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Im Fadenkreuz: Syrien!

Oder: Ein netter kleiner Krieg

30.07.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Es ist die alte Geschichte vom verlierenden Spieler: er kann nicht aufhören. Er macht weiter, um zurückzugewinnen, was er verloren hat. Er verliert weiter und spielt weiter, bis er alles verloren hat: seinen Hof, seine Frau und sein Hemd.

Das geschieht auch beim größten Glücksspiel von allen: dem Krieg. Die Anführer, die einen Krieg beginnen und im Sumpf stecken bleiben, sind gezwungen, sich immer tiefer in den Sumpf hineinzukämpfen. Das ist ein Teil des Wesens des Krieges: es ist unmöglich, nach einem Fehlschlag aufzuhören. Die öffentliche Meinung verlangt den versprochenen Sieg. Inkompetente Generäle müssen ihr Versagen vertuschen. Militärkommentatoren und andere Schreibtischstrategen verlangen eine massive Offensive. Zynische Politiker reiten auf der Welle. Die Regierung wird von der Flutwelle hinweggetragen, die sie selbst auslöste.

Das war es, was in dieser Woche nach der Schlacht von Bint-Jbeil geschehen ist, die die Araber bereits beginnen, stolz Nasrallahgrad zu nennen. In ganz Israel wird der Schrei laut: Geht hinein! Schneller! Weiter! Tiefer!

Einen Tag nach der blutigen Schlacht entschied sich das Kabinett für eine massive Mobilisierung von Reservisten. Wozu? Die Minister wissen es nicht. Aber das hängt nun nicht mehr von ihnen ab, auch nicht von den Generälen. Die politische und militärische Führung wird nun von den Wellen des Krieges hin und her geschleudert wie ein Boot ohne Ruder.

Wie schon gesagt, ist es viel leichter, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden. Das Kabinett, das glaubt, daß es den Krieg kontrolliert, aber in Wirklichkeit ist es der Krieg, der sie kontrolliert. Sie haben einen Tiger bestiegen, und können nicht sicher sein, wieder herunter kommen zu können, ohne in Stücke gerissen zu werden.

Der Krieg hat seine eigenen Regeln. Unerwartete Dinge geschehen und diktieren die nächsten Schritte. Und die nächsten Schritte tendieren in eine Richtung: Eskalation.

Dan Halutz, der Vater dieses Krieges, dachte, er könne die Hizb Allah mithilfe der Luftwaffe, der fortschrittlichsten, effizientesten und in allem besten Luftwaffe der Welt, eliminieren. Ein paar Tage massiver Schläge, tausende Tonnen von Bomben auf die Wohngebiete, Straßen, Kraftwerke und Häfen und das war's.

Nun, das war es nicht, wie sich herausstellte. Die Hizb Allah-Raketen landeten weiter im Norden Israels, hunderte pro Tag. Die Öffentlichkeit schrie auf. Man kam nicht um eine Bodenoffensive herum. Zunächst wurden nur kleine Eliteeinheiten hineingeschickt. Das half nichts. Dann wurden Brigaden eingesetzt. Und nun werden ganze Divisionen gefordert.

Zuerst wollten sie die Hizb Allah-Stellungen entlang der Grenze vernichten. Als man sah, daß dies nicht genügt, entschied man sich, die Hügel, die die Grenze beherrschen, zu erobern. Dort warteten die Hizb Allah-Kämpfer und brachten ihnen schwere Verluste bei. Und die Raketen flogen weiterhin.

Nun sind die Generäle davon überzeugt, daß es keine Alternative gibt, als das ganze Gebiet bis zum Litani-Fluß, etwa 24 Kilometer von der Grenze entfernt, zu besetzen, um zu verhindern, daß Raketen von dort abgeschossen werden. Dann werden sie herausfinden, daß sie den Awali-Fluß, 40 Kilometer im Landesinnern, erreichen müssen - die berühmten 40 Kilometer, von denen Menachem Begin 1982 gesprochen hatte.

Und dann? Die israelische Armee wird sich über ein weites Gebiet verteilen und überall wird sie Guerilla-Attacken ausgesetzt sein, der Art, in der die Hizb Allah unübertroffen ist. Und die Raketen werden weiterhin fliegen.

Was nun? Man kann nicht aufhören. Die öffentliche Meinung wird entschiedenere Schritte fordern. Politische Demagogen werden schreien. Die Kommentatoren werden murren. Die Leute in den Luftschutzkellern werden aufheulen. Die Generäle werden den Zorn zu spüren bekommen. Man kann nicht zehntausende Reservesoldaten unbegrenzt mobilisiert halten. Es ist unmöglich, eine Situation zu verlängern, die ein Drittel des Landes lähmt.

Alle werden lautstark verlangen, vorwärts zu stürmen. Wohin? Nach Beirut in den Norden? Oder nach Damaskus in den Osten?

Die Kabinettsmitglieder rufen einstimmig: "Nein, niemals! Wir werden Syrien nicht angreifen!"

Vielleicht beabsichtigen einige von ihnen tatsächlich nicht, dies zu tun. Sie träumen nicht von einem Krieg mit Syrien. Absolut nicht. Aber die Minister machen sich nur etwas vor, wenn sie glauben, daß sie den Krieg kontrollieren. Der Krieg kontrolliert sie.

Wenn es klar wird, daß nichts hilft, daß Hizb Allah weiter kämpft und Raketen weiterhin fliegen, wird die politische und militärische Führung dem Bankrott gegenüberstehen. Sie werden dann jemandem die Schuld geben müssen. Aber wem? Nun, natürlich Assad.

Wie ist es nur möglich, daß eine kleine "Terrororganisation", mit zusammen nur ein paar tausend Kämpfern, weiterkämpft? Woher erhalten sie die Waffen? Der Finger wird auf Syrien deuten.

Selbst jetzt behaupten die Militärkommandeure, daß die ganze Zeit neue Raketen von Syrien zur Hizb Allah fließen. Stimmt, die Straßen wurden zwar bombardiert, die Brücken zerstört, aber die Waffen kommen weiter an. Die israelische Regierung fordert, daß eine internationale Truppe nicht nur entlang der israelisch-libanesischen Grenze stationiert wird, sondern auch an der libanesisch-syrischen. Die Schlange von Freiwilligen wird nicht lang sein.

Dann werden die Generäle die Bombardierung von Straßen und Brücken in Syrien fordern. Dafür muß die syrische Luftwaffe neutralisiert werden. Kurz gesagt: ein wirklicher Krieg, mit Auswirkungen auf den ganzen Mittleren Osten.

Ehud Olmert und Amir Peretz dachten nicht darüber nach, als sie vor 17 Tagen in Eile und leichtfertig ohne ernsthafte Debatte, ohne Prüfung anderer Optionen, ohne die Risiken zu kalkulieren, entschieden, die Hizb Allah anzugreifen. Für Politiker, die keine Ahnung haben, was Krieg ist, war es eine unwiderstehliche Versuchung: es gab eine klare Provokation durch die Hizb Allah, internationale Unterstützung war sicher, was für eine wunderbare Gelegenheit! Sie taten, was nicht einmal Sharon zu tun gewagt hatte.

Dan Halutz machte ein Angebot, das nicht abgelehnt werden konnte. Ein netter kleiner Krieg. Die militärischen Pläne waren fertig und gut eingeübt. Der Sieg war sicher. Um so mehr, als auf der anderen Seite kein richtiger Feind war, sondern nur eine "Terrororganisation".

Wie sehr das Verlangen in den Herzen von Olmert und Peretz brannte, wird dadurch bestätigt, daß sie nicht einmal an den Mangel von Schutzräumen für die Bevölkerung in den Städten im Norden gedacht hatten, geschweige denn an die weitreichenden wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen. Hauptsache war, schnell die Lorbeeren einzuheimsen.

Sie hatten keine Zeit, ernsthaft über das Kriegsziel nachzudenken. Nun ähneln sie Bogenschützen, die ihre Pfeile auf ein leeres Laken schießen und danach die Ringe um den Pfeil ziehen. Die Ziele ändern sich täglich: die Hizb Allah zu zerstören, sie zu entwaffnen, sie aus dem Südlibanon zu vertreiben und vielleicht sie nur "schwächen". Hassan Nasrallah zu töten. Die gefangenen Soldaten nach Hause zu bringen. Die Souveränität der libanesischen Regierung über den ganzen Libanon ausdzuehnen. Eine neu-alte Sicherheitszone zu errichten, die von Israel besetzt ist. Die libanesische Armee und/oder eine internationale Truppe entlang der Grenze aufzustellen. Die Abschreckung wiederherzustellen. Ins Bewusstsein der Hizb Allah einzuprägen. (Unsere Generäle lieben es, ins Bewußtsein einzuprägen. Das ist ein wunderbar sicheres Ziel, weil es nicht gemessen werden kann.)

Je länger der nette kleine Krieg dauert, um so klarer wird es, daß diese sich ändernden Ziele nicht realistisch sind. Die herrschende Gruppe des Libanons vertritt nur eine kleine, reiche und korrupte Elite. Die libanesische Armee kann und wird die Hizb Allah nicht bekämpfen. Die neue "Sicherheitszone" wird den Guerillaangriffen ausgesetzt sein und die internationale Truppe wird nicht ohne Abkommen mit der Hizb Allah in das Gebiet hineinkommen. Und diese Guerillatruppe, die Hizb Allah, kann von der israelischen Armee nicht vernichtet werden.

Deshalb muß man sich nicht schämen. Unsere Armee ist in guter oder besser in schlechter Gesellschaft. Der Begriff "Guerilla" ("kleiner Krieg") wurde in Spanien während der Besatzung des Landes durch Napoleon geprägt. Irreguläre Banden spanischer Kämpfer griffen die Besatzer an und schlugen sie. Dasselbe geschah den Russen in Afghanistan, den Franzosen in Algerien, den Briten in Palästina und einem Dutzend anderer Kolonien, den Amerikanern in Vietnam und nun passiert es ihnen im Irak. Selbst wenn man annimmt, daß Dan Halutz und Udi Adam bessere Feldherren als Napoleon und seine Marschälle sind, werden sie dort keinen Erfolg haben, wo jene versagten.

Als Napoleon nicht wußte, was er als nächstes tun sollte, fiel er in Rußland ein. Wenn wir die Operation nicht beenden, wird sie uns in einen Krieg mit Syrien führen.

Condoleezza Rices sturer Kampf gegen den Versuch, den Krieg zu beenden, zeigt, daß dies tatsächlich das Ziel der USA ist. Vom ersten Tag von George W. Bushs Präsidentschaft an forderten die Neo-Cons zur Eliminierung Syriens auf. Je weiter Bush in den irakischen Morast sinkt, um so mehr muß er die Aufmerksamkeit durch ein anderes Abenteuer ablenken.

Übrigens: Einen Tag vor Ausbruch dieses Krieges nahm unser Infrastrukturminister Binyamin Ben-Eliezer an einer Einweihungsfeier der großen Pipeline teil, die Öl aus den großen Ölfeldern am Kaspischen Meer zum türkischen Hafen Ceyhan, nahe der syrischen Grenze, bringen wird. Die Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline meidet Rußland und läuft durch Aserbaijan und Georgien, zwei Länder, die wie die Türkei selbst eng mit Israel verbunden sind. Es gibt einen Plan, einen Teil des Öls von dort entlang der syrischen und libanesischen Küste nach Ashkelon zu bringen, wo eine bestehende Pipeline das Öl nach Eilat bringen wird, um in den Fernen Osten exportiert zu werden. Israel und die Türkei sollen dieses Gebiet für die USA sichern.

Muß das Hineinschliddern in einen Krieg mit Syrien passieren? Gibt es keine Alternative?

Natürlich gibt es die. Jetzt aufzuhören, sofort.

Als Präsident Lyndon B. Johnson spürte, daß er im Morast von Vietnam versank, fragte er seine Freunde um Rat. Einer von ihnen antwortete mit fünf Worten: "Erkläre den Sieg und verschwinde!"

Das können wir auch tun. Aufhören, mehr und mehr in ein Verlustgeschäft zu investieren. Zufrieden zu sein mit dem, was wir jetzt erreichen können. Zum Beispiel: ein Abkommen, das die Hizb Allah ein paar Kilometer von der Grenze entfernen würde, entlang derer eine internationale Truppe und/oder die libanesische Armee stationiert wird, und die Gefangenen auszutauschen. Olmert wird in der Lage sein, dies als großen Sieg zu präsentieren, zu behaupten, wir hätten bekommen, was wir wollten, daß wir den Arabern eine Lektion erteilt hätten und wir ohnehin nicht die Absicht gehabt hätten, mehr zu erlangen. Nasrallah wird ebenfalls erklären, er habe einen großen Sieg errungen und dem zionistischen Feind eine Lektion erteilt, die er nicht vergessen werde, daß Hizb Allah lebendig, stark und bewaffnet bleiben werde und er die libanesischen Gefangenen zurückgebracht habe.

Stimmt, das wird nicht viel sein. Aber das ist es, was getan werden kann, um die Verluste zu begrenzen, wie man in der Geschäftswelt sagt.

Das könnte geschehen. Wenn Olmert schlau genug ist, sich aus der Falle herauszuziehen, bevor sie ganz zufällt. (Eine alte Volksweisheit sagt: eine schlaue Person ist die, die weiß, wie sie aus einer Falle herauskommt, in die ein Weiser erst gar nicht hineingeraten wäre.) Und wenn Condoleezza den Befehl von ihrem Boss bekommt, dies zu gestatten.

Am 17. Tag des Krieges müssen wir erkennen, daß wir bald vor einer klaren Entscheidung stehen werden: entweder in einen Krieg mit Syrien zu schliddern, absichtlich oder unabsichtlich, oder ein Abkommen im Norden erreichen, das notwendigerweise die Hizb Allah und Syrien mit einschließt. Im Zentrum eines solchen Abkommens werden die Golan-Höhen stehen.

Olmert und Peretz dachten in jenen berauschenden Momenten des 12. Juli nicht an so etwas, als sie die Gelegenheit ergriffen einen netten kleinen Krieg zu beginnen. Aber haben sie denn überhaupt nachgedacht?



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