www.freace.de
Impressum

Nachrichten, die man nicht überall findet.





Vom Wahn zur Depression

Was kommt nach dem Krieg gegen den Libanon?

17.08.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Dreiunddreißig Tage Krieg. Der längste unserer Kriege seit 1949.

Auf der israelischen Seite: 154 Tote 117 von ihnen Soldaten. 3.970 Raketen wurden gegen uns abgefeuert, 37 tote Zivilisten, mehr als 422 verwundete Zivilisten.

Auf der libanesischen Seite: etwa eintausend tote Zivilisten, tausende verwundet. Eine unbekannte Zahl toter und verwundeter Hizb Allah-Kämpfer.

Mehr als eine Million Flüchtlinge auf beiden Seiten.

Was ist zu diesem horrenden Preis erreicht worden?

"Trübselig, bescheiden, mutlos", so beschrieb der Journalist Yossef Werter Ehud Olmert ein paar Stunden nachdem die Waffenruhe inkraftgetreten war.

Olmert? Bescheiden? Ist das derselbe Olmert, den wir kennen? Derselbe Olmert, der auf den Tisch schlug und schrie: "Nie mehr!" Der sagte: "Nach dem Krieg wird die Situation vollkommen anders aussehen als zuvor!" Der einen "Neuen Mittleren Osten" als Folge des Krieges versprach?

Die Ergebnisse des Krieges sind deutlich:

Die Gefangenen, die als Casus belli (oder Vorwand) dienten, sind nicht freigelassen worden. Sie werden nur als Folge eines Gefangenenaustauschs zurückkommen, genau wie Hassan Nasrallah es vor dem Krieg vorgeschlagen hat

Die Hizb Allah ist geblieben, wie sie war. Sie wurde nicht zerstört, nicht entwaffnet, sie wurde nicht einmal von dort vertrieben, wo sie war. Ihre Kämpfer haben sich in der Schlacht bewährt, ja, haben sogar Anerkennung israelischer Soldaten eingeheimst. Ihre Kommando- und Kommunikationsstruktur funktionierte bis zum Schluß. Ihr Fernseh-Sender sendet weiter.

Hassan Nasrallah ist gesund und munter. Hartnäckige Versuche, ihn zu töten, mißlangen. Sein Ansehen ist in schwindelnder Höhe. Überall in der arabischen Welt, von Marokko bis zum Irak, werden Lieder zu seiner Ehre komponiert und sein Bild schmückt die Wände.

Die libanesische Armee wird entlang der Grenze aufgestellt werden, Seite an Seite mit einer großen internationalen Truppe. Das ist die einzige materielle Veränderung, die erreicht wurde.

Dies wird die Hizb Allah nicht ersetzen. Die Hizb Allah wird im Gebiet bleiben, in jedem Dorf und in jeder Stadt. Der israelischen Armee ist es nicht gelungen, sie auch nur aus einem einzigen Dorf zu entfernen. Das war einfach unmöglich ohne die ganze Bevölkerung zu vertreiben, von der sie ein Teil ist.

Die libanesische Armee und die internationale Truppe können und wollen sich nicht gegen die Hizb Allah stellen. Ihre bloße Anwesenheit hängt vom Einverständnis der Hizb Allah ab. In der Praxis wird eine Art Koexistenz der drei Kräfte entstehen, von denen jede weiß, daß sie sich mit den beiden anderen einigen muß.

Vielleicht wird die internationalen Truppe in der Lage sein, Übergriffe der Hizb Allah zu verhindern, wie jenen, der dem Krieg vorausging. Sie wird aber auch israelische Aktionen verhindern, wie die Aufklärungsflüge unserer Luftwaffe über dem Libanon. Das war der Grund, weshalb die israelische Armee zu Beginn des Krieges so strikt gegen die Aufstellung einer internationalen Truppe war.

In Israel herrscht nun eine allgemeine Atmosphäre der Enttäuschung und Mutlosigkeit. Vom Wahn zur Depression. Es ist nicht nur, daß die Politiker und Generäle sich jetzt gegenseitig beschuldigen, wie wir vorausgesehen haben, sondern auch die Öffentlichkeit äußert sich aus den verschiedensten Ecken mit Kritik. Die Soldaten kritisieren die Kriegsführung, die Reservisten meckern über das Chaos und das Fehlen von Vorräten.

In allen Parteien gibt es neue Oppositionsgruppen und drohende Absplitterungen. In Kadima. In der Arbeitspartei. Auch bei Meretz scheint es zu brodeln, weil die meisten ihrer Führer den Kriegsdrachen fast bis zum letzten Augenblick unterstützt hatten, als sie seinen Schwanz erwischten und mit ihrer kleinen Lanze durchbohrten.

An der Spitze der Kritiker marschieren welch Überraschung die Medien. Die ganze Horde der Interviewer und Kommentatoren, Korrespondenten und Presstituierten, die (mit sehr wenigen Ausnahmen) über den Krieg begeistert waren, die täuschten, in die Irre führten, verfälschten, ignorierten, hinters Licht führten und fürs Vaterland logen, die jede Kritik erstickten und jeden als Verräter brandmarkten, der gegen den Krieg war - sie laufen nun an der Spitze des Lynchmobs. Wie vorauszusehen, wie abstoßend. Plötzlich erinnern sie sich an das, was wir von Anfang des Krieges an gesagt haben.

Diese Phase wird von Dan Halutz, dem Generalstabschef, symbolisiert. Gestern erst war er der Held der Massen, es war verboten, ein Wort gegen ihn zu äußern. Nun wird er als Kriegsgewinnler beschrieben. Einen Augenblick, bevor er seine Soldaten in die Schlacht sandte, fand er noch Zeit, seine Aktien zu verkaufen, da er ein Fallen auf dem Aktienmarkt erwartete. (Hoffentlich hat er einen Augenblick vor Kriegsende Zeit gefunden, die Aktien wieder zurückzukaufen.)

Der Sieg hat wie allgemein bekannt viele Väter, und der Fehlschlag im Krieg ist ein Waisenkind.

Aus der Menge der Anklagen und Meckereien ragt ein Wahlspruch heraus, ein Wahlspruch, der jedem einen Schauer über den Rücken laufen läßt, der ein gutes Gedächtnis hat: "Die Politiker ließen die Armee nicht gewinnen."

Genau wie ich vor zwei Wochen schrieb, sehen wir vor uns die Wiederbelebung des alten Rufs: "Sie stießen der Armee einen Dolch in den Rücken."

Und so sieht es aus: Schließlich, zwei Tage vor dem Ende, begann die Landoffensive anzulaufen. Dank unserer tapferen Soldaten, den Männern der Reserve, war sie ein Riesenerfolg. Und dann, als wir gerade dabei waren, einen großen Sieg zu erlangen, trat die Waffenruhe in Kraft.

Davon ist kein einziges Wort wahr. Diese Operation, die seit Jahren geplant war und für die die Armee seit Jahren übte, wurde deshalb nicht eher ausgeführt, weil es klar war, daß sie keine nennenswerten Ziele erreichen, sondern nur Menschenleben kosten würde. Die Armee würde tatsächlich große Gebiete erobern können, aber nicht in der Lagen sein, die Hizb Allah-Kämpfer aus diesen zu verdrängen.

Die grenznahe Stadt Bint Jbeil beispielsweise wurde dreimal von der Armee eingenommen, und die Hizb Allah-Kämpfer blieben bis zum Schluß dort. Wenn wir 20 Städte und Dörfer wie Bint Jbeil eingenommen hätten, dann wären die Soldaten und Panzer an 20 Orten den tödlichen Angriffen der Guerillas mit ihren hocheffizienten panzerbrechenden Waffen ausgesetzt gewesen.

Wenn es so ist, warum hat man sich im letzten Augenblick entschlossen, diese Operation dann doch noch auszuführen - nachdem die UN bereits das Ende der Feindseligkeiten gefordert hatten? Die schreckliche Antwort: es war ein zynisches wenn nicht gar abscheuliches Manöver des gescheiterten Trios. Olmert, Peretz und Halutz wollten ein "Bild des Sieges" schaffen, wie denn auch offen in den Medien festgestellt wurde. Auf diesem Altar wurde das Leben von 33 Soldaten (einschließlich einer jungen Frau) geopfert.

Das Ziel war, die siegreichen Soldaten am Ufer des Litani zu photographieren. Die Operation konnte nur 48 Stunden dauern, bis die Waffenruhe inkrafttreten würde. Obwohl die Armee Hubschrauber benützte, um Soldaten abzusetzen, wurde das Ziel nicht erreicht. Nirgendwo hat die Armee den Litani erreicht.

Zum Vergleich: Während des ersten Libanonkrieges, dem von Sharon 1982, überquerte die Armee den Litani in den ersten paar Stunden. (Der Litani ist übrigens kein wirklicher Fluß mehr, sondern nur ein schmaler Bach. Der größte Teil seines Wassers wird weiter im Norden abgeleitet. Seine letzte Strecke ist 25 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, von Metulla aus sind es sogar nur 4 Kilometer.)

Als die Waffenruhe dieses Mal inkrafttrat, hatten alle teilnehmenden Einheiten Dörfer auf dem Weg zum Fluß erreicht. Dort wurden sie wie zu Zielscheiben, die von Hizb Allah-Kämpfern umzingelt waren, ohne sichere Nachschubverbindungen. Von diesem Augenblick an hatte die Armee nur noch ein Ziel: sie dort so schnell wie möglich herauszuholen, gleichgültig, wer ihren Platz einnehmen würde.

Wenn eine Untersuchungskommission aufgestellt wird wie es sich gehört und alle Schritte dieses Krieges untersucht, und damit anfängt, wie die Entscheidung, den Krieg zu beginnen, getroffen wurde, dann muß sie auch die Entscheidung untersuchen, diese letzte Operation zu beginnen. Der Tod von 33 Soldaten (einschließlich des Sohnes des Schriftstellers David Grossman, der den Krieg unterstützt hat) und das Leid ihrer Familien verlangt dies.

Aber diese Fakten sind der Öffentlichkeit noch nicht klar. Die Gehirnwäsche der Militärkommentatoren und der Ex-Generäle, die in jener Zeit die Medien beherrschten, hat die dumme - ich möchte fast "kriminelle" sagen - Operation zu einer sensationellen Siegesparade gemacht. Die Entscheidung der politischen Führung, den Krieg zu beenden, wird jetzt von vielen als ein Akt von defaitistischen, rückgratlosen, korrupten und sogar verräterischen Politikern angesehen.

Und das ist genau der neue Wahlspruch der faschistischen Rechten, die jetzt ihren häßlichen Kopf erhebt.

Nach dem 1. Weltkrieg kam unter ähnlichen Umständen die Dolchstoßlegende auf. Auf dieser Welle ritt Adolf Hitler zur Macht - und weiter zum 2. Weltkrieg.

Jetzt, noch bevor der letzte gefallene Soldat beerdigt worden ist, beginnen die inkompetenten Generäle schon schamlos über eine "nächste Runde", den nächsten Krieg, der, so Gott will, sicher "in einem Monat oder in einem Jahr" kommen wird, zu reden. Schließlich können wir die Sache nicht so mit einem Fehlschlag beenden. Wo bleibt unser Stolz?

Die israelische Öffentlichkeit ist in einem Zustand des Schocks und der Orientierungslosigkeit. Anschuldigungen - gerechtfertigte und ungerechtfertigte - kommen aus allen Richtungen und man kann nicht voraussehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden.

Vielleicht wird am Ende die Logik gewinnen. Die Logik sagt: was nun gründlich demonstriert wurde ist, daß es keine militärische Lösung gibt. Das trifft für den Norden zu. Das trifft genauso für den Süden zu, wo wir mit einem ganzen Volk konfrontiert sind, das nichts mehr zu verlieren hat. Der Erfolg der libanesischen Guerilla wird die palästinensische Guerilla ermutigen.

Damit die Logik gewinnt, müssen wir gegen uns selbst ehrlich sein: benennen wir unser Fehler, untersuchen wir ihre tieferen Gründe, ziehen wir daraus die richtigen Schlüsse.

Einige Leute wollen dies um jeden Preis verhindern. Präsident Bush erklärt lautstark, daß wir den Krieg gewonnen hätten. Ein glorreicher Sieg über die Bösen. Wie sein eigener Sieg im Irak.

Wenn eine Fußballmannschaft den Schiedsrichter wählen kann ist es kein Wunder, wenn sie zum Sieger erklärt wird.



Werbung:


Zurück zur Startseite





Impressum

contact: E-Mail

PAGERANK SEO