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Lahme US-Krieger

US-Militär schickt verwundete Soldaten zurück in den Irak

21.01.2008  






Bereits im April des vergangenen Jahres war hier auf Grundlage mehrerer Artikel des Internet-Magazins Salon berichtet worden, daß das US-Militär verwundete und anderweitig erkrankte Soldaten zurück in den Irak schickt. Am Freitag nun berichtete die Denver Post unter Berufung auf den ranghöchsten General der US-Basis Fort Carson, Generalmajor Mark Graham, daß im vergangenen Monat 79 verletzte Soldaten in den Krieg geschickt worden sind.

Von diesen 79 Soldaten wurden Graham zufolge 6 bereits wieder in die USA zurückgeflogen, da sie im Irak nicht angemessen versorgt werden konnten, 12 weitere befinden sich im Nachbarland Kuwait und die restlichen 61 sind von dort aus bereits in den Irak transportiert worden. Graham sagte zwar, er habe den Generalinspekteur von Fort Carson gebeten, eine interne Untersuchung durchzuführen, um sicherzustellen, daß die vorgesehenen Maßnahmen vor der Entsendung von Soldaten in Kriegsgebiete durchgeführt würden, mehrere Einzelfälle zeigen jedoch, daß dies kaum der Fall sein kann.

In einer der Denver Post vorliegenden E-Mail hatte Hauptmann Scot Tebo, Chirurg der 3. Brigade in Fort Carson, geschrieben: "Wir hatten Schwierigkeiten, Einsatzstärke zu erreichen und daher einige grenzwertige Soldaten mitgenommen, die wir andernfalls für eine fortgesetzte Behandlung zurückgelassen hätten." Er bezog sich dabei unter anderem auf Hauptfeldwebel Denny Nelson, der im Dezember in den Irak entsandt worden war, obwohl Ärzte aufgrund eines gebrochenen Beines und gerissener Sehnen angeordnet hatten, daß er nicht läuft, springt oder mehr als 10 Kilogramm trägt.

Am 13. Januar schließlich traf Nelson wieder in seiner Heimatstadt ein, nachdem Major Thomas Schymanski, ein Arzt des US-Militärs in Kuwait, eine deutliche E-Mail an Tebo gesandt hatte. "Dieser Soldat hätte NICHT einmal CONUS [Militärjargon für das Festland der Vereinigten Staaten] verlassen dürfen ... In seinem derzeitigen Zustand ist er nicht vollständig einsatzfähig und seine derzeitige Verfassung birgt die Gefahr, daß es zu weiteren Verletzungen von ihm, anderen oder seiner Einheit kommt", so Schymanski. Nelson selbst ist davon überzeugt, daß auch sein Rang eine bedeutende Rolle dabei spielte, daß er in die USA zurückkehren konnte. "Ich möchte nur sicherstellen, daß diese Soldaten sicher zurückkommen. Ich kam zurück und der einzige Grund dafür, daß ich sicher zurückkam ist, weil ich ein E-8 [Hauptfeldwebel] bin. Wenn ich ein Grenadier oder ein Stabsgefreiter wäre garantiere ich Ihnen, wäre ich jetzt im Irak", sagte er.

Wie alle Soldaten durchlief auch Nelson vor seiner Entsendung den "Soldier Readiness Process" (SRP, "Soldaten-Bereitschafts-Prozeß"), in dem überprüft werden soll, ob rechtliche, gesundheitliche oder finanzielle Gründe gegen den Einsatz eines Soldaten sprechen. Dort kam man zu dem Schluß, daß er in den USA bleiben sollte. "Der SRP, was sie machen ist, Soldaten für den Einsatz zu untersuchen ... und wenn ein Soldat vom SRP als nicht einsatzfähig identifiziert wird, dann wird der Soldat von einem Spezialisten begutachtet", sagte US-Major Harvinder Singh. Nelson hingegen sagte, kein Spezialist oder Arzt habe ihn nach seiner Einstufung als "nicht einsatzfähig" durch den SRP begutachtet. Graham seinerseits sagte denn auch, eine solche Einstufung bedeute "nur, daß der Soldat die Kriterien zum Einsatz nicht zu 100 Prozent erfüllt." Eine endgültige Entscheidung werde schließlich vom Kommandeur getroffen.

Ein weiterer Soldat, der als "nicht einsatzfähig" eingestuft worden war, aber trotzdem bereits nach Kuwait gebracht worden war, ist Nicholas Glover. Er hatte eine Schulterverletzung und durfte seiner Ehefrau zufolge "nichts anstrengenderes tun als ans Telephon zu gehen oder einen Stift zu nehmen." Als er in Kuwait ankam, sagte man ihm allerdings, er würde in die irakische Stadt Taji verlegt werden, woraufhin er seiner Ehefrau zufolge eine Panikattacke erlitt und nicht in den Irak verlegt wurde. "Es gab mehrere Soldaten, die verletzt waren, die ich sah, wie sie in den Bus stiegen. Ich sah einen Herren mit einem Stock und ich sah einen mit einer Schlinge", erinnerte sie sich an die Abreise.

Nelson berichtete, daß es in Kuwait zwei Soldaten mit einem Rotatorenmanschetten-Riß gab. Ein anderer hatte psychische Probleme und ein weiterer hatte eine Nervenschädigung im Unterleib und nahm seit sieben Monaten Morphium. Als er im Irak in einer Klinik um Schmerzmittel bat, sagten ihm die Ärzte Nelson zufolge, er könne diese nicht bekommen und sei schließlich nach Hause geschickt worden.

Tatsächlich hat das US-Militär offenbar zunehmend Schwierigkeiten, die gesetzten Ziele hinsichtlich der eingesetzten Soldaten einzuhalten. So sollen 90 Prozent der kämpfenden Einheiten und 80 Prozent der nicht kämpfenden Einheiten gemäß den Anforderungen des US-Heeres entsandt werden. Da es für eine immer größer werdende Zahl von US-Soldaten der zweite oder gar dritte Einsatz im Irak oder in Afghanistan ist, kann es kaum verwundern, daß auch eine immer größere Zahl von ihnen verwundet ist.

Auf diese Probleme angesprochen sagte Generalmajor Graham: denn auch: "Es ist schwierig. Wir sind im Krieg. Es ist schwierig." Auch wenn er einen anderen Eindruck erwecken wollte, so ist eine weitere Aussage Grahams doch sicherlich ein deutlicher Hinweis auf die übliche Vorgehensweise innerhalb des US-Militärs. "Ein Kommandeur setzt sich nicht über die medizinischen Aussagen eines Arztes hinweg, ein Kommandeur nimmt, was ein Arzt medizinisch sagt und trifft dann eine Entscheidung", so Graham. Daß die Entscheidung dabei durchaus von einer "Wir sind im Krieg"-Überlegung und dem akuten Mangel an einsatzbereiten Soldaten ausgelöst werden kann, ist zweifellos naheliegend.

Dies läßt aber nicht nur einmal mehr das Ausmaß der wahren Verluste der US-Besatzer im Irak erahnen, es zeigt auch, daß das US-Militär zunehmend an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit operiert.



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