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Die Bienen im Löwenkadaver

Gedanken zur Zukunft Israels

31.08.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Ehud Olmert hat einen überzeugenden Beweis für seinen großen Sieg über Hassan Nasrallah gefunden: "Ich kann mich im Lande frei bewegen während Nasrallah sich in seinem Bunker versteckt!"

Man sagt, daß "der Stil den Mann ausmacht" und mit diesen Worten zeigt Olmert seine Qualität (oder das Fehlen derselben). Im Augenblick stehen Dutzende von israelischen Flugzeugen und Hubschraubern bereit, Nasrallah zu töten, sobald er sich zeigt. Nasrallah hat nicht ein einziges Flugzeug oder Hubschrauber, um Olmert zu töten. Die ungeheure materielle Überlegenheit der israelischen Armee über eine Guerilla-Organisation ist keine Errungenschaft Olmerts - aber die Fähigkeit der Hizb Allah, den massiven Angriff unserer Armee zu überleben. ist sicher Nasrallahs Verdienst.

Und, nebenbei gesagt, warum sollte Nasrallah Olmert töten wollen? Warum sollte er schließlich etwas dagegen haben, daß Israel von einem gescheiterten Politiker geführt wird, der seine Inkompetenz bewiesen hat und von dem die meisten Israelis sagen, er solle gehen?

Ein Zyniker mag sagen: Nasrallah möchte, daß Olmert bleibt, und deshalb beeilte er sich, ihm zu Hilfe zu kommen. Während jeder in Israel davon überzeugt war, daß Olmert elendiglich gescheitert war, sagte Nasrallah in dieser Woche während eines Interviews: "Wenn ich gewußt hätte, daß Israel so reagieren würde, wie es reagierte, dann hätte ich nicht die zwei Soldaten gefangengenommen."

Wie erwartet, haben Olmerts Leute diesen Satz zu seinen Gunsten ausgelegt: Seht: Nasrallah entschuldigt sich! Das beweist, daß er geschlagen wurde! Also hat Olmert trotz allem gewonnen!

Aber die meisten Israelis glauben diese Verdrehung nicht. Sie glauben weiterhin, daß wir den Krieg nicht gewonnen haben, daß die Abschreckungsmacht der israelischen Armee beschädigt wurde, daß die libanesische Armee und die internationale Truppe, die an der Grenze aufgestellt werden nicht unsere Aufgabe erledigen werden, nachdem unsere eigene Armee gescheitert ist, es zu tun.

Was sollte also getan werden, wenn die Öffentlichkeit glaubt, von einer Gruppe politischer und militärischer Versager angeführt zu werden?

Das ist im Augenblick die große Frage, die die ganze Nation beschäftigt. Ein paar Dutzend Reservisten und Zivilisten demonstrierten gegenüber dem Büro des Premierministers, andere sitzen zu Hause und maulen. Sie wissen, daß Olmert, Peretz und Halutz entfernt werden müssen. Aber wie kann das ausgeführt werden?

Die offensichtliche Antwort ist, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Wenn hunderttausende die Plätze füllten, würde Olmert vielleicht zurücktreten, wie es Golda Meir zu ihrer Zeit tat. Allerdings ist Olmert nicht Golda, und selbst Golda klebte ein halbes Jahr nach ihren Fehlern im Yom-Kippur-Krieg an ihrem Amtssessel. Und wo sind die hunderttausenden?

Eine andere Möglichkeit ist die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission, die das Trio entlassen könnte. Das ist gut, sogar sehr gut, aber schwierig. Nach dem Gesetz kann nur die Regierung beschließen, solch eine Kommission zu ernennen, und nur die Regierung kann über die Aufgaben der Kommission entscheiden. Erst wenn solch eine Entscheidung getroffen wird, geht die Sache an den Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, der dann über die Zusammensetzung der Kommission entscheidet.

Solch eine Untersuchung braucht natürlich ihre Zeit. Bevor sie irgendjemand des Versagens beschuldigen kann, muß sie ihn warnen und ihm gestatten, von einem Anwalt vertreten zu werden, Zeugen im Kreuzverhör zu vernehmen und Dokumente beizubringen – und das ist ein langsamer Prozeß. In der Zwischenzeit regieren die Inkompetenten weiter und beginnen womöglich noch einen Krieg, um uns den letzten vergessen zu lassen. Selbst wenn die Kommission einen Zwischenbericht herausgäbe, würde allein dies wenigstens ein halbes Jahr dauern.

Aber Olmert & Co sind nicht einmal bereit, dies zu riskieren. Deshalb ernannten sie in dieser Woche zwei Untersuchungskomitees, die keine staatlichen Untersuchungskommissionen sind und die ihnen erlauben, was ihnen erlaubt, ihre Mitglieder zu ernennen. Kein Untersuchungskomitee wird die Entlassung der Leute fordern, die es ernannt haben.

Welchen anderen Weg gibt es, dieses Trio loszuwerden?

Das Einfachste wären Neuwahlen. Aber das ist nicht so einfach, wie es klingt. Nur die Knesset kann darüber entscheiden. Das bedeutet, daß sich die Knessetmitglieder selbst entlassen müssten. Wenig wahrscheinlich.

Außerdem würden, wie es derzeit aussieht, wenn Wahlen in der gegenwärtigen Situation stattfänden, die Rechten gewinnen. Die Stimme des Friedenslagers war während des Krieges vollkommen ausgeschaltet und auch jetzt hat sie keinen Platz in den Medien. Die Folge davon ist, daß die gehörte Kritik am Krieg fast nur aus dem rechten Lager kommt. Die Öffentlichkeit fragt nicht: Warum haben wir diesen Krieg begonnen? Sie fragt: Warum haben wir nicht gesiegt? Und sie antwortet: die korrupten Politiker haben der Armee nicht erlaubt zu siegen. Eine neue Regierung ist nötig, eine rechte und patriotische, um die Armee zu rehabilitieren und noch einen Krieg zu beginnen, der die Aufgabe zu Ende bringt.

Eine neue Regierung ohne Wahlen in der derzeitigen Knesset einzusetzen, würde zu dem gleichen Ergebnis führen, weil die einzige Alternative zur augenblicklich bestehenden eine Koalition wäre, die den Likud und wenigstens eine der beiden faschistischen Parteien einschließen würde. Nicht gut.

Eine andere Möglichkeit: die augenblickliche Koalition im Amt zu lassen, aber Olmert und Peretz zu ersetzen. Wie? Durch eine Revolte in der Kadima-Partei, die Olmert ersetzt, und eine Revolte in der Arbeitspartei, die Peretz ersetzt. In der Arbeitspartei gibt es tatsächlich solch eine Möglichkeit. Aber wer würde in der Kadima, einer fiktiven Partei, die keinerlei Parteiinstitutionen hat, revoltieren?

Zusammengefaßt: in der Theorie gibt es mehrere Optionen - und alle sind schlecht. Diese Tatsache spaltet das "Protestlager". Einige Protestierende verlangen eine staatliche Untersuchungskommission, egal um welchen Preis. Andere wollen, daß die Dreierbande – Olmert, Peretz und Halutz – ohne Untersuchung zurücktritt. Was die beiden Gruppen eint, ist ihre Unterstützung durch die extreme Rechte und besonders durch die Siedler, die – in bester Tradition der Erfinder der „Dolchstoßlegende“ in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg – erklären: "Die verräterischen Politiker haben der siegreichen Armee einen Dolch in den Rücken gestoßen."

Nebenbei bemerkt ist die Zahl der Demonstranten sehr viel kleiner als die tausenden, die das Friedenslager mitten im Krieg mobilisierte, um gegen ihn zu protestieren.

Was wird also geschehen? Man kann nur mit dem Sprichwort antworten: "Die Kunst der Prophetie ist schwierig, insbesondere was die Zukunft betrifft."

Es ist derzeit unmöglich zu wissen, was sich in der nächsten Zukunft ereignen wird. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, welche Auswirkungen der Krieg auf lange Sicht auf die öffentliche Meinung haben wird.

Als Samson der Held einen Bienenschwarm sah, der in einem Löwenkadaver Honig machte, sagte er: "Süßigkeit ging aus vom Starken" (Richter 14). (Das war derselbe Samson, der von den Philistern entführt wurde und der der 1. Selbstmordattentäter in der Geschichte dieses Landes wurde.) Kann dieser Satz sich auch in unsern Zeiten erfüllen? Kann aus diesem entsetzlichen Krieg etwas Gutes hervorgehen?

Vielleicht. Stimmt, bisher hat dieser Krieg in Israel nur Gefühle der Angst, der Frustration, Kränkung und Demütigung hervorgebracht: Warum konnten wir eine kleine „Terror-Organisation“ nicht besiegen? Unsere politischen Führer haben sich als dumm erwiesen, unsere militärischen Führer als inkompetent. Die Dinge müssen in Ordnung gebracht werden.

Ich glaube jedoch, daß sich in der öffentlichen Meinung langsam eine neue Überzeugung breitmachen wird: daß dieser Krieg das Ende der leichten Siege markiert. Daß von nun an in jedem neuen Krieg unser Hinterland mit betroffen sein wird. Daß unsere Armee nicht allmächtig ist, wie man uns weisgemacht hat. Und vor allem: daß der Krieg kein Problem gelöst hat, daß es vielleicht tatsächlich keine militärische Lösung gibt und daß es besser wäre, wenn wir mit unsern Nachbarn redeten.

Stimmt, es ist nicht einfach, zu einer solchen Schlußfolgerung zu kommen, die eine emotionale und ideologische Revolution erfordert. Das wird Zeit brauchen. Man muß aber kein Universitätsprofessor sein, um dies zu begreifen. Es genügt gesunder Menschenverstand und die Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten. Viele Leute, einschließlich derer, die man üblicherweise "das einfache Volk" nennt, haben – Gott sei Dank - beides.

Diejenigen, die sich beklagen, daß der zweite Libanonkrieg vor seinem Ende gestoppt wurde, sollten an den Erfolg von Schuberts Unvollendeter Symphonie denken.





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