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Augenzeugenbericht von Tom Hurndalls Ermordung




Bitte nicht noch einmal. Wir hörten die Schüsse - wir hören ständig Schüsse - aber wiederholtes Scharfschützenfeuer wie dieses ist besonders beunruhigend. Ich hörte den Schuß, ich hörte einen Schrei, drehte mich um und sah einen floureszierenden, orangefarbenen Klumpen am Boden liegen, aus dessen Kopf Blut floß. Ich schwankte vor und zurück, unschlüssig, was ich tun sollte bis nach einigen Sekunden mein medizinisches Training die Oberhand gewann. Die Palästinenser hoben ihn auf, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. 'Legt ihn hin!' schrien Alice, die andere Medizinerin, und ich.

Schließlich lag er auf dem Asphalt und ich versuchte die Blutung zu stillen. In Momenten wie diesem denkt man nicht an Gummihandschuhe. Blut lief aus seinem Hinterkopf, ich konnte es nicht verhindern. Sekunden später wurde er wieder angehoben und in ein Taxi gezogen. 'Wartet auf den Krankenwagen!' versuchten wir sie zu überzeugen, aber sie waren hysterisch und er wurde weggezogen und in einem braunen Mercedes ins Krankenhaus gebracht. Der Krankenwagen kam nur Minuten später, aber es war zu spät, er war weg.

Er war für mich in dem Moment tot, als er auf den Boden gelegt wurde damit wir ihn versorgen. Alice versuchte eine Mund-zu-Mund-Beatmung und ich hielt es für sinnlos. Er war für mich tot als man ihn von uns zog und in das Auto brachte. Selbst als man ihn aus dem Al-Najjar Krankenhaus in das Europa Krankenhaus in Khan Younis brachte lebte er in meinen Gedanken immer noch nicht.

Jetzt wird er im Saroka Krankenhaus in B'ersheva künstlich am Leben gehalten. Er ist hirntot aber atmet. Egal, wie regelmäßig sein Herz schlägt, ich spreche von ihm weiterhin in der Vergangenheit. Ich brauchte eine Weile um zu akzeptieren, daß Rachel tatsächlich gestorben war und ich denke, mein Verstand versucht auf diese Weise sich auf einen weiteren Verlust vorzubereiten.

Sein Name war Thomas Hurndall und er kam aus London. Als er ankam, gab es schon einen Engländer mit dem Namen Tom und so entschied er sich für den Spitznamen 'Tab', und unter dem Namen kannte ich ihn. Tab war unglaublich leidenschaftlich wenn es darum ging, Menschen zu schützen wenn sie es am meisten brauchten. Wir waren in Yibna, ein Flüchtlingscamp in Rafah nah der ägyptischen Grenze, weil er wußte, daß die Menschen dort ständigen israelischen Beschuß erdulden mußten.

Er hatte von den beiden Brüdern erfahren, die tags zuvor erschossen worden waren und war entschlossen, dort zu bleiben. Er sagte, er war sehr wütend geworden, als er im Bett des Arztes, bei dessen Schutz Rachel starb, liegend Schüsse hörte. Er wollte in den gefährlichsten Gegenden sein, nicht weil er unbedingt zum Märtyrer werden wollte sondern weil er wußte, daß dort Ausländer am dringendsten gebraucht wurden.

Er wollte in dem am meisten beschossenen Haus bleiben und half uns große Banner daran aufzuhängen. Er wollte ein Zelt auf einem Platz vor einer Moschee aufstellen, der jede Nacht von einem israelischen Panzer benutzt wurde, um die Gegend mit Schüssen zu terrorisieren. An dem Tag, als er erschossen wurde waren wir auf dem Weg um das Zelt aufzustellen, hatten das Projekt aber aufgegeben, weil die Palästinenser sich durch den hohen Grad an Maschinen gewehrfeuer sehr unwohl fühlten.

Der Panzer war schon an seinem Platz als wir eintrafen und schoß in die Gegend. Ein nahegelegener Wachtturm unterstützte ihn mit Scharfschützenfeuer. Wir waren hinter einer großen Straßensperre und überlegten, was wir tun sollen. Laura war mit einigen Palästinensern weiter gegangen um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie trug unser Markenzeichen, die floureszierende orangefarbene Weste mit den reflektierenden Streifen und war eindeutig als Ausländer zu erkennen.

Trotzdem, oder vielleicht auch deswegen schossen sie um sie herum. Sie sagte, daß Schüsse um sie herum einschlugen, was es für sie schwierig machte, sich zu bewegen. Sie war gerade zu uns zurückgekehrt, als der Scharfschütze begann, die Straßensperre, hinter der wir standen, unter Feuer zu nehmen. Auf der Straßensperre spielten Kinder, wie sie es oft tun, und die meisten wurden durch die Schüsse vertrieben.

Tab sah aber einen Jungen, der sich vor Angst überhaupt nicht bewegte. Instinktiv brachte er den Jungen in Sicherheit als er sah, wie Kugeln rund um den kleinen, zerbrechlichen Jungen einschlugen. Nachdem er ihn erfolgreich gerettet hatte, wollte er eigentlich gehen, als er zwei kleine Mädchen vor der Straßensperre sah, genau in der Schußbahn.

Er wollte ihnen helfen als ihn der israelische Soldat in seinem Turm anvisierte und eine große Kugel mitten in Tabs Kopf feuerte. Er war vom Turm aus gut zu sehen und trug wie Laura eine unserer Schutzwesten. Unsere Botschaften waeren über unsere Anwesenheit informiert worden und diese hatten das israelische Militär informiert.

Sie wußten wer er war, sie wußten was er war und sie wußten was er tat. Sie wußten, daß er keine Gefahr für ihre Sicherheit war, aber sie hatten vermutlich auch begriffen, daß seine Anwesenheit internationale Aufmerksamkeit erregte und daß unsere Anwesenheit sie daran hinderte, die palästinensischen Zivilisten angemessen zu terrorisieren und ihre Häuser zu zerstören.

Auf diese Art war er doch eine Bedrohung für sie, eine Bedrohung des Bildes, das Israel der Welt von sich zeigt. Er war eine Bedrohung für die Richtigkeit der Besetzung und eine Bedrohung für ihren Standpunkt, daß es sich bei diesen Leuten nur um unmenschliche Terroristen handele. Der Scharfschütze konnte diese Herausforderung nicht tolerieren und ergriff tötliche Mittel um sie zu beenden. Wir werden sehen,wie ein solcher Akt zum Bumerang wird.

Ich kannte Tab nicht allzu gut. Er war erst seit einer Woche hier, wollte aber für die ganze Dauer seines Visums, einen Monat, bleiben. Er hatte eine Woche Flüchtlingsarbeit in Jordanien geleistet und war davor zwei Wochen im Irak als menschliches Schutzschild und Hilfsarbeiter gewesen. Er war ein ausgezeichneter Photograph und war leidenschaftlich wenn es darum ging, die Menschenrechtsverletzungen die den Arabern angetan werden zu dokumentieren.

Es war seine erste Reise in den Mittleren Osten, aber die vorangegangenen Wochen hatten ihn gute auf diese Aufgabe vorbereitet. Er betrachtete die ganze Sache sehr erwachsen und entspannt, aber auch sehr leidenschaftlich und zielgerichtet. Ich war sehr erstaunt, als ich erfuhr, daß er erst 21 Jahre alt war, genau wie ich.

Ich hatte an dem Tag einige Stunden mit ihm verbracht, um ihm Rafah zu zeigen, damit er Photos machen konnte. Wir versuchten Bilder der Stadt und unserer Anwesenheit hier als Dokumentation und für die Öffentlichkeitsarbeit zusammenzustellen. Die Kinder hier lieben die Kamera und umringten uns ständig. Dies stört und irritiert die meisten Menschen, aber Tab fand es eher lustig und kicherte, wenn ihn die Kinder mit Fragen wie 'Wie heißt Du' und 'Wie geht es dir' bedrängten. Er erwähnte, daß er mittlerweile schon einige Tricks gelernt hätte, zum Beispiel, daß er die Kamera erst im allerletzten Augenblick auspackte.

Wir hatten sogar ein Gespräch über die Gefahren hier und daß niemand von uns hier wäre wenn wir uns wirklich über sie klar wären. Ich sagte, ich würde auf meinen Ausländerstatus vertrauen auch nach den letzten Ausbrüchen von Gewalt gegen uns. Ich glaubte, es wäre nicht gezielt auf Ausländer gerichtet gewesen sondern einfach ein Anzeichen erhöhter Rücksichtslosigkeit und Feindschaft, erzeugt durch die Effektivität unserer Arbeit. Ich sagte, ich würde solange nicht wirklich eingeschüchtert werden, wie sie nicht ein offensichtlich als Ausländer zu Erkennenden ins Visier nähmen. Nicht solange sie nicht absichtlich einen von uns töteten würde ich die Angst der Palästinenser fühlen. Manchmal geht das Schicksal eigenartige Wege.

Ich weiß nicht ob ich hier bleiben kann. Ich glaube, daß Ausländer hier gebraucht werden und daß das israelische Militär nicht lernen sollte, daß man das ISM auf diese Art einschüchtern kann. Ich glaube, es zeigt nur, wie effektiv unsere Arbeit geworden ist und daß es jetzt an der Zeit ist, zu bleiben und die Anwesenheit noch zu verstärken.

Aber ich habe nicht mehr viel Kraft übrig. Rachels Tod nahm mir viel, inspirierte mich aber auch, länger zu bleiben, am Olympia Sister City Projekt mitzuarbeiten und an gewaltlosen Aktionen gegen die israelische Besetzung von Rafah teilzunehmen. Ich hatte geplant, bis Ende Mai hierzubleiben um diese Ziele zu erreichen und wußte, daß mir zumindest das bleiben würde. Aber dieser Vorfall hat mich altern lassen und ich frage mich, ob ich mit diesem Ort und dieser Arbeit noch klarkomme.

Wer weiß, was jetzt mit ihm passiert. Seine Familie wird vermutlich bald die Entscheidung treffen müssen, ob die Maschinen abgeschlatet werden oder nicht. Wenn er stirbt muß ich ier weg, ich stehe die ganze Sache nicht noch einmal durch. Ich kann auch an keiner weiteren militärischen Untersuchung teilnehmen. Es gibt viele palästinensische und ausländische Augenzeugen die bereit sind mitzuarbeiten.

Ich werde die Arbeit um Rachels Tod fortsetzen, aber ich kann mich nicht um zwei kümmern. Ich kann einfach nicht. Es war ein wichtiger Teil meiner Entwicklung hier, daß ich meine Grenzen kennengelernt habe. Ich habe gelernt 'Nein' zu sagen und ich sage es jetzt. Diese Erklärung kann frei verwendet werden, aber das war's!
Wie privilegiert ich bin, daß ich das einfach sagen kann. Was ich für ein Glück habe, daß ich einfach gehen kann wenn ich genug habe und die ganze Angelegenheit im meinen Gehirn als intensive Erfahrung ablegen kann. Ich kann nur unter der Bedingung gehen, daß ich zurückkehren werde um für eine längere Zeit zu bleiben, da meine Solidarität mit diesen bemerkenswerten Menschen gerade erst beginnt.



Joe Smith ist ein Aktivist des International Solidarity Movement in Rafah aus Kansas City, Missouri, USA. Er war ein Freund von Rachel Corrie und war bei ihr, als sie von einem israelischen Bulldozer überfahren wurde.






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