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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Im Irak: "Wo sind unsere Menschenrechte?"
31.12.2003


Dahr Jamail

http://www.informationclearinghouse.info/article5439.htm







Bisher hat jeder einzelne Journalist, mit dem ich hier gesprochen habe, gesagt, daß sie die Nachrichten vor ihrer Ankunft genau verfolgt haben. Aber nachdem sie hier nur einen Tag waren, waren sie erstaunt, wie schrecklich die Situation tatsächlich ist.

Es ist jetzt über 9 Monate her, daß der "Krieg" beendet wurde. Der Irak befindet sich weiterhin im Chaos und der Mangel an einer beständigen Versorgung mit grundlegenden Gütern wie Benzin, Sicherheit, Strom und fließendem Wasser beeinträchtigen weiterhin die Iraker. Wie oft habe ich schon Leute darüber sprechen gehört, daß, obwohl Saddam Hussein ein rücksichtsloser Diktator war, er es trotzdem geschafft hatte, die Versorgung mit Strom, Wasser und Telekommunikation drei Monate nach dem Golfkrieg wiederherzustellen. Hier sei angemerkt, daß mehrere Ingenieure, mit denen ich gesprochen habe, gesagt haben, daß diese Teile der Infrastruktur damals wesentlich schwerer beschädigt worden waren als während der anglo-amerikansichen Invasion.

Jeden Tag gehe ich an einem Telekommunikationsgebäude vorbei. das im vergangenen März bombardiert wurde. Während das Gebäude weiterhin in Trümmern liegt, wurde daneben eine Metallturm errichtet und jeden Tag sehe ich eine neue Schüssel daran auftauchen. Mehrere Male, als ich daran vorbeiging habe ich maschinengewehrschingende Wachen neben dem "Eingang" dessen, was von dem Gebäude übrig ist, gesehen, die Sicherheitsausweise von Bechtel trugen. Währenddessen gibt es in anderen Teilen Baghdads keine Festverbindungen und ich warte noch darauf, eine der Vermittlungsstellen wiederaufgebaut zu sehen.
Die Lehre daraus scheint zu sein, daß wenn es nicht amerikanischen und britischen Interessen dient, etwas zu reparieren oder wiederaufzubauen, es so bleibt wie es ist. Die meisten Iraker mit denen ich spreche fragen sich weiterhin, wann der Wiederaufbau der beschädigten Infrastruktur beginnen wird.

Ein winziges Beispiel des zuvor erwähnten ist, daß der Besitzer der Pizzeria Napoli in der Karrada Marium-Straße eines der heißbegehrten MCI-Mobiltelephone besitzt. Normalerweise stehen diese nur einigen NGOs in Baghdad, einigen Mitgliedern der US-Verwaltungsbehörde und einigen ausgewählten Hilfsorganisationen, die mutig genug sind, hierzubleiben, zur Verfügung.
Also warum hat der Besitzer eines Pizza-Ladens nahe der "Green Zone" eines, während Notärzte des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ohne auskommen müssen? Damit Westler und ihre Marionetten im irakischen Regierungsrat ihre Pizzen per Telephon vorbestellen können?

Währenddessen fährt das US-Militär fort, die Menschen im Irak durch Militäroperation zu befreien, die Namen wie Eisenhammer, eiserner Griff, eiserne Gerechtigkeit, Wüstenskorpion, Efeuschlange, Efeunadel, Efeuwirbelsturm (I und II) und Operation Mammut-Bulldogge tragen. Und wir dürfen nicht Operation Gewehr-Wut vergessen.
Nein, ich erfinde diese Namen nicht.
Mit den Kampfflugzeugen, die Baghdad die letzten Nächte überflogen haben, Hubschraubern, die ständig über den Köpfen kreisen, Bradleys und Humvees, die sich herumtreiben, donnernden Explosionen und vereinzelten Schüssen überall in Baghdad warte ich schon seit meiner Ankunft hier vor fünf Wochen darauf, mit einem Iraker zu sprechen, der mir sagt, daß er die neu gewonnenen Freiheiten, Demokratie oder die Befreiung genießt.

Natürlich helfen die ständigen Angriffe der Widerstandskämpfer, bei denen so häufig zusammen mit den angegriffenen US-Soldaten Zivilisten getötet werden ihnen auch nicht dabei, sich befreit zu fühlen.

Bewaffnete und maskierte Männer, die von der Übergangsverwaltung unterstützt werden, können überall in Baghdad beobachtet werden. Männer mit automatischen Mschinengewehren in Bunkern beachen die Banken. Bradley-Kampfpanzer warten vor vielen der Tankstellen. Stacheldraht kann an jeder Kreuzung gesehen werden.
Kontrollpunkte überall und doch ist die Ungleichheit extrem offensichtlich, gleichgültig, ob es Kontrollpunkte der irakischen Polizei oder des US-Militärs sind. Fast immer werden wir durchgewunken, so viel zu der Durchsuchung der Autos nach Bomben, Waffen oder Rebellen.
Heute bin ich mit einigen Journalisten nach Samarra gekommen. Unser Mini-Van wird verlangsamt, weil er einer Patrouille auf der Hauptstraße zur Goldenen Mosche folgen muß. Sie setzt sich aus drei Humvees, einem Lastwagen voller irakischer Polizisten und mehreren Soldaten, die mit irakischen Polizisten auf dem Bürgersteig gehen, zusammen.

Wir führten am Straßenrand mehrere Interviews durch, um einen Eindruck der Stimmung in der Stadt zu bekommen, die unter Razzien in Wohnungen bei Tag und bei Nacht sowie Hauszerstörungen durch das Militär gelitten hat.

Rahud erzählt mir an einem Teestand, daß es jetzt eine 21:00 Uhr-Ausgangssperre gibt und daß jeder, der sich danach draußen aufhält, diskussionslos verhaftet wird.
Ein anderer Mann erzählt mir von mehreren Leuten, die aufgegriffen wurden, weil sie zu spät unterwegs waren und von denen niemand weiß, wohin sie gebracht wurden.

Er hebt seine Stimme und sagt: "Wir haben für fünf Minuten Strom, dann wird er unterbrochen. Dann weitere fünf Minuten, dann unterbrochen. So ist es hier jetzt immer. Ich kenne einige Leute, die vor acht Monaten verhaftet wurden und immer noch weiß niemand, wo sie sind. Es gibt hier jetzt keine Zivilisation. Der ganze Irak will, daß die USA jetzt verschwinden."

Die übliche Menge kam während des Interviews zusammen und Männer begannen, ihre antiamerikanischen Parolen zu rufen,

"Amerika nicht gut! Amerikaner raus aus Irak! Nieder nieder Bush!"

Ein Mann namens Kamel Rashid Abrahim erzählt, wie seine Haustür gesprengt wurde und einige seiner Familienmitglieder dabei verletzt wurden. Sein Haus wurde durchsucht und dann gingen die Soldaten einfach.

Ein anderer Mann nimmt meinen Arm und deutet auf seinen Fuß, während er auf den Boden stampft, "Amerika nicht gut! Amerika unter meinem Fuß!"

Die Menge wächst an Zahl und Lärm, also ist es an der Zeit zu gehen. Während ich zu dem Mini-Van gehe, sagt ein Mann zu mir: "Wenn irgendjemand die USA in den Straßen hier trifft, verhaften sie jeden umstehenden. Diskussionslos. Wie sollen wir so leben? Wo sind unsere Menschenrechte?"

Wir fragen, ob es möglich ist, ein Haus zu sehen, das abgerissen wurde, die neue Art der kollektiven Bestrafung der Amerikaner hier im Irak.

Abu Mohammed bringt uns in durch die Außenbezirke Samarras zum Haus seines Bruders, daß jetzt ein Haufen zerbrochenen Betons mit verbogenen Metallstreben, die caotisch in den Himmel ragen, ist.

Viele Nachbarn versammeln sich ringsum, als wir den Schaden untersuchen und Teile der Geschichte, was passiert war, beginnen sich zusammenzufügen.
Die Männer erzählen uns, daß am frühen Nachmittag des 18 Dezembers ein großer Militärkonvoi an dem Haus vorbeikam, als eine Bombe neben einem Stryker-Fahrzeug explodierte, das noch 10 Meter weiterrollte und dann brennend stehenblieb.
Dort, wo sie hinzeigen, ist ein großer schwarzer Fleck verbrannter Erde, 10 Meter entfernt von dem Ort, wo nach ihren Aussagen die Bombe explodierte.
Die Soldaten eröffneten daraufhin das Feuer auf mehrere der umstehenden Häuser.

Einschußlöcher sind in mehreren der näheren Häuser zu sehen und insbesondere dem Haus, daß dem Ort, an dem der Stryker getroffen wurde, genau gegenüberliegt.
Der alte Mann führt uns in sein Haus, zeigt auf Einschußlöcher in den Wänden, einen zerstörten Fernseher mit einem Einschußloch in der Wand dahinter.
Er sagt: "Wir aßen gerade zu Mittag und warfen uns zu Boden, als auf unser Haus geschossen wurde. Wir konnten sonst nichts tun."

Er sagte uns, daß die Soldaten sein Haus stürmten, es durchsuchten und dann bis zum Einbruch der Nacht besetzten.

"Sie blieben hier nur, um uns einzuschüchtern, es gibt keinen anderen Grund. Ich habe Angst vor ihnen. Sie forderten Informationen, die wir nicht haben", sagt er.

Die Soldaten zogen bei Einbruch der Nacht ab.

Vier Tage später kamen Panzer und Bulldozer, wobei die Panzer die Gegend abriegelten und die Bulldozer rissen das Gebäude neben der Bombenexplosion ab, das gerade im Bau war.
Die Nachbran fragten sie, warum sie dies mit einem leerstehenden Haus machten. Die Soldaten sagten ihnen: "Wir befolgen nur unsere Befehle."

Ein weiteres Haus ein Stück die Straße herunter wurde von dem Bulldozer ebenfalls abgerissen nachdem die Familie gezwungen wurde es mit nur einigen Wertgegenständen in den Händen zu verlassen.

Wir verlassen diese Gegend und kurz darauf stoßen wir auf eine große Gruppe von Stryker-Fahrzeugen. Sie haben einen Teil der Stadt abgeriegelt und wir sahen Soldaten, die die Straßen entlanggingen.
Die Soldaten waren hilfreich, als wir sie nach Informationen fragten, insoweit, daß sie freundlich waren und uns in den Kreis der Strykers brachten, während wir auf den Kommandeur warteten, der auf dem Weg sein sollte, um unsere Fragen zu beantworten.

Einer der Soldaten, der mit uns spricht, sieht sich nervös um und beendet machmal seine Sätze nicht. Er fährt fort, indem er uns sagt, daß zwei Stryker-Fahrzeuge hier in den vergangenen Wochen zerstört worden sind und daß sie eine neu eingesetzte Gruppe waren, die erst in der ersten Dezemberwoche angekommen waren. Er erzählt uns, daß sie hier bereits fünf Soldaten ihrer Brigade verloren haben.
Er wird gefragt, wie sie den Feind von den Zivilisten unterscheiden. Sein Gesicht verhärtet sich und er sagt: "Wir können es nicht. Alles, was ich tun kann, ist, aufzupassen und das Beste zu hoffen. Ich will nur meinen Auftrag beenden und hier rauskommen."

Zwei Hubschrauber kreisen die ganze Zeit über uns, offenbar geben sie dieser Operation Luftunterstützung. Währenddessen sehe ich mich um und sehe Soldaten zu, wie sie ständig die Entfernung und Autos, die langsam vorbeifahren, beobachten. Ich versuche, mich in ihre Lage zu versetzen, zu erraten, welches Fahrzeug ein Selbstmordattentäter sein könnte - und ich habe keine Ahnung, wie ich sie unter all den zerbeulten Autos oder den Männern, die in Kaftanen längsgehen, unterscheiden soll.
Ich frage ihn, wann er nach Hause gehen können wird.

"Ich habe keine Ahnung. Ich muß heute überstehen und denke vielleicht über die nächsten paar Tage nach, aber das war's. Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken."

Ich frage ihn: "Bekommen Sie freie Tage? Wieviele Stunden machen Sie das hier?"

"Wir haben einige Stunden Freizeit zu Weihnachten bekommen. Wir sind immer in Bewegung", antwortet er.

Eine Soldatin, zusammen mit einem Mann aus Oakland, fragt uns, was in der Welt passiert, da sie keinen Zugang zu E-Mail oder Telephonen haben. Sie haben keine Ahnung, was irgendwo im Irak oder außerhalb davon passiert. Nur was sie in Samarra machen.

Einer von ihnen fragt, wie Baghdad ist.

Der Kommandeur, der unsere Fragen beantworten sollte, kommt nicht, also fahren wir weg.
Als wir Samarra verlassen und die Sonne untergeht, kommen wir an Wänden am Straßenrand vorbei, auf denen Grafittis stehen:

"Alle Spione werden sterben!"

"Nieder mit Amerika!"

"Gott wird die Mujaheddin beschützen."





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