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Der andere Iran

Eine erhellende Reise nach Teheran

19.02.2007  






Eine am vergangenen Donnerstag von dem britischen Fernsehsender BBC 4 ausgestrahlte 90-minütige Dokumentation hätte kaum gründlicher mit den von so vielen "westlichen" Politikern und Medien gepflegten Vorurteilen über den Iran aufräumen können.

Der britische Journalist Rageh Omaar war im Juli 2006 in die iranische Hauptstadt Teheran gereist, um sich selbst ein Bild von den Bedingungen vor Ort zu machen, nachdem der Iran immer mehr als rückständiges, fanatisch-religiöses und militaristisches Land dargestellt wurde - und immer noch wird. Die dabei entstandene Dokumentation "Rageh Inside Iran" ("Rageh im Iran") zeigt einen in weiten Teilen derart alltäglichen Iran, daß es sich ebensogut um Paris oder Rom handeln könnte - oder mit Omaars Worten: "Wenn der Hijab nicht wäre, könnte dies Los Angeles sein."

Die im vergangenen Sommer entstandenen Bilder dürften für viele, deren Vorstellung vom Iran ausschließlich durch "westliche" Medien geprägt wurden, äußerst überraschend sein. Sogar Omaar selbst, der den Iran schon in der Vergangenheit besucht hatte, konnte sein Erstaunen in einigen Fällen nicht verbergen, so zum Beispiel, als er in einem großen Einkaufszentrum in einem Schaufenster Badeanzüge für Frauen sah.

Für das durchschnittliche "westliche" Auge erscheint die gesamte Dokumentation allerdings wie ein Blick in ein Wunderland. Während viele erwarten würden, nur Frauen in Burqas zu sehen, tragen diese in Wahrheit ihre - teilweise farbenfrohen - Hijabs (Kopftücher) weitaus lockerer als so manche alte Frau in Europa.

Es sind unzählige einzelne Einstellungen, die zeigen, wie wenig die üblichen Vorstellungen des Irans mit der Realität zu tun haben.

Frauen, die mit ihren Kamerahandys bei einer Autogrammstunde in einem Plattengeschäft einen iranischen Sänger photographieren, Omaar, wie er sich durch den dichten Verkehr über eine mehrspurige Straße hangelt, ein wegfahrender Lamborghini Murciélago Roadster, Jugendliche mit Lippenpiercings in einem Einkaufszentrum, eine Jugendliche, die erzählt, daß die meisten ihrer Freunde wie auch sie selbst bereits Schönheitsoperationen an sich haben durchführen lassen, zahllose Werbeplakate und tausende, die noch in letzter Minute auf der Suche nach einem Geschenk zum Muttertag sind - Bilder, die auch in jeder "westlichen" Stadt hätten aufgenommen werden können.

Angesichts der Tatsache, daß rund zwei Drittel der 70 Millionen Menschen im Iran jünger als 30 Jahre sind - nicht zuletzt eine Folge des verheerenden Krieges gegen den Irak und dem anschließenden Aufruf Ayat Allahs Khomeinis, Kinder für die Zukunft des Irans zu gebären, die "Children of the Revolution" ("Kinder der Revolution"), wie Omaar sie in Anspielung auf einen Titel der Gruppe T.Rex nennt - kann diese schleichende Öffnung der iranischen Gesellschaft kaum verwundern.

Omaar sprach während seines Besuchs in Teheran mit zahlreichen "prominenten" Iranerinnen, beispielsweise mit der Regisseurin Mona Zandi Haghighi. Diese hatte gerade die Arbeit an ihrem Film "Asr e Jome" ("An einem Freitagnachmittag"), in dem das Schicksal einer Frau, die als 15-Jährige von ihrem Onkel vergewaltigt worden ist, geschildert wird, fertiggestellt. Auch wenn Omaar in einem Nachtrag berichtet, daß Haghighi es letztlich nicht gelungen ist, den Film in der von ihr gewünschten Form durch die iranischen Zensoren freigeben zu lassen, so belegt die Tatsache, daß es ihr frei stand, diesen Film zu drehen, doch, daß die staatliche Einflußnahme im Iran weniger stark ist, als im "Westen" allgemein angenommen. Immerhin gibt es auch hier zahlreiche Tabus, die der Veröffentlichung eines Films im Wege stehen können.

Eine erfolgreiche Geschäftsfrau widersprach in einem Gespräch denn vehement der im "Westen" vorherrschenden Meinung, Frauen würden im Iran allgemein benachteiligt und wies darauf hin, daß 60 Prozent der im Iran Studierenden Frauen seien und mittlerweile viele Frauen das Geld für ihre Familien verdienten.

Omaar beleuchtet in seinem Bericht aber durchaus auch die Schattenseiten des Irans. So handelt es sich in weiten Teilen immer noch um ein eindeutig von Männern dominiertes Land, wie beispielsweise sein fruchtloser Versuch, auch nur die Namen der Frauen einiger frisch vermählter Paare zu erfahren, belegt. Auch Kinderarbeit ist im Iran demnach ein weiterhin existierendes Problem - nicht zuletzt aufgrund der weiterhin großen Zahl von in Armut lebenden Menschen - wie auch zahllose Rauschgiftsüchtige. Insbesondere Methamphetamin erfreut sich demnach trotz oder gerade wegen des horrenden Preises von umgerechnet rund 75 Euro pro Gramm - Heroin kostet demgegenüber gerade einmal 6 Euro pro Gramm - einer großen "Beliebtheit".

Eines der größten Probleme ist für viele der von Omaar befragten Iraner zweifellos die bereits genannte staatliche Zensur, wobei bemerkenswert ist, wie kreativ sie mit ihr umgehen - und daß dies von staatlicher Seite wiederum akzeptiert wird. So schrieb Omaar beispielsweise in einem für eine örtliche Jugendzeitschrift verfaßten Artikel, daß es Frauen im Iran verboten ist, Motorrad zu fahren. Dies wurde in einem Gespräch seitens des Chefredakteurs der Zeitschrift dahingehend geändert, daß "alle Motorradfahrer im Iran Männer sind".

Der unbedingte Willen der iranischen Führung, die Bevölkerung des eigenen Landes vor allem "unzüchtigen" zu "schützen" zeigt sich auch darin, daß ein neues, von dem berühmten iranischen Sänger Binyamin aufgenommenes Lied, in dem er sich bei der von ihm geliebten Frau für seine Untreue entschuldigt, nur international, aber keinesfalls innerhalb des Irans erscheinen sollte.

Bemerkenswert ist innerhalb der gesamten Dokumentation zweifellos auch die Herzlichkeit, mit der Omaar immer wieder begrüßt wird, eine Herzlichkeit, die einmal mehr an Länder wie Italien oder Griechenland erinnert.

Angesichts der immer offensichtlicher werdenden Kriegsvorbereitungen der USA muß sich jeder Zuschauer dieser Sendung, der in einem Land wohnt, das diese Kriegsvorbereitungen und den folgenden Krieg aktiv oder passiv unterstützt, die Frage stellen, wie viele der gezeigten Menschen einen Angriffskrieg durch die USA überleben würden.



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