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Siemens SB-Instinkte

Instinkte in deutschen Unternehmen

26.09.2006  


Hans-Joachim Selenz




Die Aufbesserung der Siemens-Vorstandsgehälter um satte 30 Prozent sorgt für Schlagzeilen. Es hagelt Kritik aus - fast - allen politischen und gesellschaftlichen Ecken.

Bundestagsvizepräsident Thierse bezeichnet den Schluck aus der Gehalts-Pulle als "asozial". Saarland-Ministerpräsident Müller nennt ihn "verwerflich und geschmacklos". SPD-Wirtschaftssprecher Wend findet, daß dies Verhalten, "ausschließlich den persönlichen Vorteil im Blick zu haben, das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft schwächt". CSU-Chef Stoiber spricht von einem "außerordentlich bedauerlichen Vorgang". Er wirft der Siemens-Chefetage "Instinktlosigkeit" vor.

Doch welcher Instinkt war den verantwortlichen Siemens-Managern abhanden gekommen? Was steckt hinter dieser durchaus bemerkenswerten Anhebung des nicht eben geringen Top-Salärs? Ein Blick hinter die Kulissen macht klar, daß Herr von Pierer durchaus seinen Instinkten folgt. Nur welche sind das?

Herr von Pierer folgt instinktsicher neuen Pfaden deutscher Vorstände und Aufsichtsräte in den zu Selbstbedienungsläden mutierten großen Aktiengesellschaften. Wer wäre nicht gern Kunde in einem SB-Laden ohne Kasse am Ausgang? Kaufen nach Wunschliste. Man nimmt den Einkaufs-wagen und zieht von Regal zu Regal. Selbst an der Fleischtheke "darf´s ein bisschen mehr sein". Die einzige Begrenzung der Wunschliste ist die Größe des Kofferraums. Dienstwagen haben große Kofferräume.

Horrorvision? Keineswegs! Deutsche Aktiengesellschaften entwickeln sich tatsächlich immer mehr zu SB-Läden ihrer Organe. Bei Siemens bediente man sich sogar aus dem Immobilienbesitz. Natürlich zum Buchwert. Man gönnt sich ja sonst nichts. Vorstände und Aufsichtsräte vergreifen sich immer hemmungsloser am Vermögen der ihnen anvertrauten Gesellschaften. Der Aufsichtsrat erhöht dem Vorstand das Gehalt. Der bedankt sich artig durch Anhebung der Aufsichtsratsvergütung. Die Spirale der Maßlosigkeit hat kein Ende. Raff-Instinkte - unkontrolliert ausgelebt. Der Blick über den großen Teich entfachte die aktuelle Raff-Hysterie.

Amerikanische Gagen zu deutschen Vertragskonditionen. Das Beste aus beiden Welten. Inzwischen hangelt man sich zu immer neuen Traumgagen - mit dem Verweis, andere trieben es noch doller. Eine Hand wäscht die andere. Instinktsicher! Und zudem völlig gefahrlos. Ein deutscher Vorstand hat - im Gegensatz zu einem mittelständischen Unternehmer - nichts zu befürchten. Selbst wenn er das Unternehmen an die Wand fährt. Besitzer der SB-Läden sind nämlich - eigentlich - die Aktionäre.

Eine wirksame Kontrolle findet indes schon lange nicht mehr statt. Und so steigt das Salär der AG-Organe dynamisch weiter. Völlig losgelöst von der Ergebnissituation der Unternehmen. Im Mittelstand gilt derartiges Handeln als obszön. Manche Organe füllen die SB-Regale sogar mit Hilfe bestochener Wirtschaftsprüfer. Darüber wacht - eigentlich - als Kontrollinstanz das Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin). Das ist indes, wie man inzwischen weiß, mit internen SB-Aktionen mehr als ausgelastet. Doch zurück zu Siemens.

Kaum hatte der neue Vorstands-Chef Kleinfeld das Ruder von Vorgänger von Pierer übernommen, griff er zum Skalpell. Von Pierer hatte sich derweil in den Aufsichtsrat verabschiedet. So hat er seinen Nachfolger besser unter Kontrolle. Die Welt-Firma Siemens übergab ihre Handy-Sparte an die taiwanesische Firma BenQ. Gegen Zuzahlung von 350 Millionen Euro. 1,5 Millionen Euro Verlust hatte die High-Tech-Sparte vor dem Verkauf erwirtschaftet. Pro Tag versteht sich.

Die Taiwanesen tun sich schwer mit der Sanierung der noch von Kleinfelds Vorgänger von Pierer in die roten Zahlen gewirtschafteten Sparte. Die Zukunft der 6.000 Mitarbeiter ist ebenso offen, wie die der deutschen Produktionsstandorte. Auch das Abstoßen anderer "Problemfelder" brachte Siemens nicht richtig in Schwung. Während der Dax um 41 Prozent stieg, waren es bei Siemens nur 9 Prozent. Eine derart massive Gehaltssteigerung ist vor diesem Hintergrund nur schwer vermittelbar. Von Pierer hat daher sogar Gutachten eingeholt. Stets probates Mittel, um - instinktsicher - von eigener Verantwortung abzulenken. Die Instinkte haben ihn also nicht verlassen. Was ihn indes verlassen hat - und da befindet sich von Pierer in bester Gesellschaft - ist die Bodenhaftung.





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