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Krieg

Krieg beendet das Leben

23.07.2006  


Dahr Jamail




Krieg zerreißt alles. Während der Libanon blutet und die humanitäre Krise sich zwischen den Kratern der israelischen Bomben verschärft sind jene, die konnten, größtenteils nach Syrien geflohen.

Es ist nicht lange her, daß an der Nordgrenze des Libanons Ströme von Menschen, mit dem wachsamen Blick, der durch ein ein jahrelanges Leben im terror verursacht wurde, warteten, um nach Syrien zu kommen.

Schubkarren mit ihren Habseligkeiten schiebend schafften sie es, hinaus zu gelangen, sie kamen aus allen Teilen des Libanons, aus der nördlichen Küstenstadt Tripolis, hinunter an der Küste zu Batroun und der ehemals schönen Stadt Byblos, wo ich ehemals Tee mit meinen Cousins im Libanon trank - von denen ich immer noch auf ein Lebenszeichen warte, seit der israelische Angriffskrieg gegen die Libanesen begonnen hat.

Die meisten kamen natürlich aus Beirut. Die restlichen, darunter Autos, bei denen Gepäck auf das Dach gebunden worden war, kamen aus den verwüsteten Gebieten des Südlibanons - den Städten Sidon, Tyre, Marjeyun und so vielen Dörfern nahe der südlichen Grenze.

Über 140.000 Flüchtlinge aus dem Libanon haben jetzt die Grenze über Grenzposten nach Syrien überquert. Während die Vereinten Nationen machtlos einen Waffenstillstand vom kriegstreiberischen Israel, von seinem größten fördernden Alliierten, den Veto-schwingenden USA, unterstützt, fordern, wurden zwei ihrer Leute in Tyre durch einen israelischen Luftangriff getötet.

"Sie [die Israelis] lassen ihre Wut an den Menschen aus, die nicht Hizb Allah sind", sagte ein Amerikaner zu mir, während er mit seiner Mutter floh. Sie hatten in Beirut bei Familienmitgliedern Urlaub gemacht. "Dies ist eine Katastrophe, ihre Bomben fallen überall", fügte der 25 Jahre alte Sozialkunde-Lehrer hinzu, während er sich in dem drückend heißen Grenzübergang Schweiß von der Stirn wischte. "Sie zerstören den ganzen Libanon!"

Die Zahl der Todesopfer i Libanon übersteigt jetzt die 350, mehr als ein Drittel von ihnen Kinder, die an der Schaffung der Zukunft des Libanons mitgewirkt hätten.

Nachdem wir mehrere Flüchtlinge befragt hatten, suchten mein Übersetzer Abu Talat und ich uns ein Taxi, um an der syrischen Küste entlang weiter nördlich zu kommen. Unser Taxifahrer, Abdo al-Hamre, ein 32 Jahre alter Bauer, sagte uns, daß er seit Tagen Flüchtlinge von der Grenze fährt.

"Ich weine jetzt jeden tag um die Libanesen", sagte er, "Sie alle weinen in meinem Auto während ich fahre. Das ist wirklich zu viel, um es zu ertragen."

Krieg beendet alles. Krieg tötet ein Land - sowohl jene, die die Bomben abwerfen, als auch jene, die von ihnen in Stücke gerissen werden. Länder, die Krieg führen, wie Israel jetzt im Libanon oder die USA im Irak und in Afghanistan, treffen die Entscheidung, ihre Seele zu verkaufen... vielleicht ein Preis, der fast so hoch ist wie der von jenen, deren Leben durch die gegen sie gerichtete Aggression ausgelöscht wird.

Krieg beendet alles. Schule, Lebensmittellieferungen, öffentlicher Verkehr, Picknicks, Tanzen, Drachen steigen lassen, Lachen mit Freunden, alles wird beendet, wenn der Kampf ums Überleben höchste Bedeutung erlangt.

An jenem Punkt ist alles andere egal. Nur am Leben zu bleiben. Menschen werden auf den Punkt des schieren Überlebens reduziert, weil es keinen Platz für irgendetwas anderes gibt.

Heute waren wir in der Zentrale des Roten Kreuzes in Damaskus und sprachen mit Flüchtlingen. Ein alter Mann, der sein Gesicht in den Händen hielt, war gerade angekommen, nachdem er aus seinem Dorf im Südlibanon geflohen war.

Wir begannen zu reden und ich fragte ihn, ob der israelische Plan, die Libanesen zu bombardieren, um sie dazu zu zwingen, die Hizb Allah aus dem Süden ihres Landes zu drängen, funktionierte. Brachte es die Libanesen gegen die Hizb Allah auf?

Er stand sofort auf und zwang mich, einen Schritt rückwärts zu machen.

"Mehr Libanesen sind jetzt auf der Seite der Hizb Allah als jemals zuvor", schrie er, während er in den Himmel deutete und seine Augen sich vor Wut weiteten, "Gott verfluche die Israelis für die Zerstörung des Libanons! Sie werden niemals unseren Geist zerstören! Der Widerstand ist ein Gedanke und man kann niemals einen Gedanken töten!"

Er war außer sich vor Wut. Und warum sollte er auch nicht?

Aber dieser Mann, der vielleicht ein Feld bestellen, mit seinen Enkeln spielen, mit seiner Ehefrau im Sonnenuntergang essen sollte, war in Damaskus wütend auf einen Journalisten, weil alles, das er kannte, jetzt schwelende Trümmer sind.

Krieg beendet das Leben. Krieg beendet alles.



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