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Noch ein Jahresende

Ein weiteres Kriegsjahr im Irak

31.12.2006  


Riverbend




Du weißt, daß dein Land Probleme hat, wenn:
  1. Die Vereinten Nationen eine eigene Abteilung eröffnen, nur um das Chaos und das Blutvergießen zu überwachen UNAMI.
  2. Die oben genannte Abteilung nicht in deinem Land geführt werden kann.
  3. Die Politiker, die dein Land in diesen traurigen Zustand gebracht, nicht länger innerhalb oder auch nur in der Nähe seiner Grenzen gefunden werden können.
  4. Das einzige, über das sich die USA und der Iran einigen können, der sich verschlechternde Zustand deines Landes ist.
  5. Ein acht Jahre dauernder Krieg und eine 13 Jahre dauernde Blockade wie die "Goldenen Jahre" des Landes aussehen.
  6. Dein Land vorgeblich zwei Millionen Barrel Öl pro Tag "verkauft", aber du vier Stunden lang schlange stehst, um auf dem Schwarzmarkt Öl für den Generator zu bekommen.
  7. Du für jeweils fünf Stunden ohne Strom eine Stunde mit Stromversorgung bekommst und die Regierung dann ankündigt, diese Stunde zu kürzen.
  8. Politiker, die den Krieg unterstützten, im Fernsehen darüber diskutieren, ob es "religiöses Blutvergießen" oder "Bürgerkrieg" ist.
  9. Menschen froh sind, wenn sie die Leiche des seit zwei Wochen vermißten Angehörigen tatsächlich identifizieren können.
Ein Tag im Leben des durchschnittlichen Irakers ist auf die Identifizierung von Leichen, der Vermeidung von Autobomben und dem Versuch, auf dem laufenden zu bleiben, welche Familienmitglieder verhaftet wurden, welche auswanderten und welche entführt wurden, reduziert worden.

2006 war das bisher absolut schlimmste Jahr. Nein, wirklich. Die Wucht dieses Krieges und der Besatzung trifft erst jetzt das Land mit voller Kraft. Es ist, als hätte mein ein Stück harter, trockener Erde, das man aufbrechen will. Man treibt den ersten Pflock in Form einer mit Raketen und neuester Waffentechnologie zerstörten Infrastruktur hinein, der erste Riß bildet sich. Zahlreiche kleinere Pflöcke folgen in Form von Politikern wie Chalabi, al-Hakim, Talabani, Pachachi, Allawi und Maliki. Die Risse beginnen langsam, sich zu vervielfachen und erstrecken sich über das einst feste Stück Boden, greifen nach seinen Rändern wie zahllose Knochenhände. Und man setzt Druck ein. Man umringt es von allen Seiten und zieht und schiebt. Langsam, aber stetig, löst es sich auf ein Splitter hier, ein Brocken dort.

Das ist der heutige Irak. Die Amerikaner waren sehr erfolgreich darin, ihn zu zerbrechen. Dieses Jahr hat fast jeden davon überzeugt, daß das von Anfang an geplant war. Es gab zu viele Versehen, als daß sie tatsächlich nur Versehen gewesen sein können. Diese "Fehler" waren zu katastrophal. Die Leute, die sich die Bush-Regierung entschloß, zu unterstützen und zu fördern, waren offen und öffentlich schrecklich vom Hochstapler und Veruntreuer Chalabi, über den Terroristen Jaffari bis zu dem Milizionär Maliki. Die Entscheidungen wie die Auflösung der irakischen Armee, der Aufhebung der Verfassung und es den Milizen zu gestatten, die irakische Sicherheit zu übernehmen, waren zu schädlich, um etwas anderes als absichtlich gewesen zu sein.

Die Frage ist jetzt: warum? Ich habe mich dies in den letzten Tagen wirklich gefragt. Was gewinnt Amerika dadurch, den Irak in diesem Ausmaß zu schädigen? Ich bin sicher, daß nur noch verrückte Idioten glauben, bei diesem Krieg und der Besatzung sei es um Massenvernichtungswaffen und eine echte Angst vor Saddam gegangen.

Al-Qaida? Das ist lächerlich. Bush hat im Irak in diesen vier Jahren mehr Terroristen geschaffen als Osama bin Laden in 10 Terrorlagern in den entlegenen Bergen Afghanistans hätte schaffen können. Unsere Kinder spielen jetzt "Scharfschütze" und "Jihadist" und geben vor, daß einer einen amerikanischen Soldaten zwischen den Augen trifft und dieser einen Humvee sich überschlagen läßt.

Dieses letzte Wahr war ganz besonders ein Wendepunkt. Fast jeder Iraker hat unglaublich viel verloren. So viel. Es ist unmöglich zu beschreiben, was wir durch diesen Krieg und die Besatzung verloren haben. Es gibt keine Worte, um die Gefühle zu vermitteln, die mit dem Wissen kommen, daß täglich fast 40 Leichen in verschiedenen Stadien der Verwesung und der Verstümmelung gefunden werden. Es gibt keinen Ausgleich für die dichte, schwarze Wolke der Angst, die über dem Kopf jedes Irakers schwebt. Angst vor Dingen, die so außerhalb der eigenen Macht stehen, daß es schon fast lächerlich ist wie beispielsweise, ob dein Name "zu sunnitisch" oder "zu shiitisch" ist. Angst vor den größeren Dingen wie die Amerikaner in dem Panzer, den Polizisten, die in deiner Gegen in schwarzen Kopftüchern und mit grünen Fahnen patrouillieren und den irakischen Soldaten mit schwarzen Masken an dem Kontrollpunkt.

Nochmal, ich kann nicht aufhören mich zu fragen, warum all dies getan wurde. Wozu wurde der Irak so weit zerstört, daß er nicht mehr wieder repariert werden kann? Iran scheint der einzige Gewinner zu sein. Ihre Präsenz im Irak ist so gut etabliert, daß die öffentliche Kritik an einem Geistlichen oder einem Ayat Allah an Selbstmord grenzt. Hat sich die Situation so weit gegen Amerika entwickelt, daß sie unwiederbringlich ist? Oder war das die ganze Zeit Teil des Plans? Mein Kopf schmerzt, wenn ich nur diese Fragen stelle.

Was mich am meisten irritiert: warum noch Öl ins Feuer schütten? Sunniten und moderate Shiiten werden aus den größeren Städten im Süden und der Hauptstadt vertrieben. Baghdad wird zerrissen, Shiiten verlassen sunnitische Gegenden und Sunniten verlassen shiitische Gegenden einige unter Drohungen und andere aus Angst vor Angriffen. Menschen werden offen an Kontrollpunkten oder im Vorbeifahren erschossen ... Viele Schulen haben geschlossen. Tausende Iraker schicken ihre Kinder nicht mehr zur Schule es ist einfach nicht sicher.

Warum die Dinge noch schlimmer machen und jetzt auf Saddams Hinrichtung bestehen? Wer gewinnt, wenn sie Saddam hängen? Iran natürlich, aber wer sonst? Es gibt eine wirkliche Angst, daß diese Hinrichtung der endgültige Schlag sein wird, der den Irak zerschmettert. Einige sunnitische und shiitische Stämme haben gedroht, ihre Mitglieder gegen die Amerikaner zu bewaffnen, sollte Saddam hingerichtet werden. Iraker im allgemeinen schauen genau, was als nächstes passiert und bereiten sich still auf das schlimmste vor.

Das ist, da Saddam nicht länger sich selbst oder die Regierung repräsentiert. Durch die beständige Betonung der amerikanischen Kriegspropaganda repräsentiert Saddam nun alle sunnitischen Araber (gleichgültig, daß der größte Teil seiner Regierung Shiiten waren). Die Amerikaner, durch ihre Reden und Nachrichtenartikel und irakischen Marionetten, haben klargemacht, daß sie ihn als Personifizierung des sunnitischen Widerstands gegen die Besatzung betrachten. Im Grunde genommen sagen die Amerikaner durch diese Hinrichtung: "Seht sunnitische Araber das ist euer Mann, wir alle wissen das. Wir hängen ihn er symbolisiert euch." Und kein Zweifel, dieses Verfahren, Urteil und Hinrichtung sind 100 Prozent amerikanisch. Einige der Darsteller waren ausreichend irakisch, aber die Produktion, Regie und Schnitt waren reines Hollywood (wenn auch meiner Meinung nach eine Billig-Produktion).

Das ist natürlich auch der Grund, warum Talabani nicht sein Todesurteil unterzeichnen will nicht weil der der Mafia-Mann plötzlich ein Gewissen bekommen hätte, sondern weil er nicht die Erhängung durchführen will er könnte nicht weit genug reisen, wenn er dies täte.

Malikis Regierung konnte ihre Freude nicht verbergen. Sie gaben die Ratifikation des Hinrichtungsbefehls bekannt, bevor es das Gericht selbst tat. Vor einigen Nächten befragten einige amerikanische Nachrichtensendungen den Büroleiter Mailikis, Basim al-Hassani, der auf Englisch mit Akzent über die kommende Hinrichtung sprach, als wäre es ein Karneval, den er besuchen wollte. Er saß, sah schmierig und nicht ein bißchen lächerlich aus, seine Worte durchsetzt mit "gonna", "gotta" und "wanna"... Was vermutlich passiert, wenn die einzigen Menschen um einen herum amerikanische Soldaten sind.

Meine einzige Schlußfolgerung ist, daß die Amerikaner aus dem Irak abziehen wollen, aber einen vollwertigen Bürgerkrieg zurücklassen möchten, da es schließlich nicht gut aussehen würde, wenn sie abzögen und die Dinge tatsächlich begönnen, besser zu werden.

Wir kommen an das Ende von 2006 und ich bin traurig. Nicht nur traurig über den Zustand des Landes, sondern auch traurig über den Zustand unserer Menschlichkeit als Iraker. Wir haben alle etwas des Mitgefühls und des Anstands verloren, der uns meinem Gefühl nach vor vier Jahren zu etwas besonderem machte. Ich nehme mich selbst als Beispiel. Vor fast vier Jahren erschauderte ich jedes Mal, wenn ich vom Tod eines amerikanischen Soldaten hörte. Sie waren Besatzer, aber sie waren auch Menschen und das Wissen, daß sie in meinem Land getötet werden, verursachte mir schlaflose Nächte. Ungeachtet, daß sie über Weltmeere kamen, um das Land anzugreifen, ich hatte wirklich Mitgefühl mit ihnen.

Hätte ich nicht diese Gefühle der Erschütterung hier festgehalten, ich würde sie jetzt nicht glauben. Heute sind es einfach nur Zahlen. 3.000 amerikanische Soldaten innerhalb von fast vier Jahren tot? Wirklich? Das ist die Zahl toter Iraker in weniger als einem Monat. Die Amerikaner hatten Familien? So ein Pech! Wir auch. Und die Leichen in den Straßen und jene, die in den Leichenhäusern auf ihre Identifizierung warten.

Ist der amerikanische Soldat, der heute in Anbar starb, wichtiger als mein Cousin, der im vergangenen Monat in der Nacht der Verlobung mit jener Frau, die er sechs Jahre lang heiraten wollte, erschossen wurde? Ich glaube nicht.

Nur weil die Amerikaner in geringerer Zahl sterben, macht sie das nicht wichtiger, oder?



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