www.freace.de
Impressum und Datenschutz

Nachrichten, die man nicht überall findet.





Positionswechsel?

Eine weitere Stimme gegen Muslime?

15.10.2006  






Am Sonntag veröffentlichte Florian Rötzer in dem Internet-Magazin Telepolis einen bemerkenswerten Artikel mit dem Titel "Islamische Regeldichte". Bemerkenswert deshalb, weil der Artikel einen den Islam deutlich ablehnenden Eindruck erweckt - eine Grundhaltung, die bei Telepolis in dieser Form bisher nicht zu sehen war.

Freace hat Yavuz Özoguz, Betreiber der Website MuslimMarkt - einer der bekanntesten Anlaufpunkte für Muslime im deutschsprachigen Internet, regelmäßiger Gastautor bei Freace und gemeinsam mit seinem Bruder Gürhan Autor des Buches "Wir sind 'fundamentalistische Islamisten' in Deutschland" um Stellungnahme und Berichtigung der zahlreichen sachlichen Fehler des Artikels gebeten. Da die von Özoguz für seinen Buchtitel gewählte Bezeichnung immer wieder auf ihn angewandt wird, dürfte er zweifellos auch bei Kritikern und Gegnern als Autorität auf dem Gebiet des Islam angenommen werden.

"Weil der Islam nicht zentral organisiert ist, sind nicht nur Kritik und Aufklärung schwierig, sondern herrscht große Unsicherheit über das, was erlaubt ist und was nicht, was eine Flut von Anweisungen für das Alltagsleben hervorzubringen scheint", so Rötzer.

Die erste Behauptung ist genau so ein Unsinn, als behauptete man, das Christentum sei nicht zentral organisiert, weil es vier bis fünf "Päpste" und diverse Obere in den diversen Kirchen gibt. Der Pluralismus im Islam heißt nicht, daß es keine "Oberhäupter" gibt. Im Gegensatz zu den christlichen Kirchen ist aber der Islam "demokratischer" organisiert, da jeder sich sein Oberhaupt selbst aussuchen kann, selbst innerhalb der Shia zum Beispiel Khamenei oder einen der fünf bis sechs anderen aktuellen Groß-Ayat Allahs, entgegnet hier Özoguz.

Die "Flut" von Anweisungen ist in religiösen Regelwerken zusammengefaßt (vergleichbar dem Katechismus), so daß der halbwegs gelehrte Muslim all jene Fragen ohnehin kennt oder zumindest weiß, wo er sie nachschlagen kann. Daher braucht ein Vorbild der Nachahmung (mardsch-ul-taqlid) in der Regel nach seinem Grundwerk nur zu neuen Problemen Stellung zu beziehen (Clonen, neue Techniken und so weiter). Die Fragen im Internet sind nicht ein Zeichen dafür, daß eine neue Flut von Fragen existiert, sondern ein Zeichen dafür, daß es sich viele Muslime leicht machen und die schnelle online-Chance nutzen. Der antwortende Gelehrte ist ja nicht der Groß-Ayat Allah persönlich, sondern seine Schüler (oder Schüler der Schüler), die das Thema aus seinen Werken heraussuchen.

Rötzers Hinweis auf die abgenommene "Vorschriftendichte" in "von einer christlichen Mehrheit bewohnten westlichen Ländern" begegnet Özoguz mit dem Hinweis auf die insbesondere auch in Deutschland immer weiter um sich greifende Bürokratie und Reglementierung des Alltags der Menschen durch Gesetze. "Ich glaube so viele Vorschriften, wie Deutsche derzeit beachten müssen, gibt es in keiner Religion der Welt", so Özoguz.

Anschließend wiederholt Rötzer seinen "Vorwurf", im Islam gebe es ein "verwirrendes Stimmengewirr an Interpretationen und Regeln für die Lebensführung", das "zu mitunter eigenartigen Empfehlungen und Begründungen" führe. Tatsächlich dürfte die für jeden einzelnen Gläubigen des Islams bestehende - und notwendige - Möglichkeit, sich sein Vorbild, dem er zukünftig folgen möchte, allerdings demokratischen Grundsätzen weitaus näher kommen, als dies beispielsweise in der katholischen Kirche der Fall ist.

Das geistliche Oberhaupt Iran, Ajatollah Seyyed Ali Chamenei, hat schon lange eine Webseite. Hier hat er kürzlich beispielsweise dem Hizbollah-Führer Nasrallah zum "Sieg" über "die Armee des zionistischen Regimes" gratuliert.

Das hat er nicht auf der Website getan, sondern in aller Öffentlichkeit als Botschaft und seine Website hat dies wiedergegeben, entgegnet Özoguz.

Zwar sollen auch diese - beispielsweise der "Wächterrat" - gewählt werden, sie haben aber nahezu uneingeschränkte Macht, was vor allem für den Ajatollah Chamenei gilt.

Özoguz dazu: Der Wächterrat kann Imam Khamenei absetzen. Und die Machtbefugnis von Imam Khamenei ist in der Verfassung festgelegt.

Auf Rötzers Ausführung "Der Ramadan, so heißt es in einer Anweisung, den Fastenmonat Nicht-Muslims zu erklären, dient der "körperlichen und geistigen Reinigung" antwortet Özoguz, er habe "keine Ahnung wo es eine 'Anweisung' gibt, den Fastenmonat Nichtmuslimen zu erklären".

Es geht nicht nur darum zu fasten und nichts zu trinken, auch Rauchen, Sex und alle Formen amoralischer Handlungen und der Obszönität sind verboten.

Alle Formen amoralischer Handlungen und der Obszönität sind auch außerhalb des Fastens und außerhalb Ramadan verboten, so Özoguz.

Die von Rötzer nachfolgend aufgeworfenen Fragen, welchen Tätigkeiten vom essen mit Nicht-Muslimen bis hin zur Ausübung von Geschlechtsverkehr Muslime während des Fastens im Ramadan - auch diese Trennung wird von ihm nicht genannt, ist allerdings entscheidend - werden von Özoguz größtenteils mit einem klaren "ja" beantwortet. Das Küssen dürfe demnach nicht zu einem "intensiven Flüssigkeitsaustausch" führen und die notwendige Einnahme von Medikamenten führe dazu, daß nicht gefastet werde - aber keineswegs zum Verbot der Einnahme dieser Medikamente. Auch die Ausübung von Geschlechtsverkehr ist demnach nur tagsüber, also während des Fastens, untersagt.

Die Anleitungen werden zwar mit Zitaten und Verweisen auf andere Quellen begründet, eine wirkliche Diskussion findet aber nicht statt, auch wenn es durchaus unterschiedliche Meinungen gibt.

Diese Behauptung erweckte bei Özoguz angesichts der dort ebenso häufig wie intensiv geführten Diskussionen den Eindruck, Rötzer habe das Forum des Muslim-Markts "noch nie besucht".

Wenn wie im Iran politische und religiöse Macht in einer Person vereint sind, kann Demokratie und Freiheit sich nicht wirklich durchsetzen.

Die Institution des "Imam" als Stellvertreter des Imam Mahdi ist die wichtigste Stütze der islamischen Republik Iran und größtes Hindernis, das Land zu "kaufen". Minister kann man bestechen, Beamte korrumpieren, Regierungsapparate unterwandern. Aber ein Imam, der seine einzige Macht durch das Volk erhält (wird indirekt gewählt über den Wächterrat) und Voraussetzungen und einen Lebensstil erfüllen muß, daß sämtliche westliche Politiker vor solch einem Job fliehen würden, ist ein Hindernis für den westlichen Einfluß, der unbezwingbar erscheint. Keine andere Person im Iran (nicht einmal der derzeit populäre Präsident) hat solch eine Akzeptanz im Volk wie Imam Khamenei, schreibt Özoguz.

Meinungs- und Pressefreiheit, so heißt es in der iranischen Verfassung, müssen den islamischen Kriterien und dem nationalen Interesse folgen, sind also alles andere als garantiert und religiös jederzeit unterdrückbar.

Gibt es irgendwo eine "Meinungsfreiheit", die sich nicht an der Verfassung orientieren muß? Die Zahl der in Deutschland verbotenen Bücher ist größer als die im Iran verbotenen (wenn man einmal von Pornographie absieht), entgegnet hier Özoguz.

Immerhin, ganz entrückt ist der der oberste geistliche Führer nicht. Auch er nimmt Fragen entgegen und beantwortet sie.

Dafür hat er ein Büro, das sich dieser Fragen annimmt. Man erhält circa 48 Stunden nach der Frage die Antwort. Habe ich selbst schon mehrfach probiert, berichtet Özoguz.

So stellte ein verunsicherte Muslim die Frage, ob Masturbation, auch wenn kein Samenerguss erfolgt, das Fasten unwirksam macht, man sich also die Gunst Allahs damit verscherzt. Chamenei antwortet hier in einer, im Islam ähnlich wie in der katholischen Kirche verbreiteten pragmatischen Art, in der man nicht zu pedantisch sein will. Eigentlich ist ja Sexualität verboten, was auch Masturbation einschließt. Wenn man aber irgendwie masturbiert, ohne dies vorzuhaben, und es zu keinem Samenerguss kommt, dann ist schon alles in Ordnung, versichert Chamenei.

Schon die Behauptung, Sexualität sei "verboten", ist hier zweifellos mehr als fragwürdig. Der Rest der Aussage führt bei Özoguz allerdings zu noch größerer Irritation. "Die Fatwa will ich sehen! Tatsache ist, daß der Samenerguß zum Fastenbruch führt, das Masturbieren selbst aber nicht! Das hat aber nichts damit zu tun, ob es sonst erlaubt ist oder nicht. Auch Lügen führt nicht zum Fastenbruch, obwohl es verboten ist und Diebstahl auch nicht, obwohl es verboten ist."

Noch absurder mutet an, wenn Chamenei die Frage beantwortet, was passiert, wenn man im Ramadan, der Fasten auch schon entspannt nur von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang vorschreibt, vergessen hat, die Zähne zu putzen und dann zur verbotenen Zeit Essensreste in den Mund und die Kehle aus den Zähnen gelangen. Auch hier ist das geistliche Oberhaupt nachsichtig. Es zählen die Absicht, der gute Wille und das Wissen, nicht allein der Sachverhalt. Wenn man nicht weiß, dass ein paar Krümel Essen in den Zähnen hängen geblieben sind, oder man nicht weiß, dass sie den Gaumen erreichen oder man sie unwillentlich schluckt, dann bleibt das Fasten in Kraft.

Tatsächlich erscheint dies nur dann absurd, wenn man ausblendet, daß der freie Wille im Islam eine hohe Rolle spielt. Das Fasten werde selbst dann nicht gebrochen, "wenn man versehentlich in einen Apfel beißt, es herunterschluckt und einem dann einfällt, daß man fastet", so Özoguz.

Darf ein Gläubiger sich grausame Bilder und Videos im Internet oder auf DVDs anschauen? Beispielsweise wenn im Irak Entführer, die vorgeben im Namen des Islam zu handeln, ihre Opfer köpfen. Das sei verwerflich, wenn intendiert sei, mit diesen Bildern Verderben zu verbreiten, oder wenn das Anschauen "negative soziale Folgen" habe, sagt Chamenei und hält sich hier sehr bedeckt.

"Verwerflich" beziehungsweise "verpönt" ist eine der fünf Stufen der religiösen Einstufung. Nur das vollständige Verbot ("haram") steht noch darüber.

Interessanterweise hat Chamenei auch eine Antwort darauf, ob es nach dem Islam statthaft sei, einen Kopierschutz für Software aus dem Ausland zu knacken und diese dann zu benutzen oder an Menschen weiter zu geben, die sie nicht kaufen können. Ohne Zustimmung der jeweiligen Firma dürfe der Kopierschutz nicht geknackt werden.

Özoguz stellt hier die Gegenfrage, warum diese Tatsache überhaupt "interessant" sei, schließlich müsse ein islamischer Gelehrter vom Range Khameneis auf jede Frage eine Antwort finden. Außerdem stelle das widerrechtliche Kopieren von Software einen Diebstahl dar und sei dementsprechend im Islam verboten.

Auch die letzte in dem Artikel gemachte Behauptung gibt kaum die muslimische Realität wider.

Ganz strikt ist Chamenei auch beim Verbot, einer nicht-muslimischen Frau zur Begrüßung die Hand zu geben, um Probleme zu vermeiden. Das geht Chamenei nun doch viel zu weit.

Ein Muslim darf auch einer muslimischen Frau nicht die Hand geben, wenn es nicht seine eigene ist oder seine Tochter, Mutter und so weiter, entgegnet Özoguz hier.





Zurück zur Startseite





Impressum und Datenschutz

contact: E-Mail