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Offene Fragen

Zu den Hintergründen "von Potsdam"

24.04.2006  






Vor einigen Tagen ist in der deutschen Stadt Potsdam ein Mann bei einem tätlichen Angriff so schwer verletzt worden, daß er von den behandelnden Ärzten in ein künstliches Koma versetzt wurde, in dem er sich immer noch befindet.

Dieser eine Satz faßt - fast - alle gesicherten Informationen, die bisher - zumindest öffentlich - vorliegen, zusammen. Richtig, bei dem Opfer handelt es sich um einen gebürtigen Äthiopier, der kurz vor der Tat mit seinem Mobiltelephon seine Ehefrau anrief, diese aber nicht erreichte, sondern begann, auf den Anrufbeantworter zu sprechen, wobei auch die verbale "Anfangsphase" des fast tödlichen Angriffs aufgezeichnet wurde.

Spätestens ab hier fangen die Informationen aber an, ungenau, insbesondere aber unübersichtlich zu werden.

Auf den ersten Blick schien alles ganz klar: das 37 Jahre alte Opfer, ein Ingenieur, war das Opfer eines fremdenfeindlichen Übergriffs geworden. Schnell sprachen Politiker, Strafverfolger und Medien von einem "rassistisch motivierten Mordversuch". In ersten Äußerungen hieß es, die auf der Aufnahme zu hörenden Stimmen ließen vermuten, daß es sich bei den Angreifern um einen Mann und eine Frau gehandelt habe. Mittlerweile sind aufgrund der Ermittlungen zwei Männer verhaftet worden. Einer der beiden Männer sei laut Generalbundesanwalt Kay Nehm "wahrscheinlich" einer derjenigen, die auf der Aufnahme zu hören seien. Auf den zweiten Verdächtigen weise am Tatort an Scherben einer Bierflasche gefundenes DNS-Material hin.

Die in den Medien immer wieder wiederholte Behauptung, das Opfer befinde sich nach wie vor „in Lebensgefahr“ ist zwar per se nicht falsch, vermittelt aber durchaus einen falschen Eindruck. Den behandelnden Ärzten zufolge befindet er sich zwar "in Lebensgefahr", diese wiesen aber gleichzeitig darauf hin, daß diese Einstufung routinemäßig in jedem Fall eines künstlichen Komas vorgenommen werde.

Veikko Bartel, Anwalt der ersten Verdächtigen, wies alle Vorwürfe gegen seinen Mandanten zurück. Dieser leide seit Wochen an einer Kehlkopfentzündung und könne nur krächzen. Außerdem sei "die reine Möglichkeit einer Übereinstimmung weder zur Begründung eines dringenden Tatverdachts noch für eine Überführung geeignet."

Die gleiche Feststellung ist auch hinsichtlich des "Hinweises" auf den zweiten Verdächtigen zu treffen. Eine DNS-Analyse stellt entweder eine Übereinstimmung des Genmaterials oder den Unterschied fest. Hier handelt es sich nicht um eine Vaterschaftsklage, bei der mit Wahrscheinlichkeiten eine Vaterschaft anzugeben ist. Wenn hier bisher aufgrund der DNS-Analyse nur "Hinweise" existieren, so ist die Frage nach der wissenschaftlichen Grundlage dieser Behauptung sicherlich angebracht - wie auch die Frage, wie die Fahnder überhaupt auf diesen Verdächtigen gestoßen sind, angebracht scheint.

Auf der anderen Seite berichten zahlreiche Medien, daß sich beide Verdächtige offenbar in der „rechten Szene“ bewegt haben, wobei auch diese "Hinweise" bei genauerer Betrachtung eher vage sind.

Auch der unmittelbare Tathergang läßt zumindest Fragen offen. Neuesten Berichten zufolge wurde das Opfer nur von einem einzigen Faustschlag getroffen, der aber den Schädelknochen "zertrümmerte". Schon dies scheint ohne Hilfsmittel oder eine entsprechende Ausbildung - wobei nicht bekannt ist, ob einer der Täter eine solche besitzt - unwahrscheinlich. Fragwürdig scheint es aber in jedem Fall auch, hier von einem Mordversuch zu sprechen. Im Fall des Todes des Opfers wäre hier üblicherweise vermutlich eher von "Körperverletzung mit Todesfolge", vielleicht auch von "Totschlag" die Rede.

Die Angabe, das Opfer habe zum Tatzeitpunkt einen Blutalkoholwert von 2,08 Promille aufgewiesen und sei daher nicht in der Lage gewesen, nach dem Schlag seinen Sturz abzufangen, legt sicherlich die Vermutung nahe, daß er infolgedessen mit dem Kopf auf dem Pflaster aufgeschlagen ist.

Bemerkenswert sind ohne Zweifel mehrere Zeugenaussagen zu der Zeit vor der Tat. Demnach soll sich das Opfer in der Discothek "Art Speicher" mit zwei Männern gestritten haben. Diese seien ihm dann zu einer nahegelegenen Bushaltestelle gefolgt, nachdem er die Discothek verlassen habe. Einem Spiegel-Bericht zufolge habe das Opfer dann den Nachtzuschlag von 50 Euro-Cent mit einem 20 Euro-Schein bezahlt. Als er daraufhin nur Münzgeld zurückerhielt ist er nach Aussage des Busfahrers wütend geworden und hat den Bus wieder verlassen. Etwa eine halbe Stunde später kam es dann zu dem folgenschweren Angriff auf ihn.

Die Vermutung, daß sich das Opfer den Tätern gegenüber zuvor also keineswegs friedlich - zumindest verbal - verhalten hat, kann hier also keineswegs einfach vom Tisch gewischt werden. Dies würde zwar nichts an der Tatsache ändern, daß es sich um eine ebenso brutale wie verbrecherische Tat handelte, würde aber den fremdenfeindlichen Hintergrund zumindest in Frage stellen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung könnten auch die aufgezeichneten Beschimpfungen kaum als echter Beweis gelten. Sollte es zuvor bereits zu einem wie auch immer begründeten Streit gekommen sein, so wäre das Opfer sicherlich ebenso aufgrund jeder anderen körperlichen Auffälligkeit beschimpft worden. Andererseits sagt dies wiederum nicht, daß das Opfer nicht schon in der Discothek allein aufgrund seiner Hautfarbe beschimpft worden ist, was dann bei ihm Aggressionen erst auslöste.

Auch wenn Politiker wie der deutsche Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und der Innenminister des Bundeslandes Brandenburg, Jörg Schönbohm, sich in der Vergangenheit zweifellos mehrfach äußerst fragwürdig geäußert haben, so muß doch die Frage zugelassen sein, warum ihre Forderung nach einer abschließenden Ermittlung aller Fakten vor Beginn einer Verurteilung in diesem Fall so ketzerisch sein soll. "Ein Angeklagter ist so lange unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist" - ein Grundsatz, der letztlich einen Grundpfeiler einer Demokratie ausmacht.

Ohne jeden Zweifel gibt es in allen Teilen Deutschlands - wie auch in anderen Ländern - immer wieder verbrecherische Übergriffe auf "Andersaussehende". Um diese zu verfolgen, viel besser noch im Vorwege zu unterbinden, bräuchte es keine neuen Gesetze oder Ermittlungsbefugnisse. Es bräuchte nur den konsequenten Willen in den Ermittlungsbehörden, auch hier "den Anfängen zu wehren", eine konsequente Handlungsweise der Politik, die neben Lippenbekenntnissen und populistischen Maßnahmen den Ermittlungsbehörden auch das Budget für eine entsprechende Personalstärke bereitstellt und insbesondere den Willen, den Gewinnen von Großkonzernen nicht bedingungslos den Sozialstaat zu opfern. Die Erkenntnis, daß Menschen, umso schlechter es ihnen geht, umso leichter davon zu überzeugen sind, daß noch schwächere in Wahrheit an ihrer Misere schuld sind, ist keineswegs neu. Die Schlußfolgerung - ganz zu schweigen von entsprechenden Konsequenzen - daß eine Politik, die wahrhaftig gegen solche Übergriffe als auch die damit einhergehende politische Entwicklung vorgehen will, zuallererst auch dafür sorgen muß, daß die Menschen keinen Grund mehr haben, "Schuldige" zu suchen, wird weiterhin nicht gezogen. Im Gegenteil, schon wieder werden neue "Maßnahmen" gegen Sozialhilfe- ("Hartz IV") Empfänger angekündigt. Ein Paranoider könnte hier sehr leicht auf den Gedanken kommen, daß ein solcher Konflikt in der Bevölkerung durchaus vorrangig die Machtbasis der Regierenden stärken könnte.

Was bleibt bisher? Ein Mann, verheiratet, zwei Kinder, liegt im künstlichen Koma im Krankenhaus - wobei sich die Ärzte mittlerweile vorsichtig optimistisch zeigen - zwei Männer wurden verhaftet, obwohl die Verdachtsmomente gegen sie zumindest den bisherigen Veröffentlichungen zufolge mehr als dünn sind und Politik und Medien nutzen dieses Verbrechen, um in einem Schwall von Äußerungen jedes andere Thema und auch jeden anderen Blickwinkel zu ersticken.





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