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Vier Worte, die Bände sprachen

Schuld in Zeiten des Krieges

02.04.2006  


Mike Ferner




"Verurteilt zur abgesessenen Zeit" waren die willkommenen Worte, gesprochen am 28. März von Richter Stephen Milliken am Obersten Gerichtshof des District of Columbia.

Ed Kinane aus Syracuse und ich standen vor Milliken, beschuldigt der Störung einer Anhörung eines Kongreß-Komitees am 8. März als Ed lautlos ein Plakat hochhielt auf dem "Beendet das Töten" stand und ich begann die Namen von in dem Krieg getöteten US-Soldaten und Irakern vorzulesen. Polizisten des Kapitols drängten uns hinaus, aber nicht, bevor wir nicht einige Momente der Realität in die Diskussion des Komitees über weitere 67.000.000.000 US-Dollar für den Krieg eingeworfen hatten.

Vor Gericht bestritten wir die Anschuldigungen nicht, aber wir zuckten zusammen, als die Anklage dafür plädierte, Ed, der schon zuvor bei einem Protest bei der „School of the Americas“ verhaftet worden war, zu sechs Monaten Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung und einer Anordnung, das Kapitol nicht mehr betreten zu dürfen, zu verurteilen. Ohne Vorstrafen begnügte sich die Anklage damit, für mich eine Bewährung und eine "wegbleiben"-Anordnung zu fordern.

Der Richter hörte zu, als jeder von uns eine vorbereitete Erklärung verlas. Ed sagte, sein Protest sei seiner Ansicht nach eine Art, den Kongreß um eine Änderung der Kriegspolitik zu ersuchen, die ihn äußerst betrübe. Er schloß, indem er Milliken ansah und sagte: "Mögen jeder von uns tun, was immer wir können, um diesen abscheulichen Krieg so schnell wie menschenmöglich zu beenden."

In meiner Erklärung beschrieb ich Bilder, die in meinem Kopf noch 35 Jahre, nachdem ich als Sanitäter in einem Marine-Krankenhaus während Viet Nam gearbeitet habe, sehr klar sind: "Bilder von jungen Soldaten und Marineinfanteristen, die Reihe um Reihe in Krankenbetten lagen, eingewickelt in Lagen aus weißen Verbänden. Bilder, wie ich Schrapnells aus Mike Ramsacks Gesäß entfernte, wie ich täglich Bob Butikofers Wunden versorgte und versuchte, ihn nicht zum Schreien zu bringen, wie ich die Beutel der künstlichen Darmausgänge von Jungs wechselte und hoffte, sie würden durch das Loch in ihren Eingeweiden, verursacht durch eine Schußwunde, nicht ihre Notdurft verrichten. Bilder der jungen Soldaten, den ich nicht richtig für ine Hirnszintigraphie anschließen konnte, weil ihm sein ganzer linker Schläfenlappen fehlte. Bilder von langen Reihen ambulanter Patienten, die aufs Abendbrot im Futtersaal des Krankenhauses warteten, in Rollstühlen sitzend, sich auf Krücken stützend, mit fehlenden Armen, Beinen und Augen. Bilder eines jungen Mannes, der still und gebrochen in einer Ecke der psychiatrischen Abteilung saß."

Ich sagte zu Richter Milliken: "Es gibt andere, neuere Bilder von meinen Reisen in den Irak, die ich nicht vergessen kann. Bilder der Kinder, die ich auf den Straßen Baghdads traf und jener in Abu Hishma, die ihr Hühnchen und ihren Reis mit einem amerikanischen Journalisten teilten, nachdem zwei Tage zuvor ein Marschflugkörper ihre Orangenplantage in Stücke gerissen hatte... Bilder des jungen Feldwebels des US-Heeres aus West Virginia, den ich eines nachts in Balad auf seiner Patrouille begleitete, der meine Frage 'Warum sind Sie hier im Irak?' mit einem müden Achselzucken und den Worten 'Ich weiß es wirklich nicht' beantwortete. Und sein Partner, ebenso ermüdet, der einfach 'Öl' antwortete."

"Ich sehe diese Bilder jeden Tag", sagte ich dem Richter. "Und ich weiß, daß die jungen Männer in jenem Marine-Krankenhaus vor 35 Jahren genau wie jene, die ich im vergangenen Jahr im Irak getroffen habe, für eine groteske Lüge getötet und verstümmelt werden."

Als die Polizei des Kapitols mich am 8. März aus dem Anhörungsraum des Haushaltsausschusses herauszerrte, erklärte ich dem Richter, sagte ich den Ausschußmitgliedern, daß sie Amerika unsicherer, nicht sicherer, machten; daß sie dutzende internationale und nationale Gesetze verletzten, indem sie einen Angriffskrieg führten und Verbrechen gegen den Frieden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen. "Ein Schauer müßte über unsere Seelen laufen", beharrte ich gegenüber Milliken, "wenn wir uns daran erinnern, daß diese Worte benutzt worden waren, um die Kriegsführung einer anderen Nation anzuklagen, einer Nation, über die wir gerichtet haben."

"Und ebenso wie gute Deutsche vor nicht allzulanger Zeit an den Verbrechen ihrer Regierung mitschuldig waren, so sind auch wir amerikanischen Bürger an den Verbrechen unserer eigenen Regierung mitschuldig. Weil wir mitschuldig sind, müssen wir unsere Stimmen gegen diesen monströsen Krieg auf jede mögliche gewaltfreie Art erheben, wenn wir uns von dieser Mitschuld freisprechen wollen."

"Euer Ehren, ich kann nicht dastehen und zusehen, wie diese Verbrechen weitergehen. Ich muß meine Stimme den tausenden anderen, die für ein Ende aufschreien, hinzufügen bis wir Amerikas Gewissen geweckt haben", erklärte ich. Dann sah ich ihn direkt an und lud ihn ein, "uns zu helfen, das Gewissen unserer Nation zu wecken", indem er entschied, daß was ich tat, als ich die Namen der in diesem Krieg getöteten US-Soldaten und Iraker verlas, keine Störung, sondern eine Bürgerpflicht war.

Der Gerichtssaal war einen Augenblick lang völlig still. Richter Milliken hielt inne, stellte den Anklägern einige weitere Fragen, fragte Ed, mich und unseren Anwalt Mark Goldstone, ob wir noch etwas zu sagen hätten, hielt erneut inne und sagte: "Verurteilt zur abgesessenen Zeit."

War Richter Milliken von einem ungewöhnlichen Anflug von Gerechtigkeit getroffen? Gehört er zu der wachsenden Mehrheit von Amerikanern, die den Krieg ablehnen und erkannte einfach eine Gelegenheit, etwas daran zu tun? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. Aber ich ziehe es vor zu glauben, daß er mit diesen vier Worten Bände sprach: "Verurteilt zur abgesessenen Zeit."





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