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Grossmans Dilemma

Die beiden israelischen Friedenslager

23.11.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Das Schlüsselwort war "Hamas". Es wurde auf der Rednertribüne ausgesprochen und tauchte auf gedrucktem Material auf aber auf zwei unterschiedliche Arten.

Auf der Tribüne der großen jährlichen Gedenkfeier für Yitzhak Rabin vor zwei Wochen hielt der Schriftsteller David Grossman, der einzige Sprecher dieser Veranstaltung, eine wichtige Rede. Als er zum Höhepunkt der Rede kam, empfahl er dem Premierminister: "Reden Sie mit den Palästinensern, Herr Olmert. Reden Sie mit ihnen über die Köpfe der Hamas hinweg. Reden Sie mit den Moderaten unter ihnen, mit denen, die, wie Sie und ich, gegen Hamas und deren Ideologie sind!"

Zur selben Zeit hatten sich dutzende von Gush Shalom-Aktivisten unter die Menge von 100.000 Teilnehmern der Kundgebung gemischt um Plaketten zu verteilen, auf denen einfach nur stand: "Frieden macht man mit Feinden REDET MIT DER HAMAS!" Später wurde berichtetet, daß sich weigerten, die Plaketten zu nehmen, aber der größte Teil nahm sie bereitwillig an.

Diese beiden Haltungen illustrieren das Dilemma, dem sich das israelische Friedenslager jetzt gegenübersieht.

Grossmans Rede hat großes Echo hervorgerufen. Es war eine brillante Rede, die Rede eines Schriftstellers, der mit Worten umzugehen weiß. Die Rede hob die Gemüter der Anwesenden und wurde von den Medien als ein wichtiges Ereignis gefeiert. Grossman hat zwar nicht erwähnt, daß er den Krieg anfangs befürwortete und seine Ansicht in dessem Verlauf änderte, aber diese Tatsache verlieh seiner eindringlichen Kritik an der Regierung sogar noch mehr Glaubwürdigkeit.

Er erwähnte die persönliche Tragödie, die ihn traf, als in den letzten Stunden des Krieges sein Sohn Uri getötet wurde: "Das Unglück, das meine Familie und mich getroffen hat ... gibt mir kein besonderes Privileg in unserer nationalen Diskussion. Aber es scheint mir, wenn man sich mit Tod und Verlust auseinandersetzen muß, dann ist dies auch mit mehr Nüchternheit und Klarheit verbunden."

Er prägte einen neuen Satz, der sofort die Phantasie der Leute packte und den öffentlichen Diskurs bestimmte. "Unsere Führung, die politische wie die militärische, ist hohl" erklärte er. Und dies ist seit dem Krieg tatsächlich das allgemeine Gefühl: daß die Führung bar jeden Gehaltes ist, ohne jeden Plan, ohne Werte, nur mit dem Ziel zu überleben. Er sprach über die "Führung" und nicht über Ehud Olmert persönlich, aber dieses Adjektiv beschreibt diesen Mann genau: ein Parteifunktionär, dessen ganzes Talent darin besteht, sich taktische Verbindungen und Verdrehungen auszudenken, ohne jede intellektuelle Tiefe, ohne Vision, ohne inspirierende Persönlichkeit.

Eine anderes Bild kam auch in den Sinn. Als er über den Eintritt von Avigdor Lieberman als Minister für Strategie in die Regierung sprach, sagte er: "Dies ist die Ernennung eines zwanghaften Pyromanen zum Leiter der Feuerwehr des Landes."

Ich konnte mich mit 90 Prozent der Rede vollkommen identifizieren. Ich konnte mich mit allem identifizieren, das er über den Zustand des Staates sagte, über die moralische und soziale Krise, über das Format unserer Führer und die nationale Notwendigkeit, Frieden zu erlangen. Wenn ich auf der Tribüne gestanden hätte (etwas ziemlich unmögliches, wie ich später noch erklären werde), dann hätte ich ganz ähnliche Dinge gesagt, die meine Kollegen und ich seit Jahrzehnten gesagt haben.

Der Unterschied zwischen uns und es ist ein tiefgreifender Unterschied betrifft die übrigen 10 Prozent seiner Rede. Und noch mehr die Dinge, die er nicht sagte.

Ich meine nicht taktische Angelegenheiten. Zum Beispiel erwähnte er in seiner ganzen Rede nicht die Rolle der Arbeitspartei in der Regierung, während des Krieges und bei der Ernennung von Lieberman. Olmert ist an allem schuld. Amir Peretz ist verschwunden.

Nein, ich meine Wesentlicheres.

Nach den Frontalangriffen auf die "hohle" Führung, der es an Vision und Plänen fehlt, hätte man erwarten können, daß Grossman den auf dem Platz versammelten zehntausenden Peaceniks seine eigene Vision und seinen Plan für die Lösung des Problems vorlegt. Aber so klar und deutlich seine Kritik war, so vage und banal waren seine Vorschläge.

Was schlug er vor? Mit den "Moderaten" unter den Palästinensern zu reden "über die Köpfe" ihrer gewählten Regierung, um den Friedensprozeß wiederingangsetzen. Nicht sehr originell. Das wurde schon von Ariel Sharon gesagt (aber nicht getan), das wurde auch von Ehud Olmert und von George W. Bush gesagt (und nicht getan).

Diese Unterscheidung zwischen "Moderaten" und "Fanatikern" auf der arabischen Seite ist überflüssig und irreführend. Im Grunde ist es eine amerikanische Erfindung. Es weicht den wirklichen Problemen aus. Es beinhaltet ein großes Maß an Verachtung für die arabische Gesellschaft. Es führt in eine Sackgasse.

Grossmans Vorschlag lenkt die Diskussion in die Richtung von "mit wem reden" und "mit wem nicht reden", anstelle klar und deutlich festzustellen worüber geredet werden muß: die Beendigung der Besatzung, die Errichtung des Staates Palästina mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt, den Rückzug zu den Grenzen von vor 1967 und die Lösung des Flüchtlingsproblems.

Man könnte vernünftigerweise erwarten, daß in solch einer Rede, auf solch einem Platz und bei solch einer Gelegenheit diese Feststellungen klar und deutlich ausgesprochen würden, anstelle einer Wiederholung der absichtlich verschwommenen Formeln. "Geh zu ihnen mit den kühnsten, ernsthaftesten Plänen, die Israel vorzulegen in der Lage ist, ein Plan, von dem alle Israelis und Palästinenser mit Augen im Kopf erkennen werden, daß er die Grenze unserer und ihrer Verweigerung und Konzessionen ist." Das klingt gut. Aber was bedeutet es?

Schließlich ist klar, daß man der gewählten palästinensischen Führung - gleichgültig, wie sie zusammengesetzt ist - solch einen Vorschlag machen muß. Die Idee, daß wir mit einem Teil des palästinensischen Volkes (im Augenblick die Minderheit) sprechen und den anderen Teil (jetzt die Mehrheit) boykottieren können, ist falsch und irreführend. Sie ist auch von der anmaßenden Arroganz durchdrungen, die das Kennzeichen der Besatzung ist.

Grossman hat viel Mitgefühl mit den Armen und Unterdrückten in der israelischen Gesellschaft und er drückt es in bewegenden Worten aus. Es ist offensichtlich, daß er versucht, wirklich versucht, ein ähnliches Mitgefühl für das Leiden der palästinensischen Gesellschaft zu haben. Aber hier versagt er. Es ist ein Mitgefühl ohne Pathos, ohne wirkliche Gefühle.

Er sagt, daß dies "ein Volk ist, das nicht weniger als wir gequält ist." Nicht weniger als wir? Gaza wie Tel Aviv? Rafah wie Kfar Sava? Die Bemühung, eine Symmetrie zwischen den Besatzern und den Besetzten herzustellen, die so typisch für einen Teil der Peaceniks geworden ist, belegt einen grundlegenden Fehler. Das stimmt sogar, wenn Grossman das unermeßliche Leiden der Juden während der Jahrhunderte meinte selbst dies rechtfertigt nicht das, was wir jetzt den Palästinensern antun.

Über die Palästinenser, die in einer bewiesenermaßen demokratischen Wahl Hamas wählten, sagt Grossman, daß sie "Geiseln eines fanatischen Islam" seien. Er ist sich sicher, daß sie sich in dem Augenblick vollkommen ändern würden, in dem Olmert "mit ihnen spricht". Das ist, milde ausgedrückt, eine herablassende Haltung. "Warum setzen wir nicht all unsere Flexibilität, all unsere israelische Kreativität ein, um unsern Feind aus der Falle zu ziehen, in die er sich selbst begeben hat?" Das heißt: wir sind die denkende, kreative Partei, und wir müssen die armen Araber aus ihrem blinden Fanatismus befreien.

Fanatismus? Als ein genetischer Zug? Oder ist es der natürliche Wunsch, sich von einer brutalen, erwürgenden Besatzung zu befreien, einer Besatzung, aus deren verheerendem Griff sie sich nicht befreien konnten, als sie eine "moderate" Regierung wählten?

Dasselbe trifft auch auf Grossmans zweiten Vorschlag zu - jenen, der Syrien betraf. Auf den ersten Blick ein positiver Vorschlag: Olmert muß jeden Appell eines arabischen Führers akzeptieren, der Frieden vorschlägt. Ausgezeichnet. Aber was schlägt er Olmert tatsächlich vor? "Biete ihm (Assad) einen Friedensprozeß an, der mehrere Jahre dauert; erst am Ende, wenn er alle Bedingungen erfüllt und allen Anforderungen entspricht, wird er die Golanhöhen erhalten. Zwinge ihn in einen Prozeß eines fortdauernden Dialoges." David Ben-Gurion und Ariel Sharon hätten es nicht besser sagen können.

Bashar al-Assad ist sicher nicht vor lauter Begeisterung von seinem Stuhl gefallen, als er dies las.

Um Grossmans Worte zu verstehen, muß man ihren Hintergrund kennen.

Es gibt nicht nur ein israelisches Friedenslager, sondern zwei und der Unterschied zwischen ihnen ist groß.

Das erste Friedenslager, zu dem sich Grossman zählt, nennt sich selbst das "zionistische Friedenslager". Sein strategisches Konzept ist es, daß es falsch sei, vom sogenannten "nationalen Konsens" abzuweichen. Wenn man den Kontakt mit dem Konsens verliert, so glaubt sie, werden wir die Öffentlichkeit nicht gewinnen. Deshalb müssen wir unsere Botschaft so zurechtschneidern, daß die Allgemeinheit sie im Großen und Ganzen jederzeit annehmen kann.

Die "Peace Now"-Bewegung befindet sich im Zentrum dieses Lagers und noch einige andere Gruppen und Persönlichkeiten gehören dazu. Es ist eine vollkommen legitime Strategie, wenn sie nur Erfolg hätte, die Massen zu gewinnen. Leider ist dies nicht geschehen: "Peace Now", das 1982 Hunderttausende für den Protest gegen das Massaker von Sabra und Shatila mobilisieren konnte, gelang es letzte Woche, nur 150 Demonstranten gegen das Beit Hanoun-Massaker auf die Beine zu bringen. (Die anderen Bewegungen, die sich der Demonstration anschlossen, brachten es auf eine ähnliche Anzahl. Zusammen waren wir etwa 300). Etwa dieselbe Anzahl kam in letzter Zeit zu anderen Demonstrationen von "Peace Now", auch bei denen, die mehr Zeit für Vorbereitungen hatten.

Dieses Lager hält engen Kontakt mit zwei politischen Parteien, mit Meretz und der Arbeitspartei (zumindest ihrem linken Flügel). Fast alle Gründer und Führer von "Peace Now" waren Kandidaten dieser beiden Parteien und mehrere von ihnen wurden in die Knesset gewählt. Eine der Gründerinnen ist jetzt die Ministerin für Bildung in der Olmert-Peretz-Kriegsregierung.

Das zweite Lager, gewöhnlich als das "radikale Friedenslager" bezeichnet, führt eine entgegengesetzte Strategie aus: unsere Botschaft auch dann laut und deutlich zu verkünden, wenn sie unbeliebt und weit entfernt vom üblichen Konsens liegt (was sie üblicherweise tut). Die Annahme ist, daß der Konsens uns folgt, wenn unsere Botschaft sich in der Realität als richtig erweist.

Dieses Lager, zu dem "Gush Shalom" (wo ich aktiv bin) gehört, zusammen mit dutzenden anderer Organisationen, engagiert sich täglich mit tatkräftiger Arbeit: vom Kampf gegen die Mauer und all die anderen schlimmen Dinge der Besatzung bis zum Boykott gegen die Siedlungen und die Unterstützung von Soldaten, die sich weigern, in den besetzten Gebieten ihren Dienst zu tun.

Dieses Lager unterscheidet sich vom anderen auch durch seine engen Kontakte zu den Palästinensern, von der Führung bis zu den einfachen Dorfbewohnern, die gegen die Mauer kämpfen, die ihnen das Land raubt. Kürzlich begann "Gush Shalom" einen Dialog mit Hamasführern. Diese Kontakte ermöglichen es uns, die palästinensische Gesellschaft in all ihrer Komplexität, ihren Gefühlen, Ansichten, Forderungen und Hoffnungen zu verstehen.

Mit keiner Partei verbunden, ist diesem Lager bewußt, daß es keine Massenbewegung werden wird. Das ist der Preis, den es zahlen muß. Es ist unmöglich, allgemein beliebt zu werden, während man einen Standpunkt einnimmt und Aktionen ausführt, die gegen den Konsens sind. Wie kann sie dann noch etwas bewirken? Wie kann es sein, daß im Laufe der Jahre viele ihrer Standpunkte von der Allgemeinheit angenommen wurden, einschließlich solcher Leuchten wie Grossman?

Wir nennen dies den "Zahnradeffekt". Ein kleines Zahnrad mit seinem eigenen Antrieb setzt ein größeres in Bewegung, das ein noch größeres bewegt und so weiter, bis es das Zentrum des Konsenses bewegt. Was wir heute sagen wird "Peace Now" morgen sagen und am Tag darauf ein großer Teil der Öffentlichkeit.

Dies wurde in der Vergangenheit dutzende Male bewiesen und wurde in den vergangenen Wochen während des 2. Libanonkrieges erneut bewiesen. Wir riefen am ersten Kriegstag zu einer Demonstration gegen den Krieg auf, als die überwiegende Mehrheit - einschließlich Amos Oz, David Grossman und den anderen - ihn noch offen und rückhaltlos unterstützte. Aber als die wirklichen Motive und die tödlichen Folgen begannen, offensichtlich zu werden, begann sich der Konsens zu ändern. Unsere Demonstrationen schwollen von 200 auf 10.000 Demonstranten an. Sogar "Peace Now", das anfangs den Krieg unterstützte, änderte seinen Standpunkt und rief gegen Ende des Krieges gemeinsam mit Meretz zu einer eigenen Anti-Kriegs-Demonstration auf. Schließlich bewegte sich der ganze "nationale Konsens".

Es mag stimmen, daß das "radikale Friedenslager" und das "zionistische Friedenslager" - während sie verschiedene Rollen spielen sich einander im entscheidenden Kampf um die öffentliche Meinung ergänzen.

Grossmans Rede sollte in diesem Geist beurteilt werden.

Es war eine bewegende Rede, ja eine großartige Rede. Sie enthielt nicht alles, was wir uns wünschten, aber für Grossman und das Lager, zu dem er gehört, war es wirklich ein großer Schritt in die richtige Richtung.





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