte in Amerika und eine kleine, aber prinzipientreue Gruppe in Israel, die Neturei Karta ("Wächter der Stadt") in Jerusalem, halten noch an diesem Glauben fest.

Es stimmt, die Zionisten haben sich die Symbole des Judentums angeeignet (den Davidstern, den siebenarmigen Leuchter aus dem Tempel, den Gebetsschal, der zur Flagge wurde, sogar den Namen "Zion"), aber das war nur eine zweckmäßige Manipulation. Die kleine religiöse Fraktion, die sich dem Zionismus anschloß (die "religiösen Zionisten"), war eine Randgruppe.

Vor dem Holocaust lernten wir in den zionistischen Schulen Palästinas, mit erbarmungsloser Verachtung all das zu behandeln, was aus dem "jüdischen Exil" kam: die jüdische Religion, das jüdische Stetl, die jüdischen Sozialstrukturen ("die umgekehrte Pyramide"). Erst der Holocaust änderte die Haltung gegenüber der jüdischen Vergangenheit in der Diaspora, die im Hebräischen gewöhnlich als Galuth (Exil) bezeichnet wurde.

Ben-Gurion machte den religiösen Gruppen, einschließlich den anti-zionistischen Orthodoxen, gegenüber einige Zugeständnisse. Er befreite ein paar hundert Yeshiva-Studenten vom Militärdienst und errichtete ein getrenntes "staats-religiöses" Schulsystem. Sein Ziel war, bequeme Koalitionspartner zu gewinnen. Diese Vorgehensweise gründete sich jedoch auf der Annahme (die uns damals allen gemeinsam war), daß sich die jüdische Religion unter der brennenden Sonne Israels bald verdunsten und nach ein oder zwei Generationen im Ganzen verschwunden sein werde.

All das änderte sich nach dem Sechs-Tagekrieg. Die jüdische Religion erlebte ein erstaunliches Comeback.

Auf der palästinensischen Seite geschah etwas Ähnliches, aber mit einem völlig anderen Hintergrund.

Die arabische Nationalbewegung war auch unter dem Einfluß der europäischen Nationalidee entstanden. Ihre geistigen Väter riefen zur Befreiung der arabischen Nation von den Fesseln der osmanischen Herrschaft und später vom Joch des europäischen Kolonialismus' auf. Viele von ihnen waren arabische Christen.

Als sich nach der Balfour-Erklärung und der Einrichtung einer britischen Palästina-Regierung eine eigene palästinensische Nationalbewegung gebildet hatte, hatte diese keinen religiösen Charakter. Um sie zu bekämpfen, bestimmten die Briten eine religiöse Persönlichkeit zur Führung der palästinensischen Gemeinschaft in Palästina: Hajj Amin al-Husseini, den Großmufti von Jerusalem, der schnell die Führung des palästinensischen Kampfes gegen die zionistische Einwanderung übernahm. Er bemühte sich, der palästinensisch-arabischen Rebellion einen religiösen Anstrich zu geben. Indem er die Zionisten Baumaßnahmen auf dem Tempelberg mit seinen islamischen Heiligtümern vorwarf, versuchte er, die muslimischen Völker zur Unterstützung der Palästinenser zu bewegen.

Der Mufti scheiterte elendig, und sein Fehlschlag spielte bei der Katastrophe seines Volkes eine Rolle. Die Palästinenser haben ihn aus ihrer Geschichte praktisch ausgelöscht. In den 50ern verehrten sie Gamal Abd-al-Nasser, den Bannerträger des säkularen pan-arabischen Nationalismus’. Später, als Yasser Arafat die moderne palästinensische Nationalbewegung gründete, unterschied dieser nicht zwischen Muslimen und Christen. Bis zu seinem Tod bestand er auf der Befreiung der "Moscheen und Kirchen" in Jerusalem.

In einem Stadium ihrer Entwicklung rief die PLO zur Schaffung eines "demokratischen, säkularen Staates, in dem Muslime, Juden und Christen zusammenleben werden", auf. (Arafat mochte den Begriff "säkular" nicht, sondern zog "la-maliah" vor, was "nicht-konfessionell" bedeutet, vor.)

George Habash, der Führer der „arabischen Nationalisten“ und später der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ ist Christ.

Die Situation änderte sich mit dem Ausbruch der ersten Intifada Ende 1987. Erst dann begannen die islamischen Bewegungen Hamas und der islamische Jihad, den nationalen Kampf zu übernehmen.

Der erstaunliche Sieg der israelischen Armee im Sechstagekrieg, der wie ein Wunder wirkte, löste eine tiefe politische und kulturelle Veränderung in Israel aus. Als das Shofarhorn an der Klagemauer ertönte, übernahm die religiöse Jugend, die bis dahin nur am Rande dahinvegetierte, die Mitte der historischen Bühne.

Plötzlich entdeckte man, daß das religiöse Bildungssystem, das von Ben-Gurion als politische Bestechung - und im Gegensatz zu seiner eigenen Überzeugung - eingeführt wurde, im Stillen ein fanatisch religiöses Produkt geschaffen hatte. Die religiöse Jugendbewegung, die all die Jahre unter Gefühlen der Demütigung und der Minderwertigkeit litt, begeisterte sich und begann die Siedlungsbewegung, führte die bedeutendste nationale Anstrengung an: die Annektierung der besetzten Gebiete.

Die jüdische Religion selbst machte eine Mutation durch. Dieser Mutant warf alle universellen Werte ab und wurde zu einem engstirnigen, militanten, fremdenfeindlichen Stammesglauben, dem es um Eroberung und ethnische Säuberung geht. Die religiösen Zionisten der neuen Sorte sind davon überzeugt, daß sie den Willen Gottes erfüllen und das Kommen des Messias vorbereiten. Die "national-religiösen" Kabinettsminister, die immer zum moderaten Flügel der Regierung gehörten, machten einer neuen extremistischen Führung Platz, mit Tendenzen zum religiösen Faschismus.

Israel ist kein religiöser Staat geworden. Es hat noch immer eine große säkulare Mehrheit. Dem verläßlichen Statistikbüro der israelischen Regierung zufolge bezeichnen sich nur 8 Prozent von Israels Juden als "orthodox" (Haredim), 9 Prozent als "religiös" (also religiöse Zionisten), 45 Prozent als "säkular, nicht religiös" und 27 Prozent als "säkular, traditionell".

Doch wegen ihrer Rolle im Siedlungsunternehmen haben die Religiösen einen großen Einfluß auf den politischen Prozeß gewonnen. Sie haben praktisch jede Bewegung in Richtung Frieden mit den Palästinensern verhindert. Sie haben auch eine religiöse Reaktion auf der anderen Seite provoziert.

Der palästinensische Widerstand gegen die Besatzung, der einen Höhepunkt während der ersten Intifada 1987 erreichte, gab den religiösen Kräften einen großen Auftrieb. Bis dahin waren sie im Stillen gewachsen (nicht ohne Ermutigung durch die Besatzungskräfte, die in ihnen ein Gegengewicht zur säkularen PLO sahen).

Die erste Intifada führte zum Oslo-Abkommen und brachte Yasser Arafat nach Palästina zurück. Aber die neue palästinensische Verwaltung verfehlte ihr Ziel, der Besatzung ein Ende zu machen und einen säkularen palästinensischen Staat zu errichten. Als die Siedlungen sich überall in der West Bank und im Gaza-Streifen ausdehnten, neigte die palästinensische Öffentlichkeit immer mehr zur Unterstützung des bewaffneten Widerstands. Und in diesem Kampf mit den für sie sehr begrenzten Mitteln, zeichneten sich die religiösen Gruppen aus. Für einen religiösen Menschen ist es leichter, sein Leben bei einem Selbstmordangriff zu opfern als für seinen säkularen Cousin.

Die Wut der palästinensischen Öffentlichkeit über die Korruption, die Teile der säkularen Fatahführung infizierte (aber nicht den asketischen Yasser Arafat, dessen Ruf sauber blieb) hat die Popularität der Religiösen, die als ehrlich gelten, nur gefördert.

Seit Jahren werde ich von einem Alptraum verfolgt: daß der israelisch-palästinensische Konflikt sich aus einer nationalen zu einer religiösen Konfrontation entwickeln könnte.

Ein nationaler Konflikt - so schrecklich er ist – ist lösbar. Während der letzten beiden Jahrhunderte wurden viele nationale Kriege geführt, und fast alle endeten mit einem territorialen Kompromiß. Solche Konflikte sind von Grund her logisch und können auf rationalem Wege beendet werden.

Aber nicht religiöse Konflikten. Wenn alle Seiten an göttliche Gebote gebunden sind, dann wird es weitaus schwieriger, einen Kompromiß zu erreichen.

Religiöse Juden glauben, daß Gott ihnen das ganze Heilige Land verheißen habe. Darum ist es eine nicht vergebbare Sünde, einem "Fremden" etwas davon zu geben. In den Augen muslimischer Gläubiger ist das ganze Land aber ein Waqf (religiöses Treuhand) und deshalb ist es absolut verboten, einen Teil davon an Ungläubige abzutreten. (Als der Kalif Omar vor ca. 1.400 Jahren Palästina eroberte, erklärte er es zum Waqf. Sein Motiv war ganz praktisch: um zu verhindern, daß seine Generäle das Land unter sich teilten, wie sie es gewohnt waren.)

Übrigens betrachten die evangelischen christlichen Fundamentalisten, die Washington zur Zeit beherrschen, das Heilige Land auch als religiösen Besitz, zu dem die Juden zurückkehren müssen, um die Wiederkehr Christi zu ermöglichen.

Ist ein Kompromiß zwischen solchen Kräften möglich? Sicherlich ja, aber es ist viel schwerer. Einem frommen Muslim ist es erlaubt, einen Hudna (Waffenstillstand) über 100 Jahre und mehr auszurufen, ohne daß seine Seele zur Hölle verurteilt wird. Ariel Sharon, der mit der Evakuierung der Siedler begann, sprach über "langfristige vorläufige Abmachungen". In der Politik tendieren vorläufige Maßnahmen dazu, dauerhaft zu werden.

Hier sind jedoch viel Weisheit, Raffinesse und Geduld notwendig, um unter diesen schwierigen Umständen eine Lösung des Konflikts zu erreichen.

An dem Tag, an dem Arafat starb, waren viele Israelis wütend auf mich, weil ich (in einem Interview in der Haaretz) sagte, daß wir uns noch einmal nach diesem säkularen Führer sehnen werden, der gleichzeitig bereit und fähig war, mit uns Frieden zu schließen. Ich sagte, daß seine Beseitigung das letzte Hindernis für einen Aufschwung des islamischen Fundamentalismus’ in Palästina und der ganzen arabischen Welt wegräumen werde.

Man muß kein Prophet gewesen sein, um dies vorauszusehen.



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