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Agatha im Regen

Die israelischen Offensiven

02.07.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




"Israel hat dem palästinensischen Volk den Krieg erklärt! Das palästinensische Volk wird entsprechend antworten! Die palästinensische Rebellion wird weitergehen! Die palästinensischen Kämpfer bleiben standhaft im Dienst der Nation! Nieder mit der nazi-zionistischen Besatzung! Raus mit den unreinen Ungläubigen aus dem Heiligen Land! Zerstörtes Rafah – wir werden dich wieder aufbauen! Lang lebe die palästinensische Revolution! Lang lebe der Staat Palästina!"

Ein Hamas- Flugblatt der letzten Woche? Nicht ganz. Mit entsprechenden Änderungen wurde dieses Flugblatt am 2. Juni 1942 - fast auf den Tag genau vor 60 Jahren - nach dem "Schwarzen Samstag" von der Haganah veröffentlicht.

Damals, im Gefolge einer gewagten Kommandoaktion durch die Palmakh ("Schocktruppe" der Haganah), die mehrere Brücken in die Luft sprengten, entschied die britische Regierung Palästinas, einen im voraus gut vorbereiteten Plan auszuführen. Sein Codename war "Agatha". Am 29. Juni 1946 schwärmten 17.000 britische Soldaten über alle jüdischen Städte und Kibbuzim aus, um Waffen und Dokumente zu konfiszieren und Anführer der jüdischen Gemeinschaft zu verhaften. Die britische Regierung bekräftigte damit ihren Entschluß, den Terror auszumerzen. In Jerusalem besetzten die Soldaten das Büro der Jüdischen Behörde, der de facto Regierung des jüdischen "Staates innerhalb des Staates" und konfiszierten viele Dokumente, die offensichtlich ihre engen Verbindungen mit der "terroristischen Zentrale" - dem vereinigten Kommando der Haganah, des Irgun und der Stern-Gruppe, die damals eng zusammenarbeiteten - bewiesen.

Die Soldaten brachen in die Wohnungen der politischen Führer der jüdischen Gemeinschaft ein und verhafteten die meisten "Minister" der jüdischen Behörde. Die Anführer wurden in Latrun inhaftiert. Aber die Kommandeure der Untergrundorganisationen entschieden, den Kampf weiterzuführen, um den Briten zu beweisen, daß die Verhaftung der Führer sie nicht zum Schweigen brachte.

"Der Schwarze Samstag" war ein Meilenstein im Kampf gegen die Briten. Innerhalb eines Jahres verließen sie das Land.

Die Ähnlichkeit zwischen der britischen „Agatha“ und dem israelischen "Sommerregen" ist verblüffend. Dies zeigt, daß jedes Besatzungsregime dazu verurteilt ist, die Aktionen seiner Vorgänger zu wiederholen, selbst wenn sie sich als hoffnungslos erwiesen haben. Dies bedeutet nicht, dass alle Besatzer Toren sind – nur, daß die Logik der Besatzung als solche sie dazu verurteilt, törichte Dinge zu tun.

Das Ziel der gegenwärtigen Operation ist vorgeblich die Befreiung des Soldaten Gilad Shalit, der vom palästinensischen Untergrund (aus verschiedenen Organisationen bestehend) bei einem Angriff, den sogar ein israelischer Militärexperte als "gewagte Kommandoaktion" bezeichnete, gefangengenommen wurde.

Wenn unsere Armee ihren hohen militärischen Standard gehalten hätte, dann hätte sie sofort alle für das Debakel Verantwortlichen abgesetzt. Vor 50 Jahren wäre dies geschehen. Doch heute haben wir eine andere Armee. Keiner wurde entlassen. Die gescheiterten Kommandeure nannten den Angriff einfach „einen terroristischen Akt“, die Kämpfer "Terroristen" und den gefangengenommenen Soldaten "entführt".

Die Aktion beweist natürlich eine alte militärische Maxime: für jedes Mittel der Verteidigung kann ein Mittel des Angriffs gefunden werden und umgekehrt. Der "Sicherheitszaun", der den Gaza-Streifen von allen Seiten (außer vom Meer aus) umgibt, der entsprechend nun auch in der West Bank gebaut wird, kann Diebe abhalten und Leute, die in Israel Arbeit suchen, aber keine entschlossenen Kämpfer, die immer Wege finden werden, ihn zu überwinden - gleichgültig, ob darüber oder darunter.

Der "entführte" Soldat diente als Vorwand für eine Operation, die schon seit langem vorbereitet gewesen sein muß. Der israelischen und internationalen Gemeinschaft wurde seine Befreiung als Ziel genannt, aber tatsächlich ist sein Leben jetzt in größerer Gefahr. Wenn die Soldaten in die Nähe seines Verstecks kommen, könnte er im Kreuzfeuer erschossen werden – wie es vor einigen Jahre mit dem Soldaten Nakhshon Waksman geschah, der von der Hamas gefangengenommen worden war. Er war beim Schußwechsel zwischen Soldaten und Palästinensern getötet worden. Waksman würde wahrscheinlich heute noch leben, wenn es stattdessen einen Gefangenenaustausch gegeben hätte.
Die Verbindung zwischen dem "entführten Soldaten" und der Operation besteht nur im Reich der Propaganda. Dasselbe gilt auch für den zweiten Vorwand: es sei das Ziel, dem Beschuß von Sderot durch Qassam-Raketen ein Ende zu setzen.

Stimmt, das ist eine ziemlich unerträgliche Situation. Die Qassam, eine einfache und billige Waffe, verursacht mehr Panik als wirklichen Schaden, wie die deutsche auf London abgefeuerte V-Waffe im 2. Weltkrieg. Sie terrorisiert die Bevölkerung und das ist ihr Ziel. Ihr Zweck ist es, die verheerende Blockade zu brechen, die die israelische Regierung über den Gaza-Streifen seit dem "Abzug" verhängt hat. Bis jetzt hat die Armee kein Mittel gefunden, dem Raketenbeschuß ein Ende zu setzen.

Aber auch die Qassams sind nicht der wahre Grund für die Operation "Sommerregen". Ihr Charakter zeigt, daß sie ein viel weiter gestecktes Ziel hat: die gewählte palästinensische Regierung (nach israelischer Propaganda "Hamas-Regierung") zu zerstören und die palästinensische Bevölkerung in die Knie zu zwingen. Dies soll es der israelischen Regierung ermöglichen, den "Konvergenz"-Plan auszuführen, große Teile der West Bank an Israel zu annektieren und die Errichtung eines lebensfähigen palästinensischen Staates zu verhindern.

Dies ist ein klares Ziel, das durch die Operation mit einfachen Mitteln erreicht werden soll: nämlich indem die palästinensische Bevölkerung durch die Liquidierung ihrer Führung, durch Zerstörung ihrer Infrastruktur, durch Abschneiden der Lebensmittel-, Medizin-, Strom-, Wasser- und Gesundheitsversorgung - gar nicht zu reden von Arbeitsstellen - zum Aufgeben bringen will. Die Botschaft an die Palästinenser: wenn ihr eurem Leiden ein Ende setzen wollt, entfernt die von euch gewählte Regierung.

Kann dies zum Erfolg führen? Genau wie bei der britischen Operation. "Agatha" bewirkte das genaue Gegenteil.

Wie all die Fehlschläge unserer Armee, von der Schlacht von Karameh 1968 über die Überquerung des Suezkanals zu Beginn des Yom Kippur-Krieges bis zu den beiden Intifadas, liegt die Ursache in der abgrundtiefen Verachtung der Armeekommandeure gegenüber Arabern im allgemeinen und Palästinensern im besonderen begründet. Der Shin Bet trifft auf Palästinenser in Gestalt verhörter Gefangener, die unter Folter bereit sind, alles zu sagen, und auf widerwärtige Kollaborateure, die bereitwillig ihre Cousins für Drogen oder Geld verraten. Die Besatzungskommandeure können sich nicht vorstellen, daß die Palästinenser genau so reagieren könnten wie jedes andere Volk, sogar – Gott behüte! - wie wir es in ähnlicher Situation taten. Was, diese jämmerlichen Araber sind wie wir?

Stimmt, die Briten haben sich uns gegenüber nie so verhalten, wie wir es jetzt gegenüber den Palästinensern tun. Andererseits ist die palästinensische Fähigkeit, Unterdrückung zu ertragen, aber größer als unsere. Dies basiert auf der Familienstruktur, in der die gegenseitige Hilfsbereitschaft stärker ausgeprägt ist, und der Erfahrung, jahrelang in einer ernsten Notlage zu leben.

Am "Schwarzen Samstag" stand die jüdische Gemeinschaft geschlossen hinter ihrer bedrängten Führung. Die Opposition von rechts bis links vereinigte sich hinter Ben-Gurion (der gerade im Ausland war) und Sharett (im Gefängnis in Latrun). Die Erfahrung lehrt, daß sich jedes Volk so verhält, wenn ein ausländischer Feind seine Führung angreift. Es ist also praktisch sicher, daß Hamas aus diesem Test gestärkt hervorgehen wird. Die Verhaftungen beweisen der palästinensischen Öffentlichkeit, daß es eine kämpfende, loyale Führung ist und keine durch die Annehmlichkeiten der Macht korrumpierte – im Gegensatz zu ihren Vorgängern, deren Ansehen in manchen Fällen durch den Hang zur Korruption beschädigt war.

Der Vorwand für die Operation – die Befreiung des gefangenen Soldaten - wird die Haltung der Palästinenser nur verhärten. Kein Thema ist ihnen wichtiger als die Entlassung der palästinensischen Gefangenen – eine Sache die direkt 10.000 palästinensische Großfamilien, in jeder Stadt, in jedem Stadtteil und Dorf, betrifft. Diese Familien sind bereit, alles zu erleiden, um ihre Entlassung zu sichern.

Das zweite Opfer der Operation ist der "Konvergenz"-Plan, der lächerlich geworden ist. In den Augen eines gewöhnlichen Israelis sieht er so aus: wir haben den Gaza-Streifen verlassen - und nun kehren wir dahin zurück. Wir haben dort die Siedlungen aufgelöst und haben dafür die Qassams auf Sderot bekommen. Sharon ist gescheitert – und so wird Olmert doppelt scheitern.

Das stimmt, aber nicht aus dem offensichtlichen Gründen. Der Rückzug aus Gaza hat keine Sicherheit gebracht, weil er ohne jeglichen Dialog oder ein Abkommen mit den Palästinensern ausgeführt wurde. Er hat den Frieden nicht näher gebracht, weil er mit der offenen Absicht verbunden war, große Teile der West Bank zu annektieren. Und – was nicht weniger wichtig ist – wir verließen zwar den ganzen Gaza-Streifen, verbarrikadierten ihn aber und schnitten ihn so von der Welt ab. All das trifft noch weitaus mehr auf Olmerts "Konvergenz"-Plan zu.

Der "Sommerregen" könnte ihn von der Karte weggeschwemmt haben.



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