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Wer ist schuldig? Natürlich das Opfer

Einseitige Medien in Israel

28.05.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Diejenigen, die am vorvergangenen Samstag in Israel Radionachrichten hörten, hörten einen erstaunlichen Bericht: Muhammad Abu Ter und Uri Avnery hatten sich zusammen in einem Privathaus in A-Ram verschanzt.

Allein die Tatsache, daß diese beiden - die Nummer 2 der Hamas und der berüchtigte israelische Linke zusammen waren, war schon schockierend genug. Aber die Tatsache, daß sie in das Haus einer unschuldigen palästinensischen Familie eindrangen und sich dort verbarrikadierten, wie Kriminelle auf der Flucht vor der Polizei, war sogar noch atemberaubernder.

Diese Falschmeldung würde vielleicht keine besondere Erwähnung verdienen, wäre sie nicht typisch für die ganze Berichterstattung der Medien, nicht nur über diese spezielle Demonstration, sondern über alle gemeinsamen Demonstrationen von israelischen Friedensaktivisten und Palästinensern. Mehr noch, es wirft ein Licht auf die enge Verbindung zwischen den israelischen Medien und dem Besatzungsregime. Ohne diese Verbindung ist es zweifelhaft, ob sich die Besatzung bis heute 39 Jahre lang hätte halten können.

Deshalb ist es der Mühe wert, diese Ereignisse im Einzelnen zu analysieren.

Zunächst der Hintergrund: A-Ram (so wird der Name ausgesprochen, geschrieben wird er al-Ram) war ein kleines palästinensisches Dorf im Norden Jerusalems an der Straße nach Ramallah. Seit der "Vereinigung" von Jerusalem 1967 wurde das Dorf viel größer. Der Grund: während sich die palästinensische Bevölkerung etwa alle 18 Jahre verdoppelt, ist es so gut wie unmöglich, eine Baugenehmigung in Ost-Jerusalem zu erhalten. Mangels einer Alternative bauen viele arabische Ost-Jerusalemer für ihre größer werdende Familie in den umliegenden Dörfern. A-Ram ist so tatsächlich zu einer Stadt geworden, aber die meisten seiner 50.000 Einwohner haben einen Jerusalemer (das heißt israelischen) Personalausweis, und ihr Lebenszentrum liegt in und um Jerusalem. Ihre Arbeit, Gesundheitsdienste und Universitäten sind dort. Offiziell gehört die Stadt aber zu den besetzten Gebieten.

Als entschieden wurde, rund um Jerusalem die Trennungsmauer zu bauen, plante man, A-Ram von der Stadt abzuschneiden. Noch schlimmer, die Route der Mauer verläuft genau in der Mitte der Hauptstraße, so daß sie nicht Palästinenser von Israelis trennt, sondern überwiegend Palästinenser von Palästinensern.

Um eine Vorstellung zu bekommen: es ist so, als würde eine Mauer mitten auf dem Broadway zwischen der 42. Straße und Harlem verlaufen. Oder in der Mitte der Champs-Elysées vom Place de la Concorde bis zum Arc de Triomphe. Oder in Berlin mitten auf dem Kurfürstendamm von der Gedächtniskirche bis zum Messegelände. Die beiden Teile der Stadt mit ihren Vororten würden von einer neun Meter hohen Mauer getrennt.

Als dies noch in der Planungsphase war, führten die Einwohner schon eine Reihe gewaltfreier Demonstrationen durch. Zu all diesen waren israelische Friedensaktivisten eingeladen und kamen auch. Aber in der Zwischenzeit ist die monströse Mauer Realität geworden. Sie schneidet die Besitzer israelischer Ausweise von der Stadt ab, in der ihre Geschäfte und Arbeitsplätze liegen. Sie schneidet die Schüler von ihren Schulen ab, die nur 100 Meter entfernt auf der andern Seite der Mauer liegen. Ganz zu schweigen von den Studenten, die von ihren Universitäten, den Kranken, die von ihren Krankenhäusern und sogar den Toten, die von ihren Friedhöfen abgeschnitten werden.

Jetzt ist die Mauer fast fertig. Noch wird im Obersten Gerichtshof über sie diskutiert, aber die Erfahrung lehrt, daß das ziemlich hoffnungslos ist. Man kann die Stadt noch durch einen Militärkontrollpunkt erreichen, aber selbst diese Lücke ist dabei, geschlossen zu werden: die Mauer wird auch diesen Ort abschließen. Vorläufig ist an manchen Stellen statt der Betonmauer noch ein hoher Zaun - doch nur bis das Verfahren vor Gericht abgeschlossen ist.

Um dagegen zu protestieren, wurde eine große palästinensisch-israelische Veranstaltung geplant. Es sollte ein Marsch auf der Hauptstraße entlang der Mauer (natürlich auf der palästinensischen Seite) sein, vom Stadtzentrum zu einer improvisierten Bühne, auf der Reden gehalten werden sollten.

Die Details waren in drei Planungssitzungen ausgearbeitet worden. Um den gewaltfreien Charakter der Veranstaltung zu unterstreichen, entschied man, daß die Schulkinder, deren Schulen abgeschnitten wurden, in ihren Schuluniformen an der Spitze des Demonstrationszuges gehen sollten, mit ihren Schulranzen auf dem Rücken und begleitet von ihren Lehrern. Es wurde auch eine alternative Route für sie geplant für den Fall, daß die Gefahr eines Zusammenstoßes mit der Armee bestehen sollte.

Als wir etwa 300 israelische Aktivisten von verschiedenen Friedensgruppen uns A-Ram näherten, wurden wir informiert, daß starke Militärkräfte warteten, um unseren Durchgang am Kontrollpunkt zu blockieren. Wir umgingen sie und erreichten die Mauer auf der "israelischen" Seite. An dieser Stelle steht statt der Betonmauer ein hoher Zaun. Wir durchbrachen ihn und vielen Demonstranten gelang es, auf die "palästinensische" Seite nach A-Ram zu gelangen, bevor es der Armee, die von dieser Maßnahme überrascht war, gelang, mit Verstärkung herbeizueilen.

Mittlerweile war die palästinensische Demonstration, genau wie geplant, schon auf ihrem Weg - an der Spitze eine Gruppe trommelnder Pfadfinder mit ihren Fahnen, hinter ihnen die kleinen Kinder der ersten Klasse, danach die andern Schulkinder, von den jüngsten bis zu den älteren, danach die Hauptdemonstration mit Postern und Flaggen, angeführt von einer Zeile von Führern aller palästinensischen Parteien. Die israelischen Aktivisten mischten sich zwischen die Palästinenser um Solidarität zu demonstrieren und ich wurde eingeladen, mich in die erste Reihe mit einzugliedern.

Auf diese Weise fand ich mich zwischen Abu Ter, dem Hamas-Führer, der in Israel nicht zuletzt wegen seines leuchtend rot gefärbten Bartes berühmt wurde, und dem palästinensischen Minister für Jerusalem-Angelegenheiten Abu Arafeh, auch ein Hamas-Mitglied. Neben ihnen gingen die Führer der Fatah, der Volksfront, der Demokratischen Front und der (früher kommunistischen) Volkspartei. Wir gingen Arm in Arm und es schien, als würde die Demonstration friedlich verlaufen. Auf einmal sahen wir, daß die Straße vor uns von einem großen Kontingent Soldaten und Polizisten blockiert war, die auf uns warteten - Reihen von Soldaten, von Kopf bis Fuß schwer bewaffnet, vor ihnen Polizisten auf Pferden und hinter ihnen Humvees der Armee.

Die erste Sorge war die Sicherheit der Kinder. Ihre Lehrer führten sie in eine Seitenstraße und wir marschierten langsam weiter, auf unserem Weg zu der Tribüne. Es hätte nichts weniger bedrohlich aussehendes geben können, als die Reihe angesehener Leute, die da Arm in Arm vorangingen.

Was dann geschah, kann ich als Augenzeuge bezeugen und ich bin bereit, mich jeglichem Lügendetektor-Test zu unterziehen:

Als wir auf A-Rams Hauptstraße etwa 50 Meter von den Soldaten und Pferden entfernt waren, kam über Megaphon eine Stimme, die verkündete, daß das Gebiet zu einer "geschlossenen militärischen Zone" erklärt worden und daß unsere Demonstration illegal sei. Während wir den Soldaten gegenüberstanden, regnete plötzlich eine große Salve Tränengasgranaten auf uns nieder. Es war keine Provokation vorausgegangen.

Tränengaswolken breiteten sich zwischen, vor und hinter uns aus. Weitere Salven von Lärmgranaten machten einen Mordskrach und so flohen wir in die nächstgelegenen Häuser. Ich betrat das nahegelegendste Haus und fand mich in Gesellschaft von Abu Ter wieder, der mich sehr freundlich empfing. Unsere Augen brannten und waren voller Tränen und wir konnten auch nicht viel reden, aber wir entschieden uns, bald ein inhaltsreicheres Gespräch zu führen.

Als sich das Gas verzogen hatte, tauchten wir wieder auf um uns der fortdauernden Demonstration anzuschließen. Die Aktivisten formierten sich immer wieder auf der Straße, die Polizisten und Soldaten griffen uns immer wieder mit Tränengas und Lärmgranaten an, stürmten in Wellen vor bewaffnete und gut geschützte Soldaten, Humvees und berittene Polizisten (die Sporen trugen, was nach israelischem Gesetz aus Gründen des Tierschutzes verboten ist).

Erst in diesem Stadium und das ist die Hauptsache! - fingen ein paar Kinder und Jugendliche an, gegen die Polizisten Steine zu werfen - Steine, die keinen Schaden anrichten konnten, weil sie die Polizisten gar nicht erreichten, weil deren Gasgranatenwerfer eine viel größere Reichweite haben. Die Demo-Organisatoren taten ihr Bestes, sie zurückzuhalten, aber der Zorn der Jugendlichen gegen die Soldaten, die in ihre Stadt eingefallen waren, war zu groß. Nach zwei Stunden und einem Gespräch mit einem ranghohen Polizeioffizier wurde der Kontakt abgebrochen, und die israelischen Aktivisten kehrten heim.

Im Laufe des Geschehens wurden 12 Menschen sieben Palästinenser und fünf Israelis - verhaftet. Die Israelis wurden nach wenigen Stunden wieder entlassen, die Palästinenser blieben in Haft, und unsere Anwälte befassen sich mit ihren Fällen.

Das war es, was in A-Ram geschah. Das andere war eine Geschichte der Medien.

Über die Demonstration wurde vor allem aus zwei Gründen ausführlich berichtet: wegen der angewandten Gewalt und des Treffens zwischen mir und Abu Ter, das einen pikanten Aspekt lieferte, da es bis jetzt noch keinen Dialog zwischen der Hamas und Israelis gab. Die Nachrichten aller drei israelischen Fernsehkanäle berichteten ausführlich über dieses Ereignis. Das war an sich schon ungewöhnlich im allgemeinen ignorieren die meisten Fernsehsender unsere Demonstrationen oder widmen ihnen wenige Sekunden (abgesehen von ein paar Berichten von tapferen Reportern).

Auch diesmal hatte kein israelisches Medium Fernsehen, Radio oder Zeitungen - sich die Mühe gemacht, Reporter oder Photographen zu dem Ereignis zu schicken, also gab es keinen keinen israelischen Medien-Augenzeugenbericht vom Geschehen vor Ort. Die Fernsehsender zeigten Mitschnitte von ausländischen Sendern. Die Reporter machten das Beste aus dem, was sie von der Polizei und von uns hörten.

Und siehe da, die Medien berichteten alle dasselbe: die Demonstranten hatten durch das Steinewerfen mit der Gewalt begonnen, zwei Polizisten "seien verwundet und an vor Ort behandelt worden" (Diese Lüge wiederholt sich bei allen unsern Demonstrationen. Es könnte der Verdacht aufkommen, es gebe zwei Polizisten, deren einzige Pflicht es ist, bei jeder unserer Demonstrationen "verwundet und vor Ort behandelt zu werden").

Die Erklärungen der Polizei und der Armee waren glatte Lügen. Sie wußten im voraus, daß unsere Demonstration gewaltfrei sein würde. Ich wette, daß sie ihre Agenten bei all unsern Treffen haben und wir sprechen offen am Telefon und in unseren E-Mails über unsere Vorbereitungen. Zwei Inserate wurden vor den Veranstaltungen in Haaretz veröffentlicht. Es ist absolut klar, daß sich die Armee und Polizei im voraus darauf vorbereitet hatten, die Demonstration mit Gewalt zu unterdrücken. Sonst hätten sie nicht Pferde und Humvees mitgebracht.

Seit vielen Jahren sind wir Zeugen der Verlogenheit von offiziellen Sprechern und ich habe keine Zweifel daran, daß die Reporter, die über die besetzten Gebiete berichten, sich dessen bewußt sind. In manchen Medien wurde der Satz hinzugefügt, daß "die Demonstranten behaupten, die Polizei habe mit der Gewalt begonnen", aber in allen Medien wurde betont, daß die Gewalt von uns ausgegangen sei, darum habe die Polizei keine Alternative gehabt, als auf sie zu reagieren.

Das ist israelische Tradition, die leider auch von den internationalen Medien akzeptiert worden ist: die israelischen Sicherheitskräfte "reagieren" immer nur auf die Gewalt der anderen Seite. Es ist nur seltsam, daß die Getöteten und Verwundeten sich meistens auf der andern Seite befinden.

Das kleine Beispiel von A-Ram macht deutlich, was in größerem Umfang im ganzen Land geschieht: was die Armee und Polizei betrifft, sind alle Medien ohne Ausnahme von Maariv bis Haaretz, von Kanal 1 bis Kanal 10 nicht von Regierungspropaganda zu unterscheiden (mit rühmlichen Ausnahmen in Kommentaren und den Meinungsseiten).

Die Chancen der Opfer, eine faire Berichterstattung zu erhalten, ist gleich Null. Schließlich sind die Opfer immer selber schuld.





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