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Was zum Teufel ist mit der Armee passiert?

Lehren aus dem Krieg gegen den Libanon

14.08.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Was ist denn nun eigentlich mit der israelischen Armee passiert?

Diese Frage wird jetzt nicht nur in der ganzen Welt, sondern auch in Israel selbst gestellt. Offensichtlich besteht ein starker Kontrast zwischen der prahlenden Arroganz der Armee, mit der Generationen von Israelis aufgewachsen sind, und dem Bild, das sich durch den jetzigen Krieg ergibt.

Bevor der Chor der Generäle in das zu erwartende Wehgeschrei des Dolchstoßes verfällt "Die Regierung hat uns die Hände gebunden! Die Politiker haben es der Armee nicht gestattet, zu siegen! Die politische Führung ist für alles verantwortlich zu machen!" - lohnt es sich, diesen Krieg einmal unter einem professionellen militärischen Gesichtspunkt zu betrachten.

(Es ist an dieser Stelle vielleicht angebracht, eine persönliche Anmerkung einzufügen. Wer bin ich, daß ich über Militärstrategie spreche? Was bin ich, ein General? Nun, ich war 16 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ich entschloß mich damals, die Militärtheorie zu studieren, um in der Lage zu sein, den Geschehnissen zu folgen. Ich las einige hundert Bücher von Sun Tzu über Clausewitz bis Liddel-Hart und so weiter. Später, im Krieg von 1948 lernte ich die Kehrseite der Medaille als Soldat und Gruppenführer kennen. Ich habe zwei Bücher über den Krieg geschrieben. Das macht keinen großen Strategen aus mir, aber es erlaubt mir, eine sachkundige Meinung zu äußern.)

Die Fakten sprechen für sich selbst:

Am 32. Kriegstag ist die Hizb Allah immer noch intakt und kämpft. Das ist an sich bereits eine verblüffende Tatsache: eine kleine Guerilla-Organisation mit ein paar tausend Kämpfern wagt es, sich gegen eine der stärksten Armeen der Welt zu erheben und ist auch nach einem Monat des "Pulverisierens" ungebrochen. Seit 1948 wurden die Armeen Ägyptens, Syriens und Jordaniens in wesentlich kürzeren Kriegen geschlagen.

Wie ich bereits sagte: wenn ein Leichtgewichts-Boxer in einem Kampf mit einem Meister der Schwergewichtsklasse in der 12. Runde immer noch steht, dann ist der Sieg sein egal was die Punktewertung besagt.

Bei einer Auswertung der Ergebnisse das Einzige, was im Krieg zählt ist die strategische und taktische Kommandoführung der Hizb Allah entschieden besser als die unserer Armee. Von Anfang an war die Strategie unserer Armee primitiv, brutal und grobschlächtig.

Offensichtlich hat sich die Hizb Allah gut auf diesen Krieg vorbereitet während die israelische Kommandoführung sich auf einen anderen Krieg vorbereitet hatte.

Auf der Ebene der einzelnen Kämpfer, steht die Hizb Allah unseren Soldaten in nichts nach, weder was den Mut noch den Kampfgeist angeht.

Die Hauptschuld für das Versagen muß General Dan Halutz zugesprochen werden. Ich sage "Schuld" und nicht nur "Verantwortung", die eine Folge der Stellung ist.

Er ist der lebende Beweis dafür, daß ein aufgeblasenes Ego und eine brutale Einstellung keinen kompetenten Oberbefehlshaber machen. Während sehr wohl das Gegenteil richtig sein könnte.

Halutz erreichte (traurige) Berühmtheit, als er gefragt wurde, was er spürt, wenn er eine 1-Tonnen-Bombe über einem Wohngebiet ausklinkt und darauf antwortete: "einen leichten Schlag auf dem einen Flügel". Er fügte hinzu, daß er anschließend in der Nacht gut schlafen könne. (Im selben Interview nannte er meine Freunde und mich "Verräter", die angeklagt werden sollten).

Mittlerweile ist klar geworden wiederum anhand der Ergebnisse daß Dan Halutz der schlechteste Oberbefehlshaber in den Annalen der israelischen Armee ist, ein komplett inkompetenter Offizier für diese Aufgabe.

Vor kurzem hat er die blaue Luftwaffen-Uniform gegen die grüne des Heeres eingetauscht. Zu spät.

Halutz begann diesen Krieg mit dem Übermut eines Luftwaffen-Offiziers. Er glaubte, daß es möglich sei, die Hizb Allah durch Bombardements aus der Luft, unterstützt von Artilleriefeuer von Land und See aus, zu zermalmen. Er glaubte, wenn er Städte, Stadtviertel, Straßen und Häfen des Libanons zerstöre, daß dann das libanesische Volk sich erheben und seine Regierung zwingen würde, die Hizb Allah zu entfernen. Eine Woche lang verwüstete und tötete er, bis es auch dem Letzten klar wurde, daß er mit dieser Methode das Gegenteil erreichte die Stärkung der Hizb Allah, die Schwächung ihrer Gegner im Libanon und der ganzen arabischen Welt und die Vernichtung der weltweiten Sympathie, die Israel noch zu Anfang des Krieges genoß.

Als er diesen Punkt erreicht hatte, wußte Halutz nicht mehr weiter. Drei Wochen lang schickte er seine Soldaten auf sinn- und hoffnungslose Missionen in den Libanon, ohne irgendetwas damit zu erreichen. Selbst in den Kämpfen, die in Dörfern in unmittelbarer Grenznähe tobten, wurden keine bedeutenden Siege errungen. Als er nach Ablauf der vierten Woche aufgefordert wurde, der Regierung einen Plan vorzulegen, war dieser unglaublich primitiv.

Wenn der "Feind" eine reguläre Armee gewesen wäre, wäre es ein schlechter Plan gewesen. Einfach den Feind nur zurückzudrängen, ist kaum überhaupt eine Strategie. Aber wenn die andere Seite eine Guerilla-Truppe ist, ist dies einfach dumm. Umgesetzt, wird dieser Plan möglicherweise zum Tod vieler Soldaten führen, und das ohne jegliches Resultat.

Nun versucht er, einen Ersatzsieg zu erringen, indem er leeren Raum möglichst weit entfernt von der Grenze besetzen läßt, nachdem die UN schon zu einem Ende der Feindseligkeiten aufgerufen hat. (Wie in fast allen vorausgegangenen israelischen Kriegen wird auch dieser Aufruf ignoriert, in der Hoffnung, im letzten Augenblick noch etwas zu gewinnen.) Hinter dieser Linie bleibt die Hizb Allah in ihren Bunkern intakt.

Wie auch immer, der Oberbefehlshaber agiert nicht im luftleeren Raum. Als Oberbefehlshaber hat er zwar einen riesigen Einfluß, ist aber zugleich doch nur die Spitze der militärischen Pyramide.

Dieser Krieg wirft einen dunklen Schatten auf das gesamte Führungspersonal unserer Armee. Ich nehme an, daß es dort einige talentierte Offiziere gibt, aber der Gesamteindruck des Offizierskorps ist der von Durchschnittlichkeit oder schlimmerem, grau und ohne jegliche Originalität. Beinahe alle Offiziere, die im Fernsehen erscheinen, sind weder beeindruckende, trockene Professionelle, Experten darin, sich den Rücken freizuhalten, stetig wie Papageien leere Phrasen dreschend.

Die Ex-Generäle, die jedermann sonst aus den Fernseh- und Rundfunk-Studios verdrängt haben, überraschten meist durch ihre Mittelmäßigkeit, begrenzte Intelligenz und allgemeine Unwissenheit. Man bekommt den Eindruck, daß sie keinerlei Bücher über Kriegsgeschichte gelesen haben und diese Lücke nun mit leeren Phrasen füllen.

Mehr als einmal wurde es in diesen Artikeln bereits gesagt, daß eine Armee, die seit Jahren als koloniale Polizeitruppe gegen die palästinensische Bevölkerung agiert gegen "Terroristen", Frauen und Kinder und ihre Zeit damit verbringt, hinter Steine werfenden Jungen hinterherzulaufen, kann keine effiziente Armee bleiben. Die Überprüfung der bisherigen Resultate bestätigt das.

Wie nach jedem Fehlschlag des Militärs, ist der Nachrichtendienst darum bemüht, möglichst schnell seinen Hintern zu retten. Seine leitenden Vorgesetzten erklären, alles gewußt zu haben, daß sie die Soldaten mit vollständigen und genauen Informationen beliefert haben, daß es nicht ihre Schuld ist, wenn die Armee nicht entsprechend handelte.

Das klingt nicht glaubwürdig. Wenn man die Reaktionen der Kommandanten im Feld betrachtet, schienen diese vom Verteidigungssystem der Hizb Allah im Südlibanon tatsächlich komplett überrascht zu sein. Die komplexe Infrastruktur der verborgenen Bunker, gefüllt mit moderner Ausstattung und Vorräten an Nahrung und Waffen, war eine totale Überraschung für die Armee. Für diese Bunker, einschließlich derer, die zwei oder drei Kilometer von der Grenze entfernt gebaut worden waren, war sie nicht gewappnet. Sie ähneln den Tunneln in Vietnam.

Der Nachrichtendienst war durch die lange Besetzung der palästinensischen Gebiete korrumpiert worden. Sie haben sich daran gewöhnt, sich auf tausende von Kollaborateuren zu verlassen, die im Laufe von 39 Jahren durch Folter, Bestechung und Erpressung (Drogen benötigende Drogenabhängige, jemand, der darum bettelt, seine sterbende Mutter besuchen zu dürfen, jemand, der ein Stück vom Korruptionskuchen abhaben will und so weiter) gewonnen hatten. Offensichtlich wurden in der Hizb Allah keine Kollaborateure gefunden und ohne sie ist der Geheimdienst blind.

Es ist auch klar, daß sowohl der Geheimdienst als auch die Armee im allgemeinen nicht auf die tödliche Effizienz der panzerbrechenden Waffen der Hizb Allah eingestellt waren. Kaum zu glauben, aber nach offiziellen Angaben wurden mehr als 20 Panzer getroffen.

Der Panzer Merkava ("Streitwagen") ist der Stolz der Armee. Sein Vater, General Israel Tal, ein siegreicher Panzerkommandeur, wollte damit nicht nur den weltweit fortschrittlichsten Panzer bauen, sondern zugleich seine Besatzung mit dem bestmöglichen Schutz versehen. Jetzt scheint es so, daß panzerbrechende Waffen aus den 80er Jahren, die in großer Zahl verfügbar sind, einen Panzer zerstören und die Insassen töten oder schwer verwunden können.

Der gemeinsame Nenner all dieses Versagens ist die Geringschätzung von Arabern, eine Verachtung, die ernste Konsequenzen hat. Sie hat totales Mißverständnis verursacht, eine Art Blindheit für die Motive der Hizb Allah, ihre Haltung, ihre Stellung innerhalb der libanesischen Gesellschaft und so weiter.

Ich bin überzeugt, daß die heutigen Soldaten ihren Vorgängern in keiner Weise unterlegen sind. Ihre Motivation ist hoch, sie haben großen Mut bei der Bergung von Verletzten unter Beschuß bewiesen. (Ich schätze das in besonderem Maße, wurde doch mein eigenes Leben nach einer Verwundung unter solchen Umständen von anderen Soldaten, die dabei ihr Leben riskierten, gerettet.) Aber auch die besten Soldaten können nicht erfolgreich sein, wenn ihre Kommandeure unfähig sind.

Die Geschichte lehrt, daß eine Niederlage für eine Armee ein großer Segen sein kann. Eine siegreiche Armee ruht sich auf ihren Lorbeeren aus, sie hat keine Motivation, sich selbst zu kritisieren, sie degeneriert, ihre Kommandeure werden unvorsichtig und verlieren den nächsten Krieg (siehe hierzu den Sechs-Tage-Krieg, der zum Yom-Kippur-Krieg führte). Eine besiegte Armee hingegen weiß, daß sie sich rehabilitieren muß. Unter einer Bedingung: daß sie die Niederlage zugibt.

Nach diesem Krieg, muß der Generalstabschef entlassen und leitende Offizierskorps überholt werden. Zu diesem Zweck wird ein Verteidigungsminister gebraucht, der mehr ist als eine Marionette des Generalstabschef. (Aber das betrifft die politische Führung, über deren Versagen und Sünden wir ein anderes Mal sprechen werden).

Wir als Menschen des Friedens haben ein großes Interesse an der Auswechslung der militärischen Führung. Erstens, weil sie großen Einfluß auf die Bildung der politischen Agenda hat, und unverantwortliche Generäle, wie wir gerade gesehen haben, in der Lage sind, eine Regierung mit Leichtigkeit in gefährliche Abenteuer zu ziehen. Und zweitens, weil wir selbst nach dem Erreichen eines Friedens auf eine effektive Armee angewiesen sein werden zumindest bis der Wolf sich zum Schafe legt, wie es der Prophet Jesaja versprochen hat. (Und dies nicht im Sinne der israelischen Version: "Kein Problem. Man muß nur jeden Tag ein neues Schaf bringen.")

Die Hauptlektion dieses Krieges, jenseits aller militärischen Analyse, kommt in den fünf Worten zum Ausdruck, die wir vom allerersten Tag an auf unsere Fahnen geschrieben haben: "Es gibt keine militärische Lösung!".

Selbst eine starke Armee kann eine Guerilla-Organisation nicht besiegen, denn die Guerilla ist ein politisches Phänomen. Vielleicht ist das Gegenteil wahr: je stärker die Armee, je besser sie mit fortschrittlicher Technologie ausgestattet ist, desto geringer ist ihre Chance, in einer solchen Konfrontation zu gewinnen. Unser Konflikt im Norden, im Zentrum und im Süden ist ein politischer und kann als solcher nur mit politischen Mitteln gelöst werden. Die Armee ist das unpassendste Instrument für diese Aufgabe.

Der Krieg hat bewiesen, daß die Hizb Allah ein starker Gegner ist und jegliche politische Lösung für den Norden sie berücksichtigen muß. Da Syrien ihr starker Verbündeter ist, und daher muß sie auch Syrien miteinbeziehen. Der ausgehandelte Kompromiß muss sich auch für sie lohnen, sonst wird der Frieden nicht von Dauer sein.

Der Preis besteht in der Rückgabe der Golanhöhen.

Was für den Norden zutrifft, gilt genauso für den Süden. Die Armee wird die Palästinenser nicht besiegen, weil ein solcher Sieg komplett unmöglich ist. Um der Armee willen muß man sie aus diesem Sumpf herausholen.

Wenn dies nun in das Bewusstsein der israelischen Öffentlichkeit Eingang findet, könnte sogar dieser Krieg noch eine positive Seite haben.





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