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Zielgerichtetes Rätselraten

Tod eines ex-russischen Ex-Agenten

25.11.2006  






Am Donnerstagabend starb der aus Rußland stammende ehemalige KGB-Agent Alexander Litvinenko in einem Londoner Krankenhaus, nachdem die Ärzte dort eine Woche lang erfolglos versuchten, ihn zu behandeln. In einer vorgeblich von ihm vor seinem Tod diktierten und am Freitag von seinem Freund Alex Goldfarb verlesenen Erklärung beschuldigte er den russischen Präsidenten Vladimir Putin, für seinen Tod verantwortlich zu sein - ein Standpunkt der auch in den "Vermutungen" von "westlichen" Medien wie Politikern fast ausnahmslos mehr oder weniger offen eingenommen wird.

Bei genauerer Betrachtung finden sich hier allerdings zahlreiche Merkwürdigkeiten.

Am 1. November hatte sich Litvinenko in einem Londoner Hotel mit Andreij Lugovoy - ebenfalls ein früherer KGB-Mitarbeiter - und zwei weiteren russischen Männern getroffen. Später traf er sich mit dem Italiener Mario Scaramella in einem Sushi-Restaurant. Bei dem ersten Treffen trank er nach eigener Aussage einen Tee, bei dem zweiten aß er Sushi und eine Suppe. Dmitri Kovtun, einer der beiden Männer, mit denen er sich im Hotel traf, bestritt am Samstag, daß Litvinenko etwas getrunken hat. Er und sein Geschäftspartner Lugovoy tranken demzufolge bereits Tee und Kovtun einen Gin, als Litvinenko kam. "Natürlich luden wir ihn ein, etwas zu trinken, aber er sagte 'Nein' und das war's. Wir haben ihn nicht weiter gefragt", so Kovtun.

Nur wenige Stunden später fühlte sich Litvinenko so krank, daß er in das Barnet-Krankenhaus ging, wo er bis zum 17. November stationär behandelt wurde, bis er in das Universitätskrankenhaus verlegt wurde. Seine Ehefrau sagte andererseits am 2. November gegenüber Scaramella am Telephon, Litvinenko habe die Grippe "wie halb London" - kaum ein Grund, sich stationär in einem Krankenhaus behandeln zu lassen.

Bei dem Treffen in dem Hotel ging es um die Planung eines "gemeinsamen Geschäfts", während sich Scaramella mit ihm treffen wollte, um ihm "wichtige Informationen" zu den Hintergründen der Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkovskaya, mit der Litvinenko befreundet war, zu übergeben. Bei den wichtigen Informationen handelte es sich Scaramella zufolge um eine E-Mail-"Todesliste", auf denen sich auch seiner und Litvinenkos Namen befanden. Eine weitere E-Mail enthielt demnach eine Liste von Personen, die für den Tod Politkovskayas verantwortlich seien.

Litvinenko selbst zufolge handelte es sich allerdings ausschließlich um eine Liste mit Personen, die mit der Ermordung der Journalistin in Verbindung stünden. Eine "Todesliste" wurde von ihm mit keiner Silbe erwähnt. Noch bemerkenswerter ist allerdings, daß er sich selbst wunderte, warum Scaramella nach London flog, um ihm diese Liste zu übergeben. "Das Dokument war eine E-Mail, aber es war kein offizielles Dokument. Ich konnte nicht verstehen, warum er den ganzen Weg nach London gekommen ist, um sie mir zu geben. Er hätte sie mir per E-Mail schicken können", sagte Litvinenko in einem Interview.

Nachdem die behandelnden Ärzte bereits einen Anschlag mit einer radioaktiven Substanz praktisch ausgeschlossen hatten, erklärten sie am Freitag kurz nach Litvinenkos Tod, wenige Stunden zuvor seien in seinem Urin "große Mengen" des radioaktiven Isotops Polonium-210 gefunden worden. Eine genaue Mengenangabe wurde nicht gemacht. Zwar ist Polonium ein Alpha-Strahler, was bedeutet, daß die ausgesandte Strahlung nur eine kurze Reichweite hat und nicht von Außen meßbar wäre, andererseits sollte doch angenommen werden können, daß sein Urin schon zuvor auf Radioaktivität untersucht worden ist, bevor ein solcher Krankheitsgrund ausgeschlossen wurde. Bemerkenswert ist dieses Ergebnis aber auch deshalb, weil das Polonium drei Wochen nach seiner Erkrankung in seinem Urin gefunden wurde. Hätte er den Stoff mit Nahrung oder Getränken zu sich genommen, so wäre er zweifellos - möglicherweise bis auf geringe Reste - bereits längst wieder ausgeschieden worden. Andererseits ist seit langem bekannt, daß Polonium-210 auch in Zigarettenrauch enthalten ist. Studien haben gezeigt, daß das Urin von Rauchern sechs Mal mehr Polonium-210 enthält als das von Nichtrauchern.

Untersuchungen der Behörden haben mittlerweile sowohl in dem von Litvinenko am 1. November besuchten Hotel als auch in dem Sushi-Restaurant und seiner Wohnung Spuren von Polonium-210 gefunden, weshalb allen, die befürchten, möglicherweise mit ihm in Kontakt gekommen zu sein, Untersuchungen angeboten werden. Zwar ist nicht bekannt, ob Litvinenko Raucher war, zumindest in dem Hotel und dem Restaurant kann dieser Fund kaum überraschen, tritt das Rauchverbot an derartigen "öffentlichen Orten" in London doch erst im Sommer des kommenden Jahres in Kraft.

Üblicherweise wird mit dem Finger auf Rußland gedeutet, weil Litvinenko einerseits die Ermordung Politkovskayas "untersuchte", andererseits ein scharfer Kritiker der derzeitigen russischen Regierung war. Bereits im Jahr 1998 - damals noch Agent des KGB-Nachfolgers FSB - behauptete er, den Befehl zur Ermordung des damals noch in Rußland lebenden Milliardärs Boris Berezovsky erhalten zu haben. Leiter des FSB war zum damaligen Zeitpunkt der heutige russische Präsident Putin. Daraufhin war er mit dem Vorwurf des Amtsmißbrauchs verhaftet worden und befand sich neun Monate in Untersuchungshaft, bis er schließlich freigesprochen wurde. Anschließend verfaßte er das Buch "Blowing up Russia", in dem er der russischen Führung vorwarf, die Bombenanschläge auf mehrere Wohnhäuser selbst inszeniert zu haben, um so Unterstützung für den zweiten Krieg gegen Tschetschenien in der Bevölkerung zu erlangen.

Im Jahr 2000 beantragte er dann in Großbritannien Asyl beantragte und erhielt Anfang dieses Jahres erhielt er dann die britische Staatsbürgerschaft.

Schon der ebenfalls seitens des "Westens" ausgesprochene "Verdacht", die russischen Führung sei für die Ermordung Politikovskayas verantwortlich, erscheint nur bedingt glaubwürdig. Angesichts der Aufmerksamkeit, die dieser Fall bereits erhielt und der nachfolgenden offenen Kritik müßte der russischen Führung unter Vladimir Putin allerdings eine große Portion Dummheit nachgesagt werden, sollte sie tatsächlich für den Tod Litvinenkos verantwortlich sein, war doch der nun erfolgende Fingerzeig gen Moskau nur zu absehbar. Wäre seine Ermordung ein "Racheakt" für seinen fast ein Jahrzehnt zurückliegenden "Verrat" oder gar seine vorangegangene Arbeit gegen die organisierte Kriminalität gewesen, so stellt sich unweigerlich die Frage, warum diese "Rache" erst derart viele Jahre später erfolgte.

Die Zahl jener, die ein Interesse daran haben, daß Moskau die Schuld an seinem Tod zumindest nachgesagt wird, ist andererseits sicherlich nicht zu unterschätzen.





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