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Mon Dieu, Mondial!

Bälle statt Kugeln

27.06.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Falls Präsident Bush sich mit dem Iran befassen will, indem er ihn "zurück in die Steinzeit bombardiert", (wie ein amerikanischer General einmal während des Vietnam-Krieges sagte), dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen. Da jeder seine Aufmerksamkeit auf die Fußballweltmeisterschaft richtet, wer würde es bemerken?

Die israelische Regierung weiß dies nur zu gut. In ihrem Kampf gegen die Qassam-Raketen, die in der Stadt Sderot landen, hat man der Luftwaffe freie Hand gelassen. Seit Beginn der Weltmeisterschaft 2006 sind mehr als 20 Palästinenser, einschließlich Jungen und Mädchen, einer schwangeren Frau, eines Arztes und mehrerer Sanitäter getötet worden. Es scheint, als nähme dies weltweit niemand zur Kenntnis. Warum sollten sie? Die Weltmeisterschaft ist schließlich viel wichtiger.

Wenn ich aus Jerusalem nach Tel Aviv zurückkomme, mache ich gewöhnlich einen kleinen Umweg über Abu Gosh, ein arabisches Dorf mit einer einzigartigen Oase: ein Café, in dem gemischte Gruppen jüdischer Jugendlicher und arabischer Jugendlicher (nur männliche) und manchmal Gruppen der Grenzsoldaten, jüdischer und drusischer, auf Couches und in Sesseln zusammensitzen, entspannen und Nargilahs (Wasserpfeifen) rauchen. Sie verzehren zuckrige Baklavas, reden, lachen und lauschen der libanesischen Sängerin Fairuz und der orientalisch-israelischen Sängerin Zahava Ben. Ein ungewöhnliches Phänomen in Israel.

Als ich diese Woche wieder dort vorbeikam, saßen sie alle sehr aufgeregt vor einem großen Bildschirm, fixiert auf das Spiel zwischen Argentinien und den Niederlanden. Sie regten sich gemeinsam auf, sprangen gemeinsam auf und schrien gemeinsam.

Ein paar Tage vorher sah ich dasselbe in Sarajewo. In den Cafés im Zentrum der Stadt saßen viele Jugendliche, Muslime, Kroaten und Serben zusammen, schauten gemeinsam das Spiel an, sprangen vor Aufregung gemeinsam auf und schrien gemeinsam.

Dasselbe geschieht gleichzeitig rund um den Globus – von Kanada bis Kambodscha, von Südafrika bis Nordkorea.

Ist das gut? Ist das schlecht?

Ich bin kein Fußballfan. Wie viele Leute in der Welt, die sich selbst für Intellektuelle halten (was immer dies auch heißen mag), pflege ich dieses Phänomen mit herablassendem, leicht ironischem Lächeln von mir zu weisen, auch wenn ich mich jetzt zuweilen dabei ertappe, minutenlang dem Spiel zuzuschauen. Als Kind hörte ich von meinem Vater, daß Sport "Goyim Naches" (Jiddisch aus dem Hebräischen, "Vergnügen der Nichtjuden") sei und der einzige jüdische Sport sei, über die Philosophien von Spinoza und Schopenhauer nachzudenken oder auch über den Talmud. Yeshayahu Leibowitz, ein praktizierender orthodoxer Jude beschrieb das Fußballteam als "elf Hooligans, die hinter einem Ball herrennen." (Ein anderer Jude schlug um des Friedens willen vor: "Warum streiten? Gebt jeder Mannschaft ihren eigenen Ball.")

(Auch) unter diesem Gesichtspunkt hat Israel schon lange aufgehört, im geistigen Sinne ein jüdischer Staat zu sein. Der israelische Goy ist wie jeder andere Goy auf Erden. Die Weltmeisterschaft beweist es.

Ein Phänomen, das so tiefe Emotionen in einer Milliarde Menschen weckt, kann nicht mit einem Schulterzucken abgetan werden. Hier haben wir es mit einem profunden menschlichen Charakterzug zu tun. Was bedeutet er? Woher kommt er?

Konrad Lorenz, einer der Begründer der Verhaltensforschung, die sich mit dem Verhalten der Tiere (einschließlich des menschlichen Tiers) beschäftigt, behauptete, daß die menschliche Aggressivität ein angeborener Zug sei, ein Produkt aus Millionen Jahren der Evolution. Die Höhlenmenschen lebten in Stämmen, deren Überleben von einem bestimmten Territorium abhängig war. Die Aggressivität war notwendig, um dieses Territorium zu verteidigen und andere zu vertreiben.

Raubtiere in der Natur, die natürliche Waffen wie Zähne, Krallen oder Gift haben, sind für gewöhnlich mit einem angeborenen Instinkt ausgerüstet, der verhindert, daß sie ihresgleichen angreifen. Sonst hätten sie nicht bis heute überlebt. Aber die Menschen haben keine effektiven natürlichen Waffen, und deshalb hat die Natur sie nicht mit solch einem Mechanismus ausgerüstet. Das war ein schrecklicher Fehler. Die Menschen haben zwar keine gefährlichen Zähne oder Tatzen, aber sie haben etwas wirksameres als jede natürliche Waffe: das menschliche Gehirn, das Keulen, Speere, Kanonen und Atombomben ersinnt. Deshalb haben Menschen eine todbringende Kombination dreier Attribute: angeborene Aggressivität, mörderische Waffen und das Fehlen eines Instinktes, die eigene Art nicht zu töten. Die Folge davon: die menschliche Neigung, Kriege zu führen.

Wie kann man dies überwinden? Lorenz wies auf ein Heilmittel hin: Sport und insbesondere den Fußball. Fußball ist ein Ersatz für Krieg. Er kanalisiert die menschliche Aggressivität in harmlose Bahnen. Deshalb ist er so wichtig – und so positiv.

Aggressivität und Nationalismus gehören zusammen. Auch in dieser Hinsicht erlaubt der Fußball einen Blick auf die unbewußten Tiefen der menschlichen Seele.

Das menschliche Tier hat ein tiefes Bedürfnis, sich mit einem Kollektiv zu identifizieren. Es lebt in einer Gruppe. Die frühen Menschen lebten in einem Stamm. Seitdem haben sich die sozialen Formen viele Male verändert. Das „Wir“ änderte sich von Zeit zu Zeit mit dem Wechsel der sozialen Strukturen. Die Menschen lebten in religiösen oder ethnischen Verbindungen, in feudalen Systemen, in Monarchien und so weiter. In der modernen Welt leben sie in Nationen.

Selbstidentifikation mit einer Nation ist (mit wenigen Ausnahmen) eine absolute Notwendigkeit für den modernen Menschen. Fußball gibt dieser Identität auf eine Weise Ausdruck, die äußerlich einem Krieg ähnelt. Deshalb spielt beim Fußballspiel die Nationalflagge und die Nationalhymne solch eine zentrale Rolle. Die Massen schwenken die Flagge, malen ihre Gesichter mit den Farben ihrer Fahne an, schreien nationalistische Parolen und geben diesem Phänomen einen emotionalen Ausdruck.

Zuweilen wird es geradezu lächerlich, so wie es uns in der vergangenen Woche geschah. Israel nimmt nicht an der Weltmeisterschaft teil, weil es schon, bevor sie richtig begann, ausschied. Aber ein Mitglied aus der Ghana-Mannschaft, das sonst für Hapoel Tel-Aviv spielt, schwenkte aus irgendeinem Grund auf dem Fußballfeld die israelische Flagge - und der ganze Staat Israel brach in einen Freudenschrei aus: "Wir sind dort. Wir sind bei der Weltmeistschaft!"

Eine weniger lächerliche Erscheinung: zum ersten Mal seit der Zerstörung des 3. Reiches schwenken Massen von Deutschen ihre Fahnen mit an Ekstase grenzender Begeisterung. Einige Beobachter sprechen von einer Wiedergeburt des deutschen Nationalismus' und was nicht alles. Doch glaube ich, daß dies eine positive Sache ist. Eine Nation kann kein normales Leben führen, wenn sich ihre Menschen ihrer schämen. Dies könnte eine kollektive psychische Störung hervorrufen und gefährliche Tendenzen wecken. Jetzt, dank des Fußballspiels, können die Deutschen ihre Fahne schwenken.

Der Nationalismus des Fußballs überwindet alle anderen Gefühle. Ein klassisches Beispiel: Ende des 19. Jahrhunderts hatte Wien mit Karl Lueger einen ausgesprochen fanatischen, antisemitischen Bürgermeister. Aber als die jüdische "Hakoah Vienna" gegen eine ungarische Mannschaft spielte, sah man, wie der Bürgermeister den lokalen Jungs zujubelte. Als er darauf hingewiesen wurde, daß es Juden waren, machte er die berühmte Bemerkung: "Ich entscheide, wer jüdisch ist."

Als ein französischer Algerier der Star der französischen Mannschaft war, jubelten ihm französische Rassisten so lange zu, bis sie heiser waren. Dasselbe geschah in Israel, als ein Araber in unserer Nationalmannschaft spielte.

Kürzlich sagte mir ein europäischer Intellektueller: Es gibt Witze über einen Polen, über einen Deutschen und einen Franzosen und jede andere europäische Nation. Aber er habe nie einen Witz über einen Europäer gehört, was beweise, daß es keine Europäer gibt.

Ich möchte ein ähnliches Kriterium über den Fußball hinzufügen. Jede Nation in Europa hat eine Nationalmannschaft, aber es gibt keine Europamannschaft. Bis die Europamannschaft unter einer europäischen Flagge gegen die Mannschaft von Asien oder Afrika spielt, wird es kein allgemeines europäisches Bewußtsein geben. (Ein Utopist mag von einem Spiel zwischen einer Mannschaft der Erde und der Mannschaft des Mars' oder des Planeten X träumen.)

Mein palästinensischer Freund Issam Sartawi, der vor 23 Jahren wegen seiner Kontakte zu uns ermordet wurde, sagte einmal: "Es wird keinen Frieden zwischen unseren beiden Völkern geben, bis nicht die israelische Mannschaft gegen die Mannschaft Palästinas spielt – und wir gewinnen."

Da gibt es natürlich noch einen Aspekt, was das Geschlecht betrifft.

Ein brillanter Werbefachmann hat Tel Aviv mit Postern bepflastert, die wie die Notiz einer Frau an ihren Mann aussehen: "Itzig, laß dir den Kaffee vom brasilianischen Tormann kochen. Ich gehe mit den Mädchen in die Parfümerie, Gali." In einer Karikatur sagt eine Frau zu ihrem Mann, der von der Weltmeisterschaft an den Fernseher gefesselt ist: "Bist du sicher, daß du nicht mit mir zur Buchmesse gehen willst?"

Fußball ist eine Angelegenheit rauher Burschen, auch wenn es auch weibliche Fans gibt. Auch in dieser Hinsicht ist es ein Ersatz für Krieg und vielleicht auch für die Lust des frühen Menschen auf die Jagd. (In den USA wird der europäische Fußball – dort "soccer" genannt – von Frauen bevorzugt, weil der Amerikanische Fußball mit noch viel mehr Gewalt verbunden ist).

Beim Fußball wagen Männer das zu tun, was sonst ein Tabu ist: sie umarmen einander, küssen einander, liegen aufeinander. Das bringt zweifellos tiefe Bedürfnisse zum Ausdruck und schadet keinem.

Unter all diesen Gesichtspunkten ist Fußball eine positive Sache, die viel Negatives aufwiegt. Vorausgesetzt natürlich, daß Präsident Bush nicht die Gelegenheit benützt, den Iran anzugreifen - und wir sie nicht dazu benützen, Kinder im Gaza-Streifen zu bombardieren.



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