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Manara-Platz, Ram Allah

Die Zeit für die israelisch-palästinensische Friedensbewegung drängt

18.01.2007  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Es war Mord am hellichten Tage. Soldaten einer Undercovereinheit, als Araber verkleidet, begleitet von gepanzerten Fahrzeugen, Planierraupen und von Kampfhubschraubern unterstützt, drangen in das Zentrum von Ram Allah ein. Ihr Ziel war es, einen Fatah-Milizionär, Rabee Hamid, zu töten oder gefangenzunehmen. Der Mann wurde verwundet, es gelang ihm aber zu fliehen.

Wie immer wimmelte der Platz vor Menschen. Der Manara-Platz ist das Herz Ram Allahs, voller Leben, sowohl zu Fuß als auch fahrend. Als den Leuten klar wurde, was da vor sich ging, fingen sie an, Steine auf die Soldaten zu werfen. Diese antworteten, indem sie wild in alle Richtungen schossen. Vier Passanten wurden getötet, mehr als 30 verletzt.

Die routinemäßig verlogene Presseveröffentlichung der Armee meldete, daß die vier bewaffnet gewesen seien. Tatsächlich? Der eine war ein Straßenverkäufer mit dem Namen Khalil al-Bairouti, der an diesem Platz heiße Getränke von einem kleinen Karren verkaufte. Ein anderer war Jamal Jweelis aus Shuafat nahe Jerusalem, der nach Ram Allah gekommen war, um neue Kleider und Süßigkeiten für die Verlobungsfeier seines Bruders zu kaufen, die am nächsten Tag sein sollte. Als er hörte, daß sich nähernde Planierraupen auf der Straße Autos zermalmten, rannte er aus dem Geschäft, um seinen Wagen in Sicherheit zu bringen.

Das geschah vor neun Tagen. Eine "Routine"-Aktion wie so viele andere, die in den besetzten Gebieten fast täglich passieren. Aber dieses Mal löste sie einen internationalen Aufschrei aus, weil genau an diesem Tag Ehud Olmert dabei war, sich mit dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Sharm-el-Sheik zu treffen. Der Gastgeber war zutiefst beleidigt. Verachten die Israelis ihn so sehr, daß sie in den Augen seines Volkes und der ganzen arabischen Welt so viel Schande über ihn bringen? Am Ende des Treffens machte er in klaren Worten seiner Wut in Olmerts Gegenwart Luft. Der murmelte nur ein paar nichtssagende Worte der Entschuldigung.

In Israel begann das übliche Spiel des schwarzen-Peter-zuschiebens, bekannt als "den eigenen Arsch zu retten". Wer war verantwortlich? Wie gewöhnlich irgendjemand weit unten in der Hierarchie. Die Leute des Premierministers hatten zuerst den Verdacht, daß der Verteidigungsminister Amir Peretz dahinter steckte, um Olmert ein Bein zu stellen. Peretz leugnete jegliche Kenntnis davon im Vorwege gehabt zu haben und reichte den schwarzen Peter an den Generalstabschef weiter, der, so deutete er an, beide, Olmert und Peretz, zu Fall bringen wolle. Der Generalstabschef gab die Verantwortung an den Kommandeur der Mittelfront, Ya'ir Naveh, einen Kippah-tragenden General, der für seine Brutalität und seine extrem rechten Ansichten bekannt ist. Am Ende entschied man, daß es irgendein Offizier weiter unten war, der die Aktion genehmigte und daß die ganze Verantwortung auf ihm lag.

Selbst wenn man all diesen Dementis glaubt und ich tue das ganz sicher nicht so ist das Bild nicht weniger verstörend: eine chaotische Armee, außer Kontrolle, wo jeder Offizier tun kann, was er für richtig hält (oder für falsch).

Zwei Tage später besuchten meine Frau Rachel und ich den Platz. Es war am frühen Abend. Unter einem zeitweiligen Nieselregen wimmelte der Manara- ("Leuchtturm"-) Platz wieder vor Menschen. Verkehrsstaus blockierten alle sechs zu dem Platz führenden Straßen.

Zacharia, der palästinensische Freund, der uns begleitete, war sichtlich besorgt. Er versuchte, uns davon zu überzeugen, so kurz nach dem Geschehen nicht dorthin zu gehen. Aber es geschah nichts.

Plakate mit Arafats Antlitz hing an der Säule mitten auf dem Platz und an einigen Wänden. In einem Geschäft gab es Photos von Saddam Hussein. Eine der Wände trug ein zorniges Graffito: "Wir brauchen eure Hilfe nicht!" (Von euch, den Amerikanern? Den Europäern? Den Hilfsorganisationen?)

Die vier Löwen, die um die Säule auf dem Platz liegen, sahen für mich verloren und hilflos aus. Einer von ihnen trägt eine Armbanduhr an seinem Bein. Der Designer hatte sich einen Scherz erlaubt und dem Entwurf eine Uhr hinzugefügt, und die Chinesen, die den Auftrag erhalten hatten, die Löwen entsprechend der Zeichnung herzustellen, machten genau das.

Schließlich gingen wir noch in ein Café. Während wir dort saßen und den Kaffee genossen gingen plötzlich die Lichter aus. Bevor wir uns Sorgen machen konnten, benutzten die Menschen um uns herum ihre Feuerzeuge und ihre Mobiltelephone. Nach einigen Minuten ging das Licht wieder an.

Auf dem Weg zum Hotel in einer Seitenstraße nahmen wir ein Taxi. Der Fahrer, der uns nicht als Israelis erkannte, sprach die ganze Zeit per Telephon auf Arabisch mit seinem Bruder. Seine drei letzten Worte waren: "Yallah. Lehitraot. Bye!". Yallah (etwa "OK") auf Arabisch. Lehitraot ("Bis bald") auf Hebräisch. Bye! ("Auf Wiedersehen!") auf Englisch.

Als wir unsern Freunden in Tel Aviv erzählten, daß wir im Begriff waren, zu einer Konferenz nach Ram Allah zu gehen, dachten sie, wir hätten den Verstand verloren. "Nach Ram Allah? Und gerade jetzt, nachdem, was dort geschehen ist?"

Die Organisatoren dieser Konferenz - die Fakultät für israelisch-palästinensischen Frieden, eine internationale Gruppe von Akademikern - zögerten auch. Die Konferenz war zwar schon vor mehreren Wochen organisiert worden, aber vielleicht wäre es klug, sie um ein oder zwei Wochen zu verschieben? War es vernünftig, dutzende von Israelis nach Ram Allah zu bringen, kaum 24 Stunden nach der Tötung?

Schließlich entschied man zu Recht, daß dies genau der richtige Zeitpunkt und Ort war, die Konferenz stattfinden zu lassen. Die Vertreter von 23 palästinensischen, 22 israelischen und 15 internationalen Organisationen waren für drei Tage in einem Hotel in Ram Allah untergebracht, trafen sich dort, aßen mit einander und diskutierten über das eine Thema, das alle bewegte: Was kann man gemeinsam tun, um die Besatzung zu beenden, die täglich Schrecken verbreitet wie der Amoklauf auf dem Manara-Platz?

Es war noch aus einem anderen Grund wichtig, diese Konferenz an diesem Ort stattfinden zu lassen. Seit dem Mord an Yasser Arafat waren die Verbindungen zwischen israelischen und palästinensischen Friedenskräften auf höherer Ebene dürftig geworden. Anders als Arafat (Übrigens hat Uri Dan, ein Vertrauter Sharons, nun alle Zweifel ausgeräumt, daß der verstorbene palästinensische Präsident tatsächlich ermordet worden ist) denkt Mahmoud Abbas offensichtlich nicht, daß sie wichtig sind. Das ist einer der Gründe einer von vielen für den Pessimismus, der Teile des Friedenslagers infiziert hat.

Daher war allein schon die Tatsache, daß eine solche Konferenz stattfand, wichtig. Israelis, Palästinenser und internationale Aktivisten kamen zusammen und saßen zusammen, schlugen Aktionen vor, betonten das gemeinsame Ziel. Am zweiten Tag teilte sich die Konferenz in kleinere Arbeitsgruppen auf, wo Teilnehmer aus Tel Aviv und Hebron, Nablus und New York, Barcelona und Kfar Sava Ideen für gemeinsame Aktionen austauschten.

Es gab auch einige stürmische Diskussionen, doch nicht zwischen Israelis und Palästinensern, sondern über Differenzen von Meinungen, die nicht nationalen Linien folgten. Die bedeutendste: Sollten die Hauptbemühungen Aktionen im Land oder im Ausland gewidmet werden?

Der Vertreter einer israelischen Gruppe argumentierte mit Überzeugung, daß man nichts innerhalb des Landes tun könne, daß alle Bemühungen darauf konzentriert werden sollten, die internationale öffentliche Meinung zu gewinnen, auf der Linie des weltweiten Boykotts, der so erfolgreich gegen Südafrika gewesen war. Dagegen erklärte ein palästinensischer Aktivist, daß es am wichtigsten sei, die öffentliche Meinung in Israel zu beeinflussen, da es schließlich der Besatzer sei. Auch ich argumentierte, daß es das wichtigste sei, sich auf Bemühungen innerhalb Israels zu konzentrieren, selbst wenn Aktionen im Ausland auch nützlich sein können. Ich sprach mich entschieden gegen den Gedanken eines allgemeinen Boykotts gegen Israel aus, weil dieser - unter anderem - die Öffentlichkeit in die Arme der Rechten treiben würde. (Ich unterstütze allerdings den Gedanken eines Boykotts gegen bestimmte Ziele, die klar mit der Besatzung identifiziert werden können, wie die Siedlungen, die Lieferanten für gewisse militärische Ausrüstung, Universitäten, die Filialen in den besetzten Gebieten haben und so weiter.)

Einige Tage später fand eine vergleichbare Konferenz in der Hauptstadt Spaniens statt. Doch gab es einen großen Unterschied zwischen diesen beiden Konferenzen etwa so wie der zwischen dem Sonnenplatz in Madrid und dem Manara-Platz in Ram Allah.

Madrid sah eine Versammlung von respektablen Persönlichkeiten, Mitgliedern der Knesset (einschließlich Unterstützern der Regierung, die für das Blutvergießen in Ram Allah verantwortlich ist, unter ihnen ein Vertreter einer neo-faschistischen Partei), zusammen mit einigen Vertretern der palästinensischen Behörde und ihrer Kollegen aus arabischen und anderen Ländern. In Ram Allah kamen die Veteranen der Kämpfer für den Frieden zusammen, Leute die ein dutzend Mal gemeinsam fest in einer Wolke von Tränengas und gegenüber Gummigeschossen gestanden hatten. Eine Gruppe von Palästinensern und Israelis erschien am ersten Tag gemeinsam zu spät, da sie gerade direkt von einer Demonstration in Bil'in kamen, wo die Armee einen Wasserwerfer, Tränengas und auch Gummigeschosse eingesetzt hatte.

Die Gäste in Madrid waren mit dem Flugzeug gekommen. Für die Gäste in Ram Allah war es viel schwieriger, an ihr Ziel zu kommen. Die Israelis mußten sich mühsam durch die Kontrollpunkte winden, was auf dem Rückweg noch schwieriger war. Israelis (abgesehen von Siedlern) brechen das Gesetz, wenn sie in die besetzten Gebiete reisen. Aber für die Palästinenser war es noch zehn Mal schwieriger, nach Ram Allah zu kommen. Ein Gast aus Nablus erzählte uns, daß er nachts um 02:00 Uhr das Haus verlassen habe, um die Konferenz um 11:00 Uhr zu erreichen. Der Gast aus Tubas, nahe Nablus, verbrachte acht Stunden auf der Straße und an den Kontrollpunkten viel länger als man braucht, um von Tel Aviv nach Madrid zu kommen.

Über die Madrid-Konferenz wurde täglich ausführlich in den israelischen Medien berichtet. Die Konferenz in Ram Allah wurde nicht mit einem Wort in israelischen Zeitungen, im Fernsehen oder im Radio erwähnt abgesehen von einem Satz in der Klatschkolumne von Maariv, die besagte: "Uri Avnery lebt vorübergehend in Ram Allah".

Die Madrid-Konferenz war hauptsächlich als Beweis relevant, daß israelische und palästinensische Politiker zusammensitzen können, selbst nach allem, was geschehen ist. Welche Bedeutung hatte das Treffen in Ram Allah?

In der Vergangenheit habe ich an vielen ähnlichen Konferenzen teilgenommen, die keine Früchte trugen. Auch dieses Mal sind die Hindernisse enorm. Aber mehr denn je ist klar, daß es notwendig ist, gegen die Besatzung anzukämpfen, und daß das Vorgehen gemeinsam, konsequent und gut durchdacht ausgeführt werden müsse.

In fünf Monaten wird die Besatzung 40 Jahre alt vielleicht das längste militärische Besatzungsregime, das die Welt je gesehen hat. Bei der Konferenz gab es eine allgemeine Übereinkunft, daß alle Kräfte in einer großen öffentlichen Kampagne konzentriert werden müssen, um dieses schändliche Datum zu markieren, die Aufmerksamkeit auf die Ungerechtigkeiten der Besatzung zu lenken, auf den Schaden, den diese nicht nur den Palästinensern, sondern auch den Israelis zufügt, um die Grüne Linie wieder ins Bewußtsein der Menschen zurückzubringen, gegen die Straßensperren und die Annektierungssmauer und für die Entlassung der Gefangenen auf beiden Seiten zu handeln. Zu diesem Zweck entschied die Konferenz, "eine israelisch-palästinensisch-internationale Koalition zur Beendigung der Besatzung" zu gründen.

Die Fortsetzung wird von der Willenskraft, dem Mut und der Hingabe aller Friedenskräfte abhängen und ihrer Fähigkeit, auch über die Straßensperren, Mauern und Zäune hinweg zusammenzuarbeiten, deren Ziel es unter anderem ist, genau solch eine Zusammenarbeit zu verhindern.

Die Zeit drängt. Vielleicht trägt deswegen einer der Löwen auf dem Manara-Platz eine Uhr.



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