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Brennt Beirut?

Dieser Krieg wird nichts Gutes hervorbringen

24.07.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




"Es scheint, daß Nasrallah überlebt hat", verkündeten israelische Zeitungen, nachdem 23 Tonnen Bomben auf ein Gelände in Beirut abgeworfen worden waren, wo sich der Anführer der Hizb Allah vorgeblich in einem Bunker versteckte.

Eine interessante Formulierung. Einige Stunden nach dem Bombardement hatte Nasrallah dem Fernsehsender Aljazeera ein Interview gegeben. Er sah nicht nur lebendig aus, sondern sogar ruhig und zuversichtlich. Er sprach über das Bombardement der Beweis, daß das Interview am selben Tag aufgenommen worden war.

Was bedeutet also "es scheint, daß"? Ganz einfach: Nasrallah behauptet, am Leben zu sein, aber man kann einem Araber nicht trauen. Jeder weiß, daß Araber immer lügen. Das liegt einfach in ihrer Natur, wie es Ehud Barak einmal ausdrückte.

Das Töten dieses Mannes ist ein nationales Ziel, fast das Hauptziel dieses Krieges. Es ist vielleicht der erste Krieg in der Geschichte, der von einem Staat geführt wird, um einen einzelnen Menschen zu töten. Bisher dachte nur die Mafia in solchen Bahnen. Selbst die Briten erklärten im 2. Weltkrieg nicht die Tötung Hitlers zu ihrem Kriegsziel. Im Gegenteil, sie wollten ihn lebendig fangen, um ihn vor Gericht zu stellen. Das war es vermutlich auch, was die Amerikaner in ihrem Krieg gegen Saddam Hussein wollten.

Aber unsere Minister erklärten offiziell, dies sei ihr Ziel. Das ist keine große Neuigkeit: aufeinanderfolgende israelische Regierungen haben die Politik übernommen, die Führer oppositioneller Gruppen zu töten. Unsere Armee hat unter anderem den Hizb Allah-Anführer Abbas Mussawi, die Nummer zwei der PLO, Abu Jihad, als auch Scheich Ahmad Yassin und andere Hamas-Anführer getötet. Fast alle Palästinenser und nicht nur sie sind davon überzeugt, daß Yassir Arafat auch ermordet worden ist.

Und die Ergebnisse? Der Platz von Mussawi wurde von Nasrallah eingenommen, der weitaus fähiger ist. Scheich Yassin folgten weit radikalere Führer. Anstelle von Arafat haben bekamen wir die Hamas.

Wie in anderen politischen Angelegenheiten beherrscht eine primitive militärische Anschauung auch diese Argumentation.

Eine nach langer Abwesenheit hierher zurückkehrende Person, könnte durch das Ansehen unserer Fernsehschirme den Eindruck gewinnen, daß Israel von einer Militärjunta regiert wird, in der (ehemaligen) Art südamerikanischer Staaten.

Auf allen Fernsehkanälen erscheinen jeden Abend eine Reihe hoher Offiziere in Uniform. Sie erklären nicht nur die militärischen Aktionen des Tages, sondern kommentieren auch politische Dinge und legen die politische und propagandistische Linie fest.

Während all der anderen Stunden des Fernseh- und Radioprogramms wiederholen ehemalige Generäle immer wieder die Botschaft der Armeekommandeure. (Einige von ihnen sehen nicht besonders intelligent aus um nicht geradewegs dumm zu sagen. Es ist erschreckend, daran zu denken, daß diese Leute einmal Positionen innehatten, in denen sie entschieden, wer leben und wer sterben würde.)

Stimmt, wir sind eine Demokratie. Die Armee ist vollkommen dem zivilen Establishment untergeordnet. Nach dem Gesetz ist das Kabinett der "Oberste Kommandeur" der Armee (die in Israel die Marine und die Luftwaffe mit einschließt). In der Praxis aber sind es heute die führenden Offiziere, die alle politischen und militärischen Angelegenheiten entscheiden. Wenn Dan Halutz den Ministern sagt, die Armee habe sich für diese oder jene Operation entschieden, wagt kein Minister, Ablehnung auszudrücken. Gewiß nicht die armseligen Minister der Arbeitspartei.

Ehud Olmert präsentiert sich als der Erbe Churchills ("Blut, Schweiß und Tränen"). Das ist ziemlich erbärmlich genug. Dann läßt Amir Peretz seine Brust schwellen und schleudert in alle Richtungen Drohungen und das ist noch erbärmlicher, falls das möglich ist. Er ähnelt nichts so sehr wie einer Fliege, die auf dem Ohr eines Ochsen sitzt und erklärt: "Wir pflügen!"

Der Generalstabschef verkündete letzte Woche mit Befriedigung: "Die Armee erfreut sich der vollen Unterstützung der Regierung!" Auch das ist eine interessante Formulierung. Das bedeutet, die Armee entscheidet, was gemacht wird, und die Regierung "steht hinter ihr". Und so ist es natürlich.

Nun ist es kein Geheimnis mehr: dieser Krieg war schon lange geplant worden. Die Militärkorrespondenten berichteten in dieser Woche stolz, die Armee habe für diesen Krieg seit Jahren in allen Details geübt. Erst vor einem Monat gab es ein großes Planspiel, um den Einmarsch von Bodentruppen in den Südlibanon zu proben zu einer Zeit, als Politiker wie Generäle erklärten, daß "wir nie wieder in den Sumpf des Libanon geraten dürfen. Wir dürfen dort niemals wieder Bodentruppen einsetzen." Nun sind wir in diesem Sumpf und starke Bodentruppen operieren in dem Gebiet.

Auch die andere Seite hat diesen Krieg seit Jahren vorbereitet. Sie bauten nicht nur Verstecke für tausende von Raketen, sie haben auch ein raffiniertes System von Bunkern, Höhlen und Tunneln im vietnamesischen Stil gebaut. Unsere Soldaten werden auf dieses System stoßen und einen hohen Preis dafür zahlen. Wie immer hat unsere Armee "die Araber" mit Verachtung behandelt und ihre militärischen Fähigkeiten abgetan.

Das ist eines der Probleme militärischer Mentalität. Talleyrand hatte nicht Unrecht, als er sagte: "Der Krieg ist eine viel zu ernste Angelegenheit, um sie dem Militär zu überlassen." Die Mentalität der Generäle, die sich aus ihrer Ausbildung und ihrem Beruf ableitet, ist von ihrem Wesen her gewaltorientiert, vereinfacht, eindimensional, um nicht primitiv zu sagen. Sie basiert auf der Überzeugung, daß man alle Probleme mit Gewalt lösen kann, und wenn dies nicht zum Ziele führt - dann mit mehr Gewalt.

Das wird durch die Planung und Ausführung des gegenwärtigen Krieges sehr gut illustriert. Dieser basierte auf der Vermutung, daß, falls wir der Bevölkerung schreckliches Leid zufügen, diese sich erheben und die Entfernung der Hizb Allah fordern würde. Ein minimales Verständnis von Massenpsychologie würde das Gegenteil nahelegen. Das Töten von hunderten libanesischer Zivilisten, die allen ethnisch-religiösen Gemeinschaften angehören, das Leben der anderen in eine Hölle zu verwandeln und die Zerstörung der lebensnotwendigen Infrastruktur der libanesischen Gesellschaft wird zur Quelle von Wut und Haß werden - gegen Israel und nicht gegen die Helden, wie sie von ihnen angesehen werden, die ihr Leben zu ihrer Verteidigung opfern.

Das Ergebnis wird eine Stärkung der Hizb Allah sein, nicht nur heute, sondern auch für die kommenden Jahre. Vielleicht wird dies das wichtigste Ergebnis des Krieges sein, wichtiger als die militärischen Errungenschaften, falls es diese überhaupt geben wird. Und nicht nur im Libanon, sondern in der gesamten arabischen und muslimischen Welt.

Mit den Schrecken konfrontiert, die auf allen Fernseh- und vielen Computerschirmen gezeigt werden, ändert sich auch die Meinung der Weltöffentlichkeit. Was am Anfang als gerechtfertigte Antwort auf die Gefangennahme der beiden Soldaten betrachtet wurde, sieht nun wie die barbarischen Taten einer brutalen Kriegsmaschinerie aus. Der Elefant im Porzellanladen.

Tausende von E-Mail-Verteilerlisten verbreiteten eine schreckliche Reihe von Photos verstümmelter Babys und Kindern. Am Ende gibt es ein makaberes Bild: fröhliche israelische Kinder schreiben "Grüße" auf die Artilleriegranaten, die abgefeuert werden sollen. Danach kann man eine Botschaft lesen: "Danke den israelischen Kindern für dieses schöne Geschenk. Dank an die Welt, die nichts tut. Unterzeichnet von den Kindern des Libanons und Palästinas."

Die Frau, die der UN-Abteilung für Menschenrechte vorsteht, hat diese Taten bereits als Kriegsverbrechen eingestuft etwas, das in der Zukunft für israelische Offiziere noch einigen Ärger bedeuten könnte.

Im allgemeinen ergeben sich ernsthafte moralische Probleme, wenn Armeeoffiziere die Politik einer Nation bestimmen.

Im Krieg obliegt es einem Kommandeur, harte Entscheidungen zu treffen. Er schickt Soldaten in die Schlacht, wissend, daß viele nicht zurückkehren und andere verstümmelt werden. Er wird abgebrüht. Wie General Amos Yaron seinen Offizieren nach dem Massaker von Sabra und Shatila sagte: "Unsere Gefühle wurden abgestumpft!"

Jahre des Besatzungsregimes in den palästinensischen Gebieten haben eine schreckliche Abgebrühtheit verursacht, was menschliches Leben betrifft. Das Töten von 10 bis 20 Palästinensern pro Tag, einschließlich von Frauen und Kindern, wie es jetzt im Gaza-Streifen geschieht, regt niemanden auf. Es kommt nicht einmal mehr in die Schlagzeilen. Nach und nach sind selbst Routineausdrücke wie "Wir bedauern... wir hatten nicht die Absicht... die moralischste Armee der Welt ..." und all die anderen abgedroschenen Phrasen nicht mehr zu hören.

Nun enthüllt sich diese Abgestumpftheit auch im Libanon. Luftwaffenoffiziere sitzen ruhig und bequem vor den Kameras und sprechen über "Bündel von Zielen", als ob sie über ein technisches Problem sprächen und nicht über das Leben von Menschen. Sie sprechen über die Vertreibung von hunderttausenden von Menschen aus ihren Häusern als einem eindrucksvollen militärischen Erfolg und verbergen auch nicht ihre Zufriedenheit angesichts von Menschen, deren ganzes Leben zerstört worden ist. Das Wort, das bei den Generälen gerade am beliebtesten ist, ist "pulverisieren" - wir pulverisieren, sie werden pulverisiert, Stadtteile werden pulverisiert, Gebäude werden pulverisiert, Menschen werden pulverisiert.

Selbst das Abfeuern von Katyushas auf unsere Städte und Dörfer rechtfertigt nicht dieses Ignorieren von Moral bei der Kriegsführung. Es hätte andere Mittel und Wege gegeben, auf die Provokation der Hizb Allah zu reagieren, ohne den Libanon in Schutt und Asche zu legen. Die moralische Abgestumpftheit wird sich in schwerem politischem Schaden verwandeln, sowohl jetzt als auch langfristig. Nur ein Tor oder schlimmeres ignoriert moralische Werte am Ende wird sich dies immer rächen.

Es ist fast banal zu sagen, es sei einfacher, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden. Man weiß, wie er anfängt, es ist unmöglich zu wissen, wie er enden wird.

Kriege finden im Bereich der Ungewißheit statt. Unvorhergesehene Dinge ereignen sich. Selbst die größten Heerführer der Geschichte konnten die Kriege nicht kontrollieren, die sie begonnen haben. Der Krieg hat seine eigenen Gesetze.

Wir begannen einen Krieg, der ein paar Tage dauern sollte. Er wurde zu einem Krieg von Wochen. Jetzt sprechen sie von einem Krieg von Monaten. Unsere Armee begann eine "chirurgische" Aktion der Luftwaffe, danach schickte sie kleine Einheiten in den Libanon, jetzt kämpfen ganze Brigaden dort und nun werden Reservisten in großer Zahl für eine großangelegte Invasion im Stile von 1982 einberufen. Es gibt schon Leute, die eine Konfrontation mit Syrien voraussehen.

Während dieser ganzen Zeit gebrauchten die USA all ihre Macht, um ein Ende der Feindseligkeiten zu verhindern. Alle Zeichen deuten darauf hin, daß sie Israel zu einem Krieg mit Syrien drängen einem Land, das ballistische Raketen mit chemischen und biologischen Sprengköpfen hat.

Nur eine Sache scheint am 11. Tag des Krieges sicher zu sein: Er wird nichts Gutes zur Folge haben. Was auch immer geschieht Hizb Allah wird gestärkt hervorgehen. Sollte es in der Vergangenheit Hoffnungen gegeben haben, der Libanon würde langsam zu einem normalen Land werden, in dem die Hizb Allah keinen Vorwand mehr hat, eigene militärische Kräfte zu haben, so haben wir jetzt die Organisation mit der perfekten Rechtfertigung ausgerüstet: Israel zerstört den Libanon, nur die Hizb Allah kämpft zur Verteidigung des Landes.

Was die Abschreckung betrifft: ein Krieg, in dem unsere riesige Militär-Maschinerie nicht innerhalb von 11 Tagen eines totalen Krieges eine kleine Guerilla-Organisation bezwingen kann, hat ganz sicher seine abschreckende Kraft nicht wiederhergestellt. In dieser Hinsicht ist es nicht wichtig, wie lang der Krieg dauern wird und wie er ausgeht die Tatsache, daß ein paar tausend Kämpfer der israelischen Armee 11 Tage und mehr widerstanden haben, hat sich schon dem Gedächtnis von hundert Millionen Arabern und Muslimen eingeprägt.

Dieser Krieg wird nichts Gutes hervorbringen nicht für Israel, nicht für den Libanon und nicht für Palästina. Sein Ergebnis, der "Neue Mittlere Osten", wird für seine Bewohner danach ein weniger guter Ort zum Leben sein.





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