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"Nur ein paar Seeleute"

Neue Erkenntnisse über israelischen Angriff auf USS Liberty

10.10.2007  






Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichte die Chicago Tribune einen ausführlichen Artikel über den israelischen Angriff auf das US-Spionageschiff USS Liberty im Jahr 1967. Die zahlreichen, darin zu Worte kommenden Zeugen und kürzlich von der NSA veröffentlichte Dokumente, die bisher der Geheimhaltung unterlagen, lassen nur den einen Schluß zu, daß es sich um einen vollständig beabsichtigten Angriff mit dem Ziel der Versenkung des Schiffes und des Todes der gesamten Besatzung handelte.

Am 8. Juni 1967, dem vierten Tag des Sechs-Tage-Krieges, lag die nur mit vier Maschinengewehren bewaffnete USS Liberty in internationalen Gewässern vor der Sinai-Halbinsel. Die USA waren zu jenem Zeitpunkt mit Israel "befreundet" und unterstützten das Land mit jährlichen "Krediten" zwischen 63 Millionen US-Dollar im Jahr 1965 und 102 Millionen US-Dollar im Jahr 1970 - fast die Hälfte für Militärausgaben. Aufgabe des mit zahlreichen Antennen und Sensoren ausgestatteten Schiffes war die Überwachung der Kommunikation der Armeen der arabischen Länder, die sich mit Israel im Krieg befanden und ihrer sowjetischen Berater. Die israelische Luftwaffe hatte am 5. Juni als Reaktion auf die von Ägypten und anderen Ländern an den israelischen Grenzen zusammengezogenen Truppen und die Sperrung der für die Versorgung Israels wichtige Straße von Tiran durch Ägypten sämtliche ägyptischen Luftwaffenbasen angegriffen und die ägyptische Luftwaffe so praktisch ausgelöscht. Später am gleichen Tag wurden auch Luftwaffenbasen in Jordanien, Syrien und dem Irak angegriffen.

Noch am gleichen Tag begann auch die Bodenoffensive Israels gegen Ägypten. Bereits im Mai hatte der ägyptische Präsident den Abzug der auf ägyptischer Seite stationierten UN-Friedenstruppe UNEF, die infolge der Suezkrise den Frieden zwischen Ägypten und Israel sichern sollte, gefordert. Zu Beginn des israelischen Angriffs befanden sich nur noch einige hundert der ursprünglich rund 6.000 UN-Soldaten, denen die Waffenanwendung mit Ausnahme zum Zwecke der Selbstverteidigung streng untersagt war, in der Region. IN mehreren Fällen wurden die verbliebenen UN-Soldaten von israelischen Truppen angegriffen, wie beispielsweise das Dokument S-7930 und dessen Anhang 1 des UN-Sicherheitsrats vom 5. beziehungsweise 6. Juni 1967 belegen. So wurde beispielsweise am 5. Juni das Hauptlager der indischen UN-Soldaten von israelischer Artillerie getroffen, wobei zwei UN-Soldaten getötet und neun weitere verletzt wurden. In der folgenden Nacht wurde das UNEF-Hauptquartier mehrere Stunden von israelischer Artillerie beschossen, obwohl der Kommandeur zweieinhalb Stunden lang versuchte, die israelische Seite zum Einstellen des Feuers zu bringen. Schließlich war er nach einem direkten Treffer, der die komplette Funkanlage zerstörte, gezwungen, das Lager zu räumen. Während des Beschusses wurden drei indische UN-Soldaten getötet und drei weitere verletzt. Insgesamt wurden 15 UN-Soldaten während des Sechs-Tage-Krieges getötet.

Gegen 06:00 Uhr morgens Ortszeit überflog das erste Mal eine israelische Aufklärungsmaschine die USS Liberty und identifizierte diese als "Schiff der US-Marine vom Typ Frachter" mit der Kennzeichnung "GTR-5". Diese Identifizierung wurde an das Hauptquartier der israelischen Marine weitergeleitet. In den folgenden Stunden überflogen israelische Aufklärungsflugzeuge die USS Liberty insgesamt acht Mal.

Um 14:00 Uhr registrierte das Radar des Schiffes dann drei sich mit hoher Geschwindigkeit nähernde Flugzeuge. Augenblicke später feuerten die israelischen Kampfflugzeuge mit Raketen und ihren Bordgeschützen auf die Liberty. Quartiermeister Theodore Arfsten erinnerte sich, daß er sah, wie ein jüdischer Offizier weinte, als er den blauen Davidsstern auf den Kampfflugzeugen sah. Nachdem diese Maschinen ihre Munition aufgebraucht hatten, wurden mehrere weitere Angriffswellen von israelischen Kampfflugzeugen gegen das Schiff geflogen, wobei Raketen, die Bordgeschütze der Flugzeuge und Napalm eingesetzt wurden. Die ersten Ziele waren dabei die Kommandobrücke, die Funkantennen und die vier Maschinengewehre. Während des Luftangriffs hatte die Besatzung des Schiffes Schwierigkeiten, Kontakt mit der Sechsten Flotte der US-Marine aufzunehmen, da starke Störsignale eingesetzt wurden.

Anschließend trafen drei israelische Torpedoboote ein, die fünf Torpedos auf das Schiff abfeuerten, von denen eines die Liberty traf. Daraufhin nahmen die Torpedoboote das Schiff mit Maschinengewehren unter Feuer. Dabei wurde insbesondere auf die Kommunikationseinrichtungen und jegliches Besatzungsmitglied, das sich an Bord zeigte, gezielt. Auch zu Wasser gelassene Rettungsboote wurden systematisch mit Maschinengewehrfeuer durchlöchert, so daß der Befehl zum verlassen des Schiffs schließlich aufgehoben werden mußte. Es gelang der Mannschaft aber, das Sinken des Schiffes trotz der schweren Schäden zu verhindern und auch einen kurzen Hilferuf an die Sechste Flotte abzusetzen. Daraufhin starteten Flugzeuge von den US-Flugzeugträgern USS Saratoga und USS America. Die gemeldeten angreifenden Flugzeuge wurden als "feindlich" eingestuft und die Piloten erhielten die Genehmigung, sie zu zerstören. Dieser Befehl wurde unverschlüsselt an die Piloten gesendet. Kurze Zeit später drehten die US-Maschinen allerdings wieder ab.

Kurz darauf brachen die Torpedoboote ihren Angriff ab und ein israelischer Offizier fragte mittels eines Megaphons an, ob die USS Liberty Hilfe benötige. Der verwundete Kommandeur der Liberty, Leutnant William McGonagle, wies den Quartiermeister daraufhin an, mit "Fick dich" zu antworten. Zur gleichen Zeit trafen israelische Hubschrauber ein, von denen Überlebende des Angriffs berichteten, daß sie mit Männern in Kampfanzügen vollgestopft waren. Der Kapitän der Liberty befahl daraufhin, sich zur Abwehr von Entermannschaften klarzumachen. Hierzu kam es aber nicht, die Hubschrauber drehten ab.

Bei dem Angriff wurden an Bord der USS Liberty 34 Menschen getötet und 174 weitere teilweise schwer verletzt. Das Schiff selbst mit einem geschätzten Wert von 40 Millionen US-Dollar wurde bei dem Angriff so schwer beschädigt, daß es später als irreparabel eingestuft und als Schrott für 101.666,66 US-Dollar verkauft wurde. Israel zahlte später 6 Millionen US-Dollar Entschädigung für die Schäden an der Liberty und 6,7 Millionen US-Dollar an die Familien der Opfer und an die Verwundeten.

Seitens Israels war von Anfang an behauptet worden, es habe sich nur um einen Irrtum gehandelt - eine Erklärung, die ebenso von Anfang an zumindest offiziell durch die USA akzeptiert wurde. Tatsächlich sprach Israel der Besatzung des Schiffes eine nicht geringe Mitschuld - wenn nicht gar die Hauptschuld - an dem Vorfall zu. Demnach sei keine US-Flagge an der USS Liberty sichtbar gewesen, sie sei mit 30 Knoten gefahren - eine Geschwindigkeit, die damals zur Einstufung als Kriegsschiff führte - und die USA hätten Israel zuvor versichert, daß sich keine Schiffe der US-Marine in dem Seegebiet aufhielten. Dies habe zu der Verwechslung mit dem ägyptischen Frachter El-Quseir geführt, von dem man geglaubt habe, er habe israelische Positionen an Land beschossen - was wiederum auch ein "Irrtum" war, da es an jenem Tag keinen derartigen Angriff von See aus gab. Die El-Quseir lag zum Zeitpunkt des Angriffs auf die Liberty allerdings im Hafen von Alexandria, war vollständig unbewaffnet und nur etwa halb so groß wie die Liberty.

Auch den übrigen Behauptungen Israels widersprechen die überlebenden Besatzungsmitglieder der Liberty seit Jahren ebenso lautstark wie von den Medien unbeachtet.

Tatsächlich ist auch ein israelisches Militärgericht später zu dem Schluß gekommen, daß die Kommandantur der israelischen Marine spätestens drei Stunden vor Beginn des Angriffs wußte, daß es sich bei dem Schiff um ein "Sprachfunk-Überwachungsschiff der US-Marine" handelte. Diese Information sei allerdings verlorengegangen und habe die Besatzungen der Kampfflugzeuge und Torpedoboote und auch jene Offiziere, die den Angriff leiteten, nie erreicht.

Jetzt freigegebene Dokumente zeigen, daß die US-Führung in Wahrheit keineswegs der israelischen Darstellung, es habe sich nur um einen "tragischen Irrtum" gehandelt, folgte. So sagte Clark Clifford, damals Geheimdienstberater des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, bei einem Treffen mit NSA-Mitarbeitern, es sei "unvorstellbar", daß der Angriff infolge einer Verwechslung erfolgte. Der Angriff "kann nichts anderes als absichtlich gewesen sein", sagte der Direktor der NSA, Generalleutnant Marshall Carter, später vor dem US-Kongreß. "Ich glaube nicht, daß man in der NSA viele Leute findet, die glauben, daß es ein Unfall war", sagte Benson Buffham, ein früherer stellvertretender Direktor der NSA, in einem Interview.

Alle für den Artikel befragten Besatzungsmitglieder der Liberty sagten einmütig, daß die Liberty vor, während und nach dem Angriff die US-Fahne geflaggt hatte - mit Ausnahme einer kurzen Periode während des Angriffs, nachdem die erste Fahne zerstört worden war und bis eine andere größere - die vier Meter lange "Urlaubsfahne" - gehißt worden war. In einem der NSA-Dokumente heißt es denn auch: "Jede offizielle Befragung zahlreicher Besatzungsmitglieder der Liberty ergab übereinstimmende Beweise, daß die Liberty tatsächlich eine amerikanische Fahne gehißt hatte - und außerdem, daß die Wetterbedingungen ideal waren, um sicherzustellen, daß sie leicht zu sehen und zu identifizieren war."

Yiftah Spector, Pilot der ersten die Liberty angreifenden Maschine, sagte 2003 gegenüber der Jerusalem Post, er habe das Schiff zwei Mal umrundet und dann, obwohl er befürchtete, daß auf ihn gefeuert würde, seine Geschwindigkeit verringert und nachgesehen. Es habe "eindeutig keine Fahne" gegeben, so Spector. Die Besatzung der Liberty hingegen sagte aus, daß die Flugzeuge direkt nach ihrem Eintreffen das Feuer eröffnet hätten.

Im Jahr 2004 veröffentlichte die Jerusalem Post eine Mitschrift von Tonbandaufzeichnungen, von denen die israelische Luftwaffe behauptete, sie enthielten die Kommunikation zwischen den Piloten und der Bodenkontrolle. Darin finden sich nur an zwei Stellen - zu Beginn und am Ende - Hinweise auf Amerikaner. Am Anfang ist ein Waffensystemoffizier zu hören, wie aus ihm "Was ist das? Amerikaner" herausplatzt. "Wo sind Amerikaner?" ist auf dem Tonband die Antwort der Bodenstation zu hören. Diese Frage bleibt auf der Aufzeichnung allerdings unbeantwortet - was allerdings auch daran liegen mag, daß die Tonbänder stille Stellen enthalten, von denen der Journalist Arieh O'Sullivan der Jerusalem Post "annahm", daß dies eben Pausen in der Kommunikation gewesen seien. Zwanzig Minuten nach Beginn des Angriffs fragte der Leiter des Angriffs seinen Vorgesetzten in Tel Aviv, welche Nationalität das Schiffe habe. "Offenbar amerikanisch", antwortete dieser.

Steve Forslund arbeitete 1967 in einem abgeschotteten Bereich auf der Luftwaffenbasis Offutt in Omaha im US-Bundesstaat Nebraska als Geheimdienstanalyst für das 544. Aufklärungsgeschwader, damals die ranghöchste Stelle in der US-Luftwaffe für strategische Planung. Die Mitschrift, die dort damals aus dem Fernschreiber kam, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit jener von der Jerusalem Post veröffentlichten.

"Die Bodenstation erklärte, daß das Ziel amerikanisch war und daß die Flugzeuge dies bestätigen sollten", erinnerte sich Forslund. "Die Flugzeuge bestätigten die Identität des Ziels als amerikanisch anhand der amerikanischen Fahne. Die Bodenstation befahl den Flugzeugen, das Ziel anzugreifen und zu versenken und sicherzustellen, daß es keine Überlebenden gibt." Forslund erinnerte sich noch deutlich an "die offensichtliche Frustration des Controllers angesichts des Unvermögens der Piloten, das Ziel schnell und vollständig zu versenken. Er betonte immer wieder, daß es Ziel der Mission war, das Ziel zu versenken und war frustriert über die Antworten der Piloten, daß es nicht sank." Forslund war keineswegs der einzige, der diese Mitschriften gelesen hat. "Alle haben sie gesehen", sagte er.

Auch zwei weitere Geheimdienstspezialisten der US-Luftwaffe, die damals beide an gänzlich anderen Orten stationiert waren, bestätigten Forslunds Aussagen.

James Gotcher diente damals im 6924. Sicherheitsgeschwader des Sicherheitsdienstes der US-Luftwaffe, einem Anhängsel der NSA, in Son Tra in Vietnam. "Es war klar, daß die israelsichen Flugzeuge direkt zur USS Liberty geleitet wurden", so Gotcher in einer E-Mail. "Später, zur der Zeit, als die Liberty einen Notruf abgesetzt hatte, schienen die Controller in Panik zu geraten und drängten die Flugzeuge 'den Job zu beenden' und zu verschwinden."

Zur gleichen Zeit kommandierte Hauptmann der US-Luftwaffe Richard Block auf der Insel Kreta über 100 Analysten und Kryptologen, die die Kommunikation im Mittleren Osten beobachteten. Die Mitschriften, die auch dort per Fernschreiber eintrafen, waren Block zufolge "noch weit über streng geheim hinaus. Einige Piloten wollten nicht angreifen. Die Piloten sagten 'Das ist ein amerikansiches Schiff. Sollen wir immer noch angreifen?' Und die Bodenstation antwortete: 'Ja, Befehle befolgen.'"

Und es gab noch mehr Ohrenzeugen. "Ich hatte einen libanesischen Marinekapitän, der an jenem Tag zuhörte", sagte ein pensionierter CIA-Offizier, der nicht namentlich genannt werden wollte, da er über einen geheimen Informanten sprach. "Er dachte, die Geschichte würde ihren Verlauf ändern", sagte er. "Israel greift die USA an. Er war sich sicher, während er die israelische und amerikanische Kommunikation abhörte, daß es beabsichtigt war."

Der verstorbene Dwight Porter war damals US-Botschafter im Libanon. Er erzählte Freunden und Familienangehörigen, daß er englische Mitschriften der Kommunikation der israelischen Piloten mit der Bodenkontrolle gesehen hatte, bestand aber darauf, daß diese Informationen nicht zu seinen Lebzeiten an die Öffentlichkeit gelangten, da es sich um der Geheimhaltung unterliegende Informationen handelte. William Chandler, ein enger Freund Porters, sagte Porter erinnerte sich, daß ein Pilot protestiert hatte: "Aber es ist ein amerikanisches Schiff - ich kann seine Fahne sehen!", woraufhin die Bodenkontrolle antwortete: "Nicht drum kümmern, angreifen!"

Porter sprach auch mit Andrew Kilgore, ehemals US-Botschafter in Qatar, über den Angriff. Demnach sah Porter "das Telex, las es und gab es direkt zurück" an den Botschaftsangehörigen, der es ihm gegeben hatte. Das Schreiben habe gezeigt, daß "Israel angreift und daß sie wissen, daß es ein amerikanisches Schiff ist", erinnerte sich Kilgore an Porters Worte.

Auch der damalige stellvertretende NSA-Direktor für Einsätze Oliver Kirby bestätigte die Existenz der Mitschriften vehement. Auf die Frage, ob er selbst jene Mitschriften gelesen habe, antwortete er: "Sicher tat ich das. Ganz sicher."

"Sie sagten: 'Wir haben ihn im Kreuz'", so Kirby. "Was immer das bedeutete - ich vermute, das Fadenkreuz oder so etwas. Und dann sagte einer von ihnen 'Könnt ihr die Fahne sehen?' Sie sagten 'Ja, es ist U.S., es ist U.S.' Sie sagten es mehrere Male, es gab also keinerlei Zweifel bei irgendjemandem, daß sie es wußten." Die Mitschriften haben den heute 86-Jährigen "sein ganzes Leben" beschäftigt, sagte er. "Ich bin bereit, auf einen Stapel Bibeln zu schwören, daß wir wußten, daß sie wußten."

Haviland Smith war zu jener Zeit ein junger CIA-Beamter und in Beirut stationiert. Er hat die Mitschriften zwar nie selbst zu sehen bekommen, hat aber "bei mehreren Gelegenheiten genau die Geschichte gehört, die Sie mir gerade über den Inhalt der Mitschriften erzählt haben", sagte er. Später habe er gehört, daß "schließlich alle der Mitschriften begraben wurden. Man sagte mir, daß sie begraben wurden, weil die Regierung die Israelis nicht in Verlegenheit bringen wollte."

Tatsächlich wurden aber offenbar nicht alle Exemplare vernichtet. So berichtete W. Patrick Lang, mittlerweile pensionierter Oberst des US-Heeres und acht Jahre lang Leiter der Abteilung Mittlerer Osten der Defense Intelligence Agency (DIA), daß die Mitschriften als "Lehrmaterial" in einem Fortgeschrittenenkurs für Geheimdienstbeamte über die verdeckte Überwachung von Sprachübermittlungen waren.

"Der Geschwaderführer sprach mit der Basis, um zu berichten, daß er das Schiff sah, daß es das gleiche Schiff war, über das er instruiert worden war und das es eindeutig mit einer US-Fahne gekennzeichnet war", so Lang in einer E-Mail. "Der Geschwaderführer war zurückhaltend", sagte Lang später in einem Interview. "Das war sehr offensichtlich. Er wollte das nicht tun. Er fragte sie mehrere Male 'Wollen Sie wirklich, daß ich das tue?' Ich habe das seitdem immer im Kopf. Es war sehr bemerkenswert. Ich habe diese Erinnerung all die Jahre mit mir herumgetragen."

Seitens Israels nun freigegebene Dokumente zeigen, daß auch die israelische Seite sehr früh um die Existenz dieser Mitschriften wußte. So sandte der damalige israelische Botschafter in Washington, Avraham Harman nur fünf Tage nach dem Angriff auf die USS Liberty an Telegramm an den israelischen Außenminister Abba Eban, daß eine "Hamlet" genannte Quelle berichtete, daß die USA "klare Beweise hatten, daß von einem gewissen Punkt an den Piloten die Identität des Schiffes klar war, sie den Angriff aber trotzdem fortsetzten." Drei Tage später wiederholte er seine Warnung, daß das Weiße Haus "sehr wütend" sei und daß "der Grund dafür ist, daß sie Amerikaner wahrscheinlich Erkenntnisse haben, die zeigen, daß unsere Piloten tatsächlich wußten, daß das Schiff amerikanisch war."

Auf ihrer Website hat die NSA auch drei Tonbandaufzeichnungen von jenem Tag veröffentlicht, allerdings allesamt aus der Zeit direkt nach dem Angriff. Nach NSA-Angaben existieren keinerlei Aufnahmen aus der Zeit des Angriffs selbst - was allerdings zweifellos die Möglichkeit offenläßt, daß diese vernichtet worden sind. Zwei der veröffentlichten Aufnahmen waren von Michael Prostinak an Bord einer EC-121, eines zu Spionagezwecken ausgerüsteten Propellerflugzeugs, der US-Marine aufgezeichnet worden. "Ich kann Ihnen sagen, daß es mehr Bänder als die drei im Internet gab", sagte er. "Ich habe absolut keinen Zweifel, mehr als drei Bänder."

Mindestens eine der verschwundenen Aufzeichnungen enthielt die israelische Kommunikation während des Angriffs, sagte der Hebräisch beherrschende Prostinak. "Wir wußten, daß etwas angegriffen wird", sagte er. "Alle, denen wir zuhörten, waren aufgeregt. Wissen Sie, es war ein echter Angriff. Und während des Angriffs wurde die amerikanische Fahne erwähnt." Er gab zu, daß sein Hebräisch nicht gut genug war, um jedes einzelne Wort zu verstehen, aber nach der Erwähnung der amerikanischen Fahne sei "der Angriff weitergeführt worden. Wir zeichneten auf, bis wir vollständig außer Reichweite waren. Wir bekamen einen großen Teil davon."

Charles Tiffany war damals Navigator der EC-121. Er erinnerte sich nicht nur an Prostinaks Aufregung, als dieser auf die Übertragungen stieß, sondern auch an den Befehl des Piloten, "alles aufzuzeichnen". Auch ein weiterer Linguist der Maschine, der aber nicht namentlich genannt werden wollte, bestätigte, daß Bänder fehlen. Seiner Erinnerung zufolge gab es ursprünglich "fünf oder sechs" Tonbänder von dem Angriff und der Zeit danach.

Die von der US-Marine anschließend eilig einberufene Untersuchungsgericht des Angriffs verdiente diese Bezeichnung nicht einmal nach Ansicht der Beteiligten und kann nur als Feigenblatt bezeichnet werden. Admiral John McCain, Kommandeur der US-Marine in Europa, ernannte Admiral Isaac Kidd zum Vorsitzenden des Untersuchungsgerichts. Schon das Ziel der Untersuchung war bemerkenswert eng gefaßt: festzustellen, ob Fehler der Mannschaft zu den toten und verletzten Besatzungsmitgliedern beigetragen hätten. Darüber hinaus erhielt Kidd gerade einmal eine Woche für die "Untersuchung".

"Das war ein Schock", sagte der pensionierte Kapitän der US-Marine Ward Boston, der rechtliche Beistand der Untersuchung. Er und Kidd hatten geschätzt, daß eine eingehende Untersuchung sechs Monate in Anspruch nehmen würde. Infolge des engen Zeitrahmens konnten viele der Überlebenden nicht befragt und auch Israel nicht besucht werden, um dort an dem Angriff Beteiligte zu befragen.

Konteradmiral Merlin Staring, ehemaliger Wehrdisziplinaranwalt der US-Marine, war gebeten worden, den Untersuchungsbericht zu lesen, bevor er nach Washington gesandt würde. Als er allerdings begann Fragen zu stellen, wurde ihm der Bericht wieder weggenommen. Er beschreibt den Bericht jetzt als "eine gehetzte, überflüssige, unvollständige und völlig unangemessene Untersuchung."

Staring zufolge enthielt der Bericht mehrere "ermittelte Sachverhalte", die in Wahrheit weder durch Zeugenaussagen noch durch andere Beweise gestützt waren. So wurden beispielsweise mehrere Zeugenaussagen, denen zufolge die amerikanische Fahne während des Angriffs gehißt war, ignoriert, als es hieß daß "die verfügbaren Beweise kombiniert darauf hindeuten, daß der Angriff auf die LIBERTY am 8. Juni ein Fall von Verwechslung war." Lloyd Painter, der zum Zeitpunkt des Angriffs Deckoffizier der Liberty war, berichtete, daß seine Aussage, ein israelisches Torpedoboot habe "methodisch eines unserer Rettungsboote mit Maschinengewehrfeuer belegt" nachdem dieses zu Wasser gelassen worden war, nicht Eingang in den Bericht gefunden hat.

Nach Fertigstellung des Berichts ging Boston wieder zurück nach Neapel, wo sich die Kommandatur der 6. Flotte befand, während Kidd den Bericht nach Washington brachte.

"Zwei Wochen später kommt er zurück nach Neapel und ruft mich aus seinem Büro an", erinnerte sich Boston in einem Interview. "Mit dieser tiefen Stimme sagte er: 'Ward, sie interessieren sich nicht für die Tatsachen. Es ist eine politische Angelegenheit und wir müssen den Deckel draufhalten. Wir haben den Befehl bekommen, die Klappe zu halten.'"

Über die wahren Gründe für den Angriff kann allerdings nach wie vor nur spekuliert werden. Die öfters zu hörende Vermutung, Israel wollte es als einen ägyptischen Angriff erscheinen lassen, um so den Kriegseintritt der USA zu provozieren, scheint angesichts der Kriegslage an jenem Tag kaum wahrscheinlich. Immerhin war Ägypten zu jenem Zeitpunkt faktisch schon geschlagen. Eine andere Möglichkeit ist, daß Israel verhindern wollte, daß Angriffspläne auf Syrien - der Angriff erfolgte am folgenden Tag - bekannt wurden. Angesichts der Beziehungen zu den USA erscheint allerdings auch diese Annahme nicht allzu wahrscheinlich, hätten die USA doch kaum Syrien gewarnt. Vielfach wird auch vermutet, daß Israel so Beweise für ein Massaker an etwa 250 - manche Quellen sprechen auch von 1.000 - ägyptischen Kriegsgefangenen vernichten wollte.

Erst in diesem Jahr war der Film "Ruach Shaked" ("Der Geist von Shaked") des israelischen Dokumentarfilmers Ron Edelist veröffentlicht worden. Auch Berichte "westlicher" Medien ließen anfangs kaum einen Zweifel daran, daß es zumindest zu Kriegsverbrechen durch die israelische Elite-Einheit Shaked gekommen ist. So sagte ein ehemaliges Mitglied der Einheit: "Sie waren in schlechter Verfassung, verängstigt - einige von ihnen versteckten sich in Löchern im Sand, damit wir sie nicht fänden. Aber wir fanden sie. Nur einige von ihnen haben gekämpft." Ein anderes ehemaliges Shaked-Mitglied sagte, nur von hinten gefilmt, die sich zurückziehenden Soldaten hätten keine Gefahr für die israelische Armee dargestellt und rückblickend hätte der Befehl zum Angriff verweigert werden sollen. Dies ereignete sich auf der Sinai-Halbinsel.

Schon kurz nach Ausstrahlung des Films in Israel sah Edelist sich allerdings gezwungen, zuzugeben, daß er sich "geirrt" habe. Nichtsdestotrotz hat die Ausstrahlung des Films in Ägypten wütende Reaktionen ausgelöst. Schon in der Vergangenheit sind wiederholt Massengräber auf der Sinai-Halbinsel gefunden worden.

Ob dies hingegen Auslöser für den Angriff auf die Liberty war, steht auf einem anderen Blatt, immerhin war sich die israelische Führung offenbar ausreichend sicher, selbst mit der Versenkung eines US-Schiffes ungestraft davonzukommen. Es scheint also wenig logisch, daß Israel befürchtete, die USA würden israelische Kriegsverbrechen öffentlich machen.

Dies ist allerdings keineswegs nur die - wenn auch äußerst bemerkenswerte - Geschichte eines 40 Jahre zurückliegenden "Zwischenfalls" zwischen Israel und den USA, sondern hat bei genauerer Betrachtung deutliche Auswirkungen auf aktuelle Themen.

So erfolgte der Rückruf der bereits in der Luft befindlichen US-Kampfflugzeuge, die der Liberty zu Hilfe eilen sollten, offenbar auf direkten Befehl der US-Regierung.

J.Q. "Tony" Hart diente damals auf einer Relaisstation der US-Marine in Marokko, die die Kommunikation zwischen Washington und der 6. Flotte vermittelte. Er erinnert sich, daß er hörte, wie der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara dem Kommandeur des US-Flugzeugträgerverbands, Konteradmiral Lawrence Geis, befahl, die Flugzeuge umkehren zu lassen. Als Geis protestierte und sagte, die Liberty brauche Hilfe, da sie angegriffen werde, sagte McNamara: "Präsident Johnson wird nicht einen Krieg anfangen oder einen amerikanischen Alliierten in Verlegenheit bringen wegen ein paar Seeleuten."

An Bord der Liberty befanden sich 291 Seeleute und 3 Zivilisten. Die Aussage, daß Johnson wegen dieser "paar" Menschen nicht gewillt war, "einen amerikanischen Alliierten in Verlegenheit zu bringen" könnte durchaus geeignet sein, Wasser auf die Mühlen jener zu geben, die der US-Regierung eine Beteiligung oder zumindest ein bewußtes Stillhalten bei den Anschlägen vom 11. September 2001 vorwerfen. Immerhin offenbart dies eine massive Menschenverachtung - selbst wenn es um die "eigenen Leute" geht - zur Erreichung "wichtigerer" Ziele.

Auch die Tatsache, daß erst jetzt - 40 Jahre später - die zahlreichen Stimmen, die der offiziellen Version überdeutlich widersprechen, von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden können und es offensichtlich gelungen ist, lange Jahre jegliche Aussagen zu verhindern, zeigt überdeutlich, wie falsch die immer wieder vorgebrachte Behauptung, "eine solche Verschwörung bedürfte zu vieler Mitwisser, die niemals alle schweigen würden" ist.



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