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Überwachte Kinder

Großbritannien plant gigantische Datenbank

30.06.2006  






Wie der britische Telegraph am Montag berichtete, steht die im britischen "Children Act 2004" ("Kinder-Gesetz 2004") geplante Errichtung einer landesweiten Datenbank mit detaillierten Informationen über alle Kinder in Großbritannien kurz vor der Durchführung.

In der Datenbank sollen alle erdenklichen Daten über die rund 12 Millionen britischen Kinder unter 18 Jahren gesammelt werden. Hierzu gehören Eßgewohnheiten - ob das Kind tatsächlich die empfohlenen fünf Portionen Früchte und Gemüse erhält - ebenso wie Informationen, wie es zur Schule gelangt. Jeglicher Behördenkontakt soll darin akribisch festgehalten werden, einschließlich "Einschätzungen" der Staatsbediensteten, ob das Kind "normal entwickelt" sei oder "Auffälligkeiten" zeige. Auch Ärzte sollen Informationen über Kinder in die Datenbank einfließen lassen. Schon zwei "Gründe zur Besorgnis" reichen aus, um eine Untersuchung einzuleiten.

"Der Grund zur Besorgnis-Indikator in den Akten eines Kindes ist sehr ungenau definiert. Beispielsweise könnte es ein Grund zur Besorgnis sein, wenn ein Kind hinsichtlich seiner Abschlußprüfung keine guten Fortschritte in Französisch macht", sagte Jonathan Bamford, ein Stellvertreter des Leiters des "Informationsbeauftragten", zu dessen Aufgaben auch die Überwachung des Datenschutzes gehört.

Eileen Munro von der "London School of Economics" sagte: "Das Land entwickelt sich von 'Eltern steht es frei ihre Kinder so aufziehen, wie sie es für richtig halten, solange sie sie nicht mißhandeln oder vernachlässigen' zu einem eher zwangsweisen 'Eltern müssen ihre Kinder so aufziehen, wie es der Staat für das beste hält.'"

Auslöser für das "Children Act 2004" war der Fall der 8 Jahre alten aus Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) stammenden Victoria Climbié, die von ihrer Großtante Marie Therese Kouao und derem Lebensgefährten Carl Manning massiv mißhandelten worden war und schließlich im Jahr 2000 starb. Manning gab in dem späteren Strafverfahren zu, das Mädchen unter anderem mit einem Hammer und einer Fahrradkette verprügelt zu haben. Sowohl Manning als auch Kouao gaben in dem Verfahren an, sie hätten geglaubt, das Mädchen sei vom Teufel besessen gewesen. Obwohl es vor seinem Tod zu zahlreichen Kontakten mit Ärzten, Sozialarbeitern und Polizisten gekommen war, war nicht derart eingegriffen worden, daß das Leben des Kindes gerettet werden konnte. Das Gesetz und die Datenbank sollen der britischen Regierung zufolge in Zukunft helfen, derartige Fälle zu verhindern.

Tatsächlich ist nur schwer vorstellbar, wie eine Datenbank, in der derart umfangreiche Informationen über 12 Millionen Kinder gesammelt werden, brauchbare Hinweise auf derartige Fälle liefern soll. Sicherlich kann eine automatische "Warnung" erzeugt werden, wenn zwei oder mehr "Gründe zur Besorgnis" registriert werden. Sollen allein aufgrund dieser Warnungen allerdings tatsächlich jedes Mal "Untersuchungen" eingeleitet werden, so sind hierfür zweifellos Heerscharen von Ermittlern notwendig. Andererseits gewinnt der Staat durch diese Datenbank einen intimsten Einblick in die Leben zukünftiger Politiker, Wähler, Beamter, einfach aller Bürger. Das Mißbrauchspotential liegt hier auf der Hand. Erfordert beispielsweise die Lancierung von "Informationen" über einen politischen Gegner an die Medien bisher üblicherweise aufwendige Recherchen über dessen Vergangenheit, so wird es zukünftig ausreichen, Zugriff auf eben diese Datenbank zu erlangen.

Bemerkenswert sind sicherlich auch die vom britischen Bildungsministerium für den Aufbau der Datenbank innerhalb von drei Jahren veranschlagten Kosten von 224 Millionen britischer Pfund (rund 324 Millionen Euro). Der nachfolgende Betrieb der Datenbank wird mit weiteren 41 Millionen Pfund jährlich veranschlagt. Bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 2.000 Pfund würden die - veranschlagten, die tatsächlichen werden erfahrungsgemäß weitaus höher liegen - Aufbaukosten ausreichen, um über den Zeitraum von drei Jahren rund 3.100 Sozialarbeiter zu beschäftigen. Diese könnten rein rechnerisch jeden Monat für jeweils eine Stunde fast 500.000 Familien besuchen. Die Tatsache, daß hierbei Fahrtzeiten ebenso wie Verwaltungstätigkeiten zu berücksichtigen wären, wird zweifellos dadurch aufgewogen, daß es in vielen Familien mehr als ein Kind gibt.

Diese Lösung, die noch dazu einen nicht unerheblichen Teil zur Senkung der Arbeitslosigkeit beitragen würde, würde es dem britischen Staat allerdings nicht ermöglichen, eine tiefgreifende, zentral verwaltete Datensammlung über seine Bürger anzulegen.





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