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"Sie durchsiebten sie mit Kugeln."

Das Blackwater-Massaker aus der Sicht von Betroffenen

19.10.2007  






Über das am 16. September von Söldnern des US-Unternehmens Blackwater Security in der irakischen Hauptstadt Baghdad verübte Massaker, bei dem 17 Zivilisten getötet und 27 weitere teilweise schwer verletzt worden sind, wurde - und wird - in den Medien ausführlich berichtet. Mit einer Ausnahme: bisher waren es eben immer nur "17 Zivilisten". Namenlos. Gesichtslos.

17 Tote bei einer geschätzten Gesamtzahl von infolge des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA gegen den Irak von mittlerweile 1,2 Millionen. Der Tod im Irak ist mittlerweile so alltäglich, daß er im Ausland kaum noch Beachtung findet - wenn nicht gerade eine derart große Zahl von Zivilisten durch Söldner niedergemäht wird und die Stimmen, die der vorgeblichen "Selbstverteidigung" widersprechen, zu laut sind.

Bei aller öffentlichen Empörung über den Tod der 17 Zivilisten waren sie aber doch bisher nur genau das: eine statistische Zahl - eben 17 tote "Zivilisten".

Ein CNN-Artikel vom Dienstag schloß nun diese Lücke zumindest ein Stück weit, indem Photos von zwei der bisher namen- wie gesichtslosen Opfer gezeigt wurden und ihre Angehörigen zu Wort kamen. Aus Angst um ihre Sicherheit hatten die Angehörigen darum gebeten, in dem Bericht nur die Vornamen zu verwenden.

Ahmed war der älteste Sohn von Haythem. Nicht nur, daß sein Kopf von den Kugeln der Blackwater-Söldner völlig zerfetzt worden war, sein Körper war außerdem völlig verbrannt. Haythem konnte ihn nur noch anhand seiner Statur und den Resten seiner Schuhe identifizieren - und aufgrund des Nummernschilds des Autos, in dem er sich zum Zeitpunkt des Angriffs befand. Neben Ahmed saß seine Mutter Mahassen, mit der Haythem seit über 20 Jahren verheiratet war. "Nur ein Teil ihres Halses und ihres Kiefers waren übrig", sagte Haythem.

Was Haythem und seine Familie über die letzte Augenblicke im Leben von Ahmed und Mahassen wissen, wissen sie von zwei "irakischen" Polizisten, die den Blackwater-Angriff zufällig mitangesehen haben. Demnach wurde Ahmed erschossen, während der 20-Jährige in seinem Auto auf dem Nusoor-Platz fuhr. Mahassen hielt ihn daraufhin eng umklammert.

"Die Augenzeugen des Vorfalls sagen, daß der Kopf meines Sohnes zerfetzt war und meine Frau ihn hielt und umarmte", sagte Haythem. "Sie schrie 'Mein Sohn, mein Sohn! Helft mir! Helft mir!'" Das Auto rollte langsam weiter, bis Blackwater-Söldner erneut darauf feuerten. Hierdurch verwandelte sich das Auto den Augenzeugen zufolge in einen Feuerball. "Sie verstanden den Hilferuf. Sie durchsiebten sie mit Kugeln."

Haythem, der von den beiden zuvor bei der Arbeit abgesetzt worden war, sollte später auch wieder von dort abgeholt werden. Als dies nicht geschah, begann er bereits angesichts der Sicherheitslage in Baghdad nervös zu werden. Schließlich gelangte er nach Hause und machte zahlreiche Telephonanrufe auf der Suche nach seiner Ehefrau. Als er von einem Vorfall auf dem Nusorr-Platz hörte, wuchs seine Besorgnis immer weiter. Er rief seinen Bruder, einen Arzt in einem nahegelegenen Krankenhaus an und bat ihn, die Notaufnahme und die Leichenhalle zu überprüfen. Nachdem dies erfolglos war, ging sein Bruder zum Nusoor-Platz, wo er ein ausgebranntes Fahrzeug fand. Er rief Haythem an und fragte nach dem Kennzeichen des Autos. "Mein Bruder brach zusammen und sagte 'Das Familienauto ist ausgebrannt und möge Gott ihrer Seelen gnädig sein'", berichtete Haythem.

"Sie zu töten war nicht genug, ihre Schädel zu sprengen, sie verbrannten sie und entstellten sie", sagte Haythem, während er mit den Tränen kämpfte. "Geld wird uns nicht dafür entschädigen, was wir verloren haben, selbst wenn es ein Haufen wäre", so Haythem weiter. Die "irakische" Regierung hatte kürzlich Blackwater "aufgefordert", für jedes Todesopfer eine Entschädigung von jeweils 8 Millionen US-Dollar zu zahlen. "Niemand kann einen Preis für die Getöteten festmachen", sagte Haythem.

Derzeit lebt Haythem mit seinen verbliebenen Kindern, der 18 Jahre alten Maryam und dem 17 Jahre alten Haidar übergangsweise in einer Wohnung. Haythem ist ein auf Bluterkrankungen spezialisierter Arzt. Auch seine Frau Mahassen war Ärztin, sein Sohn Ahmed besuchte die medizinische Fakultät und wollte Chirurg werden. "Er war ruhig und sehr beliebt und ein Anführer. Das wurde alles in einem Augenblick zerstört", so Haythem. "Er hatte sich keines Verbrechens schuldig gemacht. Was für eine Entschädigung gibt es dafür? Es kann keine geben." Trotzdem wolle er nur Gerechtigkeit durch das Rechtssystem erhalten, sagte er.

"Sie haben meine Familie zerstört und sie haben meine geliebte Frau, meine bessere Hälfte, getötet", sagte Haythem ruhig. "Sie haben mich meines ältesten Sohnes beraubt, den ich zu einem starken jungen Mann herangezogen hatte. Sie haben ihn der Gelegenheit beraubt, sich seinen Traum, Arzt und Chirurg zu werden, zu erfüllen. Sie haben Schmerz und Elend in die Herzen meiner beiden jüngeren Kinder gebracht."

Während des ganzen Gesprächs saß Haythems Mutter ganz in schwarz gekleidet in einer Ecke des Zimmers auf einem Sofa. Maryam wich in der Zeit nicht von Haythems Seite. Sie berichtete, daß sie und ihre Mutter enge Freunde gewesen waren. Sie konnten wie Schwestern miteinander sprechen und sich Dinge erzählen, die für eine Mutter-Tochter-Beziehung sehr ungewöhnlich seien.

"Meine Freundinnen sagten mir immer, wie sehr ihnen die Liebe meiner Mutter für mich auffiel. Sie sprach ständig über meine Zukunft und ihre Träume für mich", erzählte Maryam. "Ich hoffe, ich werde ihren Erwartungen gerecht werden." Ihr letztes Gespräch mit ihrer Mutter führte sie am Morgen ihres Todes. Maryam hatte an jenem Tag eine Biologie-Prüfung und Mahassen hatte sie geweckt und war den Lehrstoff noch einmal mit ihr durchgegangen. "Sie blieb noch ein paar Minuten länger, scherzte und lachte", erinnerte sich Maryam unter Tränen.

"Ich wünschte nur, ich könnte den letzten Monat noch einmal leben, mit meiner Familie", sagte sie. "Aber sie sind weg. Was können wir tun? Wenn wir sterben, werden wir es im Irak und hoffentlich werden wir uns alle im Himmel wiedersehen."

Familienphoto von Ahmed und Mahassen
Ahmed und Mahassen - Familienphoto



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