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Wieder soll eine Mauer Völker und Menschen trennen
31.08.2003


Rupert Neudeck







Bayer Leverkusen, der deutsche Bundesliga-Spitzenverein, rettete unsere Weiterfahrt von Jenin nach Nablus. Es war an einem Montag, dem 4. August 2003, wenige Minuten vor 19 Uhr. Um 19:00 Uhr schließen die Checkpoints der israelischen Besatzungsarmee auf der Westbank unerbittlich. Wir kamen erneut an dem nördlichen Checkpoint an, wo uns am schon Vormittag ein junger Soldat erklärt hatte: Mit unserem Touristen- (?) Visum können wir nur über den Checkpoint Hawawa nach Nablus, nicht über diesen nördlichen Deir Shabaf.
Da nahm der junge Soldat den deutschen Paß und sagte: "Sie kommen aus Leverkusen?"
Der mitfahrende Rechtsanwalt Winfried Seibert sagte: "Ich bin in Leverkusen geboren!"
Dann sagte der Soldat: "Leverkusen war im Finale der europäischen Champions League?!"
Ja, aber Leverkusen wurde damals in Manchester von Real Madrid besiegt.

Im weiteren Geplänkel bekamen wir zu hören: Der Soldat war ein Fan von Bayer Leverkusen, er kannte sogar das kleine Stadion, in dem er mal zu Besuch gewesen war. Und er vergaß, daß er uns hier abzuweisen hatte. Das Reisen in der Westbank ist ungleich schwieriger geworden. Die Kontrollen fangen schon am Flughafen an. Früher wurde man bei der Einreise gar nicht behelligt, sondern erst auf dem Rückweg. Jetzt kann es einem schon blühen, am Flughafen in Tel Aviv abgewiesen zu werden, falls man die falschen Menschen (sprich Palästinenser) besuchen will und das auch noch freimütig sagt. Man soll bei der Einreise sagen, was man denn in Israel machen will. Würde man sagen, was man vorhat, ist man in Gefahr abgewiesen zu werden. Ich werde noch einmal von Geheimdienstleuten mit meinem Paß kontrolliert, weil in meinem Paß die Visa von solchen Schurkenstaaten wie dem Sudan und Nordkorea gestempelt sind. Ich erkläre, daß ich wegen humanitärer Arbeit im Sudan und in Nordkorea war.

Also, wir kamen dann doch nach Nablus herein und haben dort auch im Al Qasr Hotel übernachtet. In Nablus treffen wir den deutsch - palästinensischen Arzt Dr. Ibrahim K. Lada'a, der hier im Nablus Hospital für drei Monate palästinensische Ärzte und Pflegekräfte ausbildet. Alle Entwicklungsprozesse sind durch die Besatzung und die Blockaden behindert, auch die Einfuhr von entsprechendem technologisch hochstehenden Gerät. Aber die palästinensischen Kollegen würden von ihm begeistert in seinem Fachgebiet, der Hals-Nasen-Ohren-Chirurgie, lernen, erzählte er.

Das Land Palästina gibt es nicht. Es gab das noch stärker in den 80er Jahren, als es die ordentliche Besetzung gab. Jetzt nach dem Oslo Vertrag hat sich alles zum Schlechteren verändert. Es sind mehr Siedlungen entstanden denn je zuvor. Das heißt auch Straßen, die nicht für die gesamte Bevölkerung, sondern nur für die Siedler entstehen. Mit großem Raum und Sicherheitsaufwand und Stacheldraht und Beton fressen sich die privilegierten Straßen für die Siedler in das Land Westbank hinein und verändern das Land qualitativ.

Ich kann nicht umhin, mich dabei an die Straßen in der damaligen Apartheid-Republik Südafrika zu erinnern. Damals gab es auch wunderbare Straßen, die nur für Weiße, "for whites only" bis an die Küste führten. Von diesen Straßen aus mußten die Weißen in Südafrika nichts von dem Elend der schwarzen Mehrheitsbevölkerung wahrnehmen. Sie brauchten das nicht mal zu sehen, sie fuhren an die Küste Urlaub machen, kamen zurück und hatten Südafrika als ihr eigenes Land erlebt.

Es sind jetzt mehr als 220.000 Siedler, die als heimliche Besatzer auf den privilegierten Beton-Bergen sitzen und zur Arbeit nach Israel fahren. Baustop ist ein trügerisches Wort, es wird andauernd an der Verbreiterung und Erweiterung der Straßen, der Gräben, der Sicherheitszäune gebaut, die um alle diese Siedlungen gebaut werden. Von einem Abbau der Siedlungen, die ja illegal sind, ist nichts zu sehen. Leider heißt die diplomatische Sprachregelung der US-Regierung mittlerweile: Die Siedlungen seien "umstritten".

Die Mehrzahl der Menschen darf auch nicht mehr aus dieser Umklammerung heraus. Man muß einen Antrag an die israelische Besatzungsbehörde stellen. Wird der abschlägig beschieden, gibt es keine Instanz, sich zu beschweren. Militärs müssen für eine Ablehnung nie einen Grund nennen. Selbst die 20 Studenten aus Bethlehem, die jüngst ein Stipendium vom deutschen DAAD bekamen. 18 bekamen die "Genehmigung", den Flughafen Tel Aviv zu betreten, zwei nicht. Die Eltern wissen bis heute nicht, weshalb die beiden Studentinnen diese Genehmigung nicht erhielten.

Aber das war, wie wir erleben, noch nicht die letzte Aktion der israelischen Politik. Es wurde in den letzten Monaten eine Mauer von einer Größe gebaut, gegenüber der die Berliner Mauer nur der kleinere häßliche Bruder war. Die Berliner war an die 4 Meter hoch, die neue in Israel wird acht Meter haben. Sie wird auch nicht an der grünen Waffenstillstandsgrenze von 1967 gebaut, das wäre ja noch etwas: dann hätte man ja die klare Abtrennung der beiden Länder und die israelische Armee könnte hinter ihre eigenen Grenzen zurückkehren. Nein, die Mauer wird weit in palästinensisches Gebiet hineinstechen und tausende von bäuerlichen Existenzen vernichten. Sie wird große jüdische Enklaven (zum Beispiel die größte jüdische Siedlung Ariel) einschließen, die auf palästinensischem Gebiet gebaut wurden. Der Plan der USA und von George W. Bush, einen Palästinenserstaat bis 2005 zu bauen, wird dadurch gegenstandslos.

Wir haben die Mauer gesehen, wie sie die Stadt Kalkiliya einmauert. Sie hat eine Breite von 70 bis 80 Meter, sie hat eine Todeszone von 30 Metern vor der Mauer auf dem palästinensischen Gebiet. Da muß alles verschwinden, auch die Baumschule, auf der wir uns der Mauer nähern. Dann gibt es einen Streifen mit Stacheldraht und einem Fußweg, dann eine Straße, auf der die Schilder stehen: "Todesgefahr. Militärisches Gebiet. Jede Person, die den Zaun überquert oder beschädigt gefährdet ihr Leben." Das einzige, was diese von der Berliner Mauer unterscheidet, ist das Fehlen der Selbstschußanlagen, die ja auch dazu führten, daß es bei der Berliner Mauer zwischen Deutschland Ost und Deutschland West an die 1000 Tote gab.

Alle 200 bis 400 Meter gibt es einen Wachturm, der die 8 Meter noch überragt. Unregelmäßig, aber an dieser von uns eingesehenen Stelle gibt es alle 500 Meter eine Schleuse, die mit einem Gitter bewehrt ist und elektronischen Kameras, damit sich bei heftigem Regen kein Wasser staut, aber auch niemand unter der Mauer herschwimmen kann.

So wird der Palästinenserstaat nicht entstehen können. Die US-Erfindung des "Fahrplans" ist damit von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zum ersten Mal in der Geschichte des wiedervereinigten Deutschland sind mehr als die West- die Ost-Deutschen aufgerufen, etwas zu sagen und Stellung zu nehmen. Israel sagt, es bekäme Sicherheit über eine solche Mauer, die das Leben und Atmen der Palästinenser fast unmöglich macht und zu einem freien bürgerlichen Leben weder von Israel noch von Palästina führen wird. Die 17 Millionen Ostdeutsche wissen, was eine Mauer bedeutet, die ein- und ausmauert. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die CDU Chefin Angela Merkel wissen das. Sie wissen, daß eine Mauer keinen Bestand haben kann, so fest sie auch in Beton, Eisen, Armaturen und Selbstschußanlagen gebaut wird. Jetzt ist die Stunde der Ostdeutschen, sich zu melden und den israelischen Freunden zu erklären, wie trügerisch eine Sicherheit ist, die sich allein auf die doppelt so hohe Mauer verläßt, die man kreuz und quer durch die Westbank legen wird. Eindeutig wird man das Jordantal durch die Mauer so abschneiden, daß Israel sich seine Wasservorräte sichern wird. So kann der "Fahrplan" nicht verwirklicht werden.

Wenn es George W. Bush wirklich um die Befriedung in diesem Raum geht, dann muß seine Sprache etwas klarer werden. Wir hörten in Ramallah, am Sitz der Autonomiebehörde: Beim Besuch von Ministerpräsident Abbas habe Bush die Landkarte in die Hand bekommen mit der neuen Mauer. Er habe sie voller Wut über den Tisch geworfen. So, als ob jemand da seine Pläne störte. Außenminister Powell hat ja auch schon höflich erklärt, die Mauer bereite der US-Regierung "große Sorgen". Während sonst die US-Politik eine andere Sprache pflegt, wenn ihr etwas Sorgen macht, sei es im Irak, in Syrien, im Iran, in Nordkorea, ist man Israel gegenüber sehr behutsam und erwägt auch den Stop der Kredite, die in der Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar jedes Jahr an Israel gehen (Merke: die 150 Kilometer Mauer im Westen sollen schon 1,2 Milliarden US-Dollar gekostet haben).

Dr. Rupert Neudeck ist unter anderem Begründer des "Komitee Cap Anamour" und Vorsitzender von "Grünhelme e.V."




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