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"Die Bäume gingen hin..."

Der neue israelische Premierminister

16.04.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Heute wurde Ehud Olmert Premiermister Israels. Nicht länger nur ein "stellvertretender Premierminister", sondern ein wirklicher. Hundert Tage nachdem Ariel Sharon ins Koma fiel, wurden ihm Job und Titel genommen, wie es das Gesetz fordert. Olmert ist nun der amtierende Ministerpräsident der Übergangsregierung und in ein paar Wochen von nun an, nachdem die neue Koalition gebildet wurde, wird er der Chef einer regulären Regierung werden.

All dies geschah ohne eine echte Debatte über Olmert. Der Mann, der sein Leben lang eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens war, ist den meisten Bürgern eigentlich unbekannt. Der Öffentlichkeit genügt es, dass er der "Erbe Sharons" ist.

Doch kann man sich kaum einen größeren Unterschied zwischen zwei Personen vorstellen wie jenen zwischen Sharon und Olmert. Es ist der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Fuchs, zwischen dem König der Tiere und dem Listigsten unter ihnen (den Fabeln zufolge). Sharon ist eine außergewöhnliche Person, ein Abenteurer, ein Führer von Armeen, ein Mann des Krieges, der Schöpfer großartiger Konstruktionen (im allgemeinen mit schwachen Fundamenten), ein kreativer, starker, gefährlicher und charismatischer Führer. Olmert ist ein Politiker ist ein Politiker ist ein Politiker.

Die perfekte Beschreibung eines Politikers wurde vor mehr als 2.000 Jahren geschrieben, über eine Person, die - der Legende zufolge vor fast 1.000 Jahren gelebt haben soll: Abimelech, König von Shechem (heute Nablus).

Wie im Buch der Richter (Kapitel 9) beschrieben, war Abimelech der Sohn eines großen Führers. Nach dem Tod seines Vaters tötete er seine 70 Brüder "auf einem Stein" und wurde Diktator.

Nur Jotham, der jüngste Bruder, entkam dem Massaker. Er kam und stellte sich auf den Gipfel des Berges Gerizim, der über der Stadt liegt, und erzählte den Männern von Shechem in wunderbarem Hebräisch eine unsterbliche Fabel, die mit den Worten beginnt: "Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben ...."

Sie gingen auf ihre Baum-Gefährten zu, auf einen nach dem anderen, und boten ihnen die Krone an. Als sie zum Olivenbaum kamen, verweigerte er verächtlich das Angebot: "Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen und hingehen, über die Bäume aufzusteigen?" Auch der stolze Feigenbaum lehnte ab: "Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und über die Bäume aufsteigen?"

Und so hat jeder Baum der Reihe nach vorgezogen, sinnvolle Dinge zu tun, statt in die Politik zu gehen. Nur der Dornbusch, der keine Früchte, keinen Duft und keinen Schatten hat, war unter einer Bedingung damit einverstanden zu regieren: "Wenn es wahr ist, daß ihr mich zum König über euch salben wollt, so kommt und bergt euch in meinem Schatten; wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons."

Der biblische Geschichtenerzähler meinte damit, daß der gewöhnliche Politiker ein unnützer Geselle sei und daß jeder, der schöpferische Gaben hat, von diesem Beruf Abstand nehmen solle. Das ist nun die weitverbreitete Ansicht in Israel und in der ganzen Welt. Aber das legt eine simple Frage nahe: Wenn es so ist, wer wird dann den Job tun? Denn Politik ist ein notwendiger Beruf irgendjemand muß weitgehende Zustimmung erhalten, um Aufgaben zu erfüllen, Gesetze zu erlassen und die Gesellschaft zu verwalten. Und wenn weder der Oliven- noch der Feigenbaum sich herablassen und freiwillig den Job übernehmen, bleibt dies dem Dornbusch überlassen. Das heißt, jemandem, dessen herausragendste Eigenschaft Machthunger ist.

Wie aus seiner Biographie bekannt ist, litt Olmert in seiner Kindheit an großer Entbehrung. Eine Gruppe alter Revisionisten (Mitglieder der rechtesten zionistischen Bewegung, der Vorgängerin der Herut-Partei) bauten sich einen Stadtteil am Rande von Binyamina, im Süden von Haifa, dessen alte Bewohner sie mit Verachtung behandelten. Es ist möglich, daß dies den Jungen Ehud beeinflußte und anspornte, hervorzutreten, um öffentliche Anerkennung zu erlangen und auch reich zu werden.

Ich traf ihn das erste Mal in den Sechzigern, als ich ein Mitglied in der Knesset war. Der junge Olmert war der Lehrling und (buchstäblich) der Diener von einem anderen Mitglied: Shmuel Tamir.

Man konnte eine Menge von Tamir lernen. Er war ein talentierter Egomane, der davon überzeugt war, daß die Vorsehung ihn von Geburt an zum Premierminister bestimmt hatte. Er hatte eine große Begabung, Leute anzuziehen und sie zu seinen ergebenen Dienern zu machen, um sie so weit wie möglich auszunutzen und sie dann wie eine ausgepresste Zitrone wegzuwerfen. Er hatte viel persönlichen Charme und war ein Genie in der Öffentlichkeitsarbeit. Immer war ein Pulk von Journalisten um ihn herum, bereit ihm zu dienen. Fast alle von ihnen wurden später seine Feinde. Sein politisches Leben war ein irres Hin und Her zwischen den verschiedensten Parteien, Splittergruppen und Vereinigungen, mit Positionen von Tauben und Falken, bis er den Posten des Justizministers erhielt und nicht weiter kam. Auf dem Weg gelang es ihm auch, reich zu werden.

Das war das Beispiel, das Olmert vor Augen hatte, als er seine politische Karriere begann. Sein Weg sieht aus wie ein Fluß, der sich mal nach rechts, mal nach links schlängelt, manchmal auch zurück, aber in seinem Streben keinen Augenblick ruht, bis er das Meer erreicht hat die höchste Macht. Es mag Jahrzehnte gedauert haben, doch nun ist er angekommen.

Tamir ein früheres Mitglied des Irgun, begann seine politische Karriere zunächst als Mitglied der Herut-Partei, verließ sie, trat wieder ein, versuchte Menachem Begin abzusetzen, versagte, und war gezwungen, die Partei zu verlassen. Also gründete er eine kleine Partei, die sich das "Freies Zentrum" nannte. Olmert, von Geburt an ein Revisionist, glaubte, daß Tamir, der viel jünger als Begin war, vielversprechender war und schloß sich seiner erfolglosen Rebellion an. Er fand sich dann als Juniorfunktionär in einer kleinen Partei wieder.

Tamir förderte den Jüngeren. Zu spät verstand er, daß sein Schüler begabter war, als er dachte: dieser verhielt sich gegenüber Tamir wie Tamir gegenüber Begin. Er verursachte eine Trennung zwischen Tamir und seinem Partner, dem alten Politiker Eliezer Shostak vom rechten Flügel, verließ mit ihm die Partei und gründete eine andere mit Shostak. Dann stürzte er Shostak und übernahm selbst die Führung der Splittergruppe. Die Affäre verursachte einiges Lächeln, als Olmert (buchstäblich) mit den Stempeln der Partei davonlief, um diese zu übernehmen.

1973 einigte Ariel Sharon den rechten Flügel zu einem neuen Block, "Likud" ("Einigung") genannt. Abgesehen von der Herut und Liberalen Parteien, die schon in einer gemeinsamen Fraktion vereint waren, fügte er noch zwei winzige Gruppen hinzu: Tamirs Freies Zentrum und die Staatsliste, ein Überbleibsel von Ben-Gurions Anhängern. (Als ich ihn damals fragte, welchen Nutzen diese beiden, die keine Stimmen hatten, sagte er mir: "Es ist wichtig, den Eindruck zu erwecken, daß die ganze Rechte sich vereinigt. Deshalb kann ich niemanden außen vor lassen.")

Bei den Wahlen, die am letzten Tag des Jahres 1973 stattfanden, erschien der von Menachem Begin geführte Likud als einheitlicher Block. Sharon war die Nummer 6 auf der Liste, Olmert Nummer 36. Seitdem arbeitete er unermüdlich, mit unzähligen Tricks, um näher an die Spitze heranzukommen. Er kam auf Nummer 26 (1981), Nummer 24 (1984), Nummer 22 (1988), Nummer 13 (1991) und Nummer10 (1995). Dann entschied er sich für eine Abkürzung: er wurde der Likud-Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Jerusalem und besiegte den alten Teddy Kollek.

Als Bürgermeister arbeitete er an zwei Fronten: er unterdrückte die arabische Bevölkerung und verwöhnte die Orthodoxen. Die annektierten arabischen Stadtviertel wurden systematisch vernachlässigt. Er trieb den Premierminister Binyamin Netanyahu an, den Tunnel in der Nähe der muslimischen Heiligen Stätten zu öffnen, was Unruhen mit dutzenden von Toten auslöste. Er ermutigte amerikanisch-jüdische Millionäre, jüdische Siedlungen mitten in arabischen Stadtteilen zu bauen und kämpfte darum, den wunderschönen und bewaldeten Abu Ghneim-Hügel in die jüdische Siedlungsfestung Har-Homa zu verwandeln. Am Ende drängte er zum Bau der Trennungsmauer, die die arabischen Wohnbezirke zerschneidet.

Mit den Orthodoxen auf der anderen Seite - hielt er eine starke Verbindung, die ihn an der Macht hielt und schließlich überreichte er ihnen die Schlüssel zur Stadt. Die säkulare jüdische Bevölkerung zog in Scharen aus der Stadt aus.

All dies half ihm nichts. Als er sich entschloß, wieder in die Knesset einzutreten, warfen ihn die 3.000 Mitglieder des eigenwilligen Likud-Zentralkomitees fast aufs Startfeld zurück: Nummer 32 auf der Wahlliste. Aber Sharon, der neue Parteiführer, entschied, daß es sich lohnte, die Loyalität dieses frustrierten, ehrgeizigen Politikers zu gewinnen. Als er seine Regierung bildete, versuchte er, ihm das mächtige Finanzministerium zu überlassen. Doch erwies sich dies als unmöglich, weil Netanyahu, die Nummer 2 auf der Liste, nicht beiseitegeschoben werden konnte.

Die Lösung war, Olmert ein zweitrangiges Ministerium, Industrie und Handel, zu geben, verbunden mit einem Trostpreis: den renommierten, aber wertlosen Titel des "stellvertretenden Premierministers". Das einzige Vorrecht des Titelträgers war, dem Kabinett vorzusitzen, wenn der Premierminster im Ausland war. Sharon reiste nicht viel.

Und dann geschahen zwei Dinge: Sharon - von Olmert gedrängt spaltete den Likud und fiel dann ins Koma. Der "Stellvertreter" wurde natürlicherweise sein vorübergehender Erbe und der vorübergehende Erbe wurde sein permanenter Nachfolger. Nach 40 Jahren des Mäandrierens hatte der Fluß das Meer erreicht.

Wie wird sich Olmert als Premierminister entwickeln? Wird sich der Fuchs in einen Löwen verwandeln, der Nur-Politiker in einen Staatsmann?

Die ersten Schritte lassen nichts Gutes ahnen. Olmert machte zwar keine ernsten Fehler, die Wahlergebnisse waren aber trostlos: von den 45 Sitzen, die Sharon bei den Meinungsumfragen versprochen wurden, gewann er bei der Wahl nur 29 Sitze. Seitdem spielte er den arroganten Führer, besonders gegenüber der Arbeitspartei, seinem unentbehrlichen Koalitionspartner. Er versucht, die rassistische Partei von Avigdor Lieberman in sein Kabinett miteinzubeziehen, behandelt Mahmoud Abbas mit offener Verachtung, boykottiert die gewählte palästinensische Führung (die "Hamas-Regierung") und gibt dem Verteidigungsminister Shaul Mofaz freie Hand, die Palästinenser zu bombardieren und auszuhungern.

Um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren, hat er Sharons Trennungsplan einen neuen Namen gegeben: "Konvergenz" ("Zusammenstreben"). Er sprich über ihn in vagen Redewendungen, ohne Karten und Terminkalender. Er könnte der Annektierung von großen Gebieten ("ohne Araber") dienen oder sich als ein Phantasie-Plan herausstellen, der niemals ausgeführt wird. Offensichtlich ist ihm sein Wunsch für eine breite und bequeme Koalition wichtiger als die Realisierung eines Planes, der ein entschlossenes und auf ein Ziel konzentriertes Kabinett verlangt.

Es ist noch zu früh, vorauszusehen, wohin er gehen wird. Die Geschichte kennt Politiker, die aus dem Schatten der großen Führer heraustraten und die Welt überraschten. Ein solcher war Harry Truman, der Franklin Delano Roosevelt folgte und seiner Präsidentschaft einen eigenen Stempel aufdrückte. Ein anderer war Anwar al-Sadat, der Nachfolger des charismatischen Gamal Abd-al-Nasser. Aber es stimmt auch, daß es zahllose Gegenbeispiele gibt.

Es wird gesagt, daß ein Politiker an die nächsten Wahlen, ein Staatsmann aber an die nächste Generation denkt.





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