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Der amerikanische Alptraum

Langsamer Tod einer Demokratie

21.11.2006  






Die Regierungsform eines Landes muß nicht zwingend notwendig durch einen abrupten Umsturz, beispielsweise durch einen Putsch des Militärs, grundlegend verändert werden. Insbesondere die demokratische Staatsform scheint hier besonders für eine zumindest anfänglich schleichende, aufgrund der "vielen kleinen Schritte" kaum ernstgenommene Veränderung empfänglich. Zwei voneinander unabhängige Vorfälle der letzten Tage in den USA werfen einmal mehr die Frage auf, ob es sich hier um Anzeichen einer ebensolchen Entwicklung handelt.

Am Dienstagabend der vergangenen Woche forderten Beamte der Campuspolizei der Universität von Los Angeles im US-Bundesstaat California (UCLA) den iranstämmigen US-Bürger Mostafa Tabatabainejad in der Bücherei der Universität auf, sich auszuweisen. Nach ihren Angaben um sicherzustellen, daß sich nur berechtigte Personen dort aufhielten. Tabatabainejad hatte den Eindruck, er werde nur aufgrund seines arabischen Aussehen überprüft und weigerte sich, sich auszuweisen. Als die Beamten ihn daraufhin aus der Bücherei bringen wollten, ließ sich Tabatabainejad auf den Boden fallen und weigerte sich, aufzustehen - ein geradezu klassisches Beispiel für das von Mahatma Gandhi entwickelte Konzept des gewaltfreien Widerstands. Daraufhin wurde er insgesamt fünf Mal mit einem "Taser" - einer Elektroschockwaffe - angegriffen. In mindestens vier dieser Fälle war er bereits mit Handschellen gefesselt, wie ein im Internet veröffentlichtes Video (Flash-Format, aber auch abspielbar beispielsweise mit VLC) des Vorfalls zeigt. Weigerte er sich anfangs noch, der Aufforderung aufzustehen, nachzukommen, so ist zu vermuten, daß er nach mehreren dieser Angriffe hierzu tatsächlich kaum noch in der Lage war.

Am Montag identifizierte die Leitung der UCLA den Beamten, der den Taser auf Tabatabainejad abfeuerte, als Terrence Duren. Ende der 80er Jahre wurde er aus dem Dienst der Polizei von Long Beach entlassen, nach seinen Angaben allerdings nur aufgrund schlechter Fähigkeiten bei der Verfassung von Berichten und mangelnden Geographiekenntnissen. Duren war schon in der Vergangenheit in mehrere gewalttätige Vorfälle verwickelt gewesen. Im Mai 1990 wurde er beschuldigt, Kente S. Scott mit seinem Schlagstock die Luft abgedrückt zu haben. Ursprünglich sollte Duren infolge dieses Vorfalls entlassen werden, letztlich wurde er aber nur für 90 Tage suspendiert. Im Oktober 2003 schoß Duren einen Obdachlosen mit zwei Kugeln an. Angeblich hatte der Obdachlose Willie Davis Frazier bei einem Kampf versucht, an Durens Waffe zu gelangen, was von seinem Anwalt allerdings bestritten worden war.

Am Freitag hatten etwa 200 Studenten gegen den Vorfall demonstriert. Schon diese angesichts von insgesamt über 35.000 an der Universität eingeschriebenen Studenten äußerst geringe Zahl von Demonstranten weist auf das grundlegendere Problem hin. Das Video zeigt nur zu deutlich, wie dutzende Studenten tatenlos dem brutalen Vorgehen der Beamten gegen Tabatabainejad zusahen. Einige setzten sich zwar schließlich verbal für ihn ein, verhinderten aber keineswegs, daß Tabatabainejad weiter mit dem Taser angegriffen wurde.

Hier offenbarte sich ein grundlegender Respekt gegenüber der Staatsgewalt, wie er üblicherweise insbesondere der Bevölkerung Deutschlands - häufig nicht zu Unrecht - zugeschrieben wird.

Einen noch weitaus deutlicheren Hinweis auf rassistische Tendenzen innerhalb der Gesellschaft der USA lieferte ein Ereignis vom Montag.

Dabei wurden sechs Imame gezwungen, einen Flug der US-Fluggesellschaft US Airways noch vor dem Start zu verlassen. Grund hierfür war offenbar allein, daß sie ihr Abendgebet im Flughafenterminal verrichteten, bevor sie an Bord gingen. Ein Passagier habe hieraufhin Andrea Rader, einer Sprecherin der Fluggesellschaft, zufolge, einer Flugbegleiterin eine schriftliche Nachricht übergeben. Nachdem der Flugkapitän und Sicherheitskräfte des Flughafens die Männer daraufhin erfolglos aufforderten, die Maschine zu verlassen, wurde die Polizei eingeschaltet.

"Wir taten nichts" an Bord des Flugzeugs, sagte Omar Shahin, Präsident des "Council on American-Islamic Relations" (CAIR, "Rat für islamisch-amerikanische Beziehungen"), einer der Betroffenen.

"Wir sind besorgt, daß Besatzungsmitglieder, Passagiere und Sicherheitspersonal der Angst und den Vorurteilen auf Grundlage der Stereotypisierung von Muslimen und des Islam nachgegeben haben", sagte Nihad Awad, Geschäftsführer der Organisation.

Die sechs Männer - einer von ihnen blind - befanden sich auf der Rückreise von einer Konferenz der "North American Imams Federation" in Minneapolis mit etwa 150 Teilnehmern. Wohlwissend um die „Ängste“ der US-Behörden hatte die Organisation im Vorwege die Polizei und das FBI informiert um "Probleme" zu vermeiden - was aber offensichtlich nicht gelang.

Letztlich wurden die sechs Imame von Beamten von Bord der Maschine gebracht und mehrere Stunden lang verhört. Das Flugzeug hob schließlich ohne sie ab und sie waren gezwungen, bei einem örtlichen Imam die Nacht zu verbringen. Damit aber nicht genug, weigerte die Fluggesellschaft sich am nächsten Tag, Tickets für einen anderen Flug auszustellen. Stattdessen war der Flugpreis bereits erstattet worden. Nicht genug damit, daß die Männer also allein aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit verdächtigt, gewaltsam und in Handschellen von Bord der Maschine gebracht und mehrere Stunden lang verhört wurden, obwohl die Behörden offensichtlich überzeugt waren, daß sie keine "Gefahr" darstellten, wurde ihnen ein anschließender Mitflug verweigert. US Airways hätte kaum deutlicher machen können, daß sie allein aufgrund ihres Glaubens - und eben gerade nicht aufgrund einer vermeintlich von ihnen ausgehenden "Gefahr" - nicht an Bord erwünscht sind.

Eine derartige Entscheidung ist angesichts der in den USA auch in Diskriminierungsfällen üblichen Schadensersatzsummen noch bemerkenswerter. CAIR kündigte bereits eine Beschwerde bei den entsprechenden Behörden wegen möglicher Diskriminierung aufgrund "anti-muslimischer Hysterie der Passagiere und/oder der Besatzung" an.

Auch in diesem Fall war es offensichtlich wiederum nicht zu einem nennenswerten Einspruch der übrigen 135 Passagiere gegen die Behandlung der Muslime gekommen. Bestenfalls steht ein großer Teil der US-Bevölkerung einer derartigen "Aussortierung" von Muslimen also gleichgültig gegenüber. Wahrscheinlicher scheint allerdings, daß ein solches Vorgehen mittlerweile von einer Mehrheit begrüßt wird.



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