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Oh, was für ein wunderbarer Plan!

Plan eines israelischen Generals für Palästina

14.06.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Neun Monate bevor er in den Libanon einfiel, weihte mich Ariel Sharon in seinen großen Plan ein, der alle Probleme der Region lösen sollte. Er war umwerfend. Er bat mich nicht darum, ihn geheimzuhalten, sondern nur, ihn nicht direkt mit seiner Person in Verbindung zu bringen. Also veröffentlichte ich ihn.

Sharon, damals gerade erst zum Verteidigungsminister ernannt, war nicht mit bescheidenen Schritten zufrieden, um die Situation im Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan zu verbessern. Er wollte das Gesicht der ganzen Region also vier Länder verändern. Die Hauptpunkte: Vertreibung der Syrer aus dem Libanon; im Libanon einen maronitisch-christlichen Diktator (Bashir Gemayel) einsetzen; die Palästinenser aus dem Libanon nach Syrien und von dort nach Jordanien zu transferieren; eine palästinensische Revolution in Jordanien zu fördern um König Hussein abzusetzen und Jordanien in einen palästinensischen Staat unter Yasser Arafat zu verwandeln und mit der palästinensischen Regierung in Amman über die Zukunft der West Bank zu verhandeln. Eine Möglichkeit: eine Situation zu schaffen, die es Israel erlauben würde, in der ganzen West Bank Siedlungen zu bauen und den Palästinensern das Stimmrecht geben würde, um für das Parlament in Amman zu stimmen.

Dies war der Plan, der Scharon dazu anregte, im Sommer 1982 in den Libanon einzumatschen. Er war nicht sonderlich erfolgreich. Tatsächlich waren die Ergebnisse das Gegenteil von dem, was er erwartet hatte. Israel blieb 18 Jahre lang im libanesischen Sumpf stecken und konnte am Ende nur knapp entkommen. Die maronitischen Christen führten in der Tat ein Massaker in Sabra und Shatila aus, um die Palästinenser zu veranlassen, nach Syrien zu fliehen, aber diese rührten sich nicht von der Stelle. Bashir Gemayel wurde ohne Widerstand zum Präsidenten des Libanon ernannt, aber bald danach ermordet. Die Syrer blieben für weitere 23 Jahre im Libanon und ließen nach ihrem Rückzug die Hizb Allah zurück. Arafat ging nicht nach Amman, sondern nach Tunis und kehrte von dort 12 Jahre später nach Palästina zurück, nachdem Israel die PLO anerkannt und das Oslo-Abkommen unterzeichnet hatte.

An dieses historische Fiasko wurde ich erinnert, als ich in der vergangenen Woche den grandiosen Plan eines anderen strategischen Genies sah: Generalmajor Giora Eiland, der frühere Chef der Operationsabteilung des Heeres, bis vor kurzem Chef des Nationalen Sicherheitsrates, einer Regierungsabteilung, deren Aufgabe es ist, die nationale Strategie zu formulieren.

Wie Sharon träumt General Eiland davon, die ganze Region von Grund auf neu zu ordnen. Sein großer Plan ist nicht weniger eindrucksvoll als der von Sharon. Nicht der Trennungsplan Gott bewahre sondern der große Plan, den ich zuvor erwähnte. Eiland hat für Sharons Trennungs- und Olmerts Konvergenzplan nur Verachtung übrig und hält Sharon und Olmert für bloße Dilettanten, die keine Ahnung von Stabsarbeit und ordentlichen Beratungen haben, sondern nur aus dem Bauch heraus Entscheidungen treffen.

Wie Eiland dem Haaretz-Interviewer Ari Shavit enthüllte, hat er einen weitaus ernsthafteren und besser ausgearbeiteten Plan, wie folgt:

12 Prozent der West Bank an Israel zu annektieren, wenigstens 600 Quadratkilometer, um die Sicherheit Israels mit gut zu verteidigenden Grenzen zu garantieren.

Von Ägypten im Nordsinai 600 Quadratkilometer zu nehmen und mit dem Gaza-Streifen zu verbinden, damit die Palästinenser dort einen Seehafen und einen internationalen Flughafen als auch eine Stadt mit einer Million Menschen errichten könnten.

Ägypten als Ausgleich 150 Quadratkilometer israelisches Land im Negev zu geben.

Das Graben eines Tunnels zwischen Ägypten und Jordanien unter israelischem Gebiet in der Nähe von Eilat zu erlauben.

100 Quadratkilometer von Jordanien an die Palästinenser zu transferieren als Ausgleich für Land, das Israel der West Bank nimmt.

Ich habe Dutzende - wenn nicht gar Hunderte Pläne von rechtschaffenen Leuten gesehen, die wunderbare Ideen für die Lösung des Konfliktes haben. Kaum ein Monat vergeht, wo mir nicht irgendjemand einen weiteren zuschickt. Eilands Plan ist nicht schlechter als die anderen Utopien. Leider ist er auch nicht besser.

Aber es gibt einen großen Unterschied: der stolze Erfinder dieses Plans ist eine Persönlichkeit, die eine zentrale Rolle in den höchsten Rängen der israelischen Sicherheitseinrichtungen spielt. Seine Ideen zeigen etwas typisches über die dort vorherrschende geistige Einstellung.

Man muß schon wirklich naiv sein und keinerlei politisches Verständnis haben, um zu glauben, daß es möglich sei, drei Regierungen die der Palästinenser, der Ägypter und der Jordanier, geschweige denn die der Israelis - davon zu überzeugen, einen Teil ihres Landes herzugeben.

Was noch schlimmer ist: man braucht schon eine besondere Einstellung, um Massen von Menschen so zu behandeln, als wären sie Schachfiguren, die man ohne weiteres von einem Staat in den andern, von hier nach dort, schieben könne.

In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts hat man dies tatsächlich getan. Nach dem 1.Weltkrieg setzten sich die Staatsmänner hin und ordneten die Weltkarte neu, lösten Staaten hier auf und setzten dort andere neu zusammen. Die Ergebnisse waren meistens katastrophal. Nach dem 2. Weltkrieg tat Stalin dasselbe. Er annektierte ein großes Stück polnischen Landes an die Sowjet-Union und kompensierte Polen mit einem großen Stück deutschen Landes. Bis heute hat es funktioniert. Adolf Hitler wollte natürlich dasselbe in umgekehrter Richtung durchführen.

In unserer Realität ist diese Idee absolut unausführbar. Es ist aussichtslos anzunehmen, daß Ägypten einen Teil seines Landes für einen weitaus kleineren Teil Wüste hergeben würde. Schon Menachem Begin fand heraus, wie sensibel die Ägypter in dieser Hinsicht sind. Es berührt die tiefsten Fasern ihrer nationalen Seele. Am Ende gaben die Ägypter nicht einen einzigen Quadratmillimeter ihres Gebietes ab. Der Beleg: die Taba-Affäre.

Die Chance, daß Jordanien fruchtbares Land an die Palästinenser opfern würde, ist sogar noch geringer. Eiland scheint wie viele israelische Armeeoffiziere Jordanien tief zu verachten. Genau so wenig wie er die Ägypter versteht, versteht er die herrschende Klasse des haschemitischen Königreichs. Es ist aus gutem Grund - ungewöhnlich sensibel gegenüber Gefahren, die überall um es herum lauern. Doch erfreut es sich natürlich der starken Unterstützung von Seiten der USA und Großbritanniens.

Es lohnt sich nicht einmal, auf die Möglichkeit näher einzugehen, die USA und Europa würden einen solchen Schachzug unterstützen, der Menschen und Gebiete hin- und herschiebt. Europa betrachtet bestehende Grenzen als heilig. Es hat durch blutige Erfahrung gelernt, daß es nichts gefährlicheres gibt, als Grenzen zu verschieben. Wenn man erst damit anfängt, weiß man nicht, wo dies enden wird.

Eiland belastet sich nicht mit den praktischen Details der Realisierung seines grandiosen Plans. Es scheint so, als wolle er dies den Politikern überlassen denselben Politikern, die er so sehr verachtet. Wie der Erfinder, der die Erdkugel sich langsamer drehen lassen will und der auf die Frage, wie das ausgeführt werden soll, antwortet: "Ich habe die Ideen. Die Ausführung ist die Aufgabe der Techniker."

Vor Jahren sagte Boutrus Boutrus-Ghali, der damalige Außenminister Ägyptens, mit einem feinen ironischen Lächeln mir gegenüber: "Ihr Israelis habt die besten Experten in der Welt für arabische Angelegenheiten. Sie haben alle Bücher und alle Artikel gelesen. Sie wissen alles und verstehen gar nichts, weil sie nie einen einzigen Tag in einem arabischen Land gelebt haben."

General Eiland scheint keine Ausnahme zu sein.





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