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Phantom-Rebellen bezahlen einen tödlichen Preis für die "Befreiung" des Irak
21.12.2003


Robert Fisk

http://news.independent.co.uk/world/fisk/story.jsp?story=474563







Der Schuljunge Issam Naim Hamid ist der letzte von Amerikas berühmten "Rebellen". In Samarra - oder besser Phantasiestadt - wurde er in den Rücken geschossen, als er versuchte, sich mit seinen Eltern in ihrem Haus im Al-Jeheriya-Bezirk der alten Abbasid-Stadt zu schützen.

Es war seiner Mutter Manal zufolge drei Uhr morgens als Soldaten der 4th Infantry Division zu dem Haus kamen und Kugeln durch das Tor feuerten. Einer der Schüsse durchschlug die Tür, dann ein Fenster, drang dann in Issams Rücken ein und flog dann weiter durch eine Außenwand. Sein Vater wurde im Sprunggelenk getroffen und wurde gestern in ernstem Zustand in das Krankenhaus von Tikrit gebracht. Issam schreit in der Notaufnahme des Krankenhauses von Samarra vor Schmerzen, ein Tropf-Schlauch führt durch ein Bündel blutiger Verbände in seinen Bauch.

Die Amerikaner behaupteten, nach einer Reihe von Guerilla-Hinterhalten in der Stadt im vergangenen Monat 54 "Rebellen" getötet zu haben und die einzigen Toten, die in den Leichenhallen zu finden waren, waren neun Zivilisten, unter ihnen ein iranischer Pilger, der den großen shiitischen Schrein mit der goldenen Kuppel besuchen wollte, der über Samarra aufragt. Vor vier Tagen prahlten sie mit 11 weiteren "Rebellen", aber der einzige Tote, der zu finden war, war ein Gemüseverkäufer. Im Krankenhaus von Samarra haben die Ärzte außerdem den Namen eines Taxifahrers namens Amer Baghdadi, der von Amerikanern in der Nacht vom Mittwoch erschossen wurde.

Dann gibt es noch den Fall des 31-jährigen Bauern Maouloud Hussein, der ein paar Stunden zuvor versuchte, seine vier jungen Töchter und seinen Sohn in das hintere Zimmer seiner Zwei-Zimmer-Slumwohnung zu bringen, als eine andere Kugel durch das Tor und die Außenwand des Hauses kam und in Maoulouds Rücken einschlug. Sein Sohn Mustafa, der gestern mit verweinten Augen am Bett seines Vaters stand und seine Töchter Bushra, Hoda, Issra und Hassa blieben unversehrt. Aber die Kugel drang in Maoulouds Körper ein und verließ ihn durch seine Brust. Die Ärzte haben gerade seine Milz entfernt.

Sein 41-jähriger Bruder, Hamed zuckt zusammen, als er sieht, wie sich Maouloud in Schmerzen windet - der verletzte Mann versucht mir mit der Hand zu winken und fällt in Ohnmacht - und sagt, daß 23 Kugeln das Haus im Al-Muthanna-Bezirk der Stadt getroffen haben. Wie auch Issam Hamid, lag er blutend mehrere Stunden, bevor Hilfe kam. Manal, Issams Mutter, erzählt eine schreckliche Geschichte. "Die Amerikaner hatten einen irakischen Übersetzer und er befahl uns, in unserem Haus zu bleiben", sagt sie. "Aber wir haben kein Telephon, wir konnten keinen Krankenwagen rufen und sowohl mein Ehemann als auch mein Sohn bluteten. Der Übersetzer der Amerikaner sagte uns einfach, daß wir nicht das Haus verlassen durften."

Hamed Hussein steht am Bett seines Bruders in einem Zustand der unterdrückten Wut. "Sie sagten, Sie würden uns Freiheit und Demokratie bringen, aber was sollen wir glauben?", fragt er. "Mein Nachbar, die Amerikaner nahmen ihn vor den Augen seiner Frau und seiner zwei Kinder und fesselten ihm die Hände auf dem Rücken und nach ein paar Stunden, nach all diesen Erniedrigungen, kamen sie und sagten seine Frau sollte ihre wertvollsten Gegenstände mitnehmen und dann legten sie Sprengstoff in ihrem Haus und jagten es in die Luft. Er ist ein Bauer. Er ist unschuldig. Was haben wir getan, daß wir das verdienen?"

Die Stadt Samarra ist ein Zentrum des Widerstands für die amerikanische 4th Infantry Division. Gestern setzten die US-Streitkräfte eine Kompanie Soldaten und 20 Bradley Kampfpanzer in der Stadt ein und gaben mir gegenüber zu, daß sie die Eingangstüren von "vermutlichen Terroristen" aufsprengten.

Ein Gefreiter aus Mississippi sagte "Das sind wir" als ich ihn fragte, wer die Türen sprengte. "Und wissen Sie was?", fragte er. "Nachdem wir das getan haben, gehen sie zu den amerikanischen Behörden und verlangen eine Entschädigung." Was wahr ist.

Mohamed Saleh, beispielsweise, der 36-jäjrige Besitzer einer Schlosserwerkstatt, beschrieb, wie die Amerikaner Sprengstoff am Eisentor seines Hauses befestigten, als seine Frau und die vier Kinder sich im hinteren Teil des Hauses versteckten, nachdem sie Schüsse auf der Straße gehört hatten. Er hatte das amerikanische Kabel gefunden, das den Sprengstoff mit dem Zünder verbunden hatte, hinter ihm stand sein neuer Mazda, zerstört durch die Explosion und Teile seines Metalltors. Es gibt Dutzende von Häusern in der Straße, alle ihre Tore wurden in Fetzen gesprengt, alle ihre Türen wurden aus den Angeln getreten und auf der Farbe sind die Abdrücke von Stiefeln.

"Wir wollten, daß die Amerikaner uns helfen", sagte er. "Dies war Saddams sunnitische Gegend, aber viele von uns mochten Saddam nicht. Aber die Amerikaner machen das, um uns zu erniedrigen, um sich für die Angriffe des Widerstands auf sie zu rächen."

Drei Mal werde ich in aufgebrochene Häuser gebracht, wo junge Männer mir sagen, daß sie vorhaben, der Mukawama - dem Widerstand - beizutreten, nachdem Erniedrigung und Schande ihre Häuser heimgesucht hatten. "Wir sind Stammesleute und ich stamme aus der al-Said-Familie", sagte einer zu mir. "Ich habe einen Universitätsabschluß und ich bin ein friedlicher Mann, also warum greifen die Amerikaner mein Haus an und erfüllen meine Frau und meine Kinder mit Angst?"

Das amerikanische Militär spricht immer noch von seinem Kampf gegen den "Terrorismus" in Samarra, eine Geschichte, die vielleicht überzeugender wäre, wenn ihre Soldaten in der Stadt nicht von vermummten Männern in Straßenkleidung begleitet würden, die Kalashnikovs tragen. Die 4th Infantry Division behauptet, dies seien Mitglieder des "Irakischen Zivilschutzkorps" - die jetzt auch vermummt im Zentrum Baghdads auftauchen - aber es gibt keine Möglichkeit, sicher zu sein. Die vermummten Bewaffneten, die gestern in Anwesenheit von amerikanischen Soldaten am Rand von Samarra forderten, meinen Ausweis zu sehen, trugen Jeans und Sneakers und braune Bomberjacken und Wollmützen und mehrere Male beschimpften sie sich gegenseitig wie Kinder.

Also sind "Befreiung" und "Demokratie" in Samarra angekommen. Und die Phantasie geht weiter. Erst vor einem Tag haben die Amerikaner verkündet, daß sie nach einer "Untersuchung" - die eigenartigste in der letzten Zeit, muß man sagen - zu dem Schluß gekommen waren, daß der Lastwagenanschlag in Baghdad, bei dem 16 unschuldige Zivilisten am Mittwochmorgen getötet worden sind, ein "Verkehrsunfall" war.

Sie sagten, ein Benzintanklastwagen sei während eines Zusammenstoßes mit einem Auto explodiert, obwohl der Lastwagen keinen Tankwagen zog, obwohl Metallteile durch die Explosion fast 200 Meter weit vom Ort des Geschehens weggeschleudert wurden und obwohl amerikanische Soldaten, die als Erste eintrafen, einen Teil des Sprengsatzes gefunden hatten: eine Granate, die sie mir selbst zeigten.

Und so wird im Land der unschuldigen "Rebellen" und der "Verkehrsunfälle" der Krieg weiter verdreht. Man sollte nur nicht die vermummten Polizisten erwähnen.

Oder den Schuljungen Issam Hamid.





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