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Ein Abend in Jounieh

Zur Lage im Libanon

30.11.2006  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs und Christoph Glanz




Während des 1. Libanonkrieges besuchte ich Jounieh, eine Stadt etwa 20 Kilometer nördlich von Beirut. In jener Zeit war sie der Hafen für die Streitkräfte der Christen. Es war ein aufregender Abend.

Obwohl im nahen Beirut der Krieg wütete, war Jounieh voller Leben. Die christliche Elite verbrachte den Tag im sonnendurchfluteten Yachthafen, die Frauen in Bikinis faulenzend, die Männer Whisky schluckend. Wir drei (zwei junge Frauen aus der Redaktion meiner Zeitung - eine Korrespondentin und eine Photographin - und ich) waren die einzigen Israelis in der Stadt und wurden deshalb gefeiert. Jeder lud uns auf seine Yacht ein und ein reiches Paar bestand darauf, als Gäste einer Familienfeier zu ihrem Haus zu kommen.

Es war tatsächlich etwas Besonderes. Die dutzenden von Familienmitglieder gehörten zur Spitze der Elite - reiche Kaufleute, ein bekannter Maler, mehrere Universitätsprofessoren. Die Drinks flossen wie Wasser, die Gespräche in mehreren Sprachen.

Um Mitternacht waren alle leicht angetrunken. Die Männer verwickelten mich in ein "politisches" Gespräch. Sie wußten, daß ich Israeli bin, hatten aber von meinen Ansichten keine Ahnung.

"Warum geht Ihr nicht nach West-Beirut?" fragte mich ein stattlicher Mann. West-Beirut wurde von Arafats PLO-Kräften gehalten, die Hunderttausende von sunnitischen Einwohnern verteidigten.

"Warum? Wozu?" fragte ich zurück.

"Was meinen Sie? Um sie zu töten! Um alle zu töten!"

"Jeden? Frauen und Kinder auch?"

"Natürlich! Alle!"

Einen Moment lang dachte ich, er scherzt. Aber die Gesichter der Männer rund um ihn sagten mir, daß es todernst gemeint und jeder damit einverstanden war.

In diesem Augenblick begriff ich, daß dieses wunderschöne Land mit reicher Geschichte und gesegnet mit allen Annehmlichkeiten des Lebens krank ist. Sehr, sehr krank.

Am nächsten Tag ging ich tatsächlich nach West-Beirut, aber aus einem ganz anderen Grund. Ich überquerte die Fronten, um Arafat zu treffen.

(Nebenbei bemerkt: am Ende der Party in Jounieh gaben mir meine Gastgeber noch ein Abschiedsgeschenk mit: ein großes Paket mit Haschisch. Am folgenden Tag auf dem Rückweg nach Israel, nachdem Arafat unser Treffen bereits publik gemacht hatte, hörte ich im Radio, daß vier Minister forderten, mich wegen Landesverrats vor Gericht zu bringen. Ich dachte an das Haschisch und es flog in hohem Bogen aus dem Wagenfenster.)

Ich erinnere mich jedes Mal an das Gespräch in Jounieh, wenn im Libanon etwas geschieht. Wie zum Beispiel in dieser Woche.

Viel Unsinn wird über jenes Land gesagt und geschrieben, als ob es ein Land wie jedes andere wäre. George W. Bush redet über die "libanesische Demokratie", als ob es so etwas gäbe; andere sprechen über die "parlamentarische Mehrheit" und "Minderheitenfraktionen", über die Notwendigkeit der "nationalen Einheit", damit die "nationale Unabhängigkeit" gewährleistet wäre, als ob sie über die Niederlande oder Finnland sprächen. All dies hat nichts mit der libanesischen Wirklichkeit zu tun.

Geographisch ist der Libanon ein zerrissenes Land. Und darin liegt ein Teil des Geheimnisses seiner Schönheit. Schneebedeckte Bergketten, grüne Täler, malerische Dörfer, schöner Meeresstrand. Der Libanon ist aber auch sozial zerrissen. Und beides ist mit einander verquickt: im Laufe der Geschichte suchten verfolgte Minderheiten der ganzen Region Zuflucht zwischen den Bergen, wo sie sich verteidigen konnten.

Die Folge: eine große Anzahl größerer und kleinerer Gemeinschaften, die jederzeit bereit sind, zu den Waffen zu greifen. Bestenfalls ist der Libanon eine lockere Föderation von gegenseitig sich verdächtigenden Gemeinschaften, schlimmstenfalls ein Schlachtfeld sich befehdender Gruppen, die einander wie die Pest hassen. Die Annalen des Libanon sind voller Bürgerkriege und schrecklicher Massaker. Viele Male hat diese oder jene Gemeinschaft ausländische Feinde ins Land gerufen, um ihr gegen ihre Feinde beizustehen.

Zwischen den Gemeinschaften gibt es keine dauerhaften Allianzen. An einem Tag verbünden sich die Gemeinschaften A und B gegen C zu kämpfen. Am nächsten Tag kämpfen B und C gegen A. Außerdem gibt es noch Untergemeinschaften, die sich mehr als einmal mit feindlichen Gemeinschaften gegen ihre eigene verbündeten.

Alles zusammen also ein faszinierendes Mosaik, aber auch ein sehr gefährliches um so mehr, als jede Gemeinschaft ihre private Armee hat, die mit den besten Waffen ausgerüstet ist. Die offizielle libanesische Armee, die sich aus Männern aller Gemeinschaften zusammensetzt, ist unfähig, irgendeinen bedeutenden Auftrag zu erfüllen.

Was ist eine libanesische "Gemeinschaft"? Auf den ersten Blick geht es nur um Religion. Aber es ist nicht nur Religion. Die Gemeinschaft ist auch ein ethnischer Stamm mit einigen nationalen Attributen. Ein Jude wird das leicht verstehen, da Juden ebenfalls eine solche Gemeinschaft sind, auch wenn sie über die ganze Welt zerstreut sind. Aber für einen normalen Europäer oder Amerikaner ist diese Struktur schwer zu verstehen. Es ist einfacher, an eine "libanesische Nation" zu denken eine Nation, die nur in der Vorstellung existiert oder als Vision der Zukunft.

Die Loyalität gegenüber der Gemeinschaft kommt vor jeder anderen Loyalität und ganz sicher vor einer Loyalität gegenüber dem Staat Libanon. Wenn die Rechte einer Gemeinschaft oder Untergemeinschaft bedroht sind, stehen ihre Mitglieder wie ein Mann auf, um die zu vernichten, die sie bedrohen.

Die wichtigsten Gemeinschaften sind die Christen, die muslimischen Sunniten, die muslimischen Schiiten und die Drusen (die eigentlich, so weit es die Religion betrifft, eine Art extreme Shiiten sind). Die Christen sind in mehrere Untergemeinschaften unterteilt, die bedeutendste von ihnen sind die Maroniten (benannt nach einem Heiligen, der vor 1.600 Jahren lebte). Die Sunniten wurden von den (sunnitischen) ottomanischen Herrschern in den Libanon gebracht, um ihr Regime zu stärken und wurden vor allem in den großen Hafenstädten angesiedelt. Die Drusen kamen, um in den Bergen Zuflucht zu suchen. Die Shiiten, deren Bedeutung in den letzten Jahrzehnten wuchs, waren jahrhundertelang eine arme, unterdrückte Gemeinschaft, ein Fußabtreter für alle anderen.

Wie in fast allen arabischen Gesellschaften spielt die Hamula (Großfamilie) in allen Gemeinschaften eine vitale Rolle. Loyalität gegenüber der Hamula hat sogar Vorrang vor der Loyalität zur Gemeinschaft, gemäß dem alten arabischen Sprichwort: "Mit meinem Cousin gegen den Fremden, mit meinem Bruder gegen meinen Cousin." Fast alle libanesischen Führer sind Oberhäupter der großen Familien.

Um einen Eindruck vom libanesischen Familiengeflecht zu bekommen, hier einige Beispiele: im Bürgerkrieg, der 1975 ausbrach, rief Pierre Gemayel, das Oberhaupt einer maronitischen Familie, die Syrer auf, in den Libanon einzufallen, um ihm gegen seine sunnitischen Nachbarn zu helfen, die gerade dabei waren, sein Gebiet anzugreifen. Sein Enkel mit demselben Namen, der in dieser Woche ermordet wurde, war Mitglied einer Koalition, deren Ziel es ist, den syrischen Einfluß im Libanon auszuschalten. Die Sunniten, die gegen die Syrer und Christen kämpften, sind nun die Verbündeten der Christen gegen die Syrer.

Die Gemayel-Familie war der Hauptverbündete von Ariel Sharon, als er 1982 in den Libanon einfiel. Das gemeinsame Ziel war es, die (hauptsächlich sunnitischen) Palästinenser zu vertreiben. Zu diesem Zweck führten Gemayels Leute nach dem Mord an Bashir Gemayel, dem Onkel des diese Woche ermordeten Mannes, das schreckliche Massaker in Sabra und Shatila aus. Das Massaker wurde von Elie Hobeika vom Dach des Hauptquartiers des israelischen Generals Amos Yaron aus beaufsichtigt. Danach wurde Hobeika ein Minister unter syrischer Schutzherrschaft. Eine andere Person, die für das Massaker verantwortlich war, war Samir Geagea, der einzige, der vor einem libanesischen Gericht angeklagt wurde. Er wurde zu mehreren lebenslangen Haftstrafen verurteilt und später begnadigt. In dieser Woche war er bei der Beerdigung von Pierre Gemayel, dem Enkel, einer der Hauptredner.

1982 hießen die Shiiten die einfallende israelische Armee mit Blumen, Reis und Süßigkeiten willkommen. Nur wenige Monate später begannen sie, einen Guerillakrieg gegen sie, der 18 Jahre dauerte. Während dieser Zeit wurde die Hizb Allah eine wichtige Militärmacht im Libanon.

Einer der führenden Maroniten im Kampf gegen die Syrer war General Michel Aoun, der von den Maroniten zum Präsidenten gewählt und später vertrieben wurde. Nun ist er ein Verbündeter der Hizb Allah, der Hauptunterstützer Syriens.

All dies erinnert an Italien während der Renaissance und an Deutschland während des 30-jährigen Krieges. Aber im Libanon ist dies die Gegenwart und die nähere Zukunft.

Bei solch einer Realität von "Demokratie" zu reden, ist natürlich ein Witz. Durch eine Vereinbarung wurde die Regierung des Landes unter den Gemeinschaften geteilt. Der Präsident ist immer ein Maronite, der Premierminister ein Sunnite, der Sprecher des Parlaments ein Schiite. Das selbe gilt für alle Positionen im Land, auf allen Ebenen: das Mitglied einer Gemeinschaft kann nicht nach einer Position streben, die seinen Talenten entspricht, wenn diese einer anderen Gemeinschaft "gehört". Fast alle Bürger wählen entsprechend der Familienzugehörigkeit. Ein drusischer Wähler hat beispielsweise keine Chance Walid Jumblat zu stürzen, dessen Familie seit mindestens 500 Jahren die drusische Gemeinschaft beherrscht (und dessen Vater von den Syrern ermordet wurde.) Er verteilt alle Posten, die seiner Gemeinschaft "zustehen".

Das libanesische Parlament ist ein Senat von Gemeindeoberhäuptern, die die Beute unter sich aufteilen. Die "demokratische Koalition", die von den Amerikanern nach der Ermordung des sunnitischen Premierministers Rafik Hariri an die Macht gebracht wurde, ist eine vorübergehende Allianz der Oberhäupter von Maroniten, Sunniten und Drusen. Die "Opposition", die sich syrischen Schutzes erfreut, ist zusammengesetzt aus der shiitischen und einer maronitischen Fraktion. Das Blatt kann von einem Augenblick zum anderen gewendet werden, sobald sich andere Allianzen bilden.

Die Hizb Allah, die für die Israelis wie ein verlängerter Arm des Irans und Syriens erscheint, ist vor allem eine shiitische Bewegung, die danach strebt, für ihre Gemeinschaft einen größeren Teil des libanesischen Kuchens abzubekommen, wie es ihrer Größe tastsächlich entsprechen würde. Hassan Nasr Allah der auch der Nachkomme einer bedeutenden Familie ist hat sein Auge auf die Regierung in Beirut geworfen, nicht auf die Moscheen in Jerusalem.

Was sagt all dies über die gegenwärtige Situation aus?

Seit Jahrzehnten heizt Israel den libanesischen Topf an. In der Vergangenheit unterstützte es die Gemayel-Familie, wurde aber bitter enttäuscht: Die "Phalangisten" der Familie (der Name stammt aus dem faschistischen Spanien, das vom Großvater Pierre bewundert wurde) entpuppten sich im Krieg von 1982 als eine Verbrecherbande ohne militärischen Wert. Aber der israelische Einfluß im Libanon setzt sich bis auf den heutigen Tag fort. Das Ziel ist, die Hizb Allah zu vernichten, die Syrer zu vertreiben und das nahe Damaskus zu bedrohen. Alle diese Aufgaben sind hoffnungslos.

Etwas Geschichte: In den 30er Jahren, als die Maroniten die führende Macht im Libanon waren, drückte der maronitische Patriarch offen seine Sympathie gegenüber dem zionistischen Unternehmen aus. In jener Zeit studierten viele junge Leute aus Tel Aviv und Haifa an der Amerikanischen Universität von Beirut und reiche jüdische Menschen aus Palästina verbrachten ihre Ferien an libanesischen Erholungsorten. Einmal überquerte ich vor der israelischen Staatsgründung versehentlich die libanesische Grenze und ein libanesischer Gendarm zeigte mir höflich den Weg zurück.

Während der ersten Jahre Israels war die libanesische Grenze unsere einzige friedliche. Damals gab es ein Sprichwort: "Der Libanon wird der zweite arabische Staat sein, der mit Israel Frieden machen wird. Er wird es nicht wagen, der erste zu sein." Erst 1970, als König Hussein die PLO mit aktiver Hilfe Israels aus Jordanien in den Libanon vertrieb, wurde diese Grenze brenzlig. Jetzt sieht sich sogar Fouad al-Siniora, der von den Amerikanern ernannte Premierminister, gezwungen zu erklären, daß "der Libanon der letzte arabische Staat sein wird, der mit Israel Frieden machen wird!"

Alle Bemühungen, den Einfluß Syriens auf den Libanon zu beseitigen, sind zum Scheitern verurteilt. Um dies zu verstehen, genügt es, auf die Landkarte zu sehen. Historisch ist der Libanon ein Teil Syriens ("Sham" auf arabisch). Die Syrer haben sich niemals damit abgefunden, daß das französische Kolonialregime den Libanon ihrem Land entrissen hat.

Schlußfolgerungen: Erstens laßt uns nicht noch einmal in dem libanesischen Schlamassel steckenbleiben! Wie die Erfahrung gelehrt hat, werden wir dort immer die Verlierer sein. Zweitens, um Frieden an unserer Nordgrenze zu haben, müssen alle potentiellen Feinde - und zuallererst Syrien - beteiligt werden

Das heißt: wir müssen die Golanhöhen zurückgeben.

Die Bush-Regierung verbietet aber unserer Regierung, mit Syrien zu reden. Sie will selbst mit ihr reden, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Durchaus möglich, daß sie ihr den Golan im Gegenzug für syrische Hilfe im Irak verkaufen. Wenn dem so ist, sollten wir uns dann nicht beeilen und ihnen selbst den Golan "verkaufen", (der ihnen ohnehin gehört), und zwar zu einem für uns besseren Preis?

In letzter Zeit wurden Stimmen laut, sogar von hochrangigen Militärs, die auf solch eine Möglichkeit hindeuten. Es sollte laut und deutlich gesagt werden: Wegen ein paar tausend Siedlern und den Politikern, die es nicht wagen, sich mit jenen anzulegen, stehen wir in der Gefahr, in weitere überflüssige Kriege zu geraten und die israelische Bevölkerung zu gefährden.

Dies ist die dritte Schlußfolgerung: Es gibt nur einen Weg, einen Krieg im Libanon zu gewinnen und das ist, ihn zu vermeiden.





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