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Mohammeds Schwert

Der Papst, der Islam, die Gewalt und die Kreuzzüge

25.09.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Seit den Tagen, als römische Kaiser Christen den Löwen zum Fraß vorwarfen, haben die Beziehungen zwischen Kaisern und Kirchenführern viele Wandlungen durchgemacht.

Konstantin der Große, der 306 – genau vor 1700 Jahren – Kaiser wurde, förderte die Ausübung des Christentums im Kaiserreiche, zu dem auch Palästina gehörte. Jahrhunderte später teilte sich die Kirche in einen östlichen (orthodoxen) und einen westlichen (katholischen) Teil. Im Westen erwarb der Bischof von Rom den Titel Papst und verlangte vom Kaiser, seine Überlegenheit anzuerkennen.

Der Kampf zwischen den Kaisern und Päpsten spielte in der europäischen Geschichte eine zentrale Rolle und spaltete die Völker. Es gab Höhen und Tiefen. Einige Kaiser setzten den Papst ab oder vertrieben ihn, einige Päpste setzen den Kaiser ab oder exkommunizierten ihn. Einer der Kaiser, Heinrich IV., "ging nach Canossa", stand drei Tage barfuß im Schnee vor der Burg des Papstes, bis der Papst sich herabließ, seine Exkommunizierung aufzuheben.

Aber es gab auch Zeiten, in denen Kaiser und Päpste in Frieden miteinander lebten. Heute erleben wir solch eine Zeit. Zwischen dem gegenwärtigen Papst Benedikt XVI. und dem gegenwärtigen Kaiser George Bush II. besteht eine wunderbare Harmonie. Die vor einer Woche gehaltene Rede des Papstes, die einen weltweiten Sturm auslöste, paßt gut zu Bushs Kreuzzug gegen den "Islamofaschismus" im Kontext des "Kampfes der Kulturen".

In seiner Vorlesung an einer deutschen Universität beschrieb der 265. Papst, was er als großen Unterschied zwischen Christentum und Islam ansieht: während das Christentum sich auf die Vernunft gründe, verleugne der Islam diese. Während die Christen die Logik in Gottes Handlungen erkennen, verleugneten die Muslime jegliche Logik in den Taten Allahs.

Als jüdischer Atheist habe ich nicht die Absicht, mich auf den Streitboden dieser Debatte zu begeben. Es liegt weit außerhalb meiner bescheidenen Fähigkeit, die Logik des Papstes zu verstehen. Aber ich kann eine Passage nicht übersehen, die auch mich betrifft, als Israeli, der in der Nähe der Verwerfungszone dieses „Kampfes der Kulturen“ lebt.

Um den Mangel an Vernunft im Islam zu beweisen, behauptet der Papst, daß der Prophet Muhammad seinen Anhängern befahl, seine Religion mit dem Schwert zu verbreiten. Nach Ansicht des Papstes ist dies unvernünftig, weil der Glaube der Seele entstammt und nicht dem Körper. Wie könnte das Schwert die Seele beeinflussen?

Um diese These zu unterstützen, zitierte der Papst ausgerechnet einen byzantinischen Kaisers, der natürlich zur konkurrierenden Kirche des Ostens gehörte. Ende des 14. Jahrhunderts erzählte Kaiser Manuel II. Palaeologus von einem Streitgespräch, das er mit einem nicht namentlich genannten persisch muslimischen Gelehrten geführt habe - sagte er zumindest (das Vorkommnis wird bezweifelt). In der Hitze des Gefechtes schleuderte der Kaiser (nach seiner eigenen Aussage) folgende Worte gegen seinen Kontrahenten:

"Zeige mir doch, was Mohammad Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Unmenschliches finden wie seinen Befehl, den von ihm gepredigten Glauben durch das Schwert zu verbreiten."

Diese Worte geben Anlaß zu drei Fragen: a) Warum sagte der Kaiser sie? b) Sind sie wahr? c) Warum hat der gegenwärtige Papst sie zitiert?

Als Manuel II. seine Abhandlung schrieb, war er das Oberhaupt eines sterbenden Imperiums. Er kam 1391 an die Macht, als dem einst so blühenden Kaiserreich nur noch wenige Provinzen geblieben waren. Auch diese wurden bereits von den Türken bedroht.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die ottomanischen Türken bereits das Donauufer erreicht. Sie hatten Bulgarien und den Norden Griechenlands erobert und zweimal von Europa gesandte Entlastungsheere besiegt, die das östliche Kaiserreich retten sollten. Am 29. Mai 1453, nur wenige Jahre nach Manuels Tod, eroberten die Türken seine Hauptstadt Konstantinopel - das heutige Istanbul - und setzten dem Kaiserreich ein Ende, das mehr als tausend Jahre gedauert hatte.

Während seiner Herrschaft hatte Kaiser Manuel II. die Hauptstädte Europas besucht und versucht, Unterstützung zusammenzutrommeln. Er versprach, die Kirche wieder zu vereinigen. Zweifellos schrieb er seine religiöse Abhandlung, um die christlichen Länder gegen die Muslime aufzustacheln und sie zu einem neuen Kreuzzug zu bewegen. Das Ziel war praktisch ausgerichtet, die Theologie diente der Politik.

In diesem Sinn paßt das Zitat genau zu den Erfordernissen des gegenwärtigen Kaisers George Bush II. Auch er will die christliche Welt gegen die hauptsächlich muslimische "Achse des Bösen", einigen. Außerdem klopfen die Türken wieder an die Türen Europas, dieses Mal friedlich. Es ist allgemein bekannt, daß der Papst die Kräfte unterstützt, die gegen den Eintritt der Türkei in die Europäische Union sind.

Steckt irgendeine Wahrheit in Manuels Behauptung?

Der Papst selbst hat Vorsicht angemahnt. Als seriöser und namhafter Theologe konnte er es sich nicht leisten, geschriebene Texte zu verfälschen. Deshalb gab er zu, daß der Koran ausdrücklich verbietet, den Glauben mit Gewalt zu verbreiten. Er zitierte die 2. Sure, Vers 256 (seltsam fehlbar für einen Papst - er meinte den Vers 257) der lautet: "In Glaubenssachen darf es keinen Zwang geben".

Wie kann man eine so unzweideutige Feststellung ignorieren? Der Papst behauptete einfach, daß dieses Gebot vom Propheten zu Beginn seiner Karriere festgelegt worden sei, als er noch schwach und ohnmächtig war, aber später die Anwendung des Schwertes im Dienst des Glaubens befohlen habe. Solch einen Befehl gibt es im Koran nicht. Mohammed rief zwar zur Anwendung des Schwertes in seinem Krieg gegen feindliche Stämme - christliche, jüdische und andere – in Arabien auf, als er seinen Staat aufbaute. Aber das war ein politischer und kein religiöser Akt; grundsätzlich ein Kampf um Gebiete, nicht um die Verbreitung des Glaubens.

Jesus sagte: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." Die Behandlung anderer Religionen durch den Islam, muß mittels eines einfachen Tests beurteilt werden: Wie haben sich die muslimischen Herrscher mehr als tausend Jahre lang verhalten, als sie die Macht hatten, "den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten"?

Nun, sie haben es einfach nicht getan.

Viele Jahrhunderte lang herrschten Muslime über Griechenland. Wurden die Griechen Muslime? Versuchte jemand auch nur, sie zu islamisieren? Im Gegenteil, christliche Griechen besetzten die höchsten Ämter in der ottomanischen Regierung. Die Bulgaren, Serben, Rumänen, Ungarn und andere europäische Nationen lebten zeitweise unter ottomanischen Herrschaft und hielten an ihrem christlichen Glauben fest. Keiner zwang sie, Muslime zu werden und alle blieben gläubige Christen.

Die Albaner konvertierten zwar zum Islam und auch die Bosniaken. Aber niemand behauptet, daß dies unter Zwang geschehen sei. Sie nahmen den Islam an, um Vergünstigungen der Regierung zu erlangen und sich der Früchte zu erfreuen.

1099 eroberten die Kreuzfahrer Jerusalem und massakrierten willkürlich seine muslimischen und jüdischen Einwohner, im Namen des sanften Jesus. Zu jener Zeit, 400 Jahre nach der muslimischen Besetzung Palästinas, waren die Christen noch die Mehrheit im Lande. Während dieser langen Periode wurden keine Anstrengungen unternommen, ihnen den Islam aufzuzwingen. Erst nach der Vertreibung der Kreuzfahrer aus dem Land begann die Mehrheit der Bewohner damit, die arabische Sprache und den muslimischen Glauben anzunehmen – und sie sind die Vorfahren der meisten heutigen Palästinenser.

Es gibt auch keinen Beweis für einen Versuch, den Juden den Islam aufzuzwingen. Wie allgemein bekannt ist, erlebten die Juden Spaniens während der muslimischen Herrschaft eine Blütezeit, wie sie sie nirgendwo anders beinahe bis in unsere Zeit erlebten. Dichter wie Yehuda Halevy schrieben arabisch, genau wie der große Maimonides. Im muslimischen Spanien waren Juden Minister, Dichter, Wissenschaftler. Im muslimischen Toledo arbeiteten christliche, muslimische und jüdische Gelehrte zusammen und übersetzten die antiken griechischen philosophischen und wissenschaftlichen Texte. Das war wirklich das Goldene Zeitalter. Wie hätte das nur möglich sein können, hätte der Prophet die "Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert" verordnet?

Was dann geschah, ist aber noch aufschlußreicher. Als die Katholiken Spanien von den Muslimen zurückerobert hatten, begannen sie eine Herrschaft des religiösen Terrors. Juden und Muslime wurden vor eine grausame Wahl gestellt: entweder zum Christentum zu konvertieren, massakriert zu werden oder das Land zu verlassen. Und wohin flohen die hunderttausenden von Juden, die sich weigerten, ihren Glauben aufzugeben? Fast alle von ihnen wurden mit offenen Armen in den muslimischen Ländern aufgenommen. Die sephardischen ("spanischen") Juden siedelten in der ganzen muslimischen Welt von Marokko im Westen bis zum Irak im Osten, von Bulgarien (damals ein Teil des ottomanischen Reiches) im Norden bis in den Sudan im Süden. Nirgendwo wurden sie verfolgt. Sie kannten nichts wie die Folterungen der Inquisition, die Flammen der Ketzerverbrennungen, die Pogrome, die schrecklichen Massenvertreibungen durch, die in fast allen christlichen Ländern bis zum Holocaust stattfanden.

Warum? Weil der Islam ausdrücklich jede Verfolgung der "Völker des Buches" verboten hat. In der islamischen Gesellschaft war ein besonderer Platz für Juden und Christen reserviert. Sie hatten zwar nicht völlig die gleichen Rechte, aber beinahe. Sie mußten eine besondere Steuer bezahlen, waren aber vom Militärdienst befreit – eine Übereinkunft, die vielen Juden sehr willkommen war. Es wurde gesagt, daß muslimische Herrscher vor jedem Versuch – selbst mit sanfter Überzeugung - Juden zum Islam zu konvertieren, zurückschreckten, weil das den Verlust von Steuern nach sich zog.

Jeder ehrliche Jude, der die Geschichte seines Volkes kennt, kann nicht anders, als gegenüber dem Islam große Dankbarkeit zu empfinden, da er die Juden 50 Generationen lang geschützt hat, während die christliche Welt die Juden verfolgte und viele Male „ mit dem Schwert“ versuchte, sie von ihrem Glauben abzubringen.

Die Geschichte über die "Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert" ist eine üble Legende, eine der Mythen, die in Europa während der großen Kriege gegen die Muslime - die Rückeroberung Spaniens durch die Christen, der Kreuzfahrten und die Zurückschlagung der Türken, die beinahe Wien erobert hätten - wuchsen. Ich habe den Verdacht, daß auch der deutsche Papst ehrlich an diese Märchen glaubt. Das bedeutet, daß das Oberhaupt der katholischen Kirche, der selbst ein namhafter Theologe ist, sich nicht die Mühe gemacht hat, die Geschichte anderer Religionen zu studieren.

Warum äußerte er diese Worte in der Öffentlichkeit? Und warum jetzt?

Man kann sie jetzt nur vor dem Hintergrund des neuen Kreuzzugs von Bush und seinen evangelistischen Unterstützern sehen mit seinen Wahlsprüchen vom "Islamofaschismus" und "dem globalen Krieg gegen den Terror" – nachdem "Terrorismus" ein Synonym für Muslime geworden ist. Für Bushs Steuerer ist dies ein zynischer Versuch, die Herrschaft über die Öl-Ressourcen der Welt zu rechtfertigen. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte, wird ein religiöses Mäntelchen über die Nacktheit wirtschaftlicher Interessen gebreitet; nicht zum ersten Mal wird der Feldzug eines Räubers zu einem Kreuzzug.

Die Rede des Papstes paßt zu diesen Bemühungen. Wer kann die unheilvollen Folgen voraussehen?



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