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Wem nutzt es?

Der Anschlag auf den heiligen Schrein in Samarra

23.02.2006  






Angesichts des verheerenden Anschlags auf das Mausoleum in der irakischen Stadt Samarra, das die Gräber der beiden muslimischen Imame Ali al-Hadi und Hassan al-Askari beherbergt, scheint ein weiteres Mal die Frage „Wem nützt es?“ dringend erforderlich.

Während sich die "westlichen" Medien in der Überzeugung, daß der Anschlag von "islamistischen Extremisten" verübt wurde, fast vollständig einig sind, sind die Menschen in islamischen Ländern hiervon keineswegs überzeugt.

Insbesondere für Shiiten besitzt die Grabstelle eine besondere Heiligkeit, sind dort doch mit Ali und Hassan der zehnte und elfte Imam - direkte Nachfolger des Propheten Mohammed - beerdigt. Ihnen folgte dem shiitischen Glauben nach nur noch ein weiterer, der Imam Mohammed al-Mahdi, der im Verborgenen lebt und auf dessen Wiederkehr sie hoffen, da er ihrem Glauben zufolge das Werk Mohammeds auf Erden beenden und Frieden und Gerechtigkeit bringen wird. Es ist daher auszuschließen, daß Shiiten - zumindest solche, die auch von anderen Shiiten so bezeichnet würden - für den Anschlag verantwortlich sind.

Sunniten haben zwar eine etwas differenziertere Stellung zu den Imamen, da sie sie im Gegensatz zu Shiiten nicht als per se unfehlbar betrachten, ein gläubiger Sunnit käme allerdings kaum auf den Gedanken, einen solchen Anschlag auf das Mausoleum zu verüben. Tatsächlich besuchen auch zahlreiche Sunniten die Grabstellen Alis und Hassans in Samarra.

Bleibt noch die insbesondere in Saudi-Arabien vertretene muslimische Glaubensrichtung, die von Außenstehenden als "Wahhabismus" bezeichnet wird. Deren Anhänger sind der Überzeugung, die einzig wahre Art des Islam zu leben, weshalb sie sich selbst nur als "Muslime" bezeichnen und alle anderen Muslime als "Ungläubige" betrachten. Die Vermutung, daß die schnell geäußerte Vermutung, der Anschlag sei von der vorgeblich aus Saudi-Arabien stammenden "Al-Qaida" beziehungsweise der Organisation von "Abu Musab al-Zarqawi", der sich erst kürzlich von "Al-Qaida" abgespalten haben soll, begangen worden, ist daher sicherlich naheliegend. In der Vergangenheit erschienen "al-Zarqawi" zugeschriebene Veröffentlichungen, in denen der Autor behauptete, im Irak einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Shiiten auslösen zu wollen.

Selbst wenn man die zweifellos angebrachten Zweifel daran, daß "al-Zarqawi" noch am Leben ist und eine wie immer wieder behauptet fast allmächtige Terrororganisation leitet, außer acht läßt, so scheint auch dieser Täterkreis zumindest unwahrscheinlich. Nicht nur, daß die Reaktionen hochrangiger Geistlicher, die zu Besonnenheit und Friedfertigkeit aufrufen, voraussehbar waren - der shiitische Geistliche Muqtada al-Sadr hat gar seine al-Mahdi-Miliz zum Schutz sunnitischer Moscheen abgestellt - auch angesichts der vorgeblichen Prioritäten "al-Zarqawis" beziehungsweise "Al-Qaidas" wäre dies zumindest ein äußerst unlogisches Vorgehen. Selbst wenn der Anschlag einen Bürgerkrieg ausgelöst hätte, so würde dies doch zumindest die vorgeblichen kurz- bis mittelfristigen Ziele "al-Zarqawis" - die Vertreibung der "ungläubigen" Besatzer aus dem Irak - gefährden, da sich so die Kampfhandlungen auf die jeweils andere Seite konzentrieren würden. Nach ihrer Vertreibung könnte ein solcher Anschlag objektiv sogar wirkungsvoller sein, da der die verschiedenen Parteien einende Gegner fehlen würde. Selbst wenn "al-Zarqawi" aber für den Anschlag verantwortlich zeichnen sollte, so wären letztlich doch auch die USA hierfür und die Folgen verantwortlich, daß sie den Genfer Konventionen zufolge als Besatzer auch für die Sicherheit im besetzten Land verantwortlich sind.

Für die Besatzer andererseits könnte ein irakischer Bürgerkrieg nicht nur dazu führen, daß US-Soldaten etwas aus dem Fadenkreuz der Widerstandskämpfer verschwinden, sondern außerdem einen Anlaß geben, die Besatzung nicht nur noch länger fortzusetzen, sondern möglicherweise auch eine noch fügsamere „irakische Regierung“ einzusetzen. Selbst wenn es gelingt, einen Bürgerkrieg zu vermeiden, so "belegt" dieser Anschlag doch einmal mehr die katastrophale Sicherheitssituation im Irak, die nach Definition der Besatzer eben gerade ihre Anwesenheit erforderlich macht. Insbesondere im Hinblick auf die vor rund einem halben Jahr in der südirakischen Stadt Basra gefangengenommenen britischen Soldaten, die als Zivilisten gekleidet waren, Sprengstoff und Fernzünder bei sich hatten und nach ihrer Entdeckung auf "irakische Polizisten" feuerten, scheint der Verdacht dieser Tätergruppe keineswegs ausgeschlossen.

Auch wenn sicherlich nicht ausgeschlossen werden kann, daß es sich eben doch um wie auch immer motivierte Iraker oder um psychisch gestörte buddhistische Mönche aus Nepal, die glauben, die Welt von allen anderen Religionen befreien zu müssen, handelte, so ist es doch auch hier unbedingt notwendig, die Frage "Wem nutzt es?" - "Cui bono?" - zu stellen.



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