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Kriegs-Junkies

Ziele und Ergebnisse des Krieges gegen den Libanon

07.08.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs und Christoph Glanz




Für mich war es ein Augenblick schockierender Erkenntnis.

Ich hörte eine der täglichen Reden unseres Premierministers. Er sagte: "Wir sind ein wunderbares Volk!" Er sagte: "Wir haben diesen Krieg schon gewonnen, es ist der größte Sieg in der Geschichte unseres Staates." Er sagte: "Wir haben das Antlitz des Mittleren Ostens verändert." Und noch mehr in dieser Art.

Nun, sagte ich zu mir selbst, das ist eben Olmert.

Ich kenne ihn, seitdem er in den Zwanzigern war. Damals war ich Mitglied der Knesset und Olmert war (buchstäblich) Aktenträger eines anderen Knessetmitglieds. Seitdem habe ich seine Karriere verfolgt. Er war niemals mehr als ein Parteifunktionär, ein Schmalspur-Politiker, spezialisiert auf Manipulationen, ein mittelmäßiger Demagoge. Zwischendurch wechselte er mehrfach die Partei und diente als Bürgermeister von Jerusalem mit einer Note "4-", bis er sich der Sache Ariel Sharons anschloß. Mehr oder weniger zufällig wurde ihm der leere Titel "Stellvertretender Premierminister" verliehen und als Sharon seinen Schlaganfall erlitt, geschah etwas, worüber Olmert selbst sehr überrascht war: er wurde Premierminister.

Während seiner ganzen Karriere blieb er ein kompletter Zyniker, an sich vom rechten Flügel, aber auch bereit, gegenüber Linken vorzutäuschen, er sei ein Liberaler.

Also sagte ich zu mir wird das eine weitere zynische Rede sein. Doch plötzlich kam mir ein entsetzlicher Gedanke: Nein, der Mann glaubt tatsächlich, was er sagt!

Man kann es sich kaum vorstellen, aber anscheinend glaubt Olmert wirklich, dies sei ein erfolgreicher Krieg. Daß er gewinnen werde. Daß er die Situation Israels radikal verändert habe. Daß er einen Neuen Mittleren Osten errichte. Daß er ein historischer Führer, Ariel Sharon (der ja immerhin im Libanon besiegt worden war und der der Hizb Allah gestattete, ihr Raketenarsenal aufzubauen) weit überlegen, sei. Daß sein Ansehen in der Geschichte um so mehr wachsen werde, je länger es ihm gestattet wird, mit diesem Krieg fortzufahren.

Ehud Olmert hat offensichtlich jeglichen Kontakt mit der Realität verloren. Er lebt allein in einer Seifenblase. Seine Reden zeigen, daß er ein sehr reales Problem hat. Von allen Gefahren, denen Israel jetzt ausgesetzt ist, ist dies die ernsteste. Denn dieser Mann entscheidet ganz einfach über das Schicksal von Millionen: wer sterben, wer Flüchtling, wessen Welt zerschmettert werden wird.

Aber Olmerts Problem mit dem Größenwahnsinn ist nichts im Vergleich zu dem, was mit Amir Peretz geschehen ist.

Genau vor neun Monaten, nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Arbeitspartei, hielt Peretz in Tel Aviv auf dem Rabin-Platz eine Rede und verriet seinen Traum: daß im Niemandsland zwischen Israel und dem Gaza-Streifen ein Fußballfeld gebaut und ein Fußballspiel zwischen der israelischen Jugend von Sderot und der palästinensischen Jugend des nahen Beit Hanoun stattfinden wird. Ein israelischer Martin Luther King.

Neun Monate später wurde uns ein Monster geboren.

Bei der Knesset-Wahlkampagne erschien Peretz wie ein sozialer Revolutionär. Er erklärte, er wolle das Antlitz der israelischen Gesellschaft verändern, neue nationale Prioritäten festlegen, das Militärbudget um Milliarden kürzen und sie der Bildung, Erziehung und Wohlfahrt zukommen lassen und so die deutliche Kluft zwischen reich und arm verringern. Als alter Friedensanhänger würde er natürlich Frieden mit den Palästinensern und der ganzen arabischen Welt ereichen.

Dies ließ ihn die Stimmen vieler Bürger gewinnen, einschließlich vieler, die normalerweise nicht daran gedacht hätten, jemals die Arbeitspartei zu wählen.

Was dann folgte, ist Geschichte. Er verführte sich selbst, als Olmert ihm das Verteidigungsministerium anbot. Das war noch Olmert, der Zyniker. Er wußte - genau wie wir - daß Peretz in eine Falle tappte, daß er als reiner Zivilist ohne ernsthafte militärische Erfahrungen, zur leichten Beute der Generäle werden würde. Aber Peretz schrak nicht zurück. Das höchste Ziel seines Lebens ist, Premierminister zu werden und um ein glaubwürdiger Kandidat zu sein, glaubte er, er müsse sich selbst als Sicherheitsexperte präsentieren.

Seitdem ist Peretz zu einem tollwütigen Kriegstreiber geworden. Nicht nur, daß er alle Forderungen der Generäle unterstützt, nicht nur, daß er als ihr Sprecher fungiert – er hat auch mitgeholfen, Israel in den Krieg zu treiben und seitdem hat er gefordert, daß der Krieg fortgesetzt, ausgedehnt und vergrößert, mehr getötet, mehr zerstört, mehr besetzt werden solle. Er erklärte selbst: "Nasrallah wird niemals den Namen Amir Peretz vergessen!" – wie ein verzogenes Kind, das seinen Namen in eine Touristenattraktion einritzt.

Im Augenblick versucht er, sogar extremer als Olmert zu sein. Während der Premierminister zögert, weiterzugehen, fürchtend, daß zu viele Todesfälle durch Raketen und durch Gefechte auf dem Boden den Glanz seines Sieges trüben könnten, will Peretz den Litani erreichen, was immer es auch kosten mag. Da gibt es keinen anderen Weg - falls man Premierminister werden will, muß man über Leichen gehen.

So ist uns also ein Monster geboren worden. Rosemarys Baby.

Heute, am 25. Kriegstag können wir eine Zwischenbilanz ziehen. Was waren die Ziele? Was sind die Ergebnisse?

"Die Hizb Allah zu zerstören."

Wer hätte geglaubt, daß die Hizb Allah am 25. Tag noch immer stehen und kämpfen würde? Ein paar tausend Kämpfer gegen die fünftstärkste Armee der Welt. Keiner spricht mehr davon, sie zu eliminieren. Nicht Olmert, nicht Peretz, nicht einmal Dan Halutz – der dritte Winkel in diesem unheiligen Dreieck.

"Die Hizb Allah zu schwächen."

Das ist eine abgeschwächte Version des ersten Zieles. Sie ist bequemer, denn sie kann nicht gemessen werden. Schließlich werden in einem Krieg beide Seiten geschwächt. Menschen werden getötet und verwundet, Waffen werden zerstört, Einrichtungen vernichtet. Doch während die israelische Armee eine Division nach der anderen mobilisieren kann, und die Amerikaner sich beeilen, noch mehr Bomben zu liefern, kann die Hizb Allah solche Verluste verkraften?

Keiner weiß, wie viele Kämpfer die Organisation verloren hat. Die israelische Armee veröffentlicht Schätzungen, ohne sie beweisen zu können. Die Libanesen sprechen von viel kleineren Zahlen und haben auch keine Beweise.

Aber das ist nicht die Hauptsache. Eine Organisation wie die Hizb Allah hat kein Problem, immer mehr Freiwillige für den "Heiligen Krieg" zu gewinnen. Egal wie hoch ihre Verluste sein mögen, nach dem Krieg wird die Organisation so viele neue Kämpfer ausbilden wie nötig. Ihr Arsenal wird auch mit neuen Waffen aus dem Iran und Syrien wiederaufgefüllt werden. Die Grenze ist lang, es ist unmöglich, sie völlig abzuriegeln.

"Die Hizb Allah von der Grenze zu drängen."

Das ist ein zusammengeschrumpftes Ziel, nachdem die beiden vorausgegangenen Ziele sich als unerreichbar erwiesen haben. Es ist ebenfalls bisher nicht erreicht worden und wird dies auch nie werden, da es ebenfalls unerreichbar ist. Die meisten Hizb Allah-Kämpfer entstammen der südlibanesischen Städte und Dörfer. Sie werden auch weiterhin dort sein, offen oder verdeckt. Keine internationale Truppe wird dies verhindern können und ganz sicher nicht die libanesische Armee.

Die Raketen können weiter weg entfernt werden. Wieviele Kilometer? Zehn? Zwanzig? Das wird die Bedrohung Nahariyas, Haifas und Tel Avivs nicht entfernen – insbesondere, da die Reichweite der Raketen mit der Zeit wächst, wenn technisch noch weiterentwickelte Typen ankommen.

"Hassan Nasralla zu töten."

Im Augenblick scheint es, als sei der Bericht über seinen Tod eine Übertreibung gewesen, um Mark Twain zu zitieren. Als eine Art Parodie der Entebbe-Aktion wurde Nasrallah aus einem Krankenhaus in Baalbek gezogen – aber es war ein anderer Hassan Nasrallah. Hoppla!

In der Zwischenzeit lebt und gedeiht der echte Nasrallah. Verglichen mit den kitschigen Reden Olmerts mit ihren endlosen Klischees und der auf den Tisch schlagenden Faust, erlebt man den Anführer der Hizb Allah als sachlichen Redner, maßvoll und meist auch ziemlich glaubwürdig.

"Der israelischen Armee das Abschreckungspotential zurückzugeben."

Keiner zweifelt daran, daß die israelische Armee eine gute, professionelle Armee ist, die fähig ist, reguläre Armeen zu besiegen. Aber dieser Krieg beweist, daß sie nicht in der Lage ist, eine militärische Entscheidung gegen eine fähige Guerillaorganisation mit entschlossenen Kämpfern zu erreichen. Wenn die Hizb Allah nach 25 Tagen noch gesund und munter ist, dann ist das Abschreckungspotential der israelischen Armee geschwächt worden – was immer auch von jetzt an geschehen mag.

Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen hat der Krieg die Sicherheit Israels beschädigt. Er hat bewiesen, daß Israels Hinterland ungeschützt ist, daß die Kämpfer der Hizb Allah den israelischen Soldaten nicht unterlegen sind, daß es keinen Luxuskrieg gibt, daß die Luftwaffe nicht ohne das Heer gewinnen kann. Nicht einmal unter idealen Voraussetzungen, wenn die andere Seite keine nennenswerte Luftverteidigung hat.

Einige trösten sich mit dem Gedanken, daß "die Araber gesehen haben, daß wir verrückt sind." Wir reagieren auf eine kleine lokale Provokation mit einer Orgie von Tod und Zerstörung, zerstören ganze Länder, eine Art nationalen Amoklaufs. Aber Amoklauf ist keine Politik. Es löst keine Probleme. Es ist ein unkontrollierbarer Reflex. Es erlaubt kein vernünftiges Denken. Es erlaubt der anderen Seite sogar, uns durch geplante Provokationen zu manipulieren.

"Eine internationale Truppe an der Grenze entlang aufzustellen."

Dies ist eine Art Notlösung, nachdem die anderen Ziele in Rauch aufgegangen sind.

Zu Beginn des Krieges war Olmert energisch gegen solch eine Truppe, weil sie die Handlungsfreiheit der israelischen Armee einschränken würde. Es ist klar, daß keine internationale Truppe kommen wird, solange vor Ort keine Waffenruhe herrscht und kein Abkommen mit der Hizb Allah erreicht wurde. Niemand will sich einem Kreuzfeuer aussetzen. Deshalb müssen diese Kräfte auch den Interessen der Hizb Allah dienen, da sonst ein Guerillakrieg gegen sie zu befürchten ist. Sind deswegen all die Opfer gemacht worden?

"Wir werden eine neue Situation im Mittleren Osten schaffen."

Dieses Ziel ist tatsächlich erreicht worden – aber nicht in der Weise, die Olmert es sich (und uns) erzählte.

Die langfristigen Kriegsfolgen sind nicht offensichtlich. Sie gehören zur Kategorie, die Bismarck als "Unwägbarkeiten" definierte – Dinge, die nicht meßbar sind.

Jeden Tag sehen dutzende Millionen Araber und hunderte Millionen Muslime auf ihren Fernsehschirmen die entsetzlichen Bilder von zermalmten Babys, die Anblicke der schrecklichen Zerstörung. Diese werden sich tief ins Bewußtsein der Massen einprägen und wird eine Menge Zorn und Haß anhäufen, der viel gefährlicher sein wird als ein Arsenal von Raketen. In diesen 25 Tagen wurden tausende von neuen Selbstmordattentätern geschaffen. Und so wie die Gestalt Nasrallahs als Held der arabischen Welt wächst, so erreicht die Achtung vor den "moderaten" arabischen Regimen neue Tiefpunkte - genau die Regime, auf die die USA und Israel sich verlassen, um den Neuen Mittleren Osten aufzubauen.

Nach dem 25. Tag wird der 26. kommen und immer so weiter. Präsident Bush, der uns in diesen Krieg getrieben hat, treibt uns an, weiterzumachen ("bis zum letzten israelischen Soldaten" – wie man sagt). Genau wie Olmert lebt er in einer Phantasiewelt.

Bush, Olmert und Ihresgleichen können die Massen aufhetzen und hinter sich sammeln, bis der Ruf "Der Kaiser ist nackt!" auf empfängliche Ohren trifft.

Einer der widerlichsten Anblicke des Krieges ist das Bild der internationalen Diplomaten, die alles tun, um Olmert & Co. in die Lage zu versetzen, mit dem Krieg fortzufahren. Die UN sind seit langem ein Vertreter des Weißen Hauses geworden. Heuchelei und Scheinheiligkeit haben einen großen Tag, während auf beiden Seiten der Grenze Leben zerstört und Tote beerdigt wurden.

Olmert will so viele Tage wie möglich für die Fortsetzung des Kampfes „gewinnen“. Was für ein Gewinn ist das? Wir erobern den Südlibanon, wie Fliegen eine Fliegenfalle erobern. Generäle präsentieren Landkarten mit eindrucksvollen Pfeilen, um zu zeigen, wie die Hizb Allah nach Norden gedrängt wird. Das wäre überzeugend – wenn wir von der Frontlinie eines Krieges mit einer regulären Armee redeten, wie es es in der Militärakademie gelehrt wird. Aber dies ist ein völlig anderer Krieg. Im eroberten Gebiet bleiben die Leute der Hizb Allah und unsere Soldaten sind Angriffen ausgesetzt, wie die Hisbollah sie von ihrem ersten Tag an mit Erfolg ausgeführt hat.

Wir werden also bis an den Litani gehen. Danach gibt es einen weiteren Fluß und noch einen. Der Libanon hat eine Menge Flüsse, an die wir gelangen können.

Vielleicht würde es sich für diese beiden Junkies, Olmert und Peretz, lohnen, aus ihrem Rausch aufzuwachen und die Landkarte zu studieren.





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