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Eine außergewöhnliche Konferenz

Die Hoffnung auf Frieden für Israel und Palästina

01.03.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Ein Endergebnis von 1:1 mag nicht sehr beeindruckend sein, aber für die Jugendlichen von Bil’in war es eine rühmliche Leistung. Für sie war nicht das Ergebnis ausschlaggebend, nicht einmal der Wettkampf (gegen eine Mannschaft aus dem benachbarten Ort Betunya) selbst. Was wichtig war, war der Ort, an dem er stattfand: auf einem improvisierten Fußballplatz, der in Eile auf dem Land eingeebnet worden war, das dem Dorf von der Trennungsmauer gestohlenen worden war.

Der Wettkampf war Teil eines einzigartigen Ereignisses. In dem armen, kleinen Dorf mit seinen 1.500 Einwohnern, von dem bis zu seinem heldenhaften Kampf gegen die Mauer nur wenige gehört hatten, fand eine „internationale Konferenz über den gemeinsamen, gewaltfreien Kampf gegen die Mauer“ statt. Im Rahmen dieses Ereignisses, das zwei Tage dauerte, fanden zahlreiche Aktivitäten statt: Berichte und Deskussionen über den Kampf, die Verleihung von Ehrenplaketten an die Familien der neun Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Mauer verloren hatten, das pflanzen von Olivenschößlingen auf dem gestohlenem Land, die Einweihung des Fußballfeldes und das Fußballspiel selbst.

Ich hatte die Ehre, eingeladen worden zu sein, um eine der Eröffnungsreden zu halten, vor einem Publikum von etwa 300 Menschen - Einwohner von Bil’in, Mitglieder des Palästinensischen Parlamentes, Vertreter des Kampfes aus verschiedenen Gebieten entlang der Mauer, israelische Friedensaktivisten und Abgeordnete von europäischen Solidaritätsgruppen. Hier ist, was ich sagte:

Liebe Freunde,

Jedes Mal, wenn ich nach Bil’in komme, bin ich aufgeregt und glücklich.

Dieses Dorf. dieses kleine Dorf, ist zu einem Symbol in Palästina, in Israel und sogar in der ganzen Welt geworden. Euer Kampf spiegelt den Kampf des ganzen palästinensischen Volkes wider.

Drei Eigenschaften unterscheiden den Kampf von Bil'in, drei Eigenarten, die einander ergänzen und miteinander Bil’in so außerordentlich machen wie es ist:

Als erstes die Zähigkeit, die Ausdauer und der Mut des palästinensischen Volkes.

Zweitens die Partnerschaft mit dem israelischen Friedenslager.

Drittens die Unterstützung durch Solidaritätsbewegungen in aller Welt.

Diesen kann man noch eine weitere Eigenart hinzufügen, die Bil’in zu einem leuchtenden Beispiel macht: die vollständige Gewaltlosigkeit des Kampfes.

Vor ein paar Tagen besuchte der Dalai Lama dieses Land. Er traf wichtige Leute und berühmte Persönlichkeiten und wurde mit ihnen photographiert. Ich hätte ihm den Rat gegeben, nach Bil’in zu kommen, um hier eine Lektion über Gewaltlosigkeit zu erhalten.

Wenn wir versuchen, den Kampf zu analysieren, müssen wir immer auf seine Ursprünge zurückkommen: In diesem Land leben zwei Völker, zwei Nationen und das Ziel unserer Bemühungen ist es, Frieden zu schaffen, Frieden, der auf Gerechtigkeit basiert.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ähnelt keinem anderen Konflikt auf der Welt. Er ist weder eine Wiederholung des südafrikanischen Leidenswegs noch eine zweite Auflage des algerischen Befreiungskampfes. Dies ist ein einmaliger Konflikt, durch einzigartige Umständen entstanden.

Ein berühmter Historiker beschrieb dies folgendermaßen: Eine Person lebt in der oberen Etage eines Gebäudes, in der ein Feuer ausgebrochen ist. Um sein Leben zu retten, springt er aus dem Fenster und landet auf einem Passanten, der dabei schwer verletzt wird. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Todfeindschaft.

Wer hat recht? Die Person, die aus dem Fenster sprang, um ihr Leben zu retten? Oder die andere Person, die verletzt und zugrundegerichtet wurde, ohne sich etwas zuschulden kommen gelassen haben?

Die zionistische Bewegung ist entstanden, weil Europa für Juden zur Hölle geworden war - fünfzig Jahre vor dem Holocaust, dem schrecklichen Holocaust, der Millionen Juden das Leben kostete und in dessen Folge der Staat Israel gegründet wurde. Die ersten Zionisten glaubten, daß das Land leer sei. Ihr Hauptdevise lautete: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.“ Als die Zionisten entdeckten, daß es in diesem Land schon eine Bevölkerung gab, versuchten sie, sie hinauszudrängen. Diese Bemühung setzt sich bis heute fort – und so auch der hartnäckige Kampf des palästinensischen Volkes für seine Existenz und seinen Boden.

Das ist die Realität des Konfliktes – zwei Völker leben im selben Land und kämpfen gegeneinander. Der Kampf von Bil’in gegen die Mauer, die sein Land raubt, ist ein Teil dieses historischen Konfliktes.

Vor 32 Jahren, direkt nach dem Yom Kippur-Krieg, dem Ramadankrieg, zog Yasser Arafat die Schlußfolgerung, daß es keine militärische Lösung dieses Konfliktes gibt. Er beschloß, eine politische Lösung zu finden.

Eine kleine Gruppe von israelischen Friedensaktivisten entschied sich, sich dieser Initiative anzuschließen. Wir gründeten den "Israelischen Rat für israelisch-palästinensischen Frieden". Arafat wies seine Gesandten an, sich mit uns in Verbindung zu setzen - zuerst Sa'id Hamami, dann Issam Sartawy, zwei ranghohe Fatahführer. Beide wurden später von Feinden des Friedens und Feinden Arafats ermordet. Möge ihr Andenken unvergessen sein.

1982, in der Mitte des Libanonkrieges, überquerte ich die Frontlinien und traf mich mit Arafat im belagerten Beirut. In der Mitte der Schlacht, inmitten der Bombardements, sprach Arafat über Frieden zwischen unsern beiden Völkern.

Schon damals legte Arafat die Grundlage für eine auf drei Prinzipien beruhende Strategie: den Kampf des palästinensischen Volkes durchzuhalten, die Hand dem israelischen Friedenslager entgegenzustrecken und zu internationaler Solidarität aufzurufen. Dies sind auch heute die drei Prinzipien von Bil’in.

Man könnte nun fragen – tatsächlich muß man fragen: Was hat das israelische Friedenslager bis jetzt erreicht?

Oberflächlich betrachtet – nichts. Im Gegenteil, seit dem Oslo-Abkommen ist die Situation der Palästinenser von Jahr zu Jahr schlimmer geworden. Das wirtschaftliche Elend verschlimmert sich weiter. Jeden Tag werden Menschen getötet. Der Bau der monströsen Mauer geht weiter. Die rassistischen Siedlungen breiten sich schnell aus. Gerade eben erfuhren wir, daß das Jordantal – ein Drittel der West Bank – von den palästinensischen Gebieten abgeschnitten und praktisch von Israel annektiert wird. Der Sieg von Hamas bei den palästinensischen Wahlen ist eine Folge dieser Taten.

All dies geschieht vor unseren Augen. Aber unter der Oberfläche wirkt ein entgegengesetzter Prozeß.

Vor 50 Jahren hatte nur eine Hand voll Leute in Israel und aller Welt die Existenz des palästinensischen Volkes anerkannt. Sogar vor 32 Jahren konnte Golda Meir noch behaupten, daß "es so etwas wie ein palästinensisches Volk gar nicht gibt." Heutzutage gibt es in Israel und der Welt keine vernünftige Person, die die Existenz des palästinensischen Volkes und seine Rechte auf einen eigenen Staat leugnet. Das ist ein Sieg für den hartnäckigen palästinensischen Kampf, aber auch für die israelische Friedensbewegung.

Vor zwanzig Jahren, als wir Verhandlungen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation forderten, waren wir eine kleine Gruppe. Uns wurde gesagt, daß Arafat ein Mörder, daß die PLO eine terroristische Organisation sei, daß die Palästinensische Charta zur Zerstörung Israels aufrufe - genau dieselben Phrasen, die jetzt für Hamas benützt werden. Aber einige Jahre später erkannte der Staat Israel die PLO an, verhandelte mit ihr und unterzeichnete ein Abkommen mit ihr. Das war ein Sieg für den hartnäckigen palästinensischen Kampf, aber auch ein Sieg für die israelische Friedensbewegung.

Liebe Freunde, es ist sehr leicht, zu verzweifeln. Jeder von uns hat Momente der Niedergeschlagenheit. Aber ich bin davon überzeugt, daß der Frieden gewinnen wird, daß die Gerechtigkeit gewinnen wird.

Vor ein paar Wochen war ich in Berlin. Dort werden in Läden Stücke der Berliner Mauer zum Verkauf angeboten. Ich bezahlte 2,50 Euro für ein solches Stück. Der Tag wird kommen, wenn auch hier in Bil’in, im freien Staat Palästina, Stücke der Mauer verkauft werden, gegen die wir heute kämpfen.

Jedes Mal, wenn ich in Bil’in oder an anderen Orten im besetzten Palästina bin, muß ich daran denken, Was dieses Land doch für ein Paradies sein könnte, wenn hier Frieden wäre, Frieden, der sich auf Gerechtigkeit und gegenseitiger Achtung gründet.

Dieser Frieden wird kommen. Und wenn er kommt, wird auch der letzte Wunsch Yasser Arafats, dessen Bild hier hängt, in Erfüllung gehen: seine sterblichen Überreste werden in Jerusalem ihre letzte Ruhe finden.



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