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Ein "Vier-Buchstaben-Wort"

Kein Platz für Frieden im israelischen Wahlkampf

15.03.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Ein "Vier-Buchstaben-Wort" bezeichnet im Englischen einen rüden Kraftausdruck. Gemeint ist die vulgäre Beschreibung eines sexuellen Aktes oder eines Geschlechtsteils und eine gebildete Person wird ihn nicht verwenden.

Nun erscheint es so, daß es in der hebräischen Sprache auch ein "Vier-Buchstaben-Wort" gibt, das von anständigen Menschen nicht benutzt wird, insbesondere nicht während einer Wahlkampagne. Eine (politisch) korrekte Person vermeidet um jeden Preis diesen Begriff.

Dieses Wort heißt "Frieden" (das im Hebräischen mit vier Buchstaben geschrieben wird).

In dieser Woche verlagerte sich die Wahlkampfpropaganda von der Straße weg, ins Radio und Fernsehen. Das israelische Gesetz gestattet jeder Kandidatenliste ein Minimum an freier Sendezeit (10 Minuten im Fernsehen), wobei die in der auslaufenden Knesset repräsentierten Parteien entsprechend ihrer Größe zusätzliche Sendeminuten erhalten. Weitere Fernseh- oder Radiowahlkampfspots sind nicht erlaubt.

In der Konsequenz wurde die Aufgabe der Wahlkampfpropaganda den Politikern aus den Händen genommen und "Experten" übergeben – Werbeleute, Texter und die verschiedenartigen "Strategen". Das ist ein Haufen von Zynikern. Wie Rechtsanwälte, so sind auch die meisten Werbeleute Söldner. Heute dienen sie vielleicht einer linken Partei und morgen verkaufen sie ihre Dienste einer rechten. Ihre persönlichen Meinungen zählen nicht, Geschäft ist Geschäft.

Wenn ein Werbefachmann eine Wahlkampfkampagne plant, so ist es nicht sein Ziel, das Programm der Partei, die ihn engagiert hat, zu erklären, sondern Wähler anzuziehen. Er ist mehr Zirkusjongleur denn Prediger.

Wahlkampfpropaganda ist wie ein Kleid: es soll attraktive Merkmale seines Besitzers betonen und die weniger attraktiven verbergen. Der Unterschied besteht darin, daß ein Werbefachmann Gliedmaßen erfinden kann, die nicht existieren und existente abschneiden kann, entsprechend den Forderungen des Marktes.

Einer der größten Kopfschmerzen des Propagandisten ist, daß seine Kandidaten - Gott bewahre - den Mund aufmachen und ihre wahren Ansichten kundgeben könnten und so die Vorstellung ruinieren. Wie ein bekannter Werbefachmann zu mir sagte: "Einen Politiker zu verkaufen ist wie Zahnpasta zu verkaufen, mit einem wichtigen Unterschied – Zahnpasta redet nicht!".

Daher sagt Wahlkampfpropaganda nicht viel über die wahren Vorhaben der Politiker und ihrer Parteien. Man kann von vorneherein annehmen, daß die meisten Inhalte der Werbesfilme betrügerisch sind. Würde ein kommerzielles Unternehmen derart betrügerische Prospekte an der Börse verbreiten, es würde angeklagt.

Heißt das, daß die Wahlkampfpropaganda nicht interessant ist? Im Gegenteil, man kann eine Menge davon lernen. Es spiegelt zwar nicht die wahren Positionen der Parteien wider, aber sehr wohl die öffentliche Stimmung. Genauer: die öffentliche Stimmung, wie sie den Experten erscheint, die täglich Umfragen durchführen, Testgruppen befragen und dergleichen.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Werbefilme zu untersuchen.

In einem seiner Fälle bemerkt Sherlock Homes, daß die Lösung des Rätsels in dem eigenartigen Vorfall mit dem Hund in der Nacht lag. "Aber der Hund hat in der Nacht nichts getan!", rief sein Assistent aus. "Genau das ist das sonderbare!", erwiderte Sherlock.

Der bemerkenswerte Vorfall der gegenwärtigen Wahlkampagne ist das Wort, das in ihr nicht vorkommt: das Wort "Frieden".

Ein Fremder wird sein Fehlen nicht verstehen. Immerhin ist Israel in einem ständigen Kriegszustand. Die Werbefilme selbst sind voll von angsteinflößenden Hamas-Paraden. Die Angst vor Selbstmordattentaten ist in Israel größer als jede andere Angst. Die Logik sagt, daß eine Partei, die den Frieden verspricht, allerhöchste Popularität erreichen wird. Dennoch, Wunder über Wunder, beansprucht keine der wichtigen Parteien diese Krone für sich. Mehr als das, keine der wichtigen Parteien erwähnt das Wort "Frieden" auch nur in ihren Sendungen.

Kadima spricht von Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung – ohne auszusprechen, um welche Hoffnung es sich handelt, Hoffnung auf was? Sie spricht von "Macht", sogar von der "Chance auf einen politische Bewegung". Frieden? Njet.

Kadimas Meisterstück ist ein Werbefilm, der die ganze Truppe - Herzl, Ben-Gurion, Begin, Sharon und Rabin - für die eigenen Zwecke einspannt. Er zeigt Herzl beim Verkünden der zionistischen Idee, Ben-Gurion bei der Gründung des Staates Israel, Begin beim Friedensschluß mit Ägypten, Sharon beim Überqueren des Suez-Kanals im Yom-Kippur-Krieg und Rabin bei der Friedensvertragsunterzeichnung mit – König Hussein.

König Hussein? Moment mal. Hat Rabin nicht ein Abkommen mit der PLO unterzeichnet und die Hand Yasser Arafats geschüttelt? War das nicht der Höhepunkt seines Lebens? Wurde ihm nicht dafür der Friedensnobelpreis verliehen? War der Frieden mit Hussein nicht eher ein Nachtrag, da Hussein bereits mehr als 40 Jahre lang ein inoffizieller Verbündeter Israels gewesen war? Aber Kadima hat sich entschlossen, Arafat um keinen Preis zu zeigen. Die Partei könnte, Gott bewahre, beschuldigt werden, Frieden mit den Palästinensern anzustreben!

Amir Peretz von der Arbeiterpartei hätte versucht sein können, über Frieden zu reden, wenn seine "Berater" ihn nicht rechtzeitig zum schweigen gebracht hätten. Er fühlt sich sehr viel sicherer, über Kinder ohne Nahrung und Alte ohne Pensionen zu sprechen.

Der Likud spricht natürlich nicht über Frieden. Binyamin Netanyahu ist hervorragend darin, Leuten Angst einzujagen. Zu diesem Zwecke holte er vom Schrottplatz ein paar gebrauchte Generäle zurück, die bezeugen, daß Hamas und die Palästinensische Autonomiebehörde eine existentielle Bedrohung Israels darstellen, genau wie die schreckliche Iranische Bombe. Nur der große Bibi weiß, wie man mit denen umgehen muss. Frieden? Mach´ keine Witze!

Am amüsantesten ist die Meretz, die von Yossi Beilin, dem Erfinder der "Genfer Initiative", angeführt wird. In Ihrem Hauptwerbefilm werden Frauen und Männer gezeigt, die Papierstreifen in die Ritzen der Klagemauer stecken, während sie ihrem dringlichsten Wunsch Ausdruck geben. Es gibt eine Frau, die sich nach einem akademischen Abschluß sehnt, ein Mann, der einen anderen Mann heiraten will, ein Großvater, der Geld möchte, um seinem Enkelsohn ein Geschenk kaufen zu können, eine Christin, die sehnlichst als Jüdin anerkannt werden will, eine Mutter, die ihren Sohn in den Kindergarten schicken möchte, eine Frau, die nach einer Scheidung schmachtet. Und was ist das eine, nach dem sich - laut der Meretz-Propaganda – niemand sehnt, nach dem niemand schmachtet, nach dem niemand verlangt?

Richtig geraten: Wieder dieses Vier-Buchstaben-Wort.

Was sagt das alles über die israelische Öffentlichkeit im Jahre 2006 aus?

Es besagt, daß die große Mehrheit der jüdischen Israelis nicht an Frieden glaubt. Frieden wird als Traum wahrgenommen, als etwas, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Eine Partei, die über Frieden spricht, kennzeichnet sich selbst damit, in einer Phantasiewelt zu leben. Noch schlimmer, es könnte vermutet werden, sie sei "Araber-liebend". Was könnte schrecklicher sein?

Also an was glauben die Israelis? Sie wollen einen jüdischen Staat mit einer so groß wie möglichen jüdischen Mehrheit. Darin besteht Übereinkunft zwischen allen jüdischen Parteien. Sie glauben daran, die endgültigen Grenzen Israels einseitig festschreiben zu können, ohne mit diesen Palästinensern zu sprechen. Die Palästinenser haben, wie ja jedermann weiß, soeben die Hamas gewählt und wollen uns ins Meer werfen.

Welche Grenzen? Ehud Olmert enthüllt schrittweise, was er im Sinn hat. Seine Karte wird die Leser dieser Kolumne nicht überraschen. Sein Groß-Israel beinhaltet das ganze Territorium, das zwischen der Trennungsmauer und der Grünen Linie liegt; und zusätzlich das Jordantal; Groß-Jerusalem, was die Siedlung Ma´aleh Adumim und das Territorium zwischen ihr und der Stadt einschließt (aber einige dichtbesiedelte arabische Viertel aufgibt); die Siedlungsblöcke von Ariel, Alfei-Menasheh, Modi´in-Illit und Gush Etzion; sowie „Sonder- Sicherheitsbereiche“. Er nimmt sich in acht, nicht wirklich eine Karte zu zeichnen, so daß über die Grenzen der Siedlungsblocks keine Gewissheit besteht. Aber er beabsichtigt definitiv mehr als die Hälfte der West Bank zu annektieren.

Für Netanyahu ist dies natürlich krasser Verrat, eine beschämende Unterwerfung unter die Araber. In seinen Werbefilmen prangert er Olmerts Grenzen als "zum Terrorismus einladende Grenzen" an. Der Likud zeichnet tatsächlich eine Karte, in der die Mauer direkt in das Herz der West Bank geschoben wird.

Die Arbeiterpartei und Meretz stimmen im Prinzip der Annektierung der Siedlungsblöcke zu, aber sie veröffentlichen keine Karten. Sie erwähnen halbherzig einen undefinierten Tausch von Territorien. Kein Wunder, wo sie doch beinahe öffentlich wahrnehmbar davon träumen, sich einer Koalition unter Olmert anschließen zu können, die ja wahrscheinlich nach den Wahlen zustande kommen wird. Die Koalitionskarte ist wichtiger als die Karte der annektierten Territorien.

Und Frieden? Shhhhhhh…





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