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Eine widerliche Übung

Die Einseitigkeit israelischer Abkommen

21.03.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Das zentrale Thema dieses Artikels ist Widerlichkeit. Deshalb entschuldige ich mich schon im voraus für die häufige Verwendung dieses und ähnlicher Wörter.

Im Wörterbuch finde ich noch eine Reihe von Synonymen: abscheulich, ekelhaft, übel, unangenehm, unsympathisch, gräulich, scheußlich, abstoßend, abschreckend, widerwärtig, hassenswert, verabscheuungswürdig und einige mehr. Sie sind alle Teil meiner Gefühle über diese Aktion, die am Dienstag in Jericho statt fand.

Zuallererst war es zunächst verabscheuungswürdig, weil es ein Wahlpropagandatrick war. Wenn ein Politiker eine Armee hinausschickt, um Stimmen zu sammeln, ist es ein widerwärtiger Akt. Bei dieser Aktion sind drei Menschen getötet worden. Viele weitere Leben, israelische und palästinensische, wurden in Gefahr gebracht.

Der schreckliche Zynismus der Entscheidung lag offen zu Tage. Sogar die Wähler bemerkten es: bei einer Meinungsumfrage zwei Tage später sagten 47 Prozent, daß die Entscheidung von Wahlüberlegungen beeinflußt worden war, nur 49 Prozent dachten anders.

Dies ist nicht das erste Mal, daß Ehud Olmert auf seinem Weg zur Macht über Leichen geht. Als Bürgermeister von Jerusalem trieb er die Öffnung des Tunnels in der Nähe der muslimischen Heiligtümer voran, was (wie erwartet) zu dutzenden von Opfern führte. Binyamin Netanyahu, sein damaliger Mittäter, ist aus ähnlichem Holz geschnitzt.

Netanyahu war wenigstens einmal ein Soldat an der Front, der sein eigenes Leben im Kampf riskierte. Weitaus verachtenswerter ist aber ein Politiker, der andere hinausschickt, damit sie ihr Leben aufs Spiel setzen, aber selbst penibel darauf achtet, nicht sein eigenes zu riskieren. Zu dieser unrühmlichen Gruppe zählen auch George W. Bush und Dick Cheney, zwei Serien-Kriegstreiber.

Olmert hatte ein Problem. Seine Partei sackte in den Umfragen langsam ab. Mit der Zeit, merkten einige der Kadima-Anhänger, daß Olmert eben kein Sharon ist. Sharons Ruhm leitet sich vor allem daraus ab, daß er ein siegreicher General war, der im Yom-Kippur-Krieg mit einer großen Bandage um den Kopf herumlief (bis heute ist nicht ganz klar, welchem Zweck sie diente). Olmert benötigte dringend eine Militäraktion, die ihm die Lorbeeren eines harten Militärkommandeurs verschaffen und ihm helfen würden, seinen Spitznamen loszuwerden, der ihm vom Likud verpaßt worden war: Smolmert. ("Smol" bedeutet im Hebräischen "links".)

Der Trick zahlte sich aus. In derselben Meinungsumfrage sagten 20,7 Prozent der Wähler, daß die Jericho-Aktion sie überzeugt hätte, für Kadima zu stimmen oder wenigstens sie in ihrer Entscheidung bestärkt habe, dies zu tun.

Im allgemeinen sollte man sich vor einem zivilen Politiker hüten, der einem Führer nachfolgt, der mit militärischen Lorbeeren gekrönt war. Man muß nur an den klassischen Fall von Anthony Eden denken, dem Erben von Winston Churchill, der im Oktober 1956 den Suez-Krieg initiierte.

Woran erinnert uns dieser Krieg? Die geheime Absprache.

Die Briten wollten Gamal Abd al-Nasser stürzen, weil er die Frechheit besaß, das Eigentum der britischen Aktionäre der Suez-Kanal-Gesellschaft zu enteignen. Die Franzosen wollten ihn zu Fall bringen, weil er die Algerier in ihrem Befreiungskrieg unterstützte. Sie verschworen sich mit David Ben-Gurion, der die wiederbewaffnete ägyptische Armee zerstören wollte. Der wichtigste Vermittler dieser geheimen Absprache war Shimon Peres, jetzt die Nummer 2 auf der Kadima-Liste.

Es spielte sich folgendermaßen ab: Israelische Fallschirmspringer, befehligt von Ariel Sharon (Gründer von Kadima) sprangen in der Nähe des Suez-Kanals ab. Großbritannien und Frankreich stellten ein gefälschtes Ultimatum, das Ägypten und Israel aufforderte, ihre Streitkräfte vom Kanal abzuziehen – eine absurde Forderung, da der Kanal weit innerhalb des ägyptischen Territoriums liegt. Wie im voraus abgemacht, weigerte sich Israel und dann drangen britische und französische Streitkräfte in das Kanalgebiet ein und ließen die israelische Armee die Kontrolle über die ganze Sinaihalbinsel übernehmen. Die geheime Absprache war so primitiv und offensichtlich, daß sie sofort aufgedeckt wurde. Ende von Eden.

Die Jericho-Affäre ist unglaublich ähnlich: die Briten und Amerikaner gaben vor, sich um die Sicherheit ihres Beobachtungspersonals zu ängstigen, das nach einem Abkommen, auf das ich später noch einmal zurückkommen werde, in Jericho stationiert war. Sie sagten Mahmoud Abbas, sie würden sie möglicherweise abziehen. Zu einem mit dem israelischen Ministerpräsidenten insgeheim abgemachten Zeitpunkt gingen die britischen und amerikanischen Beobachter und die israelische Armee kam. Die Vorbereitungen dazu waren schon Wochen zuvor angelaufen.

Eine Sache sollte zu Gunsten von George W. Bush und Tony Blair (und seinem erbärmlichen Außenminister Jack Straw) gesagt werden: sie brachten den ältesten Beruf der Welt zur ältesten Stadt der Welt zurück. Der rote Faden von Rahav der Hure (Josua 2) führt zu diesem Akt der Prostitution.

Generalleutnant Dan Halutz kann auf diesen Sieg stolz sein. In der Vergangenheit war er wegen seines Ausspruches bekannt geworden, er fühle nur ein leichtes Beben des Flugzeugs, wenn er eine Bombe auf ein Wohnviertel fallen lasse, selbst wenn dabei auch Frauen und Kinder getötet würden. Danach schlafe er gut, sagte er. Nun hat er wirklichen Ruhm erlangt: mithilfe von dutzenden Panzern, Kampfhubschraubern und schweren Bulldozern gelang es ihm, sechs unbewaffnete Gefangene in der ruhigen, gewaltfreien, kleinen Stadt, die vom Tourismus lebt, gefangen zu nehmen.

Im Verlauf der Aktion schufen Halutz’ Soldaten ein abscheuliches Bild, das das Bild der israelischen Armee in den Augen der hunderten Millionen, die dies auf den Fernsehschirmen sahen, besudelten. Sie befahlen den palästinensischen Polizisten und Gefangenen, sich auszuziehen, dann ließen sie sie in ihren Unterhosen photographieren, wieder und wieder - und wieder und wieder. Das war völlig unnötig. Der Vorwand: sie hätten versteckte Sprengstoffgürtel an sich haben können, war unter diesen Umständen lächerlich. Und selbst wenn es notwendig gewesen wäre, dann hätte dies weit entfernt von den Kameras geschehen können. Kein Zweifel: die Absicht war, zu demütigen, zu erniedrigen und sadistische Tendenzen zu befriedigen.

Ein Mensch kann vielleicht über Schläge hinwegkommen oder sogar Folter. Aber Demütigungen kann er niemals vergessen, vor allem nicht dann, wenn sie vor den Augen seiner Familie, seiner Freunde, Kollegen und aller Welt geschehen. Wie viele neue Terroristen wurden in diesem Augenblick geboren?

An jenem Tag besuchte ich zufällig Freunde in einem palästinensischen Dorf in der West Bank. Wir – meine Gastgeber und ich - waren an den Fernseher gefesselt (vorrangig Aljazeera). Als diese Bilder erschienen, konnte ich ihnen vor Scham nicht mehr in die Augen schauen.

Die israelischen Medien feierten. Sie feierten nicht nur, sie gerieten vor lauter Freude in Verzückung. Sie beteiligten sich in ihrer Weise an dem abscheulichen Geschehen und standen hinter der Regierung in Habachtstellung. Wie ein Schwarm Papageien, der einstimmig die verlogene offizielle Version wiederholte.

Es war ein Festival der Gehirnwäsche. Die "Mörder von Ze’evi" sind gefangen worden! Es war unsere nationale Pflicht! Wir konnten nicht ruhen, bis sie in unsere Hände fielen, tot oder lebendig!

Diese drei Wörter – "Mörder von Ze’evi" – wurden zu einem Mantra. Sie wurden endlos im Radio und im Fernsehen wiederholt, erschienen in den Zeitungen (in allen!) und den Reden der Politiker (bei allen!). So ist es: Israelis werden "ermordet", Palästinenser werden "eliminiert".

Warum – um Himmels willen? Rehavam Ze’evi, damals ein Kabinettminister, predigte Tag und Nacht den "Transfer", der Euphemismus für die Vertreibung der Palästinenser aus Palästina. Verglichen mit ihm sind Jean-Marie le Pen in Frankreich und Jörg Haider in Österreich sanfte Liberale. Seine gezielte Tötung ist nichts anderes als die gezielte Tötung Scheich Ahmed Yassins und zahlloser weiterer palästinensischer Führer, einschließlich Abu-Ali Mustafa, dem Führer der Volksfront, dem es nach Oslo erlaubt wurde, aus Syrien in die palästinensischen Gebiete zurückzukehren.

Dies ist Teil der endlosen Gewaltspirale: die israelische Armee tötete Abu-Ali Mustafa. Ihm folgte Ahmed Sa’adat, der gemäß dem israelischen Geheimdienst die Tötung von Rehavam Ze’evi als Rache angeordnet habe, und dessen Gefangennahme das Ziel der Jericho-Aktion war. Und so geht es weiter.

Um es deutlich zu sagen: Ich lehne jeden Mord ab. Ihre und unsere. Den Mord an Abu-Ali Mustafa und den Mord an Rehavam Ze’evi. Aber wer das Blut eines palästinensischen Führers vergießt, kann sich nicht über das vergossene Blut eines Israelis beklagen.

Die Affäre hat noch eine andere Seite, die nicht weniger abscheulich ist: die Haltung gegenüber der Einhaltung von Abkommen.

Sa’adat und seine Kollegen wurden in Jericho nach einem Abkommen festgehalten, das von Israel unterzeichnet worden war. Aufgrund dessen verließen sie – während der Belagerung Yassir Arafats - die Mukata'a in Ram Allah und kamen ins palästinensische Gefängnis in Jericho. Die USA und Großbritannien garantierten ihre Sicherheit und übernahmen es, ihre Gefangenschaft zu überwachen.

Was jetzt in Jericho geschah, ist ein eklatanter Bruch des Abkommens. Die erbärmlichen Vorwände, die in Jerusalem, London und Washington erfunden worden sind, sind eine Beleidigung der Intelligenz eines Zehnjährigen.

Israels Regierungen denken oft, der Bruch eines Abkommens sei ein patriotischer Akt, wenn er unseren Zwecken dient. Abkommen seien nur für die andere Seite verbindlich. Dies ist nicht nur eine sehr primitive Moral, es beschädigt auch unsere nationalen Interessen. Wer wird mit uns ein Abkommen unterzeichnen, wenn er weiß, daß es nur ihn verpflichtet? Wie kann Israel überzeugend von den Führern der Hamas fordern, "alle von der palästinensischen Behörde unterzeichneten Abkommen zu akzeptieren"?

Viele Israelis glauben, daß die Jericho-Aktion eine brillante Tat sei. Ich fand sie schlicht verabscheuungswürdig.



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