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Fragen und Antworten: Der 15. Tag

Perspektiven des Krieges gegen den Libanon

27.07.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




  • Wer gewinnt diesen Krieg?
Am 15. Tag des Krieges funktioniert die Hizb Allah und kämpft weiter. Allein dies wird in die Geschichtsbücher der arabischen Völker als glänzender Sieg eingehen.

Wenn ein Federgewichts-Boxer gegen einen Schwergewichtler kämpft und in der 15. Runde immer noch steht das ist ein Sieg, egal wie es am Ende ausgeht.
  • Kann die Hizb Allah aus dem Grenzgebiet vertrieben werden?
Die Frage beruht auf einem Mißverständnis über das Wesen der Hizb Allah.

Nicht zufällig wird die Organisation Hizb-Allah ("Partei Gottes") und nicht Jaish-Allah ("Armee Gottes") genannt. Es ist eine politische Organisation, tief verwurzelt in der schiitischen Bevölkerung des Südlibanons. Praktisch vertritt sie diese Gemeinschaft. Die Schiiten machen 40 Prozent der libanesischen Bevölkerung aus und zusammen mit den anderen Muslimen stellen sie die Mehrheit.

Hizb Allah kann nur "bewegt" werden, wenn die ganze schiitische Bevölkerung bewegt wird eine ethnische Säuberung, an die (wie ich hoffe) niemand denkt. Nach dem Krieg wird die Bevölkerung in ihre Städte und Dörfer zurückkehren, und Hizb Allah wird weiter wachsen und gedeihen.
  • Was würde geschehen, wenn die libanesische Armee an der Grenze entlang aufgestellt würde?
Dies ist vom ersten Augenblick an einer der Sprüche der israelischen Regierung gewesen. Sie wird dies dies als den entscheidenden Sieg verkaufen. Das klingt sehr überzeugend - für jeden, der keine Ahnung von den Verflechtungen des Libanons hat.

Jeder, der 1982 im Libanon war und die libanesische Armee in Aktion gesehen hat, weiß, daß es keine ernstzunehmende Armee ist. Außerdem sind viele ihrer Offiziere und Soldaten Schiiten. Solch eine Truppe wird nicht gegen die Hizb Allah kämpfen.

Ihr Einsatz im Süden hinge vollständig von der Zustimmung der Hizb Allah ab und das gilt für jeden Tag, an dem sie dort ist.
  • Würde eine internationale Streitkraft hilfreich sein?
Dito. Das ist ein Spruch der besonders für Diplomaten zugeschnitten wurde, die nach einer Idee Ausschau halten, der sie leicht zustimmen können. Sie klingt gut, besonders wenn man noch das Wort "robust" hinzufügt.
  • Was genau soll eine "robuste internationale Truppe" tun?
Man schlägt vor, sie solle die Hizb Allah aus dem Grenzgebiet entfernen. Nicht durch Worte - wie die unglückselige UNIFIL, die jeder von Anfang an ignorierte - sondern durch Gewalt.

Wenn die Aufstellung dieser Truppe in Absprache mit beiden Seiten - Israel und der Hizb Allah - stattfände, in Ordnung. Dies mag dann als Leiter für die israelische Regierung dienen, um von dem Baum herunterzuklettern, auf den sie geklettert war.

Aber wenn die Truppe dort gegen den Willen der Hizb Allah aufgestellt wird, wird ein Guerillakrieg gegen sie beginnen. Wird die internationale Streitkraft an einem Ort standhalten und kämpfen, von dem die mächtige israelische Armee mit eingezogenem Schwanz geflohen ist?

Für Israel wird dies ein spezielles Dilemma sein: Was wird geschehen, wenn die Hizb Allah Israel trotz der Truppe angreift? Wird Israel wieder in das Gebiet einmarschieren und einen Zusammenstoß mit der internationalen Truppe riskieren? Zum Beispiel mit deutschen Soldaten?
  • Olmert sagte, wir werden nicht mit Syrien verhandeln. Ist das durchführbar?
So sagte er. Er sagte eine Menge Dinge und seine Zunge ist immer noch aktiv.

Syrien ist eine zentrale Figur auf diesem Feld. Es wird keine Abmachung mit dem Libanon ohne - direkte oder indirekte - Teilnahme Syriens Erfolg haben.

Stimmt, die Hizb Allah wurde von uns geschaffen. Als die israelische Armee 1982 in den Libanon einmarschierte, wurde sie von den Shiiten mit Reis und Süßigkeiten empfangen. Sie hofften, wir würden die PLO-Kräfte vertreiben, die damals die Kontrolle über das Gebiet hatten. Aber als ihnen klar wurde, daß unsere Armee dort war, um zu bleiben, begannen sie einen Guerillakrieg, der 18 Jahre lang andauerte. In diesem Krieg ist die Hizb Allah entstanden und gewachsen, bis es die stärkste Organisation im ganzen Libanon wurde.

Aber das wäre nicht ohne massive syrische Unterstützung geschehen. Syrien will die Rückgabe der Golanhöhen, die Israel offiziell annektiert hat. Deshalb ist es für die Syrer so wichtig, Israel keine Ruhe zu gönnen. Da sie keine Unruhe an ihrer eigenen Grenze mit Israel wollen, benützen sie die Hizb Allah, um Unruhe an der Grenze zum Libanon zu erzeugen.

Die libanesische Grenze wird nicht ruhig werden, bis wir ein Abkommen mit Syrien abschließen. Das bedeutet: bis wir die Golanhöhen zurückgeben. Die Alternative wäre, einen Krieg mit Syrien, mit seinen ballistischen Raketen, chemischen und biologischen Waffen und einer Armee, die sich bewährt hat, zu beginnen. Präsident Bush drängt Israel dazu, dies zu tun, vielleicht um die Aufmerksamkeit von seinen Fiaskos im Irak und in Afghanistan abzulenken.
  • Wie kann man die Durchführung der militärischen Kampagne bewerten?
Dan Halutz wird in die Geschichtsbücher nicht als einer der größten Feldherren aller Zeiten eingehen.

Er hat die Regierung in diesen Krieg getrieben, zum Teil, um zwei beschämende militärische Fehlschläge zu vertuschen: die palästinensische Kommando-Aktion in Kerem Shalom und die Hizb Allah-Aktion an der libanesischen Grenze. Kein Offizier wurde deshalb zur Rechenschaft gezogen. Die Hauptverantwortung ruht natürlich auf dem Generalstabschef.

Halutz, der erste Generalstabschef, der aus den Reihen der Luftwaffe kommt, war davon überzeugt, daß er es mit einem Bombardement aus der Luft und der Hilfe von Artillerie und der Marine schaffen würde. Er hat sich gewaltig geirrt. Selbst nachdem er verheerenden Schaden im Libanon anrichtete, gelang es ihm nicht, den Gegner zu besiegen. Jetzt ist er gezwungen, das zu tun, wovor alle Angst hatten: große Bodentruppen in den libanesischen Sumpf zu schicken.

Am 15. Tag des Krieges ist keines der Ziele näher daran, erreicht zu werden. Was Halutz betrifft, sowohl als Stratege als auch als Kommandeur, so ist seine Benotung nahe Null.
  • Haben die Zivilisten an der Spitze der Regierung sich unter Beweis gestellt?
Nach den Wahlen dachten viele Leute in Israel, eine bürgerliche Ära habe begonnen, da sowohl der Premierminister als auch der Verteidigungsminister komplette Zivilisten sind, ohne jeden militärischen Hintergrund. Wie sich herausstellt, ist das Gegenteil der Fall.

Die Geschichte zeigt, daß politische Funktionäre, die starken Führern folgen, in der Lage sind, schreckliche Dinge zu tun. Sie wollen beweisen, daß auch sie starke Führer sind, daß sie den Mumm haben, daß sie einen Krieg führen können. Harry Truman, der Franklin Roosevelt folgte, ist für das vielleicht größte Kriegsverbrechen der Geschichte verantwortlich - den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Anthony Eden, der Winston Churchill folgte, begann den dummen Suez-Krieg in Verschwörung mit Frankreich und Israel.

Die Olmert-Regierung hat diesen Krieg in schockierender Unverantwortlichkeit begonnen, ohne ernsthafte Debatten und Beratung. Sie hatten Angst, sich gegen die Forderungen des Generalstabschefs zu stellen, Angst, als Feiglinge gebrandmarkt zu werden.
  • Olmert hat versprochen, daß nach dem Krieg die Situation in der Region anders sein würde als vorher. Gibt es dafür ein Chance?
Absolut. Aber die neue Situation wird für uns viel schlimmer als vorher sein.

Eines von Hassan Nasrallahs Zielen ist, die Shiiten und die Sunniten in einem gemeinsamen Kampf gegen Israel zu vereinigen.

Man muß sich klarmachen, daß Sunniten und Shiiten jahrhundertelang Todfeinde waren. Viele orthodoxe Sunniten betrachten die Shiiten als Ketzer. Indem sie den Palästinensern zu Hilfe kamen, die Sunniten sind , hofft Nasrallah, unter anderem, eine neue Allianz zu schmieden.

Im Mittleren Osten könnte eine neue Achse entstehen, eine die die Hizb Allah, die Palästinenser, Syrien, den Irak und den Iran einschließt. Syrien ist ein sunnitisches Land. Der Irak wird jetzt von den Shiiten kontrolliert, die die Hizb Allah von ganzem Herzen unterstützen. Aber die irakischen Sunniten, die einen harten Guerillakrieg gegen die Amerikaner führen, unterstützen ebenfalls die Hizb Allah.

Dieser Block erfreut sich großer Beliebtheit bei der Bevölkerung in der ganzen arabischen Welt, weil er gegen die USA und Israel kämpft. Der andere Block, der Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien einschließt, verliert täglich an Popularität. Diese Regime werden von der Bevölkerung als Söldner der Amerikaner und Agenten Israels angesehen. Mahmoud Abbas tut alles, damit er nicht in diese Kategorie eingeschlossen wird.
  • Was kann also getan werden?
Den israelisch-palästinensischen Konflikt beenden, der den ganzen Mittleren Osten am Brodeln hält.

Die Hamas aus dieser feindlichen Front herausholen, indem man mit der gewählten palästinensischen Regierung verhandelt.

Ein Abkommen mit dem Libanon zu erreichen. Damit dieses andauert, müssen in diesem Abkommen die Hizb Allah und Syrien mit eingeschlossen werden. Das wird uns verpflichten, den Golan zurückzugeben.

Man sollte sich daran erinnern, dass Ehud Barak schon damit einverstanden war und fast einen Friedensvertrag unterzeichnet hatte, ähnlich dem mit Ägypten, aber unglücklicherweise im letzten Augenblick aus Furcht vor der öffentlichen Meinung gekniffen hat.



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