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Amerikas Rottweiler

Wachsender Haß auf Israel

27.08.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




In seiner letzten Rede, die so viele Menschen verärgerte, äußerte der syrische Präsident Bashar al-Assad einen Satz, der Aufmerksamkeit verdient: "Jede neue arabische Generation haßt Israel mehr als die vorhergehende."

Von allem, das bis jetzt über den 2. Libanonkrieg gesagt wurde, sind dies vielleicht die wichtigsten Worte.

Das Hauptergebnis dieses Krieges ist Haß. Die Bilder von Tod und Zerstörung im Libanon kamen in jedes arabische Haus, tatsächlich in jedes muslimische Haus, von Indonesien bis Marokko, vom Jemen bis zu den muslimischen Ghettos in London und Berlin. Nicht nur eine Stunde lang, nicht nur einen Tag lang, sondern während 33 aufeinanderfolgenden Tagen - Tag für Tag, Stunde um Stunde. Die verstümmelten Leichen von Babys, die über die Ruinen ihrer Häuser weinenden Frauen, israelischen Kinder, die "Grüße" auf die Granaten, bereit zum Abschuß auf libanesische Dörfer, schrieben, Ehud Olmerts Geplapper über "die moralischste Armee der Welt", während auf den Bildschirmen Leichenberge gezeigt wurden.

Die Israelis ignorierten diese Szenen, tatsächlich wurden sie kaum auf unseren Bildschirmen gezeigt. Wir konnten sie natürlich bei Aljazeera und auf einigen westlichen Kanälen sehen, aber die Israelis waren viel zu sehr mit den Zerstörungen beschäftigt, die in unseren nördlichen Städten angerichtet wurden. Gefühle des Mitleids und Empathie für Nicht-Juden sind hier seit langem abgestumpft.

Aber es ist ein schrecklicher Fehler, dieses Ergebnis des Krieges zu ignorieren. Es ist bei weitem wichtiger als die Stationierung von ein paar tausend europäischer Soldaten an unserer Grenze, mit dem freundlichen Einverständnis der Hizb Allah. Dies mag noch Generationen von Israelis beunruhigen, auch wenn die Namen von Olmert und Halutz längst vergessen wurden und sogar Nasrallah sich nicht mehr an den Namen von Amir Peretz wird erinnern können.

Um die Bedeutung von Assads Worten zu verstehen, müssen sie in einem historischen Zusammenhang betrachtet werden.

Das ganze zionistische Unternehmen ist mit einer Organtransplantation in einen menschlichen Körper verglichen worden. Das natürliche Immunsystem revoltiert gegen das fremde Implantat, der Körper mobilisiert alle seine Kräfte, um es abzustoßen. Die Ärzte benutzen Medikamente in hohen Dosen, um diese Abstoßung zu verhindern. Das kann eine ganze Zeit lang dauern, manchmal bis zum Tod des Körpers selbst, einschließlich des transplantierten Organs.

(Natürlich sollte dieser Vergleich - wie jeder andere auch – vorsichtig verwendet werden. Ein Vergleich kann helfen, Dinge besser zu verstehen, aber auch nicht mehr als das.)

Die zionistische Bewegung hat einen fremden Körper in dieses Land gepflanzt, das damals ein Teil des arabisch-muslimischen Raumes war. Die Einwohner des Landes und der ganzen arabischen Region lehnten das zionistische Gebilde ab. Inzwischen hat die jüdische Ansiedlung hier Wurzeln geschlagen und ist zu einer echten neuen Nation geworden, die in diesem Lande verwurzelt ist. Seine Verteidigungskraft gegen die Abstoßung ist gewachsen. Dieser Kampf dauert nun schon 125 Jahre und wird von Generation zu Generation immer gewalttätiger. Der letzte Krieg war nur eine weitere Episode.

Was ist bei dieser Auseinandersetzung unser historisches Ziel?

Ein Dummkopf wird sagen: der Abstoßung mit einer höheren Dosis an Medikamenten entgegenwirken, bereitgestellt von Amerika und den Juden in aller Welt. Die größten Dummköpfe werden hinzufügen: Es gibt keine Lösung. Diese Situation wird auf immer so bleiben. Dagegen kann man nichts machen, außer daß wir uns in einem Krieg um den anderen verteidigen. Und der nächste Krieg klopft schon an unsere Tür.

Der Weise wird sagen: unser Ziel ist es, daß der Körper das eingepflanzte Organ als sein eigenes akzeptiert, damit sein Immunsystem uns nicht weiter wie einen Feind behandelt, der um jeden Preis entfernt werden muß. Und wenn dies das Ziel ist, müssen unsere Bemühungen in erster Linie in diese Richtung gehen. Das heißt: jede unserer Aktionen muß gründlich an diesem einfachen Kriterium überprüft werden: Dient es diesem Ziel oder behindert es dieses?

Nach diesem Kriterium war der zweite Libanonkrieg eine Katastrophe.

Vor 59 Jahren - zwei Monate vor Ausbruch unseres Unabhängigkeitskrieges – veröffentlichte ich eine Broschüre mit dem Titel "Krieg oder Frieden in der semitischen Region". Die Einleitungsworte lauteten:

"Als unsere zionistischen Väter entschieden hatten, in Palästina einen 'sicheren Hafen' zu schaffen, hatten sie die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten:

Sie konnten in Westasien wie ein europäischer Eroberer erscheinen, , der sich selbst als Brückenkopf der 'weißen' Rasse und Herr über die 'Eingeborenen' betrachtet, wie die spanischen Konquistadoren und die angelsächsischen Kolonisten in Nordamerika. So verhielten sich die Kreuzfahrer in Palästina.

Die zweite Möglichkeit war, sich als asiatisches Volk zu betrachten, das in seine Heimat zurückkehrt - ein Volk, das sich als Erbe des politischen und kulturellen Erbes der semitischen Rasse sieht und das bereit ist, sich den Völkern der semitischen Region im Kampf gegen die europäische Ausbeutung anzuschließen."

Wie nur zu gut bekannt ist, wählte der Staat Israel, der ein paar Monate später gegründet wurde, den ersten Weg. Er reichte der französischen Kolonialmacht die Hand, versuchte Großbritannien zu helfen, an den Suezkanal zurückzukehren und ist seit 1967 der kleine Bruder der Vereinigten Staaten geworden.

Das war unvermeidbar. Im Gegenteil gab es im Laufe der Jahre immer wieder Anzeichen dafür, daß das Immunsystem der arabisch-muslimischen Welt damit beginnt, das Transplantat anzunehmen - wie ein menschlicher Körper das Organ eines nahen Verwandten annimmt – und bereit ist, uns zu akzeptieren. Solch ein Anzeichen war der Besuch von Anwar al-Sadat in Jerusalem. Auch der Friedensvertrag, der mit König Hussein, einem Nachkommen des Propheten Mohammed, geschlossen wurde. Und vor allem die historische Entscheidung Yasser Arafats, des Führers des palästinensischen Volkes, mit Israel Frieden zu schließen.

Aber nach jedem großen Schritt vorwärts kam ein israelischer Schritt zurück. Es ist so, als ob das Transplantat die Akzeptanz des Körpers ablehne. Als ob es sich so sehr daran gewöhnt habe, abgestoßen zu werden, daß es nun alles ihm mögliche tut, den Körper dazu zu bringen, es noch heftiger abzustoßen.

Vor diesem Hintergrund sollte man die von Assad junior, einem Mitglied der neuen arabischen Generation, nach dem letzten Krieg geäußerten Worte abwägen.

Nachdem sich alle von unserer Regierung anvisierten Kriegsziele in Luft aufgelöst hatten wurde ein neuer Grund aufgetischt: dieser Krieg war Teil des "Kampfes der Kulturen", der große Feldzug der westlichen Welt und ihrer hochnäsigen Werte gegen die barbarische Finsternis der islamischen Welt.

Das erinnert einen natürlich an die Worte Theodor Herzls, des Begründers des modernen Zionismus’, die er vor 110 Jahren im Gründungsdokument der zionistischen Bewegung schrieb: "In Palästina ... werden wir für Europa ein Stück des Walles gegen Asien bilden und als Vorposten der Zivilisation gegen die Barbarei dienen." Ohne es zu wissen, wiederholte Olmert diese Idee fast als Rechtfertigung für diesen Krieg, um Präsident Bush zu gefallen.

Von Zeit zu Zeit erfindet in den USA jemand einen leeren, aber leicht verständlichen Spruch, der dann für einige Zeit den öffentlichen Diskurs beherrscht. Es scheint, daß, je dümmer der Spruch ist, um so größer seine Chancen sind, für die Welt der Akademiker und der Medien zum Leitstern zu werden - bis ein anderer Spruch auftaucht und den vorherigen ersetzt. Das letzte Beispiel ist der Spruch vom "Kampf der Kulturen", der 1993 von Samuel P. Huntington geprägt wurde (in "Das Ende der Geschichte").

Was für ein Kampf der Ideen besteht zwischen dem muslimischen Indonesien und dem christlichen Chile? Welch ewiger Kampf zwischen Polen und Marokko? Was verbindet Malaysia mit dem Kosovo, zwei muslimischen Staaten? Oder zwei christliche Staaten wie Schweden und Äthiopien?

In welcher Weise sind die Ideen des Westens erhabener als die des Ostens? Die Juden, die den Flammen der Ketzerverbrennung der christlichen Inquisition in Spanien entronnen waren, wurden mit offenen Armen vom muslimisch-ottomanischen Imperium aufgenommen. Das kultivierteste europäische Volk wählte demokratisch Adolf Hitler zum Führer und beging den Holocaust, ohne daß der Papst seine Stimme zu Protest erhob.

In welcher Weise sind die geistigen Werte der Vereinigten Staaten, dem heutigen Imperium des Westens, denen von Indien und China, den aufstrebenden Mächten des Ostens, überlegen? Huntington selbst war gezwungen, zuzugeben: "Der Westen gewann die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder der Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit darin, organisierte Gewalt anzuwenden. Abendländer vergessen oft diese Tatsache, der Rest der Welt niemals." Auch im Westen erlangten die Frauen erst im 20. Jahrhundert das Wahlrecht und die Sklaverei wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgeschafft. Und in der führenden Nation des Westens erhebt der Fundamentalismus jetzt sein Haupt.

Welches Interesse haben wir um Himmels Willen, bei diesem eingebildeten Kampf freiwillig eine politische und militärische Vorhut des Westens zu sein?

Die Wahrheit ist natürlich, daß diese ganze Geschichte vom Kampf der Kulturen nichts anderes als ein ideologischer Deckmantel für etwas ist, das keinerlei Zusammenhang mit Ideen und Werten hat: die Entschlossenheit der USA, die Ressourcen der Welt - und insbesondere das Öl - zu beherrschen.

Der zweite Libanonkrieg wird von vielen als Stellvertreterkrieg angesehen. Das soll heißen, daß die Hizb Allah der Dobermann des Irans und wir der Rottweiler der USA sind. Die Hizb Allah erhält Geld, Raketen und Unterstützung von der Islamischen Republik, wir erhalten Geld, die Streubomben und Unterstützung von den Vereinigten Staaten von Amerika.

Das ist definitiv übertrieben. Die Hizb Allah ist eine echte libanesische Bewegung und tief in der shiitischen Gemeinschaft verwurzelt. Die israelische Regierung hat ihre eigenen Interessen (die besetzten Gebiete), die nicht von Amerika abhängen. Aber zweifellos stecken in den Argumenten auch einige Wahrheiten, daß dies auch ein Stellvertreterkrieg war.

Die USA kämpfen gegen den Iran, weil der Iran eine Schlüsselrolle in der Region innehat, in der die bedeutendsten Erdölreserven der Welt lagern. Nicht nur, daß der Iran selbst auf großen Ölvorkommen liegt, seine revolutionäre islamische Ideologie bedroht auch die amerikanische Kontrolle der umliegenden Ölländer. Die geringer werdenden Erdölressourcen werden für die moderne Wirtschaft immer wichtiger. Wer das Öl kontrolliert, kontrolliert die Welt.

Die USA würden den Iran auch dann angreifen, wenn es von Pygmäen bewohnt wäre, die der Religion des Dalai Lama anhingen. Es gibt eine schockierende Ähnlichkeit zwischen George W. Bush und Mahmoud Ahmadi-Nejad: der eine führt persönliche Gespräche mit Jesus – der andere hat einen direkten Draht zu Allah. Aber es geht letztlich um Vorherrschaft.

Was für ein Interesse haben wir denn, in diesen Kampf mit hineingezogen zu werden? Welches Interesse haben wir - zurecht - als Anhänger des größten Feindes der muslimischen Welt im allgemeinen und der arabischen Welt im besonderen angesehen zu werden?

Wir wollen hier noch in 100, in 500 Jahren leben. Unsere grundlegendsten nationalen Interessen fordern, daß wir unsere Hände den arabischen Nationen entgegenstrecken, die uns akzeptieren und mit ihnen am Wiederaufbau dieser Region arbeiten. Das war vor 59 Jahren die Wahrheit und dies gilt auch für die nächsten 59 Jahre.

Kleine Politiker wie Olmert, Peretz und Halutz sind unfähig, in diesen Kategorien zu denken. Sie können kaum bis an ihre Nasenspitze sehen. Aber wo sind die Intellektuellen, die weitsichtiger sein sollten?

Bashar al-Assad ist möglicherweise nicht einer der großer Denker der Welt. Aber seine Bemerkung sollte uns gewiß sehr nachdenklich machen.



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