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Herzl starb zweimal

Der zionistische Traum und die Wirklichkeit

26.05.2006  


Yossi Sarid
Übersetzung Ellen Rohlfs




Der Herzl-Tag liegt hinter uns, die staatlichen Feierlichkeiten und die gelehrten Symposien sind vorbei und hoch über dem Berg, der nach ihm benannt wurde, fragt der "Staatsvisionär" nach dem Schicksal seiner Vision. Es wäre interessant zu wissen, ob Binyamin Ze’ev (Theodor) Herzl damit einverstanden wäre oder ob er sich in seinem Grab umdrehen würde.

Als er schon krank war, schrieb er an David Wolfson, "ich mache gerade wegen meines Herzens eine Behandlung durch. Meine Mutter weiß nichts davon. Sie denkt, ich ruhe mich hier nur aus. Macht nichts Törichtes, wenn ich gegangen sein werde." Es gibt keinen Zweifel, daß wir törichte Dinge getan haben, und Herzl ist seit langem tot.

Zwei Tage vor seinem Tod, sagte er zu seinem letzten Besucher, "grüße das Land Israel. Ich gab mein Herz für mein Volk". Er wußte, wie man gibt. Wissen wir, wie man empfängt? Hundertzwei Jahre nach seinem Tod hat das jüdische Volk ihm eine Antwort gegeben und diese Antwort ist anscheinend so, daß wir ihn vor 1967 besser, nach 1967 viel weniger verstanden haben. Bis zum Sechs-Tage-Krieg sind wir mit Herzls Vision viel umsichtiger umgegangen. Seitdem haben wir uns von dieser getrennt.

Das zionistische Unternehmen war eine der Meisterleistungen des 20. Jahrhunderts. Seine Ursprünge waren so spektakulär, daß viele im Land und außerhalb – einschließlich Ben-Gurion - versucht waren, zu glauben, daß die einheimische Bevölkerung unserem leuchtenden Vorbild nachfolgen würde. Zu seiner Zeit dachte Herzl auch so.

Die komplette Vision ist immer perfekter als die Summe ihrer täglichen Teile. Aber 1967 ist sie zerstört worden und heute wissen wir, wie schwierig es ist, diese Teile wieder zusammenzusetzen. Ist es überhaupt noch möglich? 1967 waren wir keine Helden, wir gewannen nicht unsere Ziele, und so eroberten wir Gebiete mit ihren Bewohnern – Israel wurde daraufhin der Welt nicht mehr als Vorbild empfohlen. In seinem Buch Altneuland schrieb Herzl: "Wir werden ein Experiment für die ganze Menschheit durchführen. Wir wollen also die ersten in der Sache sein, die mit Liebe gegenüber der Menschheit zu tun hat, und als neues Land als Experiment und Vorbild dienen." Wir haben als Vorbild versagt und so bei Herzl zweifellos ein zweites Mal ein gebrochenes Herz verursacht. Herzl starb ein zweites Mal.

Herzl pflegte seiner Zeit weit voraus zu sein, als er seine Ansichten über das Problem einer Besatzung äußerte, die er auch voraussah. Er schrieb: "es ist nicht der Grund und Boden, die das Land ausmachen, sondern die Menschen, die durch die Herrschaft mit eingeschlossen werden. Das jüdische Volk ist das menschliche Fundament, das Land die physische Basis für den Staat und von diesen beiden Elementen ist das menschliche das Wichtigere." Mögen diese Worte eine Erinnerung für all jene sein, die sie vergessen oder sie nie gekannt haben.

In den vergangenen 40 Jahren haben wir unsere materiellen und geistigen Ressourcen in die "physische Basis" des Landes gesteckt und nicht in sein "menschliches Fundament". Wir verschlangen Land, das wir nicht wieder ausspeien können. Das Israel von 2006 schrumpft geistig, während seine Ausmaße aufgebläht sind; wir erweiterten unsere Grenzen und verengten unseren Horizont.

Herzl warnte auch davor, daß die "Republik von Aristokraten" zu einer Theokratie werden könnte: "Den theokratischen Drängen unseres Klerus' darf nicht erlaubt werden, die Häupter zu erheben." Im Gegensatz zu dieser Empfehlung, sind wir nicht weise genug gewesen, den Klerus in den Synagogen zu halten, wie wir auch nicht weise genug waren, die Armee in den Kasernen zu halten.

Und wir hielten auch die Armee nicht fern von den Staatsgeschäften. "Ihnen darf nicht erlaubt werden, sich einzumischen" – eine andere Warnung von Herzl – "damit sie weder zu hause noch im Ausland Schwierigkeiten machen." Es ist nicht schwer zu erraten, was Herzl in seiner Berg-Rede über eine Regierung mit zu vielen Generälen und einem Generalstab, der seit Generationen zu viele Politiker produziert hat, zu sagen hätte.

Herzls Vision war nicht verkannt worden. Von Anfang an glaubte Herzl nicht an unsere "Reinheit"; denn wir sind nicht anders als der Rest der modernen Menschheit und weil "wir in Freiheit einen Grad von Hybris entwickeln werden." Wie Herzl sagte, war er kein Utopist wie Thomas Moore. Trotzdem war er davon überzeugt, daß unser Volk "einen enormen Schritt vorwärts auf Großartiges tun würde." Es geschah nicht. Die Hänge von den Schweizer Alpen in die judäische Ebene haben sich als zu schlüpfrig erwiesen – voller Sünden, die überall auf dem Wege lauerten.

Der Prophet Hesekiel, ein anderer Visionär, verzweifelte nicht, als er im Tal all die ausgetrockneten Gebeine sah. Er glaubte daran, daß sich ein Wind erheben und sie alle wieder lebendig machen werde. Es ist eine Schande, daß es unter uns keinen Hesekiel gibt, der eine Prophezeiung für die Gebeine seines visionären Kollegen hat.





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