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Wie fair ist fair?

Lücken im "Transfair"-System

03.10.2006  






Das "Transfair"-Siegel soll dazu dienen, Verbrauchern zu zeigen, daß das so ausgezeichnete Produkt den "Transfair"-Grundlagen folgend produziert und gehandelt worden ist. Dies bedeutet vorrangig, daß Arbeiter im Produktionsland das Siegel wird derzeit noch fast ausschließlich für landwirtschaftliche Produkte vergeben zumindest dem örtlichen Mindestlohn folgend entlohnt und auch weitere Regelungen zum Schutz von Arbeitnehmern eingehalten werden.

Bei genauerer Betrachtung mehrerer Meldungen der letzten Monate scheinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieses Siegels aber durchaus angebracht.

Schon die Tatsache der im März abgeschlossenen Zusammenarbeit zwischen der deutschen Transfair-Organisation und dem deutschen Discount-Unternehmen Lidl ist angesichts der unter anderem von der Gewerkschaft ver.di angeprangerten http://lidl.verdi.de/ mangelhaften Arbeitsbedingungen beispielsweise auch von attac als reine "PR-Kampagne zur Image-Verbesserung" kritisiert worden.

Das gleiche wird beispielsweise über die US-Café-Kette Starbucks gesagt, die seit 2001 das Transfair-Emblem führt und ebenfalls nicht zuletzt wegen der Arbeitsbedingungen der eigenen Angestellten in der Kritik steht.

Am 8. September veröffentlichte die Financial Times dann einen Artikel, für den der Journalist Hal Weitzman in Peru selbst recherchiert hat. Er überprüfte vor Ort auf fünf Kaffeeplantagen mit Fairtrade-Siegel die dort den Arbeitern bezahlten Löhne. Der staatlich festgelegte Mindestlohn beträgt dort 16 Soles (knapp 4 Euro) pro Tag. Erhalten die Arbeiter Unterkunft und Verpflegung, so sind es 11,2 Soles (2,8 Euro). Auf vier der fünf Kaffeeplantagen erhielten die Arbeiter allerdings nur einen Lohn von 10 Soles (2,5 Euro) pro Tag. Auf der fünften erhielten sie mit 12 Soles (3 Euro) nur wenig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Dem Artikel zufolge scheint der Abzug für Unterkunft und Verpflegung außerdem höchst fragwürdig. Coronel Vasquez Bernardino, ein Arbeiter auf einer der Plantagen, deutete auf den Holzfußboden eines Schuppens, auf dem er den Sommer über mit 17 weiteren Arbeitern schläft. Die Wasserquelle ist ein einzelner Wasserhahn auf dem Hof, die Toilette ist ein mit schwarzen Tüchern "abgetrenntes" Loch im Boden.

In einer Antwort erklärte Fairtrade einige Tage nach Veröffentlichung des Artikels, daß die Löhne der Arbeiter zwar gemäß den eigenen Statuten zu niedrig, aber zumindest doch höher als bei anderen Arbeitern in der Region seien. Aufgrund des Berichtes sei bereits ein Team nach Peru entsandt worden, um die Verstöße zu untersuchen.

Außerdem sei es unmöglich zu kontrollieren, daß kein Arbeiter jemals zu niedrig bezahlt werde, sagte Luuk Zonneveld, Geschäftsführer der "Fairtrade Labelling Organizations International" (FLO) im deutschen Bonn gegenüber der Financial Times.

Andererseits berechnet die FLO Kaffeebauern aber 2.431 US-Dollar für die erste Zertifizierung und jährlich 607 US-Dollar für die Erneuerung der Zertifizierung mit dem Fairtrade-Siegel. Darüberhinaus sind 0,02 US-Dollar pro verkauften Kilogramm Kaffee abzuführen. Hinzu kommt noch eine "Lizenzgebühr" für das Benutzen des Siegels von 1,8 Prozent des Verkaufspreises, die an die Fairtrade-Organisation selbst zu entrichten ist.

Schon die Tatsache, daß Fairtrade zufolge ein Team nach Peru entsandt worden ist, also offenbar kaum geeignete Methoden der Überprüfung im Land selbst vorhanden sind, muß grundlegende Zweifel an dem bestehenden System wecken.

Geoff Watts von der Chicagoer Kaffeerösterei Intelligentsia Coffee, die sich kürzlich von Fairtrade getrennt hat, sagte, er habe selbst gesehen, daß nicht zertifizierter Kaffee mit dem Fairtrade-Siegel exportiert worden sei. "Ich habe Fälschungen in Peru und anderen Ländern gesehen", sagte er.

Auch wurden der Financial Times Beweise vorgelegt, daß mindestens ein Unternehmen ein Fairtrade-Zertifikat erhalten hat, obwohl es etwa 20 Prozent seines Kaffees in Naturschutzgebieten anbaut, was ebenfalls einen Verstoß gegen die Fairtrade-Statuten darstellt.

Zweifellos werden die Preise für Kaffee und zahlreiche andere landwirtschaftliche Produkte im "Westen" mit absolut inakzeptablen Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern erkauft. Ein System, um dies zu ändern, ist also grundsätzlich positiv zu beurteilen auch wenn das Fallenlassen der extremen Einfuhrzölle aus den betreffenden Ländern den Menschen dort weitaus effektiver helfen dürfte. Die Berichte wecken allerdings begründete Zweifel, ob Fairtrade tatsächlich hierzu in der Lage ist.

Tatsächlich sind es gerade die armen Bauern, die aufgrund der hohen Gebühren gar nicht in der Lage sind, das Fairtrade-Siegel zu erhalten und so in den Genuß der etwas höheren Verkaufspreise zu kommen.





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