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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Was sie alles für den Krieg tun
16.07.2003


Scott Burchill

http://www.theage.com.au/articles/2003/07/14/1058034937157.html







Wie die Golf von Tonkin-Lüge in 1964 und die Baby-Brutkasten-Erfindung in 1990 ist das Massenvernichtungswaffen-Fiasko eine Erinnerung daran, was westliche Regierungen alles unternehmen, um ihre Bevölkerungen zum Krieg aufzustacheln.

Trotz John Howards [australischer Premierminister] Behauptung, daß der Irak chemische und biologische Waffen besessen hat, die in der Lage sind "Tod und Zerstörung in gewaltigem Ausmaß zu verursachen", wurden keine Beweise für ihre Existenz von den Besatzungsarmeen gefunden.

Angesichts täglicher Erinnerungen, was sie der Öffentlichkeit kurz vor Beginn des Krieges als Gründe hierfür präsentiert haben, suchen zunehmend sich unbehaglich fühlende Politiker innerhalb der Geheimdienste nach Sündenböcken. In Australien werden das Office of National Assessments und die Defence Intelligence Organisation zu Eingeständnissen gedrängt, daß sie es versäumt haben, Zweifel an den Behauptungen weiterzugeben, der Irak versuche im Niger Uran zu kaufen.

In den USA und Großbritannien zeigen die CIA und der MI6 größeren Widerstand, die Schuld auf sich zu nehmen, indem sie Vorkriegsbesprechungen der Presse zuspielen, die die Kluft aufzeigen zwischen dem, was sie geraten haben und dem, was ihre Regierungen behauptet haben.

Wie ist das zu erklären? Reicht es aus, wenn Howard, Bush und Blair sagen, daß sie nur in vollem Vertrauen weitergaben, was ihnen ihre Geheimdienste gesagt hatten?

Zu der Verwirrung kommt es, wenn politische Reden, die mehr dazu gedacht sind, zu überzeugen als zu informieren, behandelt werden, als wären sie unabhängige objektive Analysen, basierend auf historischen Fakten. Das ist nicht die Art, wie man mit Regierungspropaganda umgehen sollte.

Der englische Historiker A. J. P. Taylor sagte, daß der grundlegende Unterschied zwischen einem Anwalt und einem Historiker ist, daß "der Anwalt Argumente finden will, der Historiker möchte eine Situation verstehen." Taylor zufolge sind die von einem Anwalt zusammengetragenen Beweise "aufgeladen", um die Chancen auf eine Verurteilung oder einen Freispruch zu maximieren: "jeder, der sich (auf diese Art Beweise) verläßt, wird es fast unmöglich finden, der Ladung, mit der sie aufgeladen sind, zu entgehen."

Historiker, auf der anderen Seite, lassen eine "unparteiische und wissenschaftliche" Untersuchung der Beweise zu, die sie zu Schlüssen führt anstatt einen Standpunkt einzunehmen und dann im Nachhinein, Beweise hierfür zu suchen.

Jetzt, da Washington, London und Canberra unter Druck gesetzt werden, ihre Behauptungen hinsichtlich der irakischen Massenvernichtungswaffen zu verteidigen macht es Sinn, sich an Taylors Warnung über die "aufgeladenen" Dokumente zu erinnern. Bush, Blair und Howard stellten Argumente zusammen, um den Krieg zu rechtfertigen, nachdem sie sich entschieden hatten, den Irak anzugreifen. Sie sind nicht zu einer Schlußfolgerung nach einer überlegten Bewertung der Beweise gekommen. Wie Rechtsanwälte wählten und betonten sie Materialien, die ihren Standpunkt unterstützten und ignorierten alles, was ihn geschwächt hätte.

Beispielsweise war Howard am 4. Februar höchst erfreut, dem Parlament mitzuteilen, daß bis zum Überlaufen General Hussein Kamals - der für das irakische Programm zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen verantwortlich war - nach Jordanien im Jahr 1995, die UN-Inspektoren nicht einmal wußten, daß der Irak biologische Waffen entwickelt hatte. Soweit richtig. Der Premierminister unterließ es aber, eine wichtigere Enthüllung zu erwähnen. Kamal hatte den Waffeninspektoren außerdem gesagt, daß der Irak vier Jahre zuvor sein Atomwaffenprogramm eingestellt und alle chemischen und biologischen Waffen vernichtet hatte. Dem Überläufer zufolge, der auch ein Schwiegersohn Saddams war, war die Herstellung von Massenvernichtungswaffen nicht wieder aufgenommen worden.

Es wäre irreführend, über einen Kriminalfall zu berichten, indem man die Darstellung der Anklage als eine ausgewogene Zusammenstellung der Beweise dafür und dagegen präsentieren würde. Es wäre ebenso absurd, die Begründung einer Regierung für einen Krieg so zu akzeptieren, als wäre sie eine Schlußfolgerung nach einer eingehenden und unabhängigen Bewertung der Beweise. Wir finden jetzt täglich heraus, wie aufgeladen die Begründung für den Krieg wurde.

Ebenso beunruhigend ist der Grad an freiwilliger Selbstzensur innerhalb der Geheimdienste. Statt die beste Analyse aufgrund aller zugänglichen Beweise zu liefern, egal, mit welchem Ergebnis, scheinen diese zunehmend politisierten Organisationen den Regierungen nur das gesagt zu haben, was sie glaubten, das diese hören wollten. Das ist ein grundlegender Bruch ihrer Verpflichtung dem Dienst der Öffentlichkeit gegenüber.

Kurz vor dem Krieg, als das Argument der Massenvernichtungswaffen seine Zugkraft verlor, wurde plötzlich ein humanitäres Argument ins Spiel gebracht von denen, die bis dahin nie ein Interesse am Wohlergehen des irakischen Volkes gezeigt hatten. Massenvernichtungswaffen wurden immer noch nicht im Irak gefunden, also sollen jetzt die gefundenen Massengräber den Krieg nachträglich rechtfertigen. Das ist eine starke Ablenkung, jedenfalls so lange niemand fragt, ob sie gegraben worden sind, als Saddam in den 80ern ein Alliierter des Westens war. Oder wie viele von den dort Begrabenen von George Bushs Vater 1991 aufgestachelt worden sind, gegen Saddam zu rebellieren, nur um dann von Washington betrogen zu werden.

Mark Twain identifizierte 1917 das Problem, das wir heute erleben: "Der Staatsmann wird billige Lügen erfinden, die Schuld der angegriffenen Nation geben und jedermann wird froh über diese beruhigenden Unwahrheiten sein, und wird sie eingehend studieren und es ablehnen, Gegenargumente zu betrachten, und so wird er sich mehr und mehr selbst davon überzeugen, daß der Krieg gerecht ist und wird Gott danken für den besseren Schlaf, den er nach diesem Prozeß groteskem Selbstbetrugs genießt."




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