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Wer? Ich?

Israelische Machtverhältnisse

10.08.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Heute beginnt die 5. Kriegswoche. Es ist kaum zu glauben: unsere mächtige Armee kämpft jetzt seit 29 Tagen gegen eine "Bande" und eine "Terrororganisation", wie die Militärkommandeure sie gern beschreiben, und die Schlacht wurde noch nicht entschieden.

Gestern meldeten militärische Quellen in Israel, daß 400 der 1.200 Hizb Allah-Terroristen getötet worden seien. Das heißt also, es haben nur 1.200 Kämpfer gegen zehntausende unserer Soldaten, die mit den in aller Welt hochentwickelsten Waffen ausgerüstet sind, gestanden und hunderttausende israelischer Bürger sind noch immer unter Raketenbeschuß, während unsere Soldaten weiterhin getötet werden.

Wer? Ich? Inzwischen gibt schon jeder zu, daß in diesem Krieg etwas grundsätzliches schiefgelaufen ist. Der Beweis: der "Krieg der Generäle", der früher erst nach Kriegsende begonnen hat, ist nun schon öffentlich geworden, während der Krieg noch weitergeht.

Der Generalstabschef Dan Halutz hat den Schuldigen gefunden: Udi Adam, den Leiter des Kommando Nord. Er hat ihn praktisch mitten in der Schlacht entlassen. Das ist der alte Trick des Diebes, der "Haltet den Dieb!" schreit. Schließlich ist klar, daß die Person, der die Hauptschuld für die Fehlschläge des Krieges zu geben ist, Halutz selbst ist, der törichterweise glaubte, die Hizb Allah könne mit Luftangriffen besiegt werden.

Doch fliegen nicht nur an der Militärspitze gegenseitige Anschuldigungen umher. Das Militärkommando klagt die Regierung an, die mit gleicher Münze zurückzahlt.

Am Abend seiner Degradierung beschuldigte Udi Adam öffentlich die Regierung, sie habe ihm die Hände gebunden. Also: die Regierung ist schuld. Ehud Olmert blieb nicht still und erklärte, die Armee habe keine Pläne zur Erweiterung der Kampagne vorgelegt. Das heißt: wenn Sie inkompetent sind, dann beschuldigen Sie nicht mich!

Um sich zu rechtfertigen fügte Olmert noch einen wichtigen Satz hinzu: "Vom ersten Tag des Krieges an hat die Regierung kein einziges Ersuchen der Armee zurückgewiesen!" Min anderen Worten, es ist der Generalstabschef, der die Politik macht und den Krieg führt, während die politische Führung alles absegnet, um das die Armee "ersucht".

Aber das ist eine sinnlose Diskussion, weil sie die Hauptsache ignoriert, die von Tag zu Tag klarer wird: es ist einfach unmöglich, diesen Krieg zu gewinnen. Deshalb läuft nichts, wie es geplant war.

Plan? Welcher Plan? Vor Jahren hatte der Militärkommentator von Haolam Hazeh - der Zeitschrift, deren Herausgeber ich damals war - die Nase voll von der Prahlerei, mit der sich unsere Armee der Improvisationen rühmt. "Die Fähigkeit zu improvisieren", schrieb er, "ist nur eine andere Bezeichnung für unsere Unfähigkeit zu planen."

Berichten zufolge hat sich die israelische Armee länger als drei Jahre auf diesen Krieg vorbereitet. Die letzte Militärübung fand einen Monat vor Kriegsbeginn statt und schloß eine Invasion in den Libanon durch die Bodentruppen ein. Es ist klar, daß das Kommando nicht einen Feldzug erwartete, der vier Wochen und länger dauern würde. Was zum Teufel! Schließlich ging es doch nur gegen eine kleine Bande von Terroristen. Dies bestätigt den Spruch, daß selbst der beste Kriegsplan den ersten Kriegstag nicht überlebt.

Der Krieg der Armen. Es ist ziemlich klar, daß der wunderbare Plan des Armeekommandos den Schutz des in Reichweite der Raketen liegenden Hinterlands nicht mit einschloß. Es gab keinen Plan für die hundertundeins Probleme, die durch den Angriff auf die Hizb Allah auftauchten: vom Schutz der Zivilbevölkerung vor tausenden von Raketen bis zu notwendigen wirtschaftlichen Vorkehrungen, wenn ein Drittel der Bevölkerung des Landes unter Bombardements lebt und gelähmt ist.

Nun schreit die Öffentlichkeit auf und bald werden die Minister und Generäle jemanden finden müssen, der auch dafür als Sündenbock dienen kann.

Denn dieser Krieg wird auf dem Rücken der Schwachen ausgefochten, die es sich nicht leisten können, sich aus dem Gebiet der Raketen "selbst zu evakuieren". Die Reichen und Wohlhabenden sind schon längst weg - in Israel genauso wie im Libanon. Die Armen, die Alten, die Kranken und die Behinderten bleiben in den Schutzräumen. Sie sind die Hauptleidtragenden. Aber das macht sie nicht zu Kriegsgegnern. Im Gegenteil, sie schreien am lautesten und verlangen "macht Schluß mit ihnen!", "zermalmt sie!", "löscht sie aus!"

Das ist auch nicht neu: die Schwächsten in der Gesellschaft wollen immer fühlen, daß sie zur stärksten Nation gehören. Diejenigen, die nichts haben, werden zu den größten Patrioten. Und sie sind auch die Hauptopfer.

Diejenigen, die den Krieg initiiert und geplant haben, pflegen die im Norden festsitzenden Bewohner zynisch zu umschmeicheln, nennen sie "Helden" und loben ihre "wunderbare Standhaftigkeit".

Vereinigte Zyniker. Nun hängt das Ende des Tötens von den UN ab.

David Ben-Gurion nannte sie verächtlich "UNO-SHMUNO" (UM-SHMUM auf hebräisch). Im Krieg von 1948 verletzte er ihre Resolutionen über Waffenpausen, wann immer es ihm paßte (als Soldat nahm ich an einigen solcher Aktionen teil). Er und alle seine Nachfolger seitdem haben fast alle UN-Resolutionen, die uns betreffen, verletzt. Sie behaupteten (nicht ohne Grund), daß die Organisation, von einer automatisch anti-israelischen Mehrheit aus dem Sowjet-Block und aus Dritte-Welt-Ländern beherrscht sei.

Seitdem hat sich die Situation verändert. Der Sowjet-Block brach zusammen und die UN sind zu einem verlängerten Arm des US-Außenministeriums geworden. Kofi Annan ist zu einem Hausmeister geworden und der wirkliche Boss ist der US-Abgesandte John Bolton, ein absoluterer Neo-Con und daher ein großer Freund Israels. Er will, daß der Krieg weitergeht.

Darum geht es den Amerikanern: der israelischen Armee weitere Tage, vielleicht noch Wochen zu geben, um mit dem Krieg weiter zu machen, um die Illusion des Sieges zu verfolgen, gleichzeitig aber vorzugeben, große Anstrengungen zu unternehmen, um den Krieg zu beenden. Anscheinend hat Olmert Bush versprochen, den Krieg zu gewinnen, wenn ihm nur genügend Zeit gegeben werde.

Die neuen Vorschläge der Regierung in Beirut ließen die Lichter in Jerusalem rot aufleuchten. Die libanesische Regierung schlägt vor, entlang der Grenze 15.000 libanesische Soldaten aufzustellen, eine Waffenruhe zu erklären und die israelischen Soldaten aus dem Libanon abzuziehen. Das ist genau das, was die israelische Regierung zu Beginn des Krieges gefordert hat. Aber jetzt sieht dies wie eine Gefahr aus. Es könnte den Krieg ohne einen israelischen Sieg beenden.

So entstand eine paradoxe Situation: die israelische Regierung weist einen Vorschlag zurück, der ihr ursprüngliches Kriegsziel wiedergibt und fordert stattdessen die Aufstellung einer internationalen Truppe, gegen die sie bei Kriegsbeginn strikt war. Das geschieht, wenn man einen Krieg ohne klare und erreichbare Ziele beginnt. Alles gerät durcheinander.

Generäle und Kommentatoren. Ich habe einen Vorschlag, der alle durch diesen Krieg verursachten Probleme löst: die Generäle mit den Kommentatoren auszutauschen.

Die Generäle haben sich bei der Kriegsführung nicht ausgezeichnet. Aber sie und ihre Kollegen, die Ex-Generäle, haben sich als ausgezeichnete Kommentatoren erwiesen. Sie haben alle anderen aus den Studios gedrängt, einen nationalen Konsens geschaffen und alle echte Kritik zum Schweigen gebracht. (Außer einer Art von Kritik: Warum dringen wir nicht tiefer in den Libanon ein? Warum haben wir noch nicht den Litani erreicht? Warum gehen wir nicht über den Litani? Warum radieren wir nicht die libanesischen Dörfer von der Erdoberfläche aus?)

Andererseits beweisen die Sendungen, daß die Militärkommentatoren genau wissen, wie man den Krieg führt. Sie haben überzeugende Meinungen und eine Menge Expertenratschläge - sie wissen, wann man wo voranschreiten muß, welche Truppen eingesetzt und welche Waffen benützt werden sollen.

Warum sollte man nicht sie den Krieg führen lassen?

Machostan. Die Batterie der Generäle, die jeden Abend auf allen Fernsehkanälen erscheint, um der Nation eine "Berichterstattung" (alias Propaganda) zu geben, sind alle männlich. Bei ihnen ist eine Quoten-Frau, eine wahre Schönheit, die den Titel "Armeesprecherin" trägt und vor allem Abwechslung bringen soll. Die Kommentatoren beim Fernsehen sind natürlich harte Jungs und dies trifft auch auf fast alle anderen Sprecher zu.

Die Herrschaft der Männer wird dadurch noch unterstrichen, daß das Außenministerium von einer Frau geführt wird. Seit der Gründung Israels war das Verteidigungsministerium das Reich der echten Männer, die mit Verachtung auf das Außenministerium schauen, was immer als schwach und kraftlos angesehen wird. Auch jetzt ist das Außenministerium ein kränkliches Glied des "Verteidigungsestablishments". Tsipi Livni, auf die einmal Hoffnungen gesetzt worden sind, ist ein Papagei der Armee so wie Condoleezza Rice Bushs Papagei ist.

Natürlich ist der Krieg eine Sache der Männer. So war es von Anbeginn der menschlichen Rasse an und vielleicht sogar noch früher. Ein Stamm von Pavianen bildet beispielsweise, wenn eine Gefahr auftaucht, automatisch eine Verteidigungsordnung: alte Männchen, Weibchen und Jungtiere in der Mitte, junge Männchen in einem Kreis um sie herum. Es gibt nur einen Unterschied zwischen ihnen und uns: ihr Führer ist immer der weiseste und erfahrenste des Stammes.

Die Vorliebe der Männer für den Krieg - ein Phänomen, das wir in den vergangenen Tagen aus der Nähe beobachten konnten - hat nicht nur etwas mit diesem biologischen Erbe zu tun. Der Krieg sichert die totale Herrschaft der Männer über die Gesellschaft. Er sichert auch die totale Herrschaft der Generäle über den Staat.

Falls wir geglaubt hatten, daß sich dies durch eine von Zivilisten geführte Regierung ändern würde, so hatten wir offensichtlich unrecht. Das Gegenteil ist der Fall. die Zivilisten, die sich wie Kriegsführer benehmen, sind nicht besser als die Generäle. Ein alter General könnte sogar etwas aus seinen Erfahrungen gelernt haben.

Ich werde jetzt etwas sagen, von dem ich nie gedacht hätte, ich würde es einmal äußern. Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß wir nicht in diesen dummen Krieg geschliddert wären, wenn Sharon im Amt wäre. Tatsache ist: er hat die Hizb Allah nach dem Abzug im Jahre 2000 nicht angegriffen. Ein Versuch genügte ihm. Das beweist noch einmal, daß es nichts so schlimmes gibt, daß ihm nicht noch schlimmeres folgen könnte.

Die Kriegslust erklärt auch den Chor der hunderten von Ex-Generälen, die unisono zugunsten den Krieges denken und reden. Ein Zyniker würde sagen: Na und? Es ist eben die Armee, die ihnen ihren herausragenden Platz in der Gesellschaft gegeben hat. Sie sind dort nur so lange wichtig, solange es einen Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt gibt. Der Konflikt garantiert ihren Status. Sie haben gar kein Interesse an seiner Lösung.

Doch das Phänomen liegt tiefer. Die Armee ist die Feuerprobe der hochrangigen Offiziere. Sie prägt ihre Weltanschauung, ihre Haltung und ihren Stil. Von den Siedlern abgesehen, ist das Korps der hochrangigen Offiziers - mit und ohne Uniform - heute die einzige ideologische Partei in Israel und hat deshalb großen Einfluß. Es kann leicht tausend kleine Funktionäre wie Amir Peretz vor dem Frühstück verschlingen.

Deshalb gibt es keine wirkliche Selbstkritik. Zu Beginn der fünften Kriegswoche hört man wieder die Sprüche: Vorwärts! Zum Litani! Weiter! Stärker! Tiefer!





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